Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 23]Abbreviaturen, Abkürzungen und Abkürzungszeichen (compendia scribendi, notae), werden gebraucht theils zur Ersparniß von Raum [Bd. 1, Sp. 24] und Zeit, theils zur Geheimhaltung von Mittheilungen vor Unberufenen und Nichteingeweihten; zunächst kommen sie in Handschriften, dann auch in den ältesten Drucken, häufig auch auf Denkmälern und Münzen vor. Bei den Römern hatte man 1. Abkürzungen von Silben, Wörtern und ganzen Sätzen (literae singulae, siglae); allbekant sind z. B. S. P. Q. R. (Senat und Volk von Rom), D. M. (Diis Manibus), P. P. P. (propria pecunia posuit). Dazu kamen 2. willkürlich gewählte Zeichen zu verschiedenen Zwecken, wie man noch jetzt z. B. & für et braucht. Diese nannte man auch notae Tironianae, von Tiro, einem Freigelassenen des Cicero, der viele derselben erfunden haben soll; Seneca sammelte gegen 5000. (Carpentier, Alphabetum Tironianum, 1747 f. Kopp, Palaeograph. crit., 1817; Schmitz W., Beiträge zur lateinischen Sprach- und Literaturkunde, Leipzig 1877). Es kommen Buchstaben oder auch Silben und Worte in verschiedener und ungewöhnlicher Form vor; esse findet sich oft geschrieben: eᷤeᷤ oder auch ==. Dazu kommen 3. Commutationen von Buchstaben, z. B. D für A, in der Geheimschrift (Krypotgraphie; cf. Montfaucon, Palaeographia Graeca. Paris 1708 f. L. IV, p. 285 seq.). Die Griechen hatten schon früher ihre Abbreviaturen in Schriften, auf Münzen u. s. f.; Xenophon bediente sich ihrer. In den griechischen Handschriften lesen wir gewöhnlich κς für κύριος, ϑς für ϑεός, ανος für ἄνϑρωπος, οῦνος für οὐρανός, ιηλ für Ἰσραήλ. (Die gewöhnlichsten Abbreviaturen bei Montfaucon, l. c. L. V, p. 341 seq.) Auch die Juden hatten ihre Abkürzungen, und in sehr ausgedehntem Maße kommen sie bei den Rabbinen vor. (Vgl. Handschriften der Bibel.) Nach und nach haben längst vor Erfindung der Stenographie fast alle gebildeten Nationen bestimmte Abkürzungen angenommen, sowohl in der eigenen Sprache (in Frankreich z. B. M. = Monsieur, Msgr. = Monseigneur, Cie für Compagnie), als in der lateinischen (M. P. in England = membrum Parlamenti, allenthalben P. P. = praetermissis praetermittendis); A. D. steht für anno Domini, a. d. für ante diem, auch für a dato. Bei Citaten von Büchern, deren Druckort nicht genannt ist, oder die keine nummerirten Seiten haben, stehen die Bezeichnungen s. l. oder s. p. (sine loco, sine pag.). Die einzelnen Künste und Wissenschaften, die Mathematik, Physik u. s. f. haben ihre eigenen Abkürzungszeichen gewählt. Auf kirchlichem Gebiete sind sie nicht weniger häufig. Man schrieb für Jesus Christus bald das Monogramm (s. d. A.), bald ihs, XPC, für episcopus ep̅s, später Ep̃; für presbyter prb., tp̅s für tempus. Der Papst wird bezeichnet P. M. (Pontifex maximus), S. P. (summus Pontifex), PP. (Papa), SS. D. N. (sanctissimus dominus noster). Allbekannt ist das R. I. P. (Requiescat in pace). In den Rubriken des kirchlichen Officiums finden [Bd. 1, Sp. 25] sich bestimmte Abbreviaturen, z. B. R. für Responsorium. Wie man im römischen Rechte die Digesten oder Pandekten mit ff. bezeichnete, so ward auch das canonische Rechtsbuch (s. Corpus juris canonici) mit Abbreviaturen citirt, deßgleichen auch die bekannteren Canonisten. Besonders häufig kommen in lateinischen wissenschaftlichen Werken vor: Tr. = tractatus, cf. = confer (vergleiche), Obj. = objectio (Einwand), R. oder Resp. = Responsio (Antwort). Für concedo steht C., für nego ein N., für distinguo = D. oder Dist. Die Theologen werden oft mit TT., die Doctoren mit DD. bezeichnet. Die Buchstaben i. p. i. bedeuten in partibus infidelium, fr. = frater, P. = Pater. Die geistlichen Orden werden mit verschiedenen Abkürzungen bezeichnet, z. B. O. S. B. (Ordinis S. Benedicti), O. S. F. oder O. Min. (Franciscanerordens), O. S. D. oder häufiger O. Pr. (Dominicaner oder Predigerbrüder), S. J. (von der Gesellschaft Jesu), O. SS. R. (Redemptoristen). In Italien wird häufig der Circumflex zur Bezeichnung von Abkürzungen gebraucht, z. B. in der Anrede an einen Cardinal: Em̃e & Rm̃e Dñe (Eminentissime et reverendissime Domine). Es hat natürlich die Schreibweise vielfach im Laufe der Zeit gewechselt, und alles hierher Gehörige ist noch nicht zusammengestellt. Vieles bieten: Mabillon, O. S. B., De re diplomatica, 1681, ed. 2. 1709; Tassin et Toustain, Nouveau traité de diplomatique, Paris 1750–65, 6 vol.; Walther, Lexicon diplomaticum, Ulm. 1756, 3 vol.; Chassant, Dictionnaire des abréviations latines et françaises, 3. édit. Paris 1866; Sickel, Urkunden der Karolinger I, 305 ff. 326 ff.; Wattenbach, Anleitung zur lateinischen Paläographie, Leipzig 1869. Abkürzungen ganz anderer Art, nicht der Schreib-, sondern der Ausdrucksweise, sind die der Kürze wegen angewandten Formeln, welche besonders im Stile der römischen Curie vorkommen, clausulae (s. d. A. Clauseln).

[J. Card. Hergenröther.]


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