Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Abel, Patriarch, hebr. הֶבֶל, d. i. Hauch, Nichtigkeit, der zweite Sohn der Stammeltern und jüngere Bruder Kains. Adam nannte seinen zweiten Sohn so, wohl im Gegensatz zu der freudenvollen Benennung, die Eva ihrem Erstgebornen gegeben: Kain, d. i. Besitz, nach Manchen auch s. v. a. Hervorgebrachtes, Sproß, Sohn. Der Name Abel sollte dagegen im Allgemeinen auf die Gebrechlichkeit und Hinfälligkeit der Menschennatur nach dem Sündenfalle hindeuten, wurde aber zugleich eine prophetische Hindeutung auf seinen baldigen Tod. Neuestens will man den Namen aus dem Assyrischen erklären, wo habal, hablu das gewöhnliche Wort für »Sohn« ist; doch dürfte diese Erklärung mit um so größerer Vorsicht aufzunehmen sein, als das ganze Alte Testament und die gesammte hebräische Überlieferung uns keine Anhaltspunkte für diese Bedeutung des Wortes im Hebräischen bieten. Mit Unrecht halten die Rabbinen Abel für einen Zwillingsbruder Kains; denn dagegen sprechen die Textesworte (Gen. 4, 1 f.). Abel widmete sich dem Hirtenleben, während sein älterer Bruder sich mit Ackerbau beschäftigte, und führte im Gegensatz zu diesem ein frommes, gottgefälliges Leben. Einst, da beide gleichzeitig Opfer darbrachten, gab Gott dem Abel sein Wohlgefallen zu erkennen, indem er sein Opfer annahm, während er das des Kain verwarf. Auf welche äußerlich wahrnehmbare Weise dieß geschehen sei, sagt der heilige Text nicht. Die herrschende Meinung der Kirchenväter und katholischen Exegeten ist, Abels Opfer sei durch Feuer vom Himmel entzündet worden, wie später das Opfer Aarons (Lev. 9, 24), Gedeons (Richt. 6, 21), Davids (1 Par. 21, 26), Salomons (2 Par. 7, 1), des Elias (3 Kön. 18, 38), Nehemias’ (2 Mach. 1, 32). Kain faßte in Folge hiervon einen heftigen Neid und tödtlichen Haß gegen seinen Bruder und wußte sich bald eine Gelegenheit zu schaffen, diesen zu tödten. Wie er den Mord ausgeführt, gibt der heilige Text nicht näher an, sondern bezeichnet nur als Schauplatz desselben das [Bd. 1, Sp. 32] freie Feld. Manche Ausleger haben darüber eine Menge von Vermuthungen aufgestellt, die jedoch ohne alle glaubhafte Überlieferung und darum ohne Werth sind. Am ehesten könnte man noch die im Orient allgemein angenommene und auch von Kirchenvätern vertretene Überlieferung über den Schauplatz der That annehmen, wonach das Ereigniß in der Nähe von Damascus, wohin man auch das Paradies verlegte, stattgefunden. Selbst der Name von Damascus (hebr. דַּמֶּשֶׁק) wird damit in Zusammenhang gebracht, sofern דָּם Blut und שָׁקָה trinken bedeutet. (So der hl. Hieronymus Comm. in Ezech. 27, 18.) Die rabbinischen und mohammedanischen Fabeln aber, daß Kain seinen Bruder um sein schöneres Weibe beneidet, und als Satan vor ihm einen Vogel mit einem Stein tödtete, auf gleiche Weise auch den Abel erschlagen, ihn dann in einer Thierhaut 40 Tage lang mit sich herumgeschleppt und endlich begraben habe, als vor ihm ein Rabe einen todten Raben im Sand verscharrt habe, verdienen höchstens wegen ihrer Sonderbarkeit eine Erwähnung. Das Blut des unschuldig Gemordeten schrie sofort um Rache zum Himmel (daher der Name der »himmelschreienden Sünden«). (Vgl. Gen. 4, 14–16, und wohl auch die dunkle Stelle V. 24.) Auf die mythische Auffassung der pentateuchischen Erzählung von Kain und Abel, daß nämlich durch sie die zwei Hauptgattungen menschlicher Lebensweise (Viehzucht und Ackerbau) repräsentirt, jedoch das durch die Patriarchen geheiligte Hirtenleben in der Person Abels freundlicher gezeichnet und zugleich der frühe Ursprung der Opfer aus dem Thierreich angedeutet werden solle, gehen wir billig nicht ein. Eine mythische Auffassung in dieser oder einer andern Form verträgt sich schon nicht mit Stellen, wie Hebr. 11, 4, wonach Abel wegen seines Glaubens ein besseres Opfer brachte als Kain und durch das Zeugniß Gottes selbst für gerecht erklärt wurde und ,wenngleich gestorben, durch seinen Glauben nocht jetzt redet; und Matth. 23, 35, wo das Blut des gerechten Abel neben jenem des Sohnes des Barachias oder Jojada erwähnt wird, das gleich jenem die Rache des Himmels herabrief (2 Par. 24, 22) und daher wie jenes als Repräsentant für alles um des Glaubens und der Gerechtigkeit willen vergossene Blut gebraucht ist. Der betreffende biblische Bericht will vielmehr einfach durch Thatsachen lehren, wie die Sünde schon in den Kindern der ersten Eltern fortwucherte, welche Früchte sie schon damals brachte, und welche sie in Zukunft noch zu bringen versprach. – Abel ist ein Vorbild Christi, als der Erste, den Gott selbst als gerecht bezeichnet; er ist durch seinen Hirtenstand, sowie durch sein Opfer und durch seinen Tod um der Gerechtigkeit willen ein Vorbild Christi des im höchsten Sinne des Wortes Gerechten (Jer. 23, 5), des guten Hirten (Joh. 10, 11. Is. 40, 11. Ez. 34, 23; 37, 24. Zach. 11, 4), der wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wurde (Is. 53, 7), und das Gott wohlgefälligste Opfer [Bd. 1, Sp. 33] am Kreuze dargebracht hat und in der heiligen Eucharistie stets erneuert (vgl. Hebr. 12, 24. Mal. 1, 11). Darum wird Abel als Vorbild Christi abgebildet mit dem Lamm auf dem Arme, und die Kirche erwähnt sein Opfer im Canon der heiligen Messe neben dem Abrahams und Melchisedechs, den beiden anderen Hauptvorbildern des Opfers Christi. Abel ist auch Vorbild aller um des Glaubens und der Gerechtigkeit willen Getödteten (S. Aug. Civ. Dei 14, 28).

[(Welte) Holzammer.]


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