Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 12]Abälard, Petrus, Philosoph und Theolog, geb. 1079 im Flecken Pallet oder Palais bei Nantes, gest. 21. April 1142 im Priorat St. Marcel bei Chalons-sur-Saône. Hauptquelle für seine Lebensgeschichte bildet der an einen Freund gerichtete Brief, welcher seit seiner erstmaligen Herausgabe durch Ambroise und Duchesne (Petri Abaelardi philos. et theol. abbatis Ruyensis et Heloisae coniugis eius primae Paracletensis abbatissae Opera, Paris 1616, 3–41) unter dem Namen Historia calamitatum Abaelardi citirt zu werden pflegt. Über die Einseitigkeit und Parteilichkeit dieser Darstellung ist kein Zweifel; eingehende Untersuchungen über die Glaubwürdigkeit der einzelnen Angaben sind noch erst anzustellen. – Die Liebe zu den Wissenschaften erbte Abälard von seinem Vater, einem gebildeten Edelmanne; sie veranlaßte ihn, das elterliche Haus in jungen Jahren zu verlassen und ein Wanderleben zu beginnen, wobei er die berühmtesten Schulen der Dialektik besuchte und sich voll leidenschaftlichen Eifers an den Controversen der Zeit betheiligte. Die Angabe bei Otto von Freising, daß Roscellin, der bekannte Vertreter des Nominalismus, sein erster Lehrer gewesen sei, führt zu chronologischen Schwierigkeiten, wird aber durch einen aufgefundenen Brief des Letzteren (veröffentlicht in d. Abhdl. d. philos.-philol. Kl. d. k. bayer. Akad. d. W. 1851, V, 3. 189 ff.) unterstützt. Gegen Ende des elften oder zu Anfang des zwölften Jahrhunderts kam Abälard nach Paris, wo Wilhelm von Champeaux, das Haupt der Realisten, als Lehrer glänzte. Ausführlich berichtet die Historia calamitatum, wie aus dem Schüler alsbald ein Nebenbuhler geworden, wie er zuerst in Melun, dann in Corbeil selbst als Lehrer aufgetreten sei, wie er sich nachdem Überanstrengung ihn genöthigt hatte, einige Zeit in der Heimat zu verweilen, in Paris in der Abtei St. Victor abermals unter die Schüler Wilhelms gemengt und ihn in offener Fehde besiegt habe, wie die Schüler ihm zugeflossen, sein Rum immer mehr gewachsen sei, wie er, aus Paris vertrieben, neuerdings in Melun, dann auf dem St. Genovefaberge, in unmittelbarster Nähe der Hauptstadt, die eigene Schule errichtet habe. Zeitgenössische Berichterstatter schildern ihn als Meister im Wortgefecht, scharfsinnig und schlagfertig, gewandt im Ausdruck, aber auch stets bestrebt, neue und ungewöhnliche Behauptungen aufzustellen. Den Streit mit Wilhelm beendete dessen Erhebung [Bd. 1, Sp. 13] zum Bischof von Chalons-sur-Marne. Die gleichen Vorgänge aber wiederholten sich, wenn wir der Historia calamitatum Glauben schenken, als sich nunmehr Abälard dem Studium der Theologie zuwandte, von welcher er noch weit größeren Ruhm als von der Dialektik erwarten konnte. Er begab sich zu Anselm von Laon, dessen Vorträge Zuhörer aus allen Theilen Europa’s nach seiner Vaterstadt zu ziehen pflegten; aber Abälard sah in ihm nur einen Baum voller Blätter ohne Frucht, in dessen Schatten er nicht viele Tage müßig ruhen wollte. Er setzte dessen Ansehen bei den Schülern herab und erbot sich, in stolzem Vertrauen auf seinen Geist, ohne längere Vorbereitung und ohne Lehrer die schwierigsten Stellen der heiligen Schrift zu erklären. Das Gelingen des Versuchs gewann ihm rasch bewundernde Anhänger. Al ihm die fernere Abhaltung von Vorlesungen untersagt wurde, begab er sich zurück nach Paris, wo er nunmehr an der Kathedralschule unter allgemeinem Zulauf als theologischer Lehrer auftrat. Ob er bereits damals ein Canonikat erhalten habe, ist ungewiß, Priester wurde er jedenfalls noch nicht. – In diese Zeit seines größten Ruhmes und der günstigsten äußeren Lage fällt das Verhältniß zu Heloise, welches den streitsüchtigen Dialektiker bei der Nachwelt in ein romantisches Licht gesetzt hat. Bereits Jean de Meun, der satirische Fortsetzer des Romans von der Rose, der unter Philipp dem Schönen schrieb, erwähnt desselben. Das Thatsächliche ist in kürze Folgendes. Abälard fand Eingang in dem Hause des Canonicus Fulbert, um dessen schöne und kenntnißreiche Nichte noch weiter in den Wissenschaften zu unterrichten. Aus dem Unterricht wurde ein leidenschaftliches Liebesverhältniß, Heloise gebar einen Sohn, Abälard ließ sich nachträglich im Geheimen mit ihr trauen, brachte sie sodann aber – der Grund ist nicht hinreichend aufgeklärt – in ein Frauenkloster zu Argenteuil und wurde jetzt – auch hier fehlt es an einer ausreichenden Motivirung dieses Racheaktes – auf Anstiften Fulberts entmannt. Heloise trat hierauf förmlich in das Kloster ein, Abälard nahm in St.-Denis das Mönchsgewand. Nach gewöhnlicher Annahme geschah dieß um das Jahr 1119. – Die damalige Verfassung der Abtei St.-Denis mag wenig geeignet gewesen sein, den unruhigen, durch sein Unglück verbitterten Mann zum Frieden gelangen zu lassen; sein Eifern für die vernachlässigte Regel machte ihn den Ordensgenossen lästig; auf Veranlassung des Abtes bezog er ein kleines Landhaus und nahm dort seine philosophischen und theologischen Vorlesungen wieder auf. Schaarenweise strömten ihm die Schüler zu, darunter der nachherige Papst Cölestin II. und Petrus Lombardus. Auf Wunsch seiner Zuhörer schrieb er jetzt die Introductio in theologiam, eine speculative Trinitätslehre, sein erstes theologisches Hauptwerk, welches ihn alsbald in Conflict mit der kirchlichen Behörde brachte. Eine im Jahre 1121 zu Soissons unter dem Vorsitze [Bd. 1, Sp. 14] des päpstlichen Legaten Kuno von Präneste abgehaltene Synode censurirte das Buch und nöthigte den Verfasser, es eigenhändig zu verbrennen. Über die Vorgänge auf der Synode gibt die Historia calamitatum eine ausführliche, aber offenbar parteiisch gefärbte Darstellung, welche überall nur den Neid und die Bosheit persönlicher Gegner erblickt. Otto von Freising bezeichnet als Gegenstand der Anklage die Abschwächung der Dreipersönlichkeit Gottes und berichtet, es sei dem Angeklagten keine Gegenrede erlaubt worden, weil seine Disputirkunst Allen bedenklich geschienen habe. Nach kurzem Gewahrsam im Kloster St.-Medard bei Soissons in die Abtei St.-Denis zurückgekehrt, verfeindete sich Abälard auf’s Heftigste mit den Brüdern durch die aus Beda Venerabilis entnommene, Wahres mit Falschem vermengende Behauptung, der Apostel Galliens könne nicht Dionys der Areopagite gewesen sein, denn dieser sei Bischof von Korinth geworden, der Apostel Galliens aber werde Bischof von Athen genannt. Mit einer Anklage vor dem Könige bedroht, floh Abälard zu dem Grafen Theobald von der Champagne. Der Versuch einer Aussöhnung mit seinem Oberen kam erst unter dem Nachfolger des bisherigen Abtes, dem berühmen Staatsmanne Suger, zu Stande, der ihm auf seinen Wunsch gestattete, außerhalb des Klosters zu leben. In der Historia calamitatum wird erzählt, wie er sich nunmehr in eine einsame Gegend im Gebiete von Troyes bei Nogent-sur-Seine zurückzog und daselbst ein Bethaus errichtete, das er Paraklet nannte; wie ihn dort abermals zahlreiche Schüler aufsuchten, die in Hütten und Zelten wohnten, und denen er, schon um seinen Lebensunterhalt von ihnen zu gewinnen, Unterricht ertheilte; wie er aber auch jetzt keine Ruhe fand, sondern von Angst und Sorge gepeinigt in dem hl. Bernhard und dem hl. Norbert sich neue gefährliche Gegner erstehen sah. Sehr wahrscheinlich ist, daß theils sein früheres Leben, theils die ungewöhnliche und durch keinerlei kirchliche Auctorität gedeckte Lehrthätigkeit ihn den genannten Männern verdächtig machte. Als ihn daher um 1125 oder 1126 die Mönche des Klosters St.-Gildes-de-Rhuys, südlich von Vannes an der Küste der Bretagne gelegen, zu ihrem Abte erwählten, begrüßte er dieß als Befreiung aus einer unerträglich gewordenen Lage. Aber das neue Amt brachte nur neue Leiden, Feindschaft und Verfolgung von Seiten der zuchtlosen Brüder, Bedrückungen mancher Art. Die Schilderung, welche der mehrgenannte Brief davon entwirft, muß man freilich für stark übertrieben halten, zumal da in die Zeit, während welcher Abälard Abt von St.-Gildes war, die Abfassung einer Reihe seiner Schriften fällt. – Im J. 1128 wurde das Frauenkloster zu Argenteuil durch den Abt von St.-Denis, von dem es abhängig war, eingerissener Unordnungen wegen aufgelöst. Heloise bezog mit einigen Gefährtinnen den verlassenen Paraklet, den sammt den dazu gehörigen Ländereien Abälard ihr und ihren Nachfolgerinnen [Bd. 1, Sp. 15] als Eigenthum überwies. Mit dem neubegründeten, demnächst zur Abtei erhobenen Frauenstift stand er in regem, persönlichem wie brieflichem Verkehr. Er predigte daselbst, löste wissenschaftliche Probleme und gab Anweisungen über die Einrichtung des Lebens. Aus jener Zeit datirt die Historia calamitatum und der daran sich anschließende Briefwechsel mit Heloise, den der oben genannte Jean de Meun in’s Französische übersetzte. Es scheint nicht, daß viel ältere lateinische Handschriften vorhanden sind. Orelli hielt die Briefe für untergeschoben, die Historia calamitatum dagegen für ächt; umgekehrt erklärte Cousin, daß die letztere allein von allem dem Abälard zugeschriebenen Schriften Zweifel an der Urheberschaft erwecke. An starken Unwahrscheinlichkeiten fehlt es beiderorts nicht, namentlich Heloisens Charakter zeigt manches so schwer Begreifliche, daß Bayle an das Wort bei Seneca (De tranqu. anim. Schl.) glaubt erinnern zu sollen: Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae. Anderwärts erscheint sie dagegen als würdige und einsichtsvolle Vorsteherin ihres Convents. – Wann und unter welchen Umständen Abälard seine Stellung in St.-Gildes aufgab, ist nicht bekannt. Um das J. 1136 begegnen wir ihm plötzlich wieder als berühmtem Lehrer der Dialektik auf dem Genovefaberge bei Paris, wo damals Johann von Salisbury unter seinen Schülern war. Dieser berichtet jedoch, daß Abälard bald wieder seine Lehrthätigkeit aufgegeben habe. Die letzten Ereignisse seines Lebens knüpfen sich an die Synode zu Sens, 1140. In diesem Jahre oder vielleicht in dem vorhergehenden machte Wilhelm von Thierry den hl. Bernhard auf die weitverbreiteten Schriften Abälards aufmerksam, insbesondere auf die beiden Tractate: Introductio in Theologiam und Theologia christiana, sowie auf die darin enthaltenen schweren und gefährlichen Irrthümer. Bernhard suchte in zweimaliger persönlicher Zusammenkunft Abälard zur Correctur zu bestimmen, ohne etwas zu erreichen. Vielmehr äußerte sich dieser in Briefen an seine Schüler sehr heftig gegen Bernhard und verlangte von dem Erzbischofe von Sens, auf einer Synode dem Abte von Clairvaux gegenübergestellt zu werden, um sich zu vertheidigen. Die Synode fand in der zweiten Woche nach Pfingsten in dem genannten Jahre statt. Bernhard, welcher anfangs nicht hatte erscheinen wollen, um nicht die Sache des Glaubens den schwachen Argumenten der Menschen preiszugeben, hatte sich eingefunden und durch ein Schreiben an die Bischöfe dieselben zu zahlreichem Erscheinen bestimmt. Auch der König Ludwig VII. von Frankreich war zugegen. Als Abälard eingetreten war, begann Bernhard die aus seinen Schriften zusammengestellten anstößigen Sätze zu verlesen, aber Abälard unterbrach ihn, appellirte von der Synode an den Papst und entfernte sich. Der Appell war uncanonisch, da er selbst die Synode verlangt hatte; dennoch beschloß man, [Bd. 1, Sp. 16] um den Rechten des römischen Stuhles nicht vorzugreifen, den Angeklagten ziehen zu lassen und nur die Lehre zu verurtheilen. In wiederholten, eingehenden, in der Ausdrucksweise zum Theil höchst energischen Schreiben an den Papst und die Cardinäle betrieb sodann Bernhard die Angelegenheit bei der Curie. Abälard vertheidigte sich in einem Briefe an Heloise und zwei förmlichen Vertheidigungsschriften, von deren einer nur Fragmente erhalten sind, betheuerte seine Rechtgläubigkeit und verwahrte sich gegen die Deutung, die man seinen Aussprüchen gegeben hatte. Ja er unternahm es, trotz seines Alters und seiner Gebrechlichkeit, nach Rom zu reisen, wo er Gönner und Freunde zu finden hoffte. Unterwegs im Kloster Clugny eingekehrt, wurde er von dem Abte Peter dem Ehrwürdigen bestimmt, sich mit dem hl. Bernhard und der obersten kirchlichen Behörde auszusöhnen, wofür ihm dieser die Erlaubniß erwirkte, in Clugny zu bleiben, und ihm demnächst, da er krankt geworden war, das freundlich gelegene Priorat St.-Marcel bei Chalons-sur-Saône als Wohnsitz anwies. In stiller Zurückgezogenheit, dem Studium und den Werken der Frömmigkeit hingegeben, fand er hier, nach einem zerrissenen und leidenschaftliche bewegten Leben, einen friedlichen Tod, den 21. April 1142. Die Leiche wurde im Paraklet beigesetzt. Seti 1817 ruhen seine und der Heloise Überreste in Paris, auf dem Kirchhofe Père-Lachaise. – Abälards Hauptschriften sind: die schon genannten beiden theologischen Tractate, von denen jedenfalls die Introductio nicht vollständig auf uns gekommen ist, und die Theologia christiana theilweise wörtlich mit der ersteren übereinstimmt; sein Commentar zum Römerbrief; eine Art von Ethik unter dem Titel Scito te ipsum; der Dialogus inter philosophum Iudaeum et Christianum; das Buch Sic et non, welches einander entgegengesetzte Aussprüche der Väter zusammenstellt (vollständig zuerst von Henke und Lindenkohl edirt, Marburg 1851); endlich die zuerst von Cousin (Ouvrages inédits d’Abélard, Paris 1836) veröffentlichte Dialektik. Die von Rheinwald edirte Epitome theologiae christianae (Berol. 1825) ist vielleicht ein von einem Schüler nach Abälards mündlichen Vorträgen gefertigter Auszug. Seine gesammelten Werke sind von Cousin (Paris 1849, 1859), die theologischen Schriften in Migne’s Patrologie, Bd. 178, herausgegeben. – Abälards philosophische Thätigkeit knüpft gleich der seiner sämmtlichen Zeitgenossen an das dürftige aus dem Alterthum überlieferte Material an; Plato, den er wiederholt als den größten Philosophen feiert, kennt er nur aus Anführungen Dritter; von Aristoteles benutzte er denjenigen Theil der logischen Schriften, welcher zu seiner Zeit allgemein im Umlauf war, also noch nicht das ganze Organon, dazu die Erläuterungsschriften des Porphyrius und Boethius. In dem Streit um die Existenzweise der Universalien (Allgemeinbegriffe), welcher das erste Entwicklungsstadium der Scholastik charakterisirt, [Bd. 1, Sp. 17] erwarb er sich Verdienst durch Bekämpfung extremer Meinungen; besonders trat er gegen den excessiven Realismus Wilhelms von Champeaux auf. Seine eigene vermittelnde Ansicht geht dahin, daß das Universale kein Ding sei, denn ein Ding lasse sich nicht prädiciren, aber auch kein bloßes Wort, denn jedes Wort als solches sei ein Individuelles; vielmehr bestehe es in dem auf die Dinge bezogenen Worte, in der Aussage, welche das in den Dingen Gemeinsame erfasse. Mit Unrecht haben daher französische Historiker nach dem Vorgange Cousins in ihm den Vertreter des sogenannten Conceptualismus, d. h. eines modificirten Nominalismus sehen wollen. Er legt keineswegs den Nachdruck auf den Begriff (conceptus) im Sinne eines bloß subjectiven Gebildes, sondern wahrt die objective Berechtigung der Aussage. Eine den Einzeldingen vorangehende Existenz aber will er den Universalien nur deßwegen zugeschrieben wissen, weil sie als Ideen und Musterbilder der Dinge im Verstande Gottes existieren. – Durch seine Auffassung des Verhältnisses von Glauben und Wissen tritt Abälard völlig aus der Reihe der kirchlich gesinnten Scholastiker heraus. Er will nicht mit Anselmus glauben, um zu wissen, sondern prüfen und erkennen, um zu glauben. Wenn sich daneben Äußerungen finden, welche die Superiorität des Glaubens über die Vernunft betonen, so ist damit doch nicht an einen auf Unterwerfung unter die Auctorität der Kirche beruhenden, sondern an einen auf die anerkannte Glaubwürdigkeit des einzelnen Lehrers begründeten Glauben gedacht. Im Zusammenhange damit verwischt er auch in Betreff des Glaubensinhaltes die Grenze zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen, zwischen den der Vernunft erkennbaren und daher auch von den heidnischen Weisen erkannten Wahrheiten und den durch Offenbarung mitgetheilten Lehren des Christenthums. Obgleich er zugestehen muß, von den Philosophen des griechischen Alterthums herzlich wenig zu wissen, so scheinen sie ihm doch höher zu stehen als die Propheten des Alten Bundes. Eine natürliche Consequenz dieses Standpunktes ist die rationalistische Verflachung der Glaubensgeheimnisse. Seine Construction der Trinität aus der göttlichen Allmacht, Weisheit und Liebe führt, consequent entwickelt, einerseits zu einem bloßen Modalismus, welcher in den drei göttlichen Personen nur drei Offenbarungsweisen der einen göttlichen Substanz erblickt, andererseits ebenso wie die gewählten Gleichnisse von Siegel und Erz, Art und Gattung zu einer subordinatianistischen Einführung von Stufen und Unterschieden in das Verhältniß der drei Personen zu einander. Wie ihm die Erbsünde nichts weiter ist als die um der Sünde Adams willen verhängte Strafe, so wird das Geheimniß der Erlösung subjectivistisch von ihm verflüchtigt, insofern er darin weder ein Loskaufen aus der Knechtschaft des Satans, noch die von der göttlichen Gerechtigkeit geforderte stellvertretende [Bd. 1, Sp. 18] Genugthuung anerkennt, sondern das Werk der Erlösung lediglich darin bestehen läßt, daß Christi Lehre und Beispiel uns zur höchsten Liebe entzünde und zu seiner Nachfolge ansporne. Die Incarnation faßt er so äußerlich, daß ihm Christus nicht mehr als die zweite Person in der Gottheit gelten kann. Nicht minder zeigt sich in seinen Aussprüchen über Rechtfertigung und Gnade das übernatürliche Element preisgegeben, so daß der hl. Bernhard in seinem Briefe an den Cardinal Guido de Castello, den nachmaligen Papst Cölestin II., schreiben konnte: »Wenn er von der Trinität spricht, erinnert er an Arius, wenn über die Gnade, an Pelagius, wenn über die Person Christi, an Nestorius.« Er hätte hinzufügen können, bei der Prädestinationslehre erinnere er an Gottschalk; doch mag hier vielleicht Manches auf Rechnung der übertreibenden Ausdrucksweise zu setzen sein. Von allen seinen Vorgängern entfernt sich Abälard endlich, wenn er die Nothwendigkeit der Schöpfung und im Zusammenhange damit den Optimismus lehrt, sowie in der Ethik, wenn er so sehr den Nachdruck auf die Gesinnung des Handelnden legt, daß darüber jede Objectivität des Sittengesetzes verloren geht. Trotz der großen Anziehungskraft, welche seine Vorträge auszuüben pflegten, hat Abälard eine eigentliche Schule nicht hinterlassen und auf die Fortentwickelung der Scholastik einen tiefergehenden Einfluß nicht ausgeübt. – Monographien: Charles de Rémusat, Abélard, 2 Bde., Paris 1845; J. Hayd, Abälard und seine Lehre im Verhältniß zu Kirche und Dogma, Regensburg 1863. Außerdem vgl. m. für das Theologische: Hefele’s Conciliengeschichte, 1863, V, 321–325, 399–435, und Bachs Dogmengeschichte des Mittelalters, 1875, II, 41–88; für das Philosophische: Prantls Geschichte der Logik im Abendlande, 1861, II, 160 ff. und die Darstellungen der Geschichte der mittelalterlichen Philosophie.

[v. Hertling.]


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