Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 34]Abendmahl, das Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern am Abende vor seinem Leiden hielt. 1. Tag der Feier. Nach Matthäus (26, 17) sprachen die Jünger am ersten Tage der ungesäuerten Brode zu Jesus: »Wo, willst du, sollen wir dir zurichten, das Pascha zu essen?« Dieß war für die Leser des ersten Evangeliums so deutlich, daß sich jeder weitere Zusatz ungeschickt ausgenommen hätte. Jesus hielt also Pascha mit seinen Jüngern, wie es das Gesetz vorschrieb, am 14. Nisan. Dagegen macht der Bericht des hl. Johannes den Eindruck, als ob eben der 14. Nisan, der Vorabend des Paschafestes, der Todestag Jesu gewesen sei. Diese Differenz hat deßhalb eine große Wichtigkeit, weil man sie geradezu eine unasugleichbare nannte, und davon ausgehend die Authentie bald des einen, bald des andern Evangeliums angriff. Ein irrthümlicher apostolischer Bericht über den Tag der Paschafeier sei so wenig denkbar, als über den des Todes Jesu; die Richtigkeit der Angabe des vierten Evangeliums stelle den apostolischen Ursprung des ersten in Abrede, wie auch der umgekehrte Fall angenommen werden müsse. Es ist daher begreiflich, daß die gläubigen Erklärer alle Anstrengungen machten, die beiderseitigen Angaben in Harmonie zu bringen. Der eine Versuch, den Bericht des Matthäus dem des Johannes unterzuordnen, muß als mißlungen angesehen werden. [Bd. 1, Sp. 35] Er concentrirt sich, mit verschiedenen außerwesentlichen Modificationen, in der ganz willkürlichen Annahme einer Transferirung des Paschafestes. Es sei in jenem Jahre, um die unmittelbare Aufeinanderfolge zweier Sabbate zu vermeiden, vom Freitage auf den Samstag verlegt, von Jesus aber zur gesetzlich bestimmten Zeit gehalten worden. Haneberg, welcher noch in seinen religiösen Alterthümern diese von Maldonat empfohlene Ausgleichung vertrat, sagt im Commentar zum Johannes-Evangelium: »Eine nochmalige Prüfung aller Umstände führte zu dem Ergebnisse, daß eine solche Verlegung unthunlich sei.« Im gegenwärtigen Kalender der Juden fällt der Paschafesttag nie auf einen Montag, Mittwoch oder Freitag, nach der rabbinischen Regel des sogen. bado (בדו), aber dieß geschieht durch Berechnung, nicht durch Transferirung, weder vorwärts noch rückwärts, und stammt aus einer späten Zeit (Maimonides, Kidd. hachodesch, 5, 3; Fürst, Bibl. Judaica II, 297. Das Nähere in meinem Comment. zu Luc. 3, 221 f.). Davon abgesehen und selbst zugegeben, daß gegen die Geschichte und den Buchstaben des Gesetzes Translationen des Festes, wie in unsern Directorien, vorgekommen seien, würden wir nichts gewinnen; denn Matthäus spricht nicht vom 14. Nisan, sondern vom ersten Tage der ungesäuerten Brode, der eben auch mit verlegt worden wäre. Denselben Ausdruck haben die beiden anderen Evangelisten, und zwar, um ihrer Leser willen, der eine mit dem Zusatze: an welchem man das Pascha schlachtete (Marc. 14, 12), der andere: an welchem man das Pascha schlachten mußte (Luc. 22, 7). Hätte Jesus aus eigener Vollmacht die Feier des Pascha anticipirt, weil er Herr des Pascha wie des Sabbates war, würden es die Evangelien so wenig mit Stillschweigen umgangen haben, als seine Sabbatheilungen. Dem Apostel Paulus hätte es als Waffe gegen die Judaisten, der Einführung der Sonntagsfeier als nächstligende Rechtfertigung gedient. Die Angabe der Synoptiker steht also fest. Gehen wir über auf Johannes. Zur Zeit, da er das Evangelium schrieb, hatte die ephesische Kirche schon seit Decennien ihre Osterliturgie. Wäre darüber ein authentisches Document vorhanden, so würde dieß einen sicheren Canon für jene Stellen im Evangelium bilden, welche auf die Zeitbestimmung des Pascha Bezug haben; denn er konnte einen Ritus, welcher im Widerspruche mit der Geschichte gewesen wäre, weder einführen, noch dulden. Wir sind wirklich im Besitze eines solchen Actenstückes aus dem durch die Osterstreitigkeiten im zweiten Jahrhundert veranlaßten gegenseitigen Schriftenwechsel der dabei betheiligten Bischöfe; darin wurde aber nicht über die Feier, sondern nur über den Tag der Feier verhandelt, denn die Liturgie war in allen Kirchen dieselbe (Darbringung des Opfers, gemeinsame Communion am Ende der Fasten), der Tag der Feier verschieden. Da dieß manche Störungen und Ungelegenheiten zur [Bd. 1, Sp. 36] Folge hatte, suchte Papst Victor (196) kraft seines oberhirtlichen Amtes eine Einheit auch hierin herzustellen und den Gebrauch der römischen Kirche allen gleichmäßig vorzuschreiben. Er bestand darin, daß der Wochentag, nicht der Monatstag festgehalten wurde, und daß die Paschafeier den Schluß, nicht den Anfang der Passionzeit bildete. Obgleich die Mehrzahl der Kirchen denselben Ritus hatte, erhob doch Polykrates von Ephesus im Namen der kleinasiatischen Bischöfe (den von Hierapolis vielleicht ausgenommen) gegen die allgemeine Einführung Protest. Unter Berufung auf die Apostel Philippus und Johannes, auf den Aposteljünger Polykarpus, auf Thraseas von Eumenea, Melito von Sardes und Andere schrieb er an Papst Victor und die römische Gemeinde: »Diese alle beobachteten den 14. des Nisan als Pascha, nach dem Evangelium. … Und auch ich … werde es so halten nach der Überlieferung meiner Verwandten. Ihrer sieben waren Bischöfe, ich der achte, und sie haben immer den Tag gefeiert, an welchem das Volk den Sauerteig entfernte (Euseb. H. E. 5, 24). Daß se aber diesen 14. nicht als Todestag Jesu begingen, sehen wir aus Apollinaris von Hierapolis, der die Anhänger dieser Liturgie sagen läßt, der Herr habe am 14. mit seinen Jüngern das Lamm gegessen und am großen Tage der ungesäuerten Brode den Tod erlitten (in Praef. Chron. Alex. 14, ed. Dind.). Auf eine exegetische Behandlung des Gegenstandes ließen sie sich allerdings nicht ein, aber auch ihre Gegner thaten es nicht, sondern suchten dem Streitpunkte, statt ihn als einen bloß rituellen zu behandeln, eine dogmatische Bedeutung abzugewinnen, als ob Jesus Christus, damit er unser Pascha sein könne (1 Cor. 5, 7), am 14. hätte sterben müssen. Consequent führte sie dieß zur weiteren Behauptung, daß die Abendmahlsfeier Jesu, von der jüdischen ganz getrennt, bei gesäuertem Brode stattgefunden habe. Das Concil von Nicäa brachte eine Vereinigung aller Kirchen zu Stande, aber auf die exegetische Behandlung hatte dieß keinen Einfluß. Wie leicht man es hierin nahm, sehen wir an Chrysostomus. Er erklärt: am ersten Tage der ungesäuerten Brode, durch: am Tage vor den ungesäuerten Broden (τὴν πρὸ τῶν ἀζύμων), und die Stelle bei Lucas: es kam der Tag der ungesäuerten Brode, durch: er war nahe, vor der Thüre (ἐγγὺς ἦν, ἐπὶ ϑύραις ἦν. Hom. 82 in Matth.). Da Johannes vom Pascha, das Jesus mit den Jüngern hielt, ganz schweigt, auch den Todestag unter der Voraussetzung, daß er Allen bekannt sei, nicht in der Weise officiell angibt, wie es die Synoptiker mit dem Tage des Abendmahles thun: wird es bei der Art, wie sein Evangelium entstanden ist, kaum befremden, wenn gelegentliche Bemerkungen Schwierigkeiten machen. Ohne sie zu unterschätzen, kann doch eine befriedigende sichere Lösung derselben gegeben werden. Vor Allem sagt man, die Kläger betraten nach Johannes das Prätorium nicht, damit sie nicht verunreinigt würden, sondern das Pascha essen [Bd. 1, Sp. 37] könnten (18, 28). Ganz denselben Ausdruck gebrauchen aber auch die Jünger: »Wo sollen wir zurichten, das Pascha zu essen?« Wenn dieser Ausdruck an beiden Stellen dasselbe bezeichnen müßte, dann hätten wir einen unlöslichen Widerspruch; dieß ist aber nicht der Fall. Zu Deut. 16, 2. 3 (»Schlachte als Pascha [פסח] dem Herrn, deinem Gott, Rindvieh und Kleinvieh an dem Orte, den der Herr erwählen wird. Sieben Tage sollst du dabei essen Ungesäuertes«) bemerken selbst jüdische Erklärer, das Wort Pascha bedeute hier überhaupt die zu Paschafestmahlen zu schlachtenden Opfer (chagiga חגיגה, ein talmudisches Wort); denn für das eigentlische Pascha sei ausdrücklich ein jähriges Lamm (שה) vorgeschrieben, und nicht Kleinvieh (צאן) überhaupt, noch viel weniger ein Rind (בקר) erlaubt gewesen. Auch könnte vom Paschalamme nicht gesagt sein, daß man zu ihm (»dabei« עליו) sieben Tage lang Ungesäuertes esse. (Vergl. Sal. Herxheimer, Der Pentateuch, Leipzig 1865, 913, mit Berufung auf Maimonides.) Die Juden, welche das Prätorium nicht betraten, meinten somit das Festmahl des Tages (des 15. Nisan). Daß nicht bloß dieses, sondern auch jedes Mahl während der sieben Tage Pascha (פ דורות) sei, also beantwortet wird: »Jenes aß man mit Eile in Einer Nacht, dieses ist im Gebrauche alle sieben Tage.« Überdieß aber hätte die Juden am 14. Nisan nichts gehindert, in das Prätorium hineinzugehen, denn das Paschalamm wurde erst mit Anbruch des 15. gegessen; die vorgebliche Verunreinigung war aber nur eine einfache, die am Abende vor Genuß des Pascha durch Bad und Wechsel der Kleider beseitigt werden konnte. Außer dieser Stelle beruft man sich dafür, daß Jesus am Vorabende des Pascha (am 14. Nisan) gestorben sei, auf Joh. 19, 14: »es war aber Parasceve (παρασκευή) des Pascha«; 19, 31: »damit nicht blieben am Kreuze die Leichname, da Parasceve war«, und 19, 42: »dorthin legten sie also wegen der Parasceve der Juden Jesus, weil das Grab nahe war«. Es ist vollkommen richtig, daß Jesus an einem Tage, der Parasceve hieß, starb; die Synoptiker haben denselben Ausdruck wie Johannes. Unrichtig ist aber, daß dieses Wort den Vorabend des Pascha oder sonst eines andern Festtages bezeichne, da Marcus Parasceve durch Vorsabbat (προσάββατον, 15, 42) erklärt, und kein Fest der Juden einfach Sabbat hieß; denn es ist ausgesprochene Lehre der Rabbinen, daß die Heiligkeit des Sabbates keiner von den Festtagen, selbst den Jom kippur (יום כפור, den Versöhnungstag) mit einbegriffen, erreichte (Raph. Hirsch, Der Pentateuch, III, 624). Nur dem Sabbate ging eine Zurüstung (παρασκευή, parasceve) vorher, nach welcher der ganze Tag benannt wurde, der also unserem Freitag (feria sexta) entspricht. Daß Johannes das Wort in dieser Bedeutung nimmt, sieht man am [Bd. 1, Sp. 38] Ausdrucke: es war Parasceve der Juden, d. i. es war Vorsabbat der Juden, weil die Christen nicht mehr den Sabbattag, sondern den Sonntag feierten. Was sollte Vorabend der Juden bedeuten? Die Rabbinen haben, während sie die vorhergehenden Wochentage zählen, für den Freitag den Namen ‛aruba, ערובחּא); s. Buxtorf, Lex. chald. rabb. f. 1659 mit Berufung auf Bereschit R., deren Redaction Zunz (Die gottesdienstl. Vorträge der Juden, 176) in das sechste Jahrhundert verlegt. In der Mischna heißt der Freitag ‛ereb schabbat (ערב ש׳, Sabbatabend), was genau dem προσάββατον des Marcus entspricht. Wenn nun im Midrasch Ruth (jünger als Ber. R.) der 14. Nisan ‛arubat pascha (ערובת פיסחא fol. 33, ed. Ven. 1545) und im gegenwärtigen Kalender der Juden ‛ereb pesach (ערב פ׳) heißt, und damit παρασκευὴ τοῦ πάσχα des Johannes identificirt wird, so ist diese Combination falsch; denn beide Benennungen gehören einer so späten Zeit an, daß sie nicht mehr als Auctorität für den älteren Sprachgebrauch aufgeführt werden dürfen. Die Mischna hat für den 14. Nisan die biblischen Benennungen ’arbaah ‛asar (ארבעה עשר), d. i. der vierzehnte (Tag), und ‛arbe pesachim (ערבי פסחים), d. i. die beiden Abende der Pesachlämmer, indem die spätere Praxis diesen Ausdruck so deutete, daß der erste Abend von Mittag, der zweite von Sonnenuntergang an gerechnet wurde. An einer einzigen Stelle (Pesach. 5, 1) hat sie neben ‛ereb schabbat wegen des Gleichklanges ‛ereb pesach, aber so, daß als eigentliche Benennung des Tages ‛arbe pesachim unmittelbar vorhergeht. Es wird dort nämlich gesagt, was zu thun sei, wenn der Paschaabend auf einen Sabbatabend falle. Andere Benennungen sind: der erste Tag vor dem Pascha (יום אחר קודם הפ׳), der erste Tag der ungesäuerten Brode. Um dem Worte παρασκευή die Bedeutung Abend (Vorabend) zu einem Feste wie zum Sabbate zu vindiciren, hat man sich noch auf Josephus (Antt. 16, 6, 2) berufen, der unter den kaiserlichen Privilegien der Juden auch jenes aufzählt, daß sie an den Sabbaten und an der vorangehenden Parasceve (τῇ πρὸ ταύτης sc. ἡμέρας παρασκευῇ) von der neunten Stunde an (drei Uhr nach Mittag) nicht zu Gericht geladen werden durften, indem man unter Sabbat die Festtage mit einbegriff. Es ist dieß aber ebenso willkürlich und unzulässig, wie die obige Zusammenstellung des παρασκ. mit ‛ereb pesach. Wie schon bemerkt, trennt der Jude den Sabbat als Tag der Ruhe vom Festtage als Tag der Freude, er vermengt nie beide mit einander. Die Bedeutung von Parasceve steht also fest; nicht so die von Pascha. Die Mischna und die Rabbinen haben für Paschalamm, Paschatag, Paschamahlzeit, Paschawoche kurzweg den Ausdruck pesach; sie überlassen die sachliche Unterscheidung dem Leser. Johannes folgt daher nur dem gewöhnlichen Sprachgebrauch, wenn er πάσχα bald im engern, bald im weitern Sinne anwendet. Nun ist es Anwendung eines [Bd. 1, Sp. 39] hermeneutischen Grundsatzes, das unbestimmte πάσχα nach dem bestimmten παρασκευή zu erklären, und diese kann in dem Satze: ἦν δὲ παρασκευὴ τοῦ πάσχα· ὥρα ἦν ὡς ἕκτη, »es war aber Parasceve des Pascha; es war nahezu die sechste Stunde«, gewiß nicht beanstandet werden. Denn hier redet voll Ergriffenheit, in Vergegenwärtigung jener schrecklichen Stunde, nicht der Geschichtschreiber, sondern der Apostel, der Jünger, den der Herr lieb hatte. Auch war παρασκευὴ τ. π. wohl schon damals im liturgischen Gebrauche, ähnlich wie der andere Ausdruck: »groß war der Tag jenes Sabbates«, Veranlassung wurde, den Charsamstag den großen Sabbat zu nennen. Beide Ausdrücke kommen in diesem Sinne in den Martyreracten des hl. Polykarpus (c. 7 u. 8) vor. Wenn man noch im Allgemeinen daran Anstoß nimmt, daß an einem Festtage Gericht gehalten und mancherlei knechtliche Arbeit vorgenommen wird, so soll nicht übersehen werden, wer hier die handelnden Personen sind: Pilatus und die römischen Soldaten, welche an kein Sabbatgebot gebunden waren. Moralisches Mitwirken war aber keine Sabbatverletzung. Dazu kommt, daß die Pharisäer ebenso gewandt waren, Kameele zu verschlocken, als Mücken zu seihen. Kaiphas hatte den Grundsatz ausgesprochen, dem Staatswohle müßten alle Bedenken weichen. Darnach handelte er und seine Helfershelfer mit ihm. Es besteht somit weder den Worten noch der Sache nach ein unlöslicher Widerspruch zwischen Johannes und den Synoptikern. Als traditionelle Zeugen werden aufgeführt Justinus (Tryph. 111), Irenäus (2, 22, 3), Origenes (in Matth. 26, 17), die apostolischen Constitutionen (5, 15), ein Ungenannter (im Spicil. Solesm. I, 10), worüber Langen (Die letzten Lebenstage Jesu, Freiburg 1864) und Wichelhaus (Versuch eines ausführl. Comment. zu der Gesch. des Leidens J. Chr., Halle 1855) die genaueren Nachweise geben. Das von uns hier Mitgetheilte dürfte eine nichtunerwünschte Ergänzung zu den bisher geführten Untersuchungen dieser beiden und anderer Gelehrten bilden.

2. Hergang der Feier. Das Paschalamm wurde zur ewigen Erinnerung an das geheimnißvolle Vorüberschreiten (פסח) des Todesengels am Vollmondsabende des Frühlingsmonates, Abib (חדש האביב d. i. Ährenmonat), nach dem Exile Nisan (ניסנ Esth. 3, 7) genannt, im Tempel geschlachtet und mit einbrechender Nacht unter feierlichen Ceremonien gegessen. Die Bestimmung des Monatsanfanges geschah aber nicht durch astronomische, wie immer beschaffene Berechnung, sondern durch Beobachtung des Neulichtes, dessen Eintritt zuerst durch Feuerzeichen vom Ölberge aus, später durch Boten kundgegeben wurde. Wurde z. B. das Neulicht an einem Donnerstage beobachtet, dann war Freitag der 1. Nisan, und dem entsprechend der 14. Nisan ein Donnerstag, der 15. ein Freitag. Mit dem Abendmahle begann die Festzeit, die sieben Tage (nach dem oben gesetzten Falle von [Bd. 1, Sp. 40] Freitag bis Donnerstag, 21. Nisan) dauerte, und während derer nur ungesäuerte Brode gegessen werden durften. Der 15. und 21. Nisan waren Feiertage, nach den Rabbinen der erste zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, der zwiete an den Durchgang durch das rothe Meer; es war die Rettungwoche des Volkes Israel. Das Fest bekam später dadurch eine Ausdehnung, daß man seit dem Exile auch noch den ganzen 14. Nisan zur heiligen Feier zählte, weßhalb Josephus von acht Tagen spricht (ἑορτὴν ἄγομεν ἐφ’ ἡμέρας ὀκτὼ, τὴν τῶν ἀζύμων λεγομένην. Antt. 2, 15, 1). Am Vorabende zum 14. wurde das gesäuerte Brod zusammengethan und am darauffolgenden Tage um die zehnte Stunde (vor Mittag) verbrannt. Die Schlachtung der Paschalämmer begann nach der Darbringung des täglichen Abendopfers, und daran schlossen sich die übrigen Vorbereitungen zum Paschamahle, das wesentlich aus drei Dingen bestand: dem Lamme mit anderem Opferfleische, den ungesäuerten Broden und den bittern Kräutern. Das Lamm erinnerte daran, daß der Heilige hinwegschritt über die Häuser der Kinder Israels in Ägypten, daher es Überschreitungsopfer (זבח פסח) hieß; die ungesäuerten Brode an die Eile, mit der sie aus Ägypten getrieben wurden und nicht zögern durften; die bittern Kräuter an die Bitterkeit, welche sie in Ägypten kosteten. Dazu kamen die Charoseth (charôseth), ein dichter Brei (Compot) aus Datteln, Feigen, Mandeln und andern Früchten, der durch Zimmet eine röthliche Farbe erhalten hatte, um an die Ziegel zu erinnern, welche sie in Ägypten bereiten mußten, und grüne Kräuter, die in Salzwasser getaucht wurden. Vorschriftsmäßig waren auch vier Becher Wein. Der gegenwärtige, sehr umständliche Pascharitus enthält spätere Zusätze, reicht aber seinem wesentlichen Inhalte nach in die Zeit des zweiten Tempels hinauf (vgl. Dav. Cassel, Die Pesach-Hagada, Berlin 5630 (1870), und G. Bickell, Messe und Pascha, Mainz 1872), und Jesus, der ein wirkliches Pascha feierte, hielt sich daran, allerdings ohne sklavische Abhängigkeit, wie sich schon darin zeigen mochte, daß er dafür eine frühere Stunde wählte. Dieß befremdete die Apostel nicht, weil sie wußten, daß er in der Nacht noch auf den Ölberg hinausgehen werde. Die Feier begann mit einem Weihegebete (kiddûsch, קדושׁ, sanctificatio), dem das Trinken des ersten Bechers von Seite der noch stehenden Tischgesellschaft folgte. Darauf wusch sich der Hausherr allein die Hände, segnete die Speisen, welche der Reihe nach auf den Tisch gestellt wurden, tauchte, während er die Benediction sprach, die jedem Genusse voranging (»Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du die Frucht der Erde erschaffen hast«), von den grünen Kräutern etwas in Essig, aß und ließ es herumgehen. Nachdem der zweite Becher eingeschenkt war, folgte die Hagada, d. i. die gegenwärtig in eine ausführliche Formel eingekleidete Erklärung des Festes, die, von Jesus Christus vielleicht ganz kurz gefaßt, [Bd. 1, Sp. 41] von den Tischgenossen mit einem Dankgebete, mit dem ersten Theile des Hallel (Ps. 112, 1–9 u. 113, 1–8) und dem Trinken des zweiten Bechers geschlossen wurde. Jetzt erst sollte die eigentliche Mahlzeit beginnen. Jesus leitete sie mit den Worten ein: »Sehnlichst habe ich verlangt, dieses Pascha mit euch zu essen, ehedem ich leide; denn ich sage euch: Ich werde nicht mehr davon essen, bis daß es erfüllt sein wird im Reiche Gottes« (Luc. 22, 15. 16). Dann legte er sich zu Tische nieder. Das Liegen war ein Vorrecht der Freien. Der Sklave saß, der Herr lag zu Tische. Als Zeichen der Befreiung lagen daher beim Pascha auch die Armen zu Tische. Die Lager bestanden aus drei Reihen Diwanen mit den Tischen, die so gestellt wurden, daß sie ein Viereck mit einer freien Seite bildeten. Von ihnen war der obere Tisch gegenüber der freigelassenen Seite, sowie von den einzelnen Plätzen je der mittlere jeder Reihe der bevorzugte. Bei dem letzten Abendmahle hatte man den obern Tisch für drei, die beiden Seitentische für je fünf Personen hergerichtet. Da man sich mit der linken Hand auf ein Polster stützte, sich also links etwas niederbeugte, sagte man vom rechts Sitzenden: er liege im Schoße (an der Brust) des Andern, weil er leicht sein Haupt zu ihm hinneigen konnte. Doch war an der linken Seite der eigentliche Ehrenplatz, denn die Aufwärter und Diener standen zur Rechten. Als auch die Apostel anfingen, sich niederzulassen, entstand eine Neigung zum Streit unter ihnen, indem durch die eigenthümliche Art des zu Tische Liegens manche weit vom Mitteltische, an dem Jesus zwischen Petrus und Johannes war, weggerückt wurden, und jeder gerne so nahe als möglich an seiner Seite gewesen wäre. Er aber, der in ihre Herzen sah und ihre Gedanken las (denn äußerlich war es zu keinem Streite gekommen) sprach zu ihnen: »Die Könige der Völker herrschen über sie, und die Machthaber werden Wohlthäter genannt. Ihr aber nicht also; sondern der Größere unter euch werde wie der Jüngere, und der Gebietende wie der Dienende« u. s. w. (Luc. 22, 24–30). Nach diesen Worten erhob er sich vom Tische, legte die Kleider ab, umgürtete sich mit einem Linnentuche und goß Wasser in ein Becken, augenscheinlich, um eine Waschung vorzunehmen und vielleicht das nachzuholen, was die Jünger versäumt haben mochten, nämlich die Händewaschung vor dem eigentlichen Mahle. Sie erschracken nicht wenig über dieses Versäumniß; als sie aber gar merkten, daß es sich um eine Fußwaschung handle, die nicht in Übung war, geriethen sie in eine solche Verwirrung, daß selbst Petrus kaum die Weigerung zu stammeln vermochte: »Herr, du wäschest mir die Füße?« Zunächst erkannten die Jünger in der Fußwaschung nur ihre moralisch-vorbildliche Bedeutung, eine thatsächliche Bestätigung des Wortes: »Ich bin in eurer Mitte wie der Dienende.« Die weiteren Worte, mit denen er seine Handlung motivirte, blieben ihnen augenblicklich noch ein Räthsel; doch bald sahen sie ein, [Bd. 1, Sp. 42] daß er damit eine Doppelabsicht verbunden habe, Judas zu warnen, und sie selbst durch eine innerliche Reinigung auf den würdigen Genuß des heiligen Abendmahles vorzubereiten (Joh. 13, 1–20). Wenn die Synoptiker trotz dieses wichtigen Umstandes von der Fußwaschung schweigen, kann dieß kein zufälliges Vergessen sein: es geschah mit Absicht. Die Fußwaschung der Jünger hatte eine wirkliche, innere Reinigung zur Folge. Diejenige Fußwaschung, welche später bei den Christen üblich wurde, war ein bloßer Act der Demuth, indem Bischöfe Laien, Hochgestellte Niederen, Herren (gläubigen) Sklaven, selbst Eltern den Kindern die Füße wuschen (Orig. ed. de la Rue IV, 422). Als ständige Ceremonie vor der Communion hätte man ihr leicht eine andere Bedeutung und eine sacramentale Kraft zuschreiben können, die sie an sich nicht hatte. Darum wurde sie bei der Feier des christlichen Abendmahles nicht bloß von Anfang an weggelassen, sondern ihrer auch nicht eher gedacht, als bis die Liturgie eine feste Gestalt bekommen hatte. Die Jünger, voll von den Eindrücken der Fußwaschung, hätten die bloß andeutende Vorhersage eines schweren Verbrechens, das an ihm verrätherisch werde verübt werden, bald wieder vergessen, wenn Jesus nicht nochmal, im Geiste erschüttert, bezeugt und gesprochen hätte: »Wahrlich, wahrlich, sage ich euch: Einer von euch wird mich überliefern. Siehe, die Hand dessen, der mich überliefert, ist mit mir auf dem Tische«, und nach wiederholter Frage der Jünger, noch deutlicher: »Der mit mir die Hand in die Schüssel getaucht«, d. i. der mit mir von den grünen Kräutern in den Essig getaucht hat, »dieser wird mich überliefern.« Zwar stellte Jesus diese schreckliche That unter den göttlichen Rathschluß, nach welchem es so kommen müsse, ohne daß aber dadurch Schuld und Sünde verringert werde (Matth. 26, 24): doch Petrus genügte diese Berufung auf den Willen Gottes nicht. Er wenigstens wollte thun, was in seinen Kräften läge, ein solches Verbrechen zu verhindern, und benützte den Augenblick eines Gespräches der Jünger unter sich oder einer Anfrage, dem Johannes zuzuflüstern: »Wer ist es, von dem er redet?« Johannes neigte sich gegen die Brust des Herrn hin und sprach leise: »Herr, wer ist es?« Jesus antwortete: »Der ist es, dem ich diesen Bissen eintauche und reiche.« Bisher hatte man vom Mahle nichts berührt. Auch was der Hausvater jetzt that, daß er erst ungesäuerte Brode, dann Bitterkraut und Charoseth, hierauf nochmal Bitterkraut und Ungesäuertes unter die Tischgenossen vertheilte, ging dem Mahle voran. Wenn nun Jesus alle drei Ceremonien vereinigte, was wohl geschehen konnte, und vom Tische aufstehend nicht Petrus oder Johannes, sondern dem an letzter Stelle sitzenden Judas das in die Charoseth getauchte Brod mit einem Bitterkraute reichte, worin ein Zeichen besonderer Zuneigung lag, so sahen es die Übrigen ohne Neid an. Es war ein Werk seiner Alle mit gleicher Zärtlichkeit umfassenden [Bd. 1, Sp. 43] Liebe. Judas aber hatte ganz andere Gedanken; gequält von seinem Gewissen, unzugänglich der warnenden Liebe, sprach er mit Zittern und Ingrimm: »Ich bin’s doch nicht?« Jesus antwortete: »Du sagst es.« Da fuhr, indem er das Dargereichte annahm, die angebotene Gnade aber verschmähte, der Teufel in ihn; und Jesus, wohl wissend, was in seiner Seele vorgehe, sprach mit dem Ernste des göttlichen Verhängnisses laut und Allen vernehmlich: »Was du thust, das thue bald.« Und Judas stand sogleich auf und ging hinweg. Es mochte die erste Stunde der Nacht, sieben Uhr nach unserer Zählung sein. Nachdem Alle der Reihe nach vom Dargebotenen genossen und Jesus seinen Platz wieder eingenommen hatte, eröffnete er das Mahl damit, daß er vom Opferfleische und dem Paschalamme zu essen anfing. Seine außerordentlich feierliche Stimmung wirkte, ohne drückend zu werden, auf die Jünger. Sie hielten in Stille, Ruhe und Sammlung Mahlzeit, bis Jesus zum Zeichen des Schlusses ein letztes Stücklein vom Paschalamme nahm. Statt des, jetzt wenigstens sehr langen, Danksagungsgebetes nach Tisch, das stehend verrichtet wurde, sprach Jesus, indem er sitzen blieb: »Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm.« Dann nahm er Brod und sprach die Danksagung und brach es, und gab es seinen Jüngern und sagte: »Nehmet, esset, dieses ist mein Leib. Dieß thut zu meinem Gedächtnisse.« Darauf nahm er den Kelch, sprach die Danksagung, gab ihnen denselben und sagte: »Trinket daraus alle; denn dieses ist mein Blut des neuen Bundes, das für Viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden (Matth. 26, 26–28). Dieß thut zu meinem Gedächtnisse« (Luc. 22, 19). Diese heilige Communion vertrat die Stelle des dritten Bechers, mit dessen Genuß das Tischgebet geschlossen wurde. Nach einer Pause sprach er: »Kindlein! noch eine kleine Weile bin ich bei euch«, und alles Andere, das der hl. Johannes bis zu den Worten berichtet: »Ich werde nicht mehr viel mit euch reden; denn es kommt der Fürst der Welt und an mir hat er nichts; sondern (es geschieht) damit die Welt erkenne, daß ich den Vater liebe, und wie mir der Vater aufgetragen hat, also thue« (Joh. 13, 33–14, 31). Er fuhr fort, während der vierte Becher gemischt und eingeschenkt wurde: »Ich frage euch, von nun an trinke ich nicht mehr von dieser Frucht des Weinstockes, bis auf den Tag, da ich sie mit euch trinke, eine neue im Reiche meines Vaters (Matth. 26, 29). Als ich euch aussandte ohne Beutel und Tasche und Schuhe, littet ihr an etwas Mangel?« Sie antworteten: »Nein.« Und er sprach: »Jetzt aber, wer hat, nehme Beutel und Tasche, und wer nicht hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert. Denn ich sage euch: Auch diese Schriftstelle muß an mir vollbracht werden: Und den Übertretern ist er beigezählt worden; und das mich Betreffende hat sein Ende erreicht.« Sie sprachen »Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter.« Er [Bd. 1, Sp. 44] sprach: »Es ist genug. Stehet auf, lasset uns von hinnen gehen« (Luc. 22, 35–38. Joh. 14, 31). Hierauf erhoben sie sich von ihren Sitzen und beteten das Hallel, nach welchem der vierte Becher getrunken wurde. Gegenwärtig besteht das Hallel aus zwei Theilen: Ps. 113 (zweite Hälfte: 1–9); Ps. 114, 1–9; Ps. 115, 10–19; Ps. 116, 1, 2 u. Ps. 117, 1–29. Dann folgt nach einem kurzen psalmähnlichen Zwischengebete der litaneiartige Ps. 135, 1–26 mit vielen Gebeten. Nach den Worten: »Zum kommenden Jahre in Jerusalem«, wird der vierte Becher getrunken und eine Danksagung gesprochen. Wenn Jesus nur einen Theil des Hallel mit den Jüngern sang, so war es, als sie den vierten Becher tranken, etwa die dritte Stunde der Nacht, und er konnte, im Saale verweilend, auch noch jene, mit dem Gleichnisse: »Ich bin der wahre Weinstock«, beginnenden, erhabenen, rührenden, trostvollen Worte und Gebete sprechen, die uns Johannes (Kap. 15, 16 u. 17) überliefert hat.

[Schegg.]


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