Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.


Aberglaube (Afterglaube, superstitio) ist der vielumfassende Name für eine großen Theil der sittlichen Verirrung der Menschheit, welche sich als specifische Gegensätze der Gott schuldigen Ehrfurcht oder der wahren Gottesverehrung (virtus religionis) darstellen (peccata irreligiositatis). Der Aberglaube ist 1. seinem Wesen nach betrachtet eine der Vernunft (oder zugleich auch dem christlichen Glauben) widerstreitende, den Schöpfer und Herrn der Welt entehrende Übertragung göttlicher Vollkommenheiten auf das Geschöpf, oder ein solches Verhalten des Menschen sich selbst oder andern Geschöpfen gegenüber, welchem jene Übertragung ausdrücklich oder stillschweigend zur Voraussetzung und {54} Grundlage dient. Dieser praktische Aberglaube wird in der Regel mit der entsprechenden theoretischen Verirrung verbunden sein; es ist aber auch denkbar, daß ein abergläubischer Wahn nicht zur praktischen Bethätigung gelangt, und daß umgekehrt abergläubische Sitten und Gebräuche geübt werden ohne Bewußtsein um den zu Grunde liegenden religiösen Irrthum oder ohne ernste Hingabe an denselben. Für die Beurtheilung der Sündhaftigkeit des Aberglaubens im Einzelnen sind diese Unterscheidungen nicht unwichtig (s. n. 3). Die ebengenannte Übertragung göttlicher Vollkommenheiten auf das Geschöpf, welche das Wesen des Aberglaubens ausmacht, kann in mehr oder minder umfassendem Maße, in directer oder indirecter Weise geschehen. So ergeben sich verschiedene Abstufungen dieser geistig-sittlichen Verirrung, oder die sogen. Hauptarten des Aberglaubens. Die directeste und eine die wahre Gottesverehrung gänzlich zerstörende Übertragung der genannten Art ist die Vergötterung der Creatur, wie sie uns im Heidenthum begegnet. Der heidnische Götter- und Götzendienst ist darum die vollendetste Form des theoretischen und des praktischen Aberglaubens, totale Verwechslung des Geschöpfes mit Gott und Anbetung desselben an Gottes Statt. Minder umfassend, jedoch wesentlich gleicher Art wie die eben genannte, sind zwei andere Verirrungen, welche nach Ausweis der Geschichte als die Hauptformen des Aberglaubens im engern Sinne betrachtet werden müssen: die Wahrsagerei (divinatio) und die Zauberei (magia, vana observantia). Das Wesen aller Wahrsagerei, wie mannigfaltig auch im Einzelnen ihre Formen sein mögen, besteht in dem Vorgeben oder in dem Versuche, eine Gott allein zukommende Wissenschaft des Zukünftigen oder sonstwie Verborgenen dem Geschöpfe abzufordern, sie demselben beizulegen oder auf natürlichem Wege zu vermitteln. Gott allein ist allwissend. Für den Ewigen allein ist die Zukunft, uns insbesondere das zukünftige freie Wollen und Thun des Menschen, kein verschleiertes Geheimniß. Die Wahrsagerei unternimmt es, in frevelhafter Auflehnung gegen Gottes Ordnung die Schranken zu durchbrechen, welche die menschlie Erkenntniß von der göttlichen trennen. Nicht bei Gott, sondern beim Geschöpfe wird die übernatürliche, jedem geschaffenen Erkenntnißvermögen unzugängliche Wissenschaft gesucht; auf das Geschöpf wird die Gott allein zukommende Vollkommenheit übertragen; ohe Gott, ja im Widerspruch mit Gott will der Mensch sich erheben über die Beschränktheit seiner geschaffenen Natur. Das ist die zweifache Impietät oder Verunehrung Gottes, welche die Wahrsagerei einschließt. Ähnlich verhält es sich mit den mannigfaltigen Arten der Zauberei. Hier werden geschaffenen Dingen oder Kräften im Widerspruch mit der gesunden Vernunft Wirkungen beigelegt oder abverlangt, welche durchaus nicht im Bereiche ihrer Wirksamkeit liegen können: sei es nun, daß gar kein erkennbarer natürlicher Zusammenhang zwischen {55} ihnen und der vorgeblichen zauberischen Wirkung besteht; sei es, daß letztere schlechthin und unter allen Umständen die Leistungsfähigkeit endlicher geschaffener Wesen und Kräfte übersteigt. In beiden Fällen gibt sich der Mensch wiederum dem Wahne hin, die seinem Wollen und Können durch Gottes Allmacht und Weltregierung gezogenen Grenzen eigenmächtig oder durch die Beihülfe anderer Geschöpfe überschreiten zu können; er überträgt direct oder indirect das göttliche Attribut einer unbeschränkten Macht auf geschaffene Wesen und macht sich zugleich einer Verläugnung oder Verachtung der alles Erschaffene umfassenden göttlichen Vorsehung und Weltregierung schuldig. So ist auch die Zauberei eine Gottlosigkeit und ein Irrthum zugleich. Wenn bei diesen abergläubischen Bestrebungen ausdrücklich oder stillschweigend die Geister der Hölle zu Hülfe gerufen werden, so entsteht die dämonische Wahrsagerei und Zauberei. Hier kommt zu den bisher genannten Irrthümern und Unordnungen noch der sündhafte Wahn hinzu, wonach der Mensch den Dämonen ein willkürliches, von der göttlichen Vorsehung unabhängiges Schalten und Walten beilegt und sich einbildet, nach eigenem Belieben die Geister wirklich rufen und sich dienstbar machen zu können, um dann mit ihrer Hälfe in die Domäne der göttlichen Allwissenheit und Allmacht einzudringen. Daß jene Anrufung der Geister unter Umständen mit Erfolg geschehen könne, muß nach der Lehre des christlichen Glaubens über die Beziehungen der Dämonen zu der gefallenen Menschheit, sowie nach den Erfahrungen der Geschichte durchaus festgehalten werden; aber ebenso gewiß ist für die Vernunft sowohl als für den Glauben auch die andere Wahrheit, daß die Erkenntniß und Wirkungsfähigkeit der Geister endlich und beschränkt ist, daß Gottes Vorsehung und Weltregierung auch all ihr Thun umfaßt, und daß sie darum nur soweit, als Gott es zulassen will, an dem menschlichen Wahne der Wahrsagerei und Zauberei sich betheiligen können. Wenn nun bei solcher dämonischen Wahrsagerei und Zauberei Erscheinungen oder Erkenntnisse zu Tage treten, welche über den Bereich der menschlichen Fähigkeiten hinausliegen, so erklären sich diese daraus, daß den reinen Geistern als solchen von Natur umfassendere und höhere Kräfte des Erkennens und Wirkens innewohnen, als dem Menschen, und daß ihnen bei dem Gebrauche derselben die vielerlei Schranken und Hindernisse welche dem Menschen durch die leibliche Seite seines Wesens gesetzt sind, nicht hemmend im Wege stehen (s. d. A. Zauberei). Eine letzte Hauptart des Aberglaubens hat sich wie ein giftiges Schlinggewächs an die christliche Gottesverehrung selbst angehängt, und solcher Weise das an sich Gute und Heilige vielfach verunstaltet und in’s Gegentheil verkehrt. Es geschieht dieß da, wo die heilbringende Kraft des Gebetes, des heiligen Opfers, der Verehrung der Heiligen u. s. f. nicht diesen Gnadenmitteln an sich, sondern irgend welchen völlig gleichgültigen und willkürlich {56} erdachten äußern Umständen zugeschrieben wird; oder wo man die Wirksamkeit derselben nicht als ein Gnadengeschenk von der freien Liebe Gottes demüthig erhofft, sondern vielmehr mit absoluter Gewißheit durch solche selbsterfundene Umstände glaubt erzwingen zu können. Auch hier ist die Sünde des Aberglaubens wesentlich darin gelegen, daß endlichen Dingen im Widerspruch mit der Vernunft und der göttlichen Welt- und Gnadenordnung übernatürliche Kräfte beigelegt werden, oder daß man ihnen die Ehrfurcht und das Vertrauen erweist, welche Gott allein und seiner Gnade gebühren. Der Aberglaube macht sich mithin sowohl auf dem Gebiete des natürlichen wie auf dem des übernatürlichen Lebens geltend. Von dem wahren Glauben an das Übernatürliche, womit er von atheistischem oder rationalistischem Standpunkt aus so oft identificirt wird, ist er nach den oben angegebenen wesentlichen Merkmalen leicht zu unterscheiden. Dieser nämlich führt alle übernatürlichen Wirkungen oder Erscheinungen, welche als solche über die Leistungsfähigkeit geschaffener Kräfte hinausliegen, stets auf Gott als deren höchste Ursache zurück. Dieß ist auch dann der Fall, wenn die Hervorbringung derselben, wie z. B. Beim Wunder, bei den heiligen Sacramenten oder den Sacramentalien, durch Vermittlung geschaffener Dinge oder menschlicher Persönlichkeiten geschieht. Solche gelten nur als Werkzeuge oder Träger der in ihnen waltenden oder durch sie wirkenden göttlichen Macht. Die Annahme, daß eine solche Vermittlung, sofern Gott sie will, möglich sei, enthält ebenso wenig einen Widerspruch gegen die Vernunft, als der Glaube, daß Gott vermöge seiner Allmacht und seiner Freiheit in der von ihm erschaffenen und regierten Welt Übernatürliches wirken könne. Überdieß aber nimmt der wahre Glaube das Übernatürliche als ein thatsächliches nur da an, wo er entweder in der ein- für allemal von Gott festgestellten oder regelmäßigen Gnadenordnung, oder in außerordentlichen, das Walten Gottes zweifellos bekundenden Umständen die volle Berechtigung zu jener Annahme findet. Hier zeigt sich also auch keine Spur von der den Aberglauben kennzeichnenden Willkür und Impietät gegen Gott und seine Providenz; vielmehr ist dieser Glaube eine ebenso vernunftgemäße als nothwendige Huldigung, welche der Mensch der göttlichen Majestät des Schöpfers und Herrn der Welt darbringt.

Die genannten Hauptarten des Aberglaubens treten uns in der Geschichte der Menschheit in einer zahllosen Menge besonderer Formen oder Spielarten entgegen. Bei den einzelnen heidnischen Völkern erscheint die pantheistische oder polytheistische Auffassung der Gottesidee je in eigenthümlicher Weise modificirt, und dieser Verschiedenheit entspricht eine ebenso große Mannigfaltigkeit der religiösen Cultformen (s. d. A. Heidenthum). Die besonderen Arten der Wahrsagerei und der Zauberei ergeben sich aus der Verschiedenheit der Mittel, welche den abergläubischen {57} Zwecken des Menschen dienen sollen. So wird ein ganz durchgreifender Unterschied dadurch begründet, daß jene Mittel entweder in der jenseitigen Geisterwelt, oder im Menschen selbst, oder in äußern Naturdingen gesucht werden. In das Gebiet ausschließlich dämonischer Wahrsagerei gehören: der Pythonismus (das von den bösen Geistern inspirirte Orakel), die Todtenbeschwörung (Nekromantie) und der Spiritismus mit seinen Geistererscheinungen, mit sogen. Geisterschrift, Tischklopfen u. dgl. Besondere Arten natürlicher Wahrsagerei, wobei jedoch eine ausdrückliche oder stillschweigende Zuhülfenahme der Geister mit unterlaufen kann, sind: die Astrologie, Geomantie, Hydromantie, Aëromantie, Pyromantie, je nachdem die Zeichen, aus welchen die Zukunft oder andere dem Menschen verborgene Dinge erkannt werden sollen, in der Constellation der Gestirne, an irdischen Substanzen (Stein, Holz u. dgl.), im Wasser, in der Luft oder im Feuer gesucht werden. Hinwieder wollte oder will man bei dem Haruspicium aus den Eingeweiden der Opferthiere, bei dem Augurium aus den Lautäußerungen, bei dem Auspicium aus den Bewegungen der Vögel und anderer Thiere, bei der Chiromantie aus den Linien der menschlichen Hand, bei der Oneiromantie durch Traumdeutung die höhere Erkenntniß gewinnen; bei dem Sortilegium endlich, das stets in der mannigfaltigsten Weise geübt wurde (Würfeln, Kartenlegen, Aufschlagen eines Buches, namentlich der heiligen Schrift u. dgl.), aus den zufällig sich ergebenden Zahlen oder den Anfangsbuchstaben oder ersten Worten eines aufgeschlagenen Textes u. dgl. Die unzähligen Spielarten der Zauberei, sei sie nun eine bloß natürliche oder zugleich dämonische, entstanden dadurch, daß bald bei den Dämonen, bald im Menschen selbst, bald auch in bestimmten Zeiten des Jahres, in sogen. Glücks- oder Unglückstagen, die zauberische Kraft gesucht wurde; oder dadurch, daß gewissen Orten oder Zahlen oder auch Thieren, Pflanzen, Naturstoffen oder künstlich bereiteten Zaubermitteln (Zaubertränke, Amulete), oder selbst heiligen Dingen, wie z. B. den Worten der heiligen Schrift, Reliquien, geweihten Medaillen u. dgl., ein zauberischer Einfluß zugeschrieben wurde.

2. Von dem abergläubischen Wahne der heidnischen Abgötterei lehrt die heilige Schrift ausdrücklich (Röm. 1, 21 ff., vgl. damit Weish. 13, 1 ff.), daß sein Ursprung in der menschlichen Sünde oder in dem praktischen Atheismus zu suchen sei, dem die gefallene Menschheit allmählich durch Gottvergessenheit und schrankenlose Sinnenlust sich ergab. Von den beiden andern Hauptformen des Aberglaubens, der Wahrsagerei und Zauberei, wird man schon wegen ihrer innern Verwandtschaft mit jener ersten, sodann auch wegen des gleichzeitigen Auftretens derselben in der Geschichte, das Gleiche sagen müssen; auch sie sind der Gottvergessenheit des Menschen entstammt und dem sündhaften Begehren desselben, die seiner {58} Neugierde und seinen sonstigen ungeordneten Leidenschaften durch die Beschränktheit seiner Kräfte oder durch die göttliche Weltordnung gezogenen Schranken zu durchbrechen. Nachdem aber einmal der heidnische Wahn an die Stelle der wahren Gotteserkenntniß getreten war, mußte die bereits vorhandene Neigung zu abergläubischem Denken und Thun um so mächtiger und verhängnißvoller für den Menschen werden. Indem er nun den Glauben an die göttliche Vorsehung und das Bewußtsein seines wahren sittlichen Berufes, sowie der sittlichen Kraft und Würde, die er in seinem freien Willen besitzt, eingebüßt hatte, waren ihm die mächtigsten und unentbehrlichsten Schutzmittel wider die Verlockungen des Aberglaubens entschwunden. Der reine und lebendige Glaube an die göttliche Vorsehung würde ihn ja davor bewahrt haben, den geschaffenen Dingen und ihren verborgenen Kräften eine willkürliche, unbegrenzte Wirksamkeit beizulegen; im Besitze dieses Glaubens würde er nicht dem Wahne sich hingegeben haben, als stünden ihm selbst die Wesenheiten und Kräfte der diesseitigen oder jenseitigen Welt zu beliebiger, eigenmächtiger Verfügung. Der reine und lebendige Glaube an seine eigene Willensfreiheit und an seine sittliche Würde hätte den Menschen davor behütet, sich selbst in seinem Innern oder in seinen äußern Lebensgeschicken von blinden Naturgewalten beherrscht zu wähnen, oder Andere einer solchen Gewaltherrschaft unterwerfen zu wollen. Das treue Festhalten an den genannten Grundlagen des religiösen und des sittlichen Lebens würde in dem Menschen die Gesinnungen der Gottesfurcht und der Demuth lebendig erhalten haben; er würde die gewünschte Ergänzung seines mangelhaften Erkennens und die nothwendige Hülfe in seiner Ohnmacht bei der göttlichen Vorsehung gesucht und nicht der Versuchung Raum gegeben haben, im Widerspruch mit ihr, auf selbsterwählten Wegen über die Beschränktheit seiner Natur sich erheben zu wollen. Es ist ferner anzunehmen, daß, wie bei dem ersten Sündenfalle und bei der menschlichen Sünde überhaupt, so auch bei dem Ursprung und der Entwicklung des Aberglaubens der dämonischen Verführung eine entscheidende Rolle zufalle. Die Natur der Sache und mannigfache thatsächliche Erscheinungen in der Geschichte des Aberglaubens sprechen für diese Annahme. Unverstand, Unwissenheit und anderseits bewußte Täuschung und Trug haben nicht minder zu allen Zeiten die Entwicklung des Aberglaubens gefördert. Das Fortwuchern desselben innerhalb der christlichen Gesellschaft erklärt sich schon aus dem bisher Gesagten. Die Mächte der Sünde, des Irrthums, des Unglaubens, dämonischer Verführung, der Unwissenheit und des Truges gelangen auch hier immer wieder in größerem oder geringerem Maße zur Geltung; daher kann es nicht auffallen, wenn die gleiche Wurzel immer wieder neue Sprößlinge gleicher Art hervortreibt, da ja die menschliche Natur mit ihren Schwächen und Unordnungen stets sich selbst gleich bleibt. {59} Dazu kommt die industrielle Speculation, welche, wie in altheidnischer Zeit, so auch bis heute die allgemeine natürliche Neigung zum Aberglauben, oder auch die besondern jeweiligen Strömungen des Unglaubens oder der Immoralität ausbeutet und durch Verbreitung abergläubischer literarischer Producte, durch allerlei abergläubische Praxis mit oder ohne Zuhülfenahme der Geister in kaum glaublichem Umfange zur Erhaltung und Entwicklung dieses geistigen und sittlichen Übels beiträgt. Endlich ist zu beachten, daß gar manche abergläubische Anschauungen und Gebräuche den Charakter der Volkssitte angenommen haben und in dieser Gestalt aus dem Heidenthum in die christliche Gesellschaft herübergeschleppt worden sind. Die zähe Lebenskraft, welche der Volkssitte auf allen Gebieten des Lebens eigen ist, hat auch hier vielfach Jahrhunderte lang den Einflüssen des Christenthums und der Kirche Trotz zu bieten gewußt. Die ehemals heidnischen Anschauungen und Gebräuche werden aber vom christlichen Volke, das an ihnen wie instinctmäßig festhält, durchgängig nicht mehr verstanden; in sehr vielen Fällen wird auch kaum noch von einer wirklich abergläubischen Absicht bei derartigen Erscheinungen des Volkslebens die Rede sein können. Die heidnische Auffassung der Natur, der Geisterwelt, des Menschen und seines Verhältnisses zu beiden, die Götter mit ihren verschiedenen Attributen, das Alles bildet den dunkeln, vom christlichen Volke meist kaum geahnten Hintergrund dieses sogen. Volksaberglaubens. Daher die zauberischen Tage und Zeiten, Orte und Zahlen; daher die magische und wahrsagerische Bedeutung und Anwendung von vielerlei Pflanzen und Thieren, daher der Glaube an zaubende und wahrsagende Personen, an Sympathie, an den bösen Blick, an Vorbedeutungen, an die Kraft der Besprechung und zahllose ähnliche Dinge (vgl. Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 2. Aufl. 1869; Simar, Der Aberglaube, 2. Aufl. 1878).

3. Der Aberglaube muß im Allgemeinen (ex genere suo) als schwere Sünde betrachtet werden, weil er unmittelbar die Gott oder heiligen Dingen schuldige Ehrfurcht, sowie die religiöse Wahrheit verletzt, und eine directe oder indirecte Hingabe des Menschen an den Dienst der Dämonen, eine Beförderung ihrer gottwidrigen Bestrebungen einschließt. Ausnahmslos gilt dieser Satz von allen Arten der Abgötterei, sowie von aller Wahrsagerei und Zauberei, wobei eine ausdrückliche oder stillschweigende Berufung auf die bösen Geister stattfindet. Aber auch wenn Letzteres nicht der Fall ist, genügen diese eben angedeuteten Kriterien, um alles, was wirklich unter den Begriff abergläubischer Wahrsagerei und Zauberei fällt, objectiv oder der Art nach als schwere Sünde erscheinen zu lassen. Im Einzelnen jedoch, oder in Bezug auf die subjective Schuld wird man sehr oft milder urtheilen dürfen. Man wird in dieser Hinsicht bei manchen an sich abergläubischen Anschauungen oder Gebräuchen darauf zu sehen haben, ob sie auch wirklich mit bewußter abergläubischer {60} Absicht, mit irgend welcher Erkenntniß ihres abergläubischen Charakters gehegt und geübt werden. Dieß gilt namentlich von dem oben erwähnten Volksaberglauben. Hier wird man in vielen Fällen wohl eher Thorheit und Unverstand, oder gedankenlose Gewohnheit, als eine schwere Versündigung zu erkennen haben. Es ist auch selbstverständlich, daß keine Sünde oder doch keine schwere Sünde vorliegt, wenn etwas an sich Abergläubisches, wie z. B. das Kartenlegen, nur im Schwerze oder zur Unterhaltung, ohne jede abergläubische Absicht vorgenommen wird, vorausgesetzt, daß nicht hier, wie auch etwa in den zuvor genannten Fällen, die Folgen der Handlung oder sonstige Umstände eine schwere Versündigung begründen.

4. Daß die Kirche den Aberglauben der Wahrsagerei und Zauberei als schwer sündhaft betrachte, erhellt auch aus den Strafen, mit welchen sie diese Vergehungen bedroht hat. Cleriker, welche sich derselben schuldig machen, sollen nach canonischem Rechte mit Deposition, unter Umständen mit Degradation und Verweisung in ein Kloster zum Zwecke lebenslänglicher Buße bestraft werden; Laien und Cleriker soll die Strafe der Excommunication und der Infamie treffen (C. 26. qu. 1–5). Die Kirche hat ihre Bemühungen, durch Belehrung und Strafandrohung dem Fortwuchern des Aberglaubens zu steuern, durch alle Jahrhunderte fortgesetzt. Decrete allgemeiner und particulärer Synoden, päpstliche Constitutionen, Erlasse beschöflicher und päpstlicher Behörden haben sich bis in die neueste Zeit mit diesem Zweige der kirchlichen Disciplin vielfach in der eingehendsten Weise beschäftigt (vgl. Ferraris, Prompta bibl. s. v. Superstitio n. 40 sq.; Schmalzgrueber, Jus eccl. univ. 5, tit. 21; HErm. Gerlach, Das canonische Recht wider den Aberglauben, Archiv für katholisches Kirchenrecht 1865, II, 161; Fehr, Der Aberglaube und die katholische Kirche des Mittelalters, Stuttgart 1857; Binterim, Die vorzüglichsten Denkwürdigkeiten der christkatholischen Kirche, II, 521. Sonstige Literatur s. bei Gerlach a. a. O.; Simar a. a. O.). Die staatliche Gesetzgebung des römischen Reiches war seit Constantin in gleicher Richtung den Impulsen der Kirche gefolgt und hatte alle Wahrsagerei und Zauberei mit den schwersten Strafen bedroht. Ähnliche Bestimmungen finden sich in dem mittelalterlichen deutschen Rechte (vgl. L. 10. C. de episc. aud. I. 3. L. 2. 5. 7. C. de malef. et mathem. IX, 18: Jarcke, Handbuch des gem. deutschen Strafr. II, 47).

5. Auch die christliche Wissenschaft ist dem Aberglauben allzeit mit mächtigen Waffen entgegengetreten. Die Theologie und die mit ihr auf’s Engste verbundene Philosophie hat nächst dem christlichen Glauben am meisten beigetragen zur Vernichtung der heidnischen Weltanschauung, zur Befreiung des menschlichen Geistes aus den Banden der dualistischen und atheistischen Irrthümer, welche dem Aberglauben {61} in der heidnischen Vorzeit zur Existenz verholfen hatten. So hat sie dem Aberglauben die Wurzeln und die Bedingungen seines Lebens und seiner Herrschaft entzogen. Aber auch in directer Weise hat sie ihn bekämpft, indem sie sein Wesen und seinen Ursprung aufdeckte oder ihn vor das Forum der Vernunft und der Moral citirte. Schon in den Schriften des hl. Augustinus finden sich tiefsinnige philosophisch-theologische Erörterungen über das Wesen des Aberglaubens und die eng damit zusammenhängenden Erscheinungen sogen. dämonischer Wunder und Orakel (vgl. bes. de divin. daemon.; de doctr. christ. 2, 20 sq.; De Civ. 8, 19 sq.; 10, 8 sq.; De Trin. 3, 7. 8). Die mittelalterliche Wissenschaft hat dann auch in diesem Punkte an Augustinus angeknüpft und dessen Ideen mehr systematisch entwickelt und begründet (vgl. Thom. Aq. Summa theol. I. Q. 110. 111. 114; II. 2. Q. 92–96). In der spätern canonistischen und moraltheologischen Literatur ist die in Rede stehende Frage regelmäßig mit besonderer Rücksichtsnahme auf die jeweiligen Zeitbedürfnisse und im Anschlusse an die kirchliche Gesetzgebung, und zwar dort in der Lehre von den kirchlichen Vergehen, hier in der Lehre von der christlichen Gottesverehrung (virtus religionis) und den ihr entgegengesetzten Sünden behandelt worden. Auch die kirchliche Seelsorge wird, wie in frühern Zeiten, so auch in Zukunft dem Aberglauben stets ihre Aufmerksamkeit zu widmen haben. In welchem Umfange und unter welchen besondern Gesichtspunkten sie denselben zum Gegenstande des katechetischen und homiletischen Unterrichtes zu wählen habe, wird hauptsächlich durch locale Umstände oder durch das Auftreten allgemeiner geistig-sittlicher Verirrungen abergläubischer Art bedingt sein. Die Mittel, mit welchen sie überhaupt dem Aberglauben begegnen will, werden je den Hauptquellen, aus denen er immer wieder entspringt oder seine Lebenskraft schöpft, entsprechen müssen, seien diese nun in der Unwissenheit in Bezug auf natürliche oder übernatürliche Dinge, im Unglauben oder in unsittlichen Absichten und Bestrebungen zu suchen. Bei der speciellen Seelsorge oder Beichtpraxis wird man selbstverständlich den Blick nicht bloß auf den objectiven Charakter des in Frage kommenden abergläubischen Wahnes, sondern auch auf die früher genannten subjectiven Momente der Erkenntniß, der Absicht u. dgl. zu richten haben. Hier wird es sich oft herausstellen, daß in Folge unverschuldeter oder unüberwindlicher Unwissenheit nur eine materielle Versündigung vorliegt, und sofern es sich um Dinge handelt, die weder an sich, noch vermöge ihrer Folgen schwer sündhaft sind, wird es der Pastoralklugheit oft mehr entsprechen, nur durch allgemeine Belehrungen denselben indirect entgegen zu wirken, als mit äußerster Strenge, ohne Hoffnung des Erfolges, das Aufgeben irgendwelcher objectiv abergläubischen Vorurtheile oder Gewohnheiten der genannten Art zu fordern.

{62} 6. Wenn der Aberglaube, wie das nicht bestritten werden kann, in der That ein moralisches Übel ist, dessen Wurzeln in der von der Sünde zerrütteten Natur des Menschen selbst zu suchen sind, und das in seinen einzelnen Gebilden und Verzweigungen von Anfang an mit heidnischem Wahn und heidnischer Sitte auf’s Innigste verwachsen war, so wird man auch zugestehen müssen, daß die Kirche allein die entscheidenden Heilmittel zur Beseitigung jenes Übels besitzt; daß sie in dem weltgeschichtlichen Kampfe gegen den Aberglauben unter allen Culturmächten die stärksten und sichersten Waffen führt; daß von den Siegen, die bisher über diesen Feind der Wahrheit und der guten Sitten errungen worden, ihr der weitaus größte Theil zufällt. Alle anderen Culturmächte konnten überdieß nur insoweit an diesem Kampfe und an diesen Siegen Antheil nehmen, als sie selbst, mit der Kirche innig verbunden, im Geiste der Kirche und des christlichen Glaubens und von deren sittlichen Einflüssen getragen in den Kampf eintraten. So wird es immer sein. Die Erfahrungen der neueren Zeit haben es wieder tausendfach bestätigt, daß insbesondere eine antichristliche oder atheistische Wissenschaft dem Aberglauben gegenüber durchaus machtlos ist; daß sie vielmehr das Emporwuchern desselben in dem gleichen Maße fördert, in welchem sie einer sogen. antichristlichen Aufklärung oder dem Unglauben und dem Materialismus in die Hände arbeitet. Der alte Spruch: »Wo der Unglaube Hausherr ist, hat der Aberglaube sich schon die Hinterthüre geöffnet«, hat sich auch in der Gegenwart wieder als durchaus zutreffend erwiesen; nicht minder der kaustische Ausspruch Pascals: »Incrédules, les plus crédules de tous.«

[Simar.]


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