Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 48]Abendmahlsfeier der Protestanten. Wie in der katholischen Kirche, so nahm auch von Anfang an in den von der sogen. Reformation gestifteten Religionsgemeinschaften die Abendmahlsfeier eine wichtige Stellung im Gottesdienste ein. Es machte sich aber in dieser Beziehung zwischen dem lutherischen und reformirten Bekenntnisse eine große Verschiedenheit geltend. Luther hatte das Meßopfer verworfen, behielt aber in der 1523 herausgegebenen formula missae die in lateinischer Sprache abzuhaltende Präfation, die Consecration sammt dem Sanctus und Benedicts, das Pater noster und Agnus Dei, die Austheilung der Communion, das Benedicamus und den Segen bei. Weit weniger hielt er sich an den römischen Ritus in der 1526 herausgegebenen deutschen Messe. Dieser gemäß sollte nach Absingung einiger Lieder, Verlesen der Epistel und des Evangeliums, Abhaltung der Predigt und nach einer vom Altar oder von der Kanzel aus gesprochenen Paraphrase des Vaterunsers und Vermahnung an die, so zum Sacrament gehen wollen, die Consecration und Austheilung des Abendmahls folgen, und zwar sollte das Brod sogleich nach seiner Consecration ausgetheilt werden und nachher der Wein unter Absingung eines Liedes. Obwohl Luther keine Spendeformel aufgestellt hatte, fand doch allmeählich in allen Gemeinden lutherischen Bekenntnisses die Formel allgemeine Aufnahme: Nehmet hin und esset (trinket), das ist der Leib (das Blut) unseres Herrn Jesu Christi (in manchen Kirchenordnungen kam auch die Formel vor: der wahre Leib, das wahre Blut), am Stamme des hl. Kreuzes für euch gegeben (vergossen) zur Vergebnung der Sünden; der stärke und bewahre euch im wahren Glauben zum ewigen Leben; worauf der Communicant mit Amen antwortet. Nach der Communion wird ein kurzes Dankgebet sammt dem aaronitischen Segen gesprochen. Beim Herzutreten sollte es »fein ordentlich und züchtig hergehen und nicht Männer und Weiber untereinander«; [Bd. 1, Sp. 49] ausgeschlossen war die Selbstcommunion des functionirenden Geistlichen. Beibehalten war aus der alten Kirche die Segnung der Elemente mit dem Kreuzeszeichen, der Gebrauch der Hostie, das Knieen der Empfänger und die Darreichung des geweihten Brodes in den Mund. Eigenthümlich war der Gebrauch bloß weißen Weines. – Viel einfacher und ganz schmucklos ist der Abendmahlsgottesdienst der Lutheraner im südwestlichen Deutschland, dessen Kirchenagenden fast alle den württembergischen Kirchenordnungen von 1536 und 1553 folgen und daher den Übergang zu denen der Reformirten bilden, an welche sie sich in mehrfacher Beziehung anschließen. – Was die reformirten Kirchengemeinschaften betrifft, so macht sich der Grundcharakter derselben, nämlich das Gemeindeprincip, auch in Beziehung auf die Abendmahlsfeier in soferne geltend, als dasselbe ausschließlich ein gemeinschaftliches Mahl darstellt, so daß die Hingabe des Herrn an den Einzelnen ganz in den Hintergrund tritt. Zur Vorbereitung auf dasselbe sollte je am Vorabende ein besonderer Gottesdienst stattfinden. Desgleichen fiel auch bei dieser allgemeinen Speisung die Spendeformel für jeden Einzelnen hinweg. Übrigens kann man innerhalb der reformirten Religiongemeinschaften drei Gruppen unterscheiden: die zwinglische, die calvinische und die melanchthonische oder deutsch-reformirte. Zwingli zeigte sich in Beziehung auf den Cultus conservativer, als hinsichtlich der Glaubenslehre. Er schloß sich in der Abendmahlsfeier an die katholische Messe an, aus der er Gloria, Kirchengebet, Epistel, Evangelium, Credo u. s. w. beibehielt, wobei er aber, wie Luther, den eigentlichen Kern, den Canon, hinwegließ. Nachdem die Einsetzungworte verlesen, bricht der Pfarrer das Brod, genießt selbst davon und reicht es denen, die neben ihm stehen. Diese bringen jeder Bank eine große viereckige Hostie, von der jeder Communicant ein Stücklein sich abbricht. Desgleichen gehen auch die aus Holz gefertigen Kelche in den einzelnen Bänken von Hand zu Hand. Mit Danksagung, Schlußermahnung und Segen wird die Feier geschlossen. – Calvin hielt sich weder an kathlische noch an lutherische Formen und behandelte den Cultus ganz aus sich selbst heraus, so daß er eine erschreckliche Einfachheit und Leere gewann. Die Abendmahlsfeier, welche allmählich auf die höchsten Feste beschränkt ward, besteht aus einem von Calvin selbst verfaßten Gebet nebst Ermahnung, daß alle Götzendiener, Gotteslästerer, Ehebrecher u. s. w. sich dieses heiligen Mahles enthalten, und daß jeder sein Gewissen vorher prüfen solle, ehe er hinzutrete. Nach einem kurzen Gebete zu Jesus Christus und zum himmlischen Vater um die Gnade eines würdigen Empfanges werden von dem Geistlichen die Brode, von einigen Mitgliedern des Consistoriums die Kelche den Hinzutretenden ohne Spendungsformel gereicht, indeß unter der Handlung von der Kanzel herab Schriftabschnitte [Bd. 1, Sp. 50] verlesen werden, die sich auf das Abendmahl beziehen. Ein kurzes Dankgebet bildet den Schluß der Feier. – Die Deutsch-Reformirten hielten sich im Allgemeinen an die calvinische Abendmahlsfeier mit mehr oder weniger Annäherung an lutherische Formen. So sollte z. B. nach der Pfälzer Agende der Kirchendiener einem Jeden von dem Brod des Herrn brechen und im Darreichen sprechen: Das Brod des Herrn, das wir brechen, ist die Gemeinschaft des Leibes Christi. Oder: Der Leib unseres Herrn Jesu Christi, für dich in den Tod gegeben, stärke und bewahre dich im Glauben zum ewigen Leben. Ähnliche Worte soll der Kirchendiener beim Darreichen des Kelches sprechen. – Am feierlichsten wird das Abendmahl in der anglicanischen Kirche gehalten, welche manches aus der altchristlichen Liturgie aufgenommen hat. Nachdem der Geistliche Brod und Wein genossen, reicht er es den knieenden Communicanten in die Hand. – Die Quäker feiern das Abendmahl gar nicht, während die Baptisten, Methodisten und andere protestantische Secten sich an die calvinische Ordnung halten. – Über die interessante Frage der Krankencommunion bei den Lutheranern und Reformirten verweisen wir der Kürze halber auf Ebrard, Reformirtes Kirchenbuch, 1846, XXXVII und 218 ff.; Kliefoth, Die ursprüngliche Gottesdienstordnung in der deutschen Kirche lutherischen Bekenntnisses, ihre Instruction und Reformation, 1859, V, 97 f. 155 ff. Über die protestantische Abendmahlsfeier überhaupt s. außer den so eben angeführten Büchern noch: Jacoby, Die Liturgik der Reformatoren, 1871, 1876. Eine bildliche Darstellung und Erklärung der Abendmahlsfeier der Lutheraner in Augsburg, der Züricher, der Reformirten in Amsterdam, der Anglicaner in der St. Paulskirche in London findet sich in dem Prachtwerke: Heilige Ceremonien der Christen, Juden, Mohammedaner u. s. w. durch David Herrliberger, in schönen Kupfertafeln nach des berühmten Picart Zeichnung und Erfindung dargestellt und mit einer zuerlässigen historischen Beschreibung begleitet, 2 Bde., Fol. Zürich 1744–46.

[J. N. Brischar.]


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