Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 50]Abendmahlsstreitigkeiten entstanden durch verschiedenartige Auffassung und Erklärung der Mysterien des Altarssacramentes. In den ersten Jahrhunderten war die Eucharistie durch die disciplina arcani vor profaner Erörterung geschützt. Innerhalb der Kirche ist der erste zu einem Abendmahlsstreite Veranlassung gebende Theologe der in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts lebende Paschasius Radbertus (s. d. A.), Abt von Corvey, gegen dessen Schrift: »Abhandlung über den Leib und das Blut Christi« der Erzbischof Rhabanus Maurus von Mainz (s. d. A.), sowie dessen Klosterbruder Ratramnus sich erhoben. Beide betonten hauptsächlich die formelle Verschiedenheit des physischen und eucharistischen Leibes Christi, während [Bd. 1, Sp. 51] Paschasius mehr die Identität des sacramentalischen Leibes mit dem von Maria geborenen hervorhob. Während beide Ansichten mit der kirchlichen Lehre nicht im Widerspruche standen, sondern sich gegenseitig ergänzten, entfernte sich von der letzteren Scotus Erigena (s. d. A.), welcher, ohne die reale Gegenwart Christi ausdrücklich zu läugnen, doch in der Eucharistie nur ein Gedächtniß des Leibes und Blutes Christi sieht. In seinen Fußstapfen wandelnd, war es Berengar von Tours (s. d. A.), welcher über die reale Gegenwart Christi im Sacramente und über das Verhältniß des Brodes und Weines zu dem Leibe und Blute Christi in den durch ihn hervorgerufenen langwierigen Streitigkeiten sich bald in irriger, bald in zweideutiger Weise ausdrückte, bis er sich zuletzt dem Urtheile der Kirche unterwarf. Weitere Verhandlungen veranlaßten sowohl die Stercoranisten als auch Folmar (s. d. A.). Nachdem der Gegenstand nunmehr von vielen Seiten erörtert worden war, wurde auf dem zwölften allgemeinen Concil (1215) als adäquatester Ausdruck für das Verhältniß von Brod und Wein zu dem Leib und Blute Christi in dem Sacramente das Wort Transsubstantiation festgesetzt, und so erhielt das Dogma nach einer wesentlichen Seite hin seinen Abschluß. Von demselben abweichende Lehrmeinungen konnten nur noch auf außerkirchlichem Gebiete auftreten. Die Albigenser und andere manichäische Katharer (s. d. A. Albigenser und Katharer) läugneten, wie schon die Gnostiker und Manichäer der alten Zeit, bei ihrer doketischen Ansicht von dem Leibe christi die Verwandlung des Brodes und Weines. Daher hatte die Segnung des Brodes (nicht des Weines), auf welche sie ein großes Gewicht legten, nur die Bedeutung, ihren Liebesbund zu symbolisiren. Die Waldenser (s. d. A.) erklärten die Anbetung der consecrirten Hostie für eine Sünde, verwarfen also wahrscheinlich ebenfalls die Transsubstantiation. Auch konnte ihrer Lehre zufolge die Eucharistie von keinem schlechten Priester, wohl aber von einem frommen Laien gültig gerreicht werden. Ähnlich lehrte der Engländer Wiklif (s. d. A.), ein im Stande der Todsünde befindlicher Bischof oder Priester könne nicht gültig weihen, consecriren und taufen. Die Substanz des materiellen Brodes bleibe in dem Sacrament des Altars zurück. Die Accidenzen des Brodes und Weines blieben nicht ohne Subject (das ist: die Substanz von Brod und Wein) in demselben Sacramente. Christus sei darin nicht identisch und wesentlich in eigener körperlicher Gegenwart. Hus (s. d. A.) folgte ganz der wiklifitischen Lehre über das Abendmahl und nahm insbesondere an, nach der Consecration sei Brod und Wein vorhanden. Da seine Anhänger die in der Kirche übliche Communion unter einer Gestalt für verdammt und der Anordnung Christi widersprechend erklärten, wurde dieselbe deßhalb auf dem Concil von Konstanz als kirchliches Gesetz erklärt. Doch wurde später von der Basler Synode den Kelchbegehrern, Calixtiner genannt, die Communion unter beiden Gestalten erlaubt, wenn sie im Übrigen die katholische Abendmahlslehre anerkännten. – Zur Zeit der sogen. Reformation wurden die bisherigen Irrthümer und Streitigkeiten über das Abendmahl erneuert. Karlstadt, das Haupt der Sacramentstürmer, läugnete die wirkliche Gegenwart Christi im Abendmahle. Luther (s. d. A.) schwankte in seinen Ansichten über diesen Gegenstand, je nach der Stimmung, in die er durch seine Streitigkeiten mit seinen verschiedenen Gegnern versetzt wurde. Doch kann man seine Lehre im Allgemeinen dahin bestimmen, daß er den Opfercharakter des Abendmahls verwarf, eine Ubiquität des Leibes Christi vermöge dessen hypostatischer Vereinigung mit der Gottheit annahm und endlich lehrte, in der Eucharistie verbleibe das wahre Brod und Wein zugleich mit dem Leibe und Blute des Herrn. In der Concordienformel (1577) wurde sodann die lutherische Abendmahlslehre dahin fixirt: Im Altarssacramente wird in, unter und mit dem Brod und Wein der Leib und das Blut Christi wahrhaft und wesenhaft dne Empfangenden, den Gottlosen sowohl als den Frommen, gespendet, und zwar findet diese mehr leibliche Gegenwart statt in Gemäßheit der durch die hypostatische Vereinigung motivirten Ubiquität der menschlichen Natur Christi. Während Luther wie in andern Punkten so in Beziehung auf das Abendmahl (seiner ganzen geistigen Richtung nach) der laten Kirche näher blieb, verflachte Zwingli (s. d. A.) den Abendmahlsbegriff der Art, daß er, ähnlich wie Karlstadt, Brod und Wein als bloße Zeichen oder ein Gedächtniß des nicht vorhandenen Fleisches und Blutes Christi erklärte, da die Worte: »Dieß ist mein Leib«, nur bildlich zu verstehen seien. Calvin suchte die Mitte zwischen der realen Gegenwart Christi und der bloßen Figur desselben einzuhalten, indem er lehrte, daß Brod und Wein zwar bleiben, was sie sind, und nicht Christi Leib werden, da dieser nur im Himmel sei, daß aber im Momente des Empfanges in die Seele des gläubigen, prädestinirten Empfängers eine göttliche Kraft von dem im Himmel befindlichen Leibe Christi übergehe. So heftig die Streitigkeiten waren, welche über das Abendmahl zwischen den verschiedenen protestantischen Religionsparteien stattfanden, so wurden die letzteren doch mit der Abnahme der starren Orthodoxie und dem Umsichgreifen des Indifferentismus einander immer näher gebracht, und so der Weg zu der Union angebahnt, in welcher die Lehrdifferenzen sollten ausgeglichen, resp. aufgehoben werden. Bei den Socinianern, Wiedertäufern und andern protestantischen Secten wurde das Abendmahl alles übernatürlichen Charakters entkleidet. – Cf. Bellarmin, De controversiis 2, 3; Bossuet, Hist. des variations; Mart. Gerbert, Theologia vetus et [Bd. 1, Sp. 53] nova circa praesentiam Christi in Eucharistia, 1756.

[J. N. Brischar.]


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