Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Abdias (Abdias, Diener Jahve’s, im Hebr. עֹבַדְיָה, ʿobadjah, nom. ag., der Jahve Verehrende, LXX Ὀβδιού, indeclin., wahrscheinlich verkürzt aus der vollen Form עֹבַדְיָהוּ, ʿobadjahu), der vierte unter den zwölf kleinen Propheten. Die Überschrift der einzigen, gegen Edom gerichteten, aus 21 Versen bestehenden Prophetie gibt nur seinen Namen an. Was die alten Juden und zum Theil die Kirchenväter berichten, sind bloße Combinationen mit anderen Männern der Geschichtsbücher, welche denselben Namen trugen. Nach Josephus (Ant. 9, 2), dem Targum (zu 4 Kön. 4, 1) und dem Talmud (Sanh. f. 39) ist der Prophet Abdias identisch mit dem gleichnamigen Haushofmeister Achabs (3 Kön. 18, 3), der wegen [Bd. 1, Sp. 26] seiner Gottesfurcht und seiner Verdienste um die Propheten selbst Prophet geworden sei. In gleicher Weise machen sie das 4 Kön. 4, 1 aufgeführte Prophetenweib zur Gemahlin des Abdias, weil sie ihren Mann einen Fürchter Jahve’s nennt, worin sie eine Erklärung des Namens Obadjah sehen. Hieronymus kennt diese Legenden und berichtet, daß man sein Grab neben dem des Elisäus und des Täufers noch in Sebaste (Samaria) zeige. Wie wenig er aber sich selbst daran hielt, sehen wir aus dem Umstande, daß er Oseas, Isaias, Joel, Amos und Abdias Zeitgenossen (σύγχρονοι) nennt, was in Beziehung auf die drei letzten vollkommen zutrifft. – Der jüdische König Joram (889–883), Josaphats Erstgeborener, versetzte gleich nach seiner Thronbesteigung Land und Volk in Schrecken durch die grausame Ermordung seiner sechs jüngeren Brüder. Die daraus entstandene Unzufriedenheit und Mißstimmung benützten die Edomiter zur Verweigerung des bisherigen Tributes und in Verbindung mit den benachbarten arabischen Beduinenstämmen und den Philistern zu einem so verderblichen Einfalle in das jüdische Gebiet, daß Jerusalem erobert und geplündert wurde, und der König alle seine Kinder bis auf eines verlor (vgl. 4 Kön. 8, 22 und 2 Par. 21, 15. 16). Nicht minder reich an den bittersten Erfahrungen war die Regierung des Amasias (838–809). Im Kriege mit dem nördlichen Reiche wurde Jerusalem von Joas auf’s Neue erobert, seine Mauern vom Thore Ephraim bis zum Eckthore geschleift und alles Gold und Silber des Tempels, sowie die Schätze des Königshauses nach Samaria geschleppt. Erst mit dem Verfall des nördlichen Reiches konnte der König Ozias an eine Wiederaufnahme des Krieges mit den Edomitern denken, deren Unterwerfung eine Ehrensache für Juda und die Davidische Dynastie war, denn nach der Verheißung sollte der Ältere (Esau = Edom) dem Jüngern (Jakob = Juda) dienen (Gen. 25, 23). Diese Unternehmung war aber auch für einen tapfern, kampflustigen König eine gewagte Sache, da die Edomiter das schwer zugängliche, von Felsenschluchten und engen Thälern vielfach durchkreuzte Plateau der arabischen Gebirgskette Seir bewohnten. Er bedurfte höherer Ermuthigung durch Propheten; unter ihnen war Abdias. Er nimmt aber in seiner Prophetie einen durchaus ethischen, nicht politischen Standpunkt ein. Die Versündigungen Edoms bilden ausschließlich den Grund seines von Gott beschlossenen Unterganges. Abdias erscheint nach dem geringen Umfange seiner Weissagung in einer untergeordneten Stellung. Man darf dieß aber nicht mißverstehen. Wie wenig oder wie viel ein Prophet gewirkt habe, ist nicht nach dem Maße seiner schriftlichen Hinterlassenschaft allein zu bestimmen. Gerade diese kleinen Zeugnisse prophetischer Thätigkeit sind geeignet, uns mit Ehrfurcht zu erfüllen; denn sie liefern einen Beweis der treuen Sorgfalt in Bewahrung der heiligen Schriften und der prophetischen Demuth [Bd. 1, Sp. 27] und Selbstverläugnung. Der Prophet beliebt in der ihm von Gott zugewiesenen Sphäre, sei sie eng oder weit; er sucht sich nicht seinen Wirkungskreis zu erweitern oder selbständig neue Bahnen zu brechen. Daß Joel und Amos jene oben bezeichneten Einfälle der mit den Philistern verbundenen, südlich von Juda gelegenen Völkerstämme, zu denen die Edomiter gehörten, in ihren prophetischen Reden vor Augen hatten, wird gegenwärtig nicht mehr in Abrede gestellt. Wohl aber wird dieß von Abdias oft geläugnet, obwohl ihn Sprache, Stellung im Kanon und sichere Berührungspunkte mit Joel und Amos demselben Prohpeten-Cyklus einreihen, und zwar so, daß auf Amos (809) Abdias folgt und sich diesen als der Jüngere Joel um die Mitte der Regierung des Königs Ozias (809–758) anschließt. Amos sagt (1, 6) von den Philistern: »Weil sie Gefangene weggeführt in voller Zahl, sie einzuschließen in Edom«, und von Edom (1, 11): »Weil es seinen Bruder verfolgte mit dem Schwerte.« Abdias, diesem parallel: »Am Tage …, als Fremde wegnahmen sein Heer und Barbaren in seine Thore zogen und über Jerusalem das Loos warfen, da warest auch du gleich einem von ihnen« (V. 11). Noch enger ist der Anschluß an Joel (2, 5–7): »Mein Silber und mein Gold truget ihr hinweg, mein Kostbarstes und Schönstes brachtet ihr in eure Tempel, und verkauftet die Söhne Juda’s und Jerusalems an die Söhne der Jevanim (הַיְוָנִ‏ים), um sie wegzuführen ferne von ihren Grenzen. Siehe, ich erwecke sie von dem Orte, wohin ihr sie verkauft habt«. Bei Abdias: »Es werden erben die im Süden den Berg Esau’s … und die Gefangenen Jerusalems, welche in Sepharad (סְפָרָד) sind, alle Städte des Süden« (V. 20). Die Jevanim (sanskr. Javana, altpers. Junâ) sind die im westlichen Kleinasien am frühesten entwickelten Jonier, durch welche die übrigen Griechen mit der Cultur des Morgenlandes vertraut wurden (E. Curtius, Über die Jonier vor der jonischen Wanderung, 1855). Sie breiteten sich bis an den Pontus Euxinus aus, auf den der Name Sepharad verweist. Nos ab Hebraeo, sagt Hieronymus (im Commentar zu Abdias), qui nos in scripturis sanctis erudivit, didicimus Bosphorum sic (סְפָרָד) vocari. Diese Tradition wird, wie schon Silv. de Sacy (Gesen. Thes. p. 147) bemerkt, durch eine Keilinschrift bei Niebuhr (II, tab. 31), zu der noch zwei von Schrader (Die Keilinschriften und das Alte Testament. Gießen, 1872) angeführte kommen, wesentlich unterstützt, indem alle drei die Landschaft Sepharad (Sa Pa R a D) in Verbindung mit Jonien und Kappadocien bringen. In der großen Behistuninschrift lesen wir (col. I, 15 pers. Text): Çparda, Jaunâ, Mâda, Arminia, Katapatuka, Parthana. Lassen (Altpers. Inschr. in der Zeitung für die Kunde des Morgenlandes, VI, 50) hält es für die persische Namensform von Sardes (Σάρδις), das in der einheimischen (lydischen) Sprache Çvarda gelautet habe. Dem sei, wie ihm wolle, der Zusammenhang [Bd. 1, Sp. 28] zwischen Jevanim und Sepharad steht fest, und ebenso, daß wir Sepharad die eigenthümliche und ursprüngliche, Jevanim die allgemeine und abgeleitete Localbezeichnung nennen dürfen, wodurch Joel in ein Abhängigkeitsverhältniß zu Abdias gesetzt wird, ohne daß wir aber genöthigt wären, darauf ein wesentliches Gewicht zu legen, weil der Zeitraum zwischen beiden Propheten höchstens zwanzig Jahre beträgt, und die Gemeinsamkeit der Interessen keinen hinderte, seinen eigenen Weg zu gehen. Darin beurkundete sich eben die göttliche Berufung: jeder Prophet hatte eine ihm eigene, gesonderte Mission für das Volk. Der Stil des Abdias ist kräftig, gedrungen, fast hart; kein Wort, keine Form findet sich, die auf ein jüngeres Zeitalter hinwiese (Caspari, Der Prophet Obadjah, Leipzig 1824). Keil (Bibl. Commentar über die zwölf kleinen Propheten, Leipzig 1866) nimmt Sepharad gleichbedeutend mit Sparta; allein die ältesten historischen Nachrichten kennen nur Äolier, Dorier [Homer, Od. 19, 177] und Jonier [Il. 13, 685]. Die Spartaner gehörten zu den Doriern. (Vgl. meine Geschichte der letzten Propheten, Regensb. 1853, und: Die kleinen Propheten, übers. und erklärt. Regensb. 1854, I, 363–394.)

[Schegg.]


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