Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 1]Aachen, die Residenz der Karolinger und Krönungsstadt der deutschen Könige.

1. Das Münster und dessen Heiligthümer. Aachen, von Aha (Wasser), verdankt seinen Heilquellen Namen und Ursprung. Der Name Aquisgranum erscheint im achten Jahrhundert. Granus war ein Beiname des an Thermalquellen verehrten Apollo; noch heißt ein Thurm am Rathhause der Granusthurm. Münzen, Inschriften, Bäder, eine Wasserleitung beweisen den Aufenthalt der Römer in der Gegend, doch ist der Ort aus römischen Quellen nicht bekannt. Eine Pfalz bestand schon 754 zu Aachen (Baluze II, 1391). Pipin feierte 765 Weihnachten und 766 Ostern in der Pfalzkapelle (Mon. Germ. SS. I, 144. 145). Karl d. Gr. liebte den Ort und wählte ihn zur Residenz (Einh. Vita Car. c. 22), baute den Palast und verband mit ihm durch einen Säulengang die neue Hofkapelle, das berühmte Münster. »Er baute ein Münster von gar großer Schönheit und schmückte es mit Gold und Silber und mit Fenstern, auch mit Gittern und Thüren von gediegenem Erz. Zu dem Bau ließ er die Säulen und den Marmor aus Rom und Ravenna herbeischaffen« (ebd. c. 26). Die Künstler waren de omnibus cismarinis regionibus (Mon. Germ. SS. II, 744) berufen. Man erzählt, der Baumeister, ein Abt, habe viel Geld unterschlagen und die Arbeiter hart gedrückt, dafür sei er beim Brande seines Hauses, als er die Geldkisten retten wollte, lebendig verbrannt (a. a. O.). Die Kirche war um 796 vollendet und wurde der Mutter Gottes geweiht, vielleicht von Leo III. selbst, als er zu Epiphanie 805 in Aachen weilte (Mon. Germ. SS. I, 87. 192). Das Münster hat in der allgemeinen Anlage Ähnlichkeit mit St. Vitale zu Ravenna, ist ein Sechzehneck mit achteckigem erhöhten Mittelraume. Das Achteck wird von Pfeilern mit Kämpfergesims gebildet; der Umgang ist niederig, mit Kreuzgewölben bedeckt; über ihm ist eine hohe Gallerie, die gegen den Mittelraum mit zwei Säulenstellungen übereinander ausgesetzt ist; darüber erhebt sich die achteckige Hochwand (Tambur) und die achteckige Kuppel, in der in Mosaik Christus und die 24 Ältesten der Apokalypse abgebildet waren. Die zweistöckige Altarkapelle im Osten wurde Ende des 14. Jahrhunderts durch einen hohen gothischen Chorbau verdrängt; später hat man den Mosaikschmuck mit Stuccatur überzogen. Die Franzosen entführten 32 kostbare Säulen nach Paris, die theilweise 1813 wiedergebracht und 1844 eingesetzt wurden. Von der ursprünglichen inneren Ausstattung sind noch die gegossenen Gitterbrüstungen der Gallerie und die ehernen Portalflügel vorhanden. Kurz vor Karls Tode traf [Bd. 1, Sp. 2] ein Blitz das Münster und schleuderte den Reichsapfel vom Dache, der Säulengang vom Palaste zur Kirche stürzte ein, und an der Inschrift, welche im Innern der Kirche den Namen des Gründers verkündete, erlosch das Wort princeps neben Carolus. Das Alles wurde als Vorzeichen auf das nahe Ende des Kaisers gedeutet (Einh. c. 32). Seine Leiche ward im Münster beigesetzt und über der Gruft ein Bogen mit seinem Bilde und einer Inschrift aufgerichtet. Als aber die Normannen 881 die Stadt verbrannten und das Münster verwüsteten (Mon. Germ. I, 394. 514. 520), ward die Grabstelle unkenntlich. Otto III. ließ im J. 1000 nachgraben. Man fand den Kaiser »wie einen Lebenden auf dem Throne, eine goldene Krone auf dem Haupte, ein Scepter in der Hand und mit Handschuhen angethan, durch welche die Fingernägel durchgewachsen waren«. Otto gebot, ihm neue Gewänder anzulegen (ebd. VII, 106). Bald darauf fand auch Otto seine Ruhestätte im Münster (III, 78. 783; IV, 775). Am 29. December 1165 wurde neuerdings im Beisein Friedrichs Barbarossa das Grab Karls d. Gr. geöffnet und die Gebeine in einen goldenen Schrein gelegt (ebd. XVI, 538). Bei diesem Anlaß schenkte der Kaiser einen großen Kronleuchter, der von Wibertus aus vergoldetem Kupfer gefertigt war. Kanzler Rainald vollzog mit Zustimmung des kaiserlichen Papstes Paschalis III. die Heiligsprechung Karls (ebd. VI, 411; XVI, 686; XVII, 384. 779; Boll. Jan. II, 888 sq.). Dieses Ereigniß scheint Anlaß gegeben zu haben zur Abfassung der Schrift: De sanctitate meritorum et gloria miraculorum beati Caroli Magni (ed. Kaentzeler, Ruraemundae 1874). Der Canonisation hat Rom in der Folge keinen Widerspruch entgegengesetzt (Benedict. XIV.: De servorum Dei beatific. I, c. 9, n. 4). Am 27. Juli 1215 endlich ließ Friedrich II. die heiligen Gebeine in den aus Gold und Silber getriebenen, mit Reliefbildern reich verzierten Karlsschrein legen (Mon. Germ. SS. XVI, 673). Der Marmorstuhl aber diente von 1165 bis 1531 bei den Kaiserkrönungen und befindet sich jetzt auf der Emporkirche; die Reichsinsignien kamen 1795 nach Wien. – In Aachen wurden seit Ludwig d. Fr. (813) bis Ferdinand I. (1531) 37 deutsche Könige und elf Königinnen feierlich gekrönt. – Das Münster besitzt zahlreiche und kostbare Reliquien, theils in byzantinischer, theils in romanischer und gothischer Fassung. Vier davon, die sogen. großen Reliquien, werden nur alle sieben Jahre bei der Heiligthumsfahrt gezeigt: ein Gewand der Jungfrau Maria von gelblich-weißer Baumwolle, die Windeln des Christkindleins von dunkelgelbem Wollzeuge, das blutgetränkte Lendentuch des Herrn und das feine [Bd. 1, Sp. 3] Linnenzeug, in welches die Leiche Johannes des Täufers gewickelt war. Unter den sogen. kleineren Reliquien sind Stücke vom Kreuz und den Leidenswerkzeugen, Gürtel und Haare der Mutter Gottes, Gebeine vieler Apostel, Martyrer u. a. Heiliger. Aachen ist seit Jahrhunderten im unangefochtenen Besitze dieser Reliquien und schreibt ihre Erwerbung Karl dem Großen zu. Da beim Brande im J. 1656 leider das Capitelsarchiv zerstört wurde, können nur zerstreute Notizen den Besitzstand urkundlich erhärten. Einhard (Mon. Germ. SS. I, 186) erzählt, daß i. J. 799 Gesandte des Patriarchen von Jerusalem Heiligthümer und Reliquien vom Grabe des Herrn nach Aachen brachten. Angilbert berichtet (Mabillon, Act. ord. s. Bened. saec. IV, I, 108) von Heiligthümern, die Karl durch die Päpste Hadrian und Leo und durch Gesandte aus Constantinopel und Jerusalem erhalten habe, und gibt ein Verzeichniß derjenigen, von welchen ihm Karl eine Partikel für das neue Kloster Centulum schenkte. Dieses Verzeichniß enthält aber in seiner Mehrzahl die noch jetzt vorhandenen sogen. kleineren Heiligthümer. Mit ähnlichen begabte Kaiser Lothar 855 das Kloster Prüm (Brower, Annal. Trevir. VIII, n. 114, I, 414). Chronist Alberich aber bemerkt (Chronic. ad a. 1238 ed. Leibniz. 567), der Stiftsdecan von Aachen habe auf dem Sterbebette eine Urkunde ausstellen lassen, daß beim Brande 1236 die Windeln, das Lendentuch und das Kleid der Mutter Gottes (also drei aus den großen Heiligthümern) sammt den dazu gehörigen Urkunden gerettet und von ihm 1237 unter den übrigen geflüchteten Geräthschaften gefunden worden seien. Im Mittelalter gehörte Aachen seiner Heiligthümer wegen zu den besuchtesten Wallfahrtsorten. Im 13. Jahrhundert scheint die jetzt übliche Zeigung von sieben zu sieben Jahren aufgekommen zu sein. Nachrichten über die Aachenfahrt im 15. und 16. Jahrhundert grenzen, was den Zusammenfluß von Menschen aller Gegenden und Nationen betrifft, fast an’s Unglaubliche.

2. Synoden. Aachen, das in den Zeiten seines Glanzes es liebte, sich mit Byzanz und Rom auf gleiche Linie zu stellen, sah in seinem Münster, dem neuen Lateran, eine bedeutende Zahl von Synoden, meist in Verbindung mit Reichstagen. Die erste berief Karl im März 789. Den Bischöfen wurde ein umfangreiches Capitulare vorgelegt, um dasselbe zu prüfen und zum kirchlichen Gesetze zu erheben. Dieses Capitulare, ein wichtiges Ereigniß für die Geschichte jener Zeit und der Grundstein der erstrebten Reform im Reiche, zerfällt in zwei Theile (Mon. Germ. LL. I, 53). Während in den ersten 59 Kapiteln die wichtigsten canonischen Bestimmungen über die Pflichten des Clerus kurz zusammengefaßt sind, gibt der zweite Theil in 22 Nummern specielle Vorschriften über die Predigt des Evangeliums, Abschriften katholischer Bücher, Gründung von Knabenschulen in Klöstern und an bischöflichen Kirchen, Einführung der römischen Liturgie, und des römischen Gesanges an Stelle des gallischen, Unterdrückung [Bd. 1, Sp. 4] des Aberglaubens und incestuöser Ehen u. s. f. Daß die Synode die kaiserliche Vorlage unverändert annahm, bezeugt sowohl die Synode von Soissons 853, welche das Aachener Capitulare als capitula synodalia anführte, wie Ansegis, der es unter die bischöflichen Conciliarverordnungen aufnahm. Eine zweite Synode, zugleich Reichstag, fand 797 statt (Mon. Germ. LL. I, 75). Auf der dritten im Herbste 798 (nicht 799) fand die sechstägige Disputation Alkuins mit Bischof Felix von Urgel statt, der hier neuerdings seine Lehre des Adoptianismus (s. d. Art.) abschwur. Als Karl von seiner Romfahrt als Kaiser zurückgekehrt war, hielt er in Aachen mehrere Reichstage zur Ordnung des Landes in bürgerlicher und kirchlicher Beziehung. Von Bedeutung sind die Synoden im November 801 und October 802, genannt synodus prima et secunda (sive universalis) examinationis episcoporum et clericorum. Die Bischöfe, Äbte und Laien tagten in drei gesonderten Abtheilungen und ihre Beschlüsse wurden in mehreren Capitularien (zusammengestellt Mon. Germ. LL. I, 87–109) publicirt. In Bezug auf die Cleriker wurde eine Prüfung über Wissen, Amtsführung und Sitten angeordnet und als Gegenstände, die jeder lernen müsse, bezeichnet: das apostolische und das athanasianische Symbolum, das Vater Unser sammt Auslegung, das Sacramentarium, die Exorcismen und die commendatio animae, das Pönitentiale, die Anfertigung des Kirchenkalenders, römischer Gesang, Verständniß des Evangeliums und der Lectionen sammt den Homilien. Den Mönchen wurde die Regel des hl. Benedict erklärt, welche sie ebenso wie den Canon lernen mußten; die Canoniker aber hatten das Pastoralbuch Gregors, den liber officiorum, die epistola pastoralis des Gelasius und die Schreibekunst zu erlernen. Auf der Synode im November 809 wurde neben Reformbeschlüssen das Dogma vom Ausgange des hl. Geistes aus dem Vater und dem Sohne weitläufig vertheidigt und der bereits bestehende Gebrauch, das Filioque dem Symbolum beizufügen und das so erweiterte Symbolum beim Gottesdienste laut zu singen, genehmigt. Als aber die Akten dem Papste unterbreitet wurden, sprach Leo III. in einer Art Synode 810 zwar seine volle Zustimmung zur dogmatischen Definition aus, befahl aber, daß in Übereinstimmung mit dem römischen Ritus das Singen des Symbolums in der kaiserlichen Kapelle fortan unterbleibe und der Beisatz Filioque wegfalle. Die Reformdecrete der Synoden 811 und 813 liefern sowohl einen Beweis für den kirchlichen Eifer des großen Kaisers, wie für die argen Mißstände im Clerus jener Zeit (Mon. Germ. LL. I, 166 und 187).– Unter Ludwig dem Frommen wurden sechs Synoden zu Aachen gehalten. Von Bedeutung ist die erste, mit dem großen Reichstage des Jahres 817 verbundene. Auf Wunsch des Kaisers verfaßten die Bischöfe Verordnungen für die Canoniker und für Frauengenossenschaften (Hartzheim, Conc. Germaniae II, 430). In [Bd. 1, Sp. 5] dem einen Werke: De institutione canonicorum, dessen Hauptverfasser wahrscheinlich Amalarius von Metz war, finden sich in den ersten 113 Kapiteln die Canones der allgemeinen Concilien und der Väter gesammelt, von Kapitel 114 bis 145 dagegen sind neue Regeln für die vita communis aufgestellt, großentheils der Regel Chrodegangs nachgebildet, ohne aber derselben Erwähnung zu thun (vgl. Chrodegang und Canonica vita). Das zweite Buch: De institutione sanctimonialium, mehr für Canonissen als für eigentliche Nonnen bestimmt, gibt in sechs Kapiteln Vorschriften aus Vätern, von 7 bis 28 aber sehr genaue Vorschriften über die Einrichtung und das Leben in Frauenklöstern. In einem Rundschreiben forderte der Kaiser alle in Aachen nicht anwesenden Erzbischöfe auf, diese Beschlüsse überall durchzuführen, und kündigte an, daß er sich im September des folgenden Jahres durch die Missi vom Vollzuge derselben überzeugen wolle. Ein drittes Statut wurde auf Antrag des hl. Benedict von Aniane, Abts von Cornelimünster, für die Mönche aufgestellt, worin die ursprüngliche Benedictinerregel eingeschärft und doppelte Klosterschulen, eine interne für die Oblati (s. d. Art.), eine externe für andere Knaben, angeordnet wurden (Mon. Germ. LL. I, 200). Eine vierte Urkunde, an die Bischöfe gerichtet (eb. 206), handelt von ihren Pflichten gegen die Untergebenen, von Ordination, Kirchengut, Zehent u. s. f. Endlich wurden die Klöster nach ihren Einkünften in drei Klassen getheilt; die ersten sollen den Kaiser mit Geld und Soldaten, die zweiten mit Geld, die dritten mit Gebet unterstützen (das Verzeichniß Mon. Germ. LL. I, 223 und Simson, Jahrbücher des fränkischen Reiches unter Ludwig d. Fr. I, 89). Von minderer Bedeutung sind die Synoden in den Jahren 818, 819, 825 und 828. Nach Beendigung des Krieges zwischen Ludwig und seinen Söhnen suchte die große Synode des J. 836 die schweren Mißbräuche zu heben, welche die allgemeine Verwirrung geschaffen hatte. Die umfangreichen Acten handeln zuerst vom Leben und der Wissenschaft der Bischöfe und Priester, Wiederherstellung der Ordnung in Stiftern und Klöstern; dann wandten sich die Bischöfe aber auch mit Ermahnungen an den Kaiser und seine Diener und baten schließlich um Zurückgabe des Kirchengutes, das Pipin und seine Genossen an sich gezogen hatten (Hartzheim II, 73 sqq). Von späteren Synoden sind zu nennen die drei durch die Ehescheidungsklage Lothars berüchtigten. Lothar verlangte Trennung von Theotberga, weil sie vor ihrer Heirat durch ihren Bruder entehrt worden sei. Die Bischöfe, die dem Könige gefällig sein wollten, verurtheilten 860 zuerst Theotberga zur Kirchenbuße und klösterlichen Haft. Sie entfloh aber und appelirte an den Papst. Inzwischen sprachen auf der Synode 862 Gunthar von Köln, Theotgand von Trier, Adventius von Metz und Andere gegen zwei Stimmen völlig Ehetrennung aus und erlaubten Lothar, zu einer Ehe mit seiner bisherigen Buhlerin Waldrade zu schreiten. Im [Bd. 1, Sp. 6] J. 1000 hatte eine Synode unter Vorsitz päpstlicher Legaten über Bischof Gisiler zu urtheilen, der den Stuhl Merseburg mit dem Erzbisthum Magdeburg vertauscht hatte. 1023 wurde unter Heinrich II. ein Streit zwischen Erzbischof Piligrim von Köln und Bischof Durand von Lüttich wegen des Klosters Burtscheid zu Gunsten des Letzteren entschieden. (Vgl. Bintzerim, Pragmat. Geschichte der deutschen Concilien, 2. Aufl., II. III.; Hefele, Conciliengeschichte, 2. Aufl., III. IV.)

3. Protestantisirungsversuche. Bei der hohen Wichtigkeit der freien Reichsstadt ließ sich erwarten, daß der Protestantismus auch in ihr Eingang suchte. Die erste Spur findet sich 1524, als ein Landstreicher gegen die katholische Kirche zu predigen anfing. Derselbe ward aber auf anderweitige Anzeigen hin schwerer Verbrechen überführt und als Mörder hingerichtet. 1533 wurde in einem Bürgerhause lutherisch gepredigt. Der Magistrat verbot es und ließ 1535 einige Personen, welche das wiederholte Verbot übertreten hatten, hinrichten. 1544 setzte der Ratsherr Adam von Zeuel, ein heimlicher Anhänger der neuen Lehre, die Aufnahme mehrerer aus den Niederlanden vertriebener reformirter Familien durch, die zur Anlage von Tuchfabriken reiche Unterstützung erhielten. Es bildeten sich kleine wallonische und lutherische Gemeinden; auch Wiedertäufer zeigten sich. Zeuel wurde 1552 Bürgermeister, forderte 1555 die Anstellung eines wallonischen Prädicanten, der 1558 wirklich aus Antwerpen eintraf. Nachdem auch eingeborne Bürger der Neuerung sich angeschlossen hatten, suchten sie durch die Fürbitte protestantischer Fürsten vom Magistrate die St. Foilanskirche zu erhalten und erregten wegen Zurückweisung der Bitte Unruhen. Die Zünfte aber waren gegen sie: man wählte einen neuen Bürgermeister, wies alle Protestanten, die kein Bürgerrecht hatten, aus, und schloß die protestantischen Schulen. 1560 faßten Rath und Zünfte den Beschluß, daß fortan kein Protestant dem Rathe angehören dürfe. Mehrere Ausgewiesene wollten am kaiserlichen Hofe sich auf den Abschied von 1555 berufen, erhielten aber die Antwort, als Reformirte seien sie in demselben nicht einbegriffen. Die Zahl der protestantischen Bürger blieb jedoch noch immerhin bedeutend, und in der Folge kam von auswärts neuer Zuzug; öfteres Einschreiten des Sendgerichtes fruchtete wenig. Die reformirte Generalsynode zu Emden 1571 ward auch von Aachen aus beschickt. 1573 erschien in Aachen selbst eine plattdeutsche Übersetzung des N. T. für Niederländer und Westphalen. Später vereinigten sich die Lutheraner und Reformirten unter dem Namen Evangelische und stellten 1574 an den Magistrat die Bitte, es solle wegen der großen Vortheile, welche durch sie der Stadtkasse zuflößen, eine kleine Zahl Augsburgischer Confessionsverwandter in den Rath aufgenommen werden. Die Zünfte gestatteten die Bitte mit der Klausel, daß in Religionssachen nichts geändert werden dürfe. Nachdem [Bd. 1, Sp. 7] 1579 die Pest die meisten katholischen Rathsglieder weggerafft hatte und der vertriebene Zeuel wieder Bürgermeister geworden war, übergaben die Protestanten 1580 dem Magistrate die Bitte um freie Religionsübung und Abtretung einer Kirche. Dieser schlug auf die Warnung des Herzogs von Parma und des Kaisers das Gesuch ab, freilich unter der Äußerung, daß es ihm auch zustehe, die Übung beider Religionen freizugeben. Die Protestanten wandten sich an den Kaiser, der ihre Angelegenheit zu untersuchen versprach. Ohne die Untersuchung abzuwarten, erbaten sie sich den Beistand protestantischer Reichsstädte und griffen 1581 bei der Bürgermeisterwahl zu den Waffen. Die inzwischen eingetroffene kaiserliche Untersuchungscommission und viele Katholiken verließen die Stadt. Der Kaiser drohte mit Entziehung aller städtischen Privilegien und ernstlicher Strafe, wenn man nicht binnen sechs Wochen die entwichenen Katholiken zurückrufe, die Prädicanten entlasse, alle Neuerungen abstelle und die fremden Unruhestifter ausweise. Neue Vorstellungen an den Kaiser und der allgemeine Städtetag, der vorzüglich ihretwegen zu Speier stattfand, verzögerten die Ausführung der kaiserlichen Drohung; der Augsburger Reichstag 1582 behandelte die Sache weitläufig, 1590 ward die Stadt vom Kaiser abermals verwarnt und 1593 ihr endlich das Urtheil zugestellt. Statt sich zu fügen, wählte man neuerdings protestantische Bürgermeister; da ward 1597 die Acht ausgesprochen. Jülische Truppen vollstreckten sie ohne Blutvergießen. Die Neuerer, die im Amte standen, baten um Gnade und gelobten Unterwerfung. Die Ämter wurden wieder ausschließlich an Katholiken verliehen, Schadenersatz geleistet, mehrere Protestanten geächtet. Ernest, Bischof von Lüttich und Kurfürst von Köln, veranlaßte 1600 die Berufung der Jesuiten nach Aachen zur Befestigung des katholischen Glaubens. Aber sofort begann der Krieg gegen sie. Als der Herzog von Jülich wegen eines Zwistes mit der Stadt im Jahre der Heiligthumsfahrt 1608 die Straßen nach Aachen sperrte, griffen die Bürger, hauptsächlich auf Anstiften der Protestanten, zu den Waffen und vertrieben die herzoglichen Truppen. Obwohl die Sache durch Vergleich beigelegt wurde, hatten die Protestanten bei dem Handel wieder ihre Stärke gefühlt, forderten Aufhebung des Sendgerichtes, Ausweisung der Jesuiten und Zulassung in die Zünfte und den Rath, und reichten auch beim Kaiser Beschwerde ein über die am Ruder befindlichen Katholiken. Zudem starb im März 1609 der katholische Vogtherr der Stadt, der Herzog von Jülich, ohne Erben; Brandenburg und Pfalz-Neuburg besetzten seine Länder. Die Nachbarschaft zweier protestantischer Fürsten erhöhte die Zuversicht der Neuerer. Als der Magistrat 1611 das Verbot erließ, in Stolberg oder andern umliegenden Orten den Gottesdienst der Prädicanten zu besuchen und die Übertreter des Verbotes hart bestrafte, griff man zu den Waffen, eilte auf’s Rathhaus und verlangte die Freilassung [Bd. 1, Sp. 8] der Gefangenen. Das Collegium der Jesuiten wurde gestürmt und geplündert, die Patres beschimpft; man würde sie ermordet haben, wenn nicht ein eben anwesender Pater aus Paris mit dem Einschreiten der Franzosen gedroht hätte. Haupträdelsführer war der Goldschmiedsgeselle Johann Kalkberner, Gehülfe eines apostasirten Augustiners. Eine französische Gesandtschaft, die am 29. September 1611 eintraf, erreichte nur soviel, daß die Jesuiten wieder ihr Collegium beziehen konnten. Die Protestanten wählten 1612 den Bürgermeister, den Rath und alle Beamte aus ihrer Mitte. Bevollmächtigte des Kaisers Matthias, der den Weg der Güte nochmals versuchen wollte, richteten nichts aus, vielmehr nahm man 1614 kurbrandenburgische Truppen in die Stadt und vermauerte die Thore bis auf vier. Der Kaiser sprach neuerdings die Acht aus. Im August 1614 rückte General Spinola mit 16 000 Mann vor die Stadt, und sie ergab sich bald. Ein neugewählter katholischer Magistrat verordnete, daß kein Prädicant sich länger als drei Tage in Stadt und Reich Aachen aufhalten, niemand ketzerische Bücher verkaufen dürfe, nur katholische Schulen und Lehrer geduldet seien, daß bei Prozessionen jeder dem heiligen Sacramente und den Reliquien Ehre erzeigen müsse. 600 Andersgläubige, die seit 1598 das Bürgerrecht nicht erlangt hatten, wurden ausgewiesen. 1616 zogen kaiserliche Subdelegirte die Rädelsführer zur Rechenschaft: zwei wurden hingerichtet, andere verbannt oder mit Geld gebüßt, dem entflohenen Kalberner eine Schandsäule errichtet. Die vertriebenen oder geflüchteten Tuchwirker erbauten ihre Fabriken in umliegenden Ortschaften. 1802 zählten die Reformirten in Aachen 356 Seelen. Napoleon wies ihnen das aufgehobene Benedictinerinnenkloster St. Anna zur Kirche und Schule an.

4. Bisthum. In Folge des französischen Concordates wurde Aachen 1801 ein Bisthum (Bull. Rom. Continatio XI, 247). Es stand unter dem Erzbisthume Mecheln und umfaßte die Departements Roer, Rhein und Mosel, also große Theile von Lüttich, Köln und Trier. Marcus Antonius Berdolet (geb. zu Rougemont im Elsaß 13. September 1740, Pfarrer und Landdechant bei Colmar, gest. 13. August 1809) ward 1802 erster und einziger Bischof. Berdolet bildete sich ein Domcapitel und ernannte den begabten und thätigen Martin Wilh. Fonck (aus Goch, geb. 28. October 1752, gest. als Dompropst von Köln 26. Juni 1830) 1803 zu seinem Generalvicar. 1804 wurde die Pfarreintheilung der Diöcese vollzogen; im Departement Roer zählte man 46 Cantonal- und 504 Succursalpfarreien, im Departement Rhein und Mosel 33 Cantonal- und 250 Succursalpfarreien, welche Eintheilung auch nach Auflösung des Bisthums bestehen blieb. Berdolet war vom päpstlichen Cardinallegaten Caprara nur derart als Bischof bestätigt worden, daß er in den nächsten sechs Monaten die Bestätigung des römischen Stuhles selbst nachsuchen sollte. Er scheint dieses aber unterlassen, [Bd. 1, Sp. 9] und erst als Pius VII. zur Krönung Napoleons nach Paris kam, um die Bestätigung sich bemüht zu haben. Pius VII. ertheilte sie, aber mit Hinweis auf die nicht eingehaltene Frist, aus Paris am 28. März 1805. Berdolet war übrigens keine bedeutende Persönlichkeit; Fonck leitete die Verwaltung, dabei seit 1807 unterstützt vom zweiten Generalvicar Mich. Klinkenberg (geb. 21. November 1752 in Großhau bei Düren, Prämonstratenser in Steinfeld, Pfarrer in Köln, gest. 12. März 1822). Nach dem Tode des ersten Bischofs bestimmte Napoleon 1810 den Generalvicar von Meaux, Dionys Franz Le Camus, zum Nachfolger. Da aber der zu Savona gefangen gehaltene Papst keine nach § 4 des Concordates erforderliche canonische Institution vornahm, verwaltete Le Camus mit den bisherigen Generalvicaren Fonck und Klinkenberg die Diöcese unter dem Titel eines Generalvicars und Administrators. Er erneuerte das Diöcesanseminar zu Köln und stellte es unter die Leitung des verdienten Brouhung. Als Le Camus auf der Flucht vor den Kosaken zu Paris am 26. April 1814 gestorben war, führten Fonck und Klinkenberg die Verwaltung als Generalvicare statt als Capitularvicare fort. Durch den Friedensschluß waren Theile der Diöcese Lüttich preußisch geworden; auf den Wunsch der Regierung löste der Papst sie 1818 aus dem Diöcesanverbande und ernannte Fonck am 25. August zum apostolischen Vicar. Die Bulle De salute animarum vom 16. Juli 1821 hob das Bisthum Aachen auf, sein größter Theil fiel an das hergestellte Erzbisthum Köln, der Rest wurde mit Münster und Trier vereinigt. Bis zur Ausführung der Bulle 1825 blieb das Aachener Capitel und Generalvicariat in seiner früheren Stellung. Die Kathedrale wurde nun in eine Collegiatkirche mit einem Propste und sechs Canonikern umgewandelt. Die Propstei und die Canonikate, welche in den päpstlichen Monaten vacant werden, vergibt der Papst auf Empfehlung des Königs, die übrigen der Erzbischof von Köln. – Aachen hat außer dem Münster mit seinem Stiftscapitel 26 Kirchen und kirchliche Gebäude, darunter die schöne neue Marienvotivkirche, und acht Pfarreien. Die freie Reichsstadt hatte im Mittelalter zeitweise eine noch weit beträchtlichere Bevölkerung als gegenwärtig. Der große Brand 1656 legte an 4000 Häuser in Asche. Die jüngste Volkszählung am 1. December 1875 ergab für Aachen 73 908 Katholiken, 4669 Protestanten, 940 Juden, 35 Andersgläubige, in Allem 79 606 Einwohner. – A Beeck, Aquisgranum, 1620; Noppius, Aacher Chronik. 1632; Meyer, Aachensche Geschichten, 1781; Quix, Geschichte der Stadt Aachen mit einem Cod. diplom. Aquensis, 1840; Quix, Historische Beschreibung der Münsterkirche, 1825, und verschiedene andere Schriften von Quix über Aachen; Haagen, Geschichte Aachens, 1868, 2 Bde.; Floß, Geschichtliche Nachrichten über die Aachener Heiligthümer, 1855; Fr. Bock, Der Reliquienschatz [Bd. 1, Sp. 10] des Liebfrauenmünsters zu Aachen, 1860; Kessel, Geschichtliche Mittheilungen über die Heiligthümer der Stiftskirche zu Aachen, 1874; Vita Caroli Magni Saec. XII. primum ed. Kaentzeler, Ruraem. 1874; Aus’m Weerth, Kunstdenkmäler II, 1, Leipz. 1860; Fr. Bock, Der Kronleuchter Kaisers Friedrich Barbarossa, 1863; Käntzeler, Der die Gebeine Karls d. Gr. enthaltende Behälter, 1859; Hermann Hüffer, Forschungen auf dem Gebiete des französischen und des rheinischen Kirchenrechts nebst geschichtlichen Nachrichten über das Bisthum Aachen und das Domcapitel zu Köln, Münster 1863, 190 ff.

[Floß.]


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