Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 10]Aaron (אַהֲרון), ein Sohn Amrams und der Jochebed, aus dem Stamme Levi, älterer Bruder Moses’ (Ex. 6, 20; 7, 7. Num. 26, 59). Letzteren unterstützte er bei der Befreiung der Israeliten aus Ägypten, indem er als gewandter Redner statt seiner vor Pharao das Wort führte (Ex. 6, 30; 7, 1) und denselben zugleich durch verschiedene Wunder von der göttlichen Sendung Moses’ zu überzeugen und zur Freilassung der Israeliten zu bewegen suchte (Ex. 7, 9 f. 19–21; 8, 1 f. 12 f.). Später jedoch, zur Zeit der sinaitischen Gesetzgebung, machte sich Aaron sündhafter Nachgiebigkeit gegen die götzendienerischen Neigungen des Volkes schuldig, indem er während der vierzigtägigen Abwesenheit Moses’ auf dem Berge ein goldenes Kalb nach Art des ägyptischen Apis verfertigen und als wahren Gott verehren ließ (Ex. 32, 1–6). Daß er dabei nicht von aller Schuld freizusprechen sei, erhellt deutlich genug aus Deut. 9, 20, wonach Gott auch gegen Aaron sehr zürnte, und Moses für ihn, wie für das Volk selbst (Ex. 32, 11 ff.), Fürbitte einlegen mußte. Die Versuche der Rabbinen und einiger christlichen Ausleger, die Schuld von ihm abzuwälzen, konnten daher nicht wohl gelingen. Weil Aaron jedoch nur dem Andringen des Volkes nachgab und nachher seinen Fehler bereute, übertrug ihm Moses dennoch bei der Regelung des gottesdienstlichen Lebens der Israeliten die Würde des Hohenpriesters und seinen Söhnen das Priesterthum mit der Bestimmung, daß es erblich in ihrer Familie bleiben solle (Ex. 28, 1. Num. 3, 10; 17, 5. Vulg. 16, 40). Die Einweihung derselben (Ex. 29, 1–37. Lev. 8, 1–6), sowie auch der Leviten (Num. 8, 5–22) zu ihrem Amte, war Allem nach die letzte priesterliche Handlung Moses’, und das Priesterthum mit seinen Obliegenheiten blieb sofort bei der Familie Aarons. Daß Aaron auch in der That großen theokratischen Eifer besaß und ungeachtet des erwähnten Vergehens einer solchen Bevorzugung doch werth war, erhellt, abgesehen von seiner kräftigen Mitwirkung zur Befreiung Israels aus Ägypten, selbst aus seinem Tadel gegen Moses’ Heirat mit einer Kuschitin (Num. 12, 1–13); obwohl er sich hierbei ungebührlich von seiner Schwester Maria beeinflussen ließ, hatte er doch nur die Reinerhaltung der Theokratie und des theokratischen Volkes von fremder Beimischung [Bd. 1, Sp. 11] im Auge. Indessen machte diese Bevorzugung bald einem Theil der übrigen Mitglieder des Stammes Levi großen Verdruß und rief die korachitische Empörung hervor, welche die Ausdehnung des Priesterthums auf den ganzen Stamm Levi beabsichtigte (Num. 16). Allein durch wunderbare göttliche Dazwischenkunft wurde Moses’ Anordnung gutgeheißen und Aaron und seinen Söhnen das Priesterthum auf’s Neue zugesichert, denn die Erde öffnete sich und verschlang die aufrührerische Rotte (Num. 16, 30–33). Als bald darauf die ganze Volksversammlung wegen des Unterganges jener Aufrührer Moses und Aaron Vorwürfe machte und damit deren Bestrebungen gewissermaßen billigte, war es Aaron selbst, der mit angezündetem heiligen Rachwerk der göttlichen Strafe, die bereits über die Widersetzlichen gekommen war, Einhalt that (Num. 17, 6–13. Vulg. 16, 41–48). Hierauf erhielt sein Priesterthum eine neue Bestätigung, indem von den zwölf Stäben, die für die zwölf Stämme Israels in’s Heiligthum gebracht und vor der Bundeslade niedergelegt wurden, der Stab Aarons Sprossen, Blüten und reife Mandeln hervortrieb (Num. 17, 17–26. Vulg. 17, 1–8). Nun stand die göttliche Erwählung Aarons (vgl. Hebr. 5, 4) und seiner Familie zum Priesterthum über allem Zweifel und wurde ferner nicht mehr angefochten. Selbst eine vorübergehende Schwäche des Gottvertrauens, die er gemeinsam mit Moses bei dem Wassermangel in Kades bewies (Num. 20, 8. 12), hatte nur die Folge, daß er, gleich seinem Bruder, das verheißene Land nicht betreten durfte. Er war verehelicht mit Elisabeth (Elischeba), der Tochter Aminadabs, die ihm vier Söhne gebar: Nadab, Abiu, Eleazar und Ithamar (Ex. 6, 23); die beiden erstern wurden getödtet, weil sie im Heiligthum ein gesetzwidriges Rauchopfer dargebracht hatten (Lev. 10, 1. 2), und die Art, wie Aaron dieses ertrug, zeugt von großer Charakterstärke, religiöser Fassung und Gottergebenheit (Lev. 10, 3 ff.). Von seinen noch übrigen Söhnen war jetzt Eleazar der ältere, und dieser wurde sein Nachfolger im hohenpristerlichen Amte; Moses selbst zog ihm die hohepriesterliche Kleidung an, als Aaron auf dem Berge Hor verschied, im vierzigsten Jahre nach dem Auszug aus Ägypten (Num. 20, 25–28; 33, 38). Wenn dagegen Deut. 10, 6 gesagt wird, Aaron sei zu Mosera gestorben, so ist dieß nur eine minder genaue Bezeichnung der nämlichen Örtlichkeit, denn Mosera hieß der Lagerplatz, den die Israeliten damals am Berge Hor bezogen hatten. Auf dem Gipfel des genannten Berges wird noch jetzt Aarons Grab gezeigt, und schon die Kreuzfahrer fanden dort eine Kapelle (Oratorium).

[Welte.]


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