Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 44]Abendmahlsfeier in der katholischen Kirche, s. Messe und Communion. Eine gesonderte Besprechung verdient, im Anschluß an das über das erste Abendmahl Vorgetragene, der Gebrauch der ungesäuerten Brode. Die Worte Jesu: »Sehnlichst habe ich verlangt, dieses Pascha mit euch zu essen«, lassen über die Thatsache des Gebrauches ungesäuerter Brode beim letzten Abendmahle keinen Zweifel; denn Gesäuertes und Pascha schließen einander aus. Die ununterbrochene Beobachtung dieser gesetzlichen Vorschrift im Kreise der ersten apostolischen Gemeinde hängt enge mit dem Opfercharakter der eucharistischen Feier, mit der Gewissenhaftigkeit, der Einsetzung Jesu in Allem getreu zu bleiben, und mit der Thatsache zusammen, daß der Genuß ungesäuerter Brode nicht, wie bei uns, zu den ganz ungewöhnlichen Dingen gehörte und bloß auf die Ausnahmsfälle des eiligen Backens beschränkt war. Schon die Sitte, täglich den Bedarf des Brodes im eigenen Hause zu backen, macht eine nicht selten vorkommende Unterlassung der Säuerung erklärlich. Ungesäuertes Brod wird noch heutzutage in den Städten des Orientes viel gegessen, und der Beduine macht vom Sauerteige fast gar keinen Gebrauch. Frisch gebacken ist es schmackhaft und unschädlich (Robinson, Palästina I, 55). Der Opfercharakter der eucharistischen Handlung, im ersten Corintherbriefe (10, 16–21) und dem an die Hebräer (13, 10–12) bezeugt, wird von den Apostelzeiten an so ununterbrochen und entschieden ausgesprochen (Cyprian. ep. 68: Sacerdos in altari vice Christi fungitur et sacrificium verum et plenum Deo Patri in passionis Unigeniti sui offert recordationem), daß selbst Grabe (zu Iren. 4, 17) bekennt: Certum est, Irenaeum ac omnes quorum scripta habemus Patres, apostolis sive coaevos, sive proxime succedentes, [Bd. 1, Sp. 45] s. Eucharistiam pro novae legis sacrificio habuisse, atque hanc non privatam particularis ecclesiae vel doctoris, sed publicam universalis ecclesiae doctrinam atque praxin fuisse, quam illa ab apostolis, apostoli ab ipso Christo edocti, acceperunt, diserte docet Irenaeus (ed. Stieren II, 967). Es durfte aber nichts Gesäuertes als Opfer auf dem Altare dargebracht werden (Lev. 2, 4), ein Verbot, das die Apostel schon wegen der symbolischen Bedeutung des Sauerteiges (1 Cor. 5, 7. 8. Gal. 5, 9) nicht ignorirten. In Rom durfte der flamen dialis außer anderen Beschränkungen des Lebensgenusses wegen seines heiligen Amtes nichts Gesäuertes berühren (non fas, farinam fermento imbutam attingere. Plut., Quest. Rom. 109. Gell. 10, 15, 19). Eingedenk der Worte des Apostels: »Brüder, haltet fest die Überlieferungen, die ihr gelernt habt, sei es durch mündliche Rede, sei es durch einen Brief von uns« (2 Thess. 2, 14), hielten die apostolischen Väter und ihre nächsten Nachfolger nicht bloß mit größter Gewissenhaftigkeit, sondern oft auch mit unbeugsamer Festigkeit an den Traditionen ihrer Kirche. Cyprian sagt im Briefe an Cäcilius, wo er sich über die wesentlichen Bestandtheile des Meßopfers ausspricht: »Ist es überhaupt nicht erlaubt, an den Geboten des Herrn das Geringste zu ändern, um wie viel weniger darf man so große, so wichtige Vorschriften, die mit dem Geheimniß des Leidens des Herrn und unserer Erlösung in so engem Zusammenhange stehen, umstoßen oder in etwas anderes, als was von Gott eingesetzt worden ist, durch menschliche Satzung umgestalten. Wenn Jesus Christus, unser Herr und Gott, selbst der Hohepriester Gottes ist und dem Vater sich selbst zuerst als Opfer dargebracht und befohlen hat, dieses zu seinem Andenken zu thun, so verwaltet offenbar jener Priester sein Amt wahrhaft an Christi Statt, der die Darbringung gerade so zu vollziehen sich anschickt, wie er sieht, daß sie Christus vollbracht hat (si sic incipiat offerre, secundum quod Christum videat obtulisse, Ep. 62, p. 230. Epiphanius sagt vielleicht nur höhnisch von den Ebioniten, welche sich des Fleisch- und Weingenusses enthielten, daß sie, nachahmend die Heiligen in der Kirche, die Geheimnisse jährlich in ungesäuerten Broden feiern (haer. 30); er betont aber zugleich, daß Jesus das Pascha der Juden, Fleisch mit ungesäuerten Broden, nicht Brod allein gegessen habe (τοῦ Κυρίου ἐσϑίοντος τὸ πάσχα τῶν Ιὀυδαίων· πάσχα δὲ τῶν Ιὀυδάιων πρόβατον ἦν καὶ ἄζυμα, ib. c. 22). Wir werden daher von den conservativen Kirchen des Abendlandes, Rom an der Spitze, nicht anders erwarten, als daß sie die Eucharistie in ungesäuerten Broden feierten, wenn auch directe Zeugnisse dafür aus den ersten Jahrhunderten ganz fehlen sollten, weil man sich, nach dem Vorgange der Evangelien selbst, nur des allgemeinen Ausdruckes Brod bediente. Doch sagt der gelehrte Pamelius, in einer alten Handschrift der ambrosianischen Liturgie stehe: oblatio panis azymi [Bd. 1, Sp. 46] cum patena (s. Append. zum 2. Bd. von Cardinal J. Bona: Rerum liturgic. libri duo cum notis et observationibus D. Roberti Sala. f. LXXXI, Turin 1749). Anderweitige Zeugnisse vom allgemeinen Gebrauche finden sich allerdings erst seit dem achten Jahrhundert vor; aber es ist nicht ohne Gewicht, daß entgegenstehende Verordnungen nicht existiren und der Gebrauch des Ungesäuerten auf Jesus Christus selbst zurückgeführt wird. Rhabanus Maurus sagt: Panem infermentatum et vinum aqua mixtum in sacramentum corporis et sanguinis Christi sanctificari oportet, quia ipsas res de se Dominum testificari evangelium narrat (De institut. cleric. 1, 31). Die griechische Kirche wurde durch das dogmatische Vorurtheil, daß Jesus als unser Pascha am 14. Nisan habe leiden und sterben müssen, als ob nicht die Einsetzung der Eucharistie durch die Trennung des Fleisches und Blutes ein Opferact gewesen wäre, in die entgegengesetzte Observanz gleichsam hineingedrängt; denn hatte Christus sein Pascha anticipirt, d. i. nur ein πάσχα μνημονευτικόν gefeiert, dann geschah die Einsetzung mit Gesäuertem. Dazu kamen die steten Beunruhigungen durch die Häresieen, über die sie nicht Herr werden konnte, endlich der Haß gegen Rom, der auch vor den schlechtesten Mitteln und den lächerlichsten Anklagen nicht zurückschreckte. Der auf Anstiften des Patriarchen Michael Cärularius von dem bulgarischen Erzbischofe Leo von Achrida an den Bischof von Trani, Johannes, geschriebene Brief, mit welchem die schmachvolle Losreißung von Rom in Scene gesetzt wurde, sagt, daß Azymon gar kein Brod sei, daß es sich von Stein, Ziegel oder Thon gar nicht unterscheide, und darum an sich keine consecrirbare Materie bilde. Die weitere daran geknüpfte Correspondenz, welche Cornel. Will (Acta et scripta, quae de controversiis ecclesiae graecae et latinae saeculo undecimo composita exstant. Lips. et Marpurgi 1869) herausgegeben hat, kann hier, so belehrend sie ist, nicht weiter berücksichtigt werden. Wir sehen daraus einmal, daß der Gebrauch gesäuerter Brode auch in der griechischen Kirche nicht allgemein war; ferner, daß die Berufung der Abendländer auf apostolische Überlieferung nicht beanstandet wurde. Michael Cärularius beklagt sich in seinem ersten Briefe an den Patriarchen Petrus von Antiochia, der einen, allerdings sehr schwachen Versuch machte, das Schisma zu verhindern, daß die beiden Patriarchen von Alexandria und Jerusalem nicht bloß in Verbindung mit Rom bleiben und solche, welche Ungesäuertes essen, aufnehmen, sondern auch selbst zeitweise die Geheimnisse in Ungesäuertem feiern (a. a. O. 179). In einem dritten Briefe des oben genannten Leo an den Bischof Johannes von Trani steht: »Wir bedürfen, als Vollendete in der göttlichen Gnade, weder der leiblichen Beschneidung, noch der ungesäuerten Brode, wie die thörichten Juden und die ihnen gleichgesinnten Italer, Armenier und Ägyptier« (l. c. [Bd. 1, Sp. 47] p. 52). In seinem Briefe an den Patriarchen Petrus berief der Patriarch von Aquileja sich darauf, daß die Abendländer nicht bloß kraft apostolischer Überlieferung, sondern nach Anordnung Jesu Christi selbst Azyma hielten, ohne aber dßwegen den Gebrauch des Gesäuerten bei den Griechen zu verdammen, weil jede Übung ihre tiefe symbolische Bedeutung habe (l. c. p. 207). Petrus gab in seiner Antwort das Erstere zu, fügte aber bei, daß manches von den Aposteln Eingeführte in späterer Zeit, da sich die Kirche mehr befestigt und ausgebreitet habe, corrigirt und geändert worden sei; sie hätten wegen der überaus zahlreichen Juden in Rom anfänglich die ungesäuerten Brode gestattet, dann aber beseitigt (p. 226). Kurz zuvor hatte er aber in demselben Briefe gesagt, es sei absurd, anzunehmen, daß die Azyma als etwas Mangelhaftes, Todtes, Unbeseeltes in das lebendige und Leben spendende Fleisch unsers Herrn und Heilandes die Gläubigen einfügen und umgestalten könnten, da sich die Säuerung zum Mehlteige wie die Seele zum Leibe verhalte (l. c. p. 213). Er machte also den Aposteln den Vorwurf, etwas Absurdes geduldet zu haben. Das vollendete griechische Schisma veranlaßte die theologischen Schulen, sich mit dieser Controverse eingehend zu beschäftigen. Der Herausgeber der Rer. liturg. des Cardinals Bona leitet den Abschnitt darüber mit den Worten ein: Pervenimus ad celebrem, implexam atque inter eruditos valde et saepius agitatam quaestionem, und widmet ih noch Appendices et Supplementa von 120 Folioseiten. Die Scholastiker (Duns Scotus, Alex. v. Hales, Bonaventura, Thomas in 4 Sent. dist. 11. quaest. 2. art. 2) lehrten, die Kirche habe anfänglich in Ungesäuertem, dann entgegen den Ebioniten in Gesäuertem, nach deren vollständiger Überwindung und Beseitigung wieder in Ungesäuertem das eucharistische Opfer dargebracht. Jakob Sirmond (gest. 1651) stellte die Behauptung auf, daß die katholische Kirche sich bis zum Ausbruche des griechischen Schismas der gesäuerten, Mabillon (gest. 1707), daß sie, speciell die römische Kirche, sich nur der ungesäuerten Brode bedient habe, während Bona (gest. 1674) eine vermittelnde Stellung in der Weise einzunehmen suchte, daß er sagt, die Apostel hätten je nach den Umständen bald in gesäuerten, bald in ungesäuerten Broden die Eucharistie gefeiert, und die Kirche hätte weder auf das Eine noch das Andere wesentliches Gewicht gelegt. Mit ihm geht Natalis Alexander, doch die Mehrheit der Gelehrten neigt sich auf die Seite Mabillons (Cabassutius in notis Eccl. saec. II, diss. 12; Christ. Lupus, Schol. in canon. Conc. diss. de actis Leonis IX, c. 5 sq.; Edm. Martene, De antiq. Eccles. ritibus lib. I; Ant. Sardini, Diss II de perpetuo azym. usu; Joh. Ciampini, De az. et ferm. conject.; Kössing, Liturg. Erklärung d. hl. Messe, 3. Aufl., 355 f.; Probst, Sacramente und Sacramentalien, 201 f.). Mabillon und Bona führten über diesen Gegenstand [Bd. 1, Sp. 48] einen lebhaften, freundschaftlichen Briefwechsel, den der Letztere mit den Worten schließt: Haec scripsi, ut studium tuum et diligentiam excitarem, sicut scriptum est: Da sapienti occasionem, et addetur ei sapientia. Ceterum Deum oro, ut incerta et occulta sapientiae suae manifestet nobis, detque idipsum sapere in alterutrum secundum Jesum Christum, ut, sicut hortatur Apostolus, expurgato veteri fermento epulemur in azymis sinceritatis et veritatis. Romae die 14. Martii 1673 (Rer. liturg. II, Append. 101). Wenn man dem Satze des Cardinals Bona: utrumque (azyma et fermentatum) promiscue et licite saeculorum decursu pro tempore et locorum opportunitate apud Occidentales adhibitum fuiise, kaum beistimmen wird, so dürfte er doch für dringende Ausnahmsfälle der ersten Jahrhunderte in Anspruch genommen werden. Die Ausnahme hebt die Regel, die Dispensation das Gesetz nicht auf. (Vgl. Azymiten.)

[Schegg.]


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