Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.


Aberle, Moritz v., Professor an der katholisch-theologischen Facultät in Tübingen, geb. am 25. April 1819 zu Rottum bei Biberach in Schwaben, 1845 Professor am Obergymnasium zu Ehingen, 1848 Director des Wilhelmstiftes und seit 1850 ordentlicher Professor der Universität in Tübingen, wo am 3. Nov. 1875 ein jäher Tod seinem berufstreuen Wirken ein unerwartetes Ziel setzte. Mit sehr glücklichen Anlagen, Scharfsinn und seltenem Gedächtniß, sowie reichem und tiefem Gemüth verband sich bei ihm schon frühzeitig ein eiserner Fleiß und rastloses Streben nach Ausbildung in den verschiedensten Fächern der Wissenschaft. Dieß trat alsbald hervor, als er mit seiner Berufung nach Tübingen die Exegese, sodann auch die Einleitung in das Neue Testament und die Moral übernahm. Es gelang ihm, im Vortrag dieser Fächer einen immer zahlreicher werdenden Kreis von Zuhörern an sich zu fesseln. Auf neutestamentlichem Gebiete, dessen Bearbeitung er sich zuletzt ausschließlich widmete, hat eine fruchtbare Verbindung von kritischem Scharfsinn mit schöpferischer Combinationskraft in ihm jene eigenthümliche Auffassung des neutestamentlichen Schriftthums zur Reife gebracht, welches eine im Wesentlichen gelungene {63} Apologie desselben auf Grund und mit Benützung aller profanen Mittel der modernen Wissenschaft genannt werden mag. Manche von Aberle aufgestellten Behauptungen und Erklärungsversuche werden allerdings nicht Stand halten: einzelnen geschichtlichen Erscheinungen wird ein zu weit greifender Einfluß zugeschrieben, durch allzuscharfes Auge und Ohr erscheint oft etwas verschoben in der Darstellung; aber es wäre durchaus ungerecht, zu sagen, daß bei ihm die Offenbarung in einen menschlich-natürlichen Proceß verwandelt erscheine. Vielmehr hat Aberle bei vollster Wahrung der göttlichen Factoren lediglich Ernst gemacht mit der Anerkennung der auf’s Engste mit der Thätigkeit jener verschlungenen Wirksamkeit der menschlichen Träger der göttlichen Heilsgedanken. – Seit 1851 zeigte sich Aberle schriftstellerisch thätig, ganz vorzugsweise in der Tüb Theol. Quartalschrift, seltener in anderen Blättern, wie dem Bonner theol. Lit.-Blatt. Daneben lief bis gegen Ende der Tübinger Wirksamkeit des Verewigten eine rege kirchlich-politische Thätigkeit desselben in verschiedenen Blättern, durchweg im Sinne der Vertheidigung krichlicher Freiheit und sonstiger religiös-kirchlicher Interessen. Wir verzeichnen aus der Quartalschrift folgende Abhandlungen: Über den Äquiprobabilismus, 1851; Über Röm. 5, 12–14 und über den Zweck der Apostelgeschichte, 1854, 1855; Zur Erkl. von Irenäus adv. haer. 3, 1. 1, 1858; Zweck des Matthäusevang., 1859; Zweck des Johannesevang., 1861; Über den Tag des letzten Abendmahls, Epochen der neutestam. Geschichtsschreibung, Prolog des Lucasevang. und Abfassungszeit des 1. Timotheusbriefs, 1863; Beiträge zur neutestam. Einleitung, 1864; Über den Statthalter Quirinius, 1865; Exegetische Studien, 1868; Die Begebenheiten beim letzten Abendmahl, 1869; Die Berichte der Evangelien über die Auferstehung Jesu, 1870; Über Gefangennehmung und Verurtheilung Jesu, 1871; Letzte Reise Jesu nach Jerusalem, 1872; Die bekannte Zahl in der Apokalypse, 1872. Nach dem Tode Aberle’s erschien in Freiburg 1877 seine: Neutestamentliche Einleitung nach den Vorträgen Aberle’s herausgegeben und zum Theil neu bearbeitet von Dr. P. Schanz. Vgl. Linsenmann-Funk, Worte der Erinnerung an M. v. Aberle. Tübingen 1876, und Himpel, Über die wissensch. Bedeutung und theol.-kirchl. Richtung des sel. Pr. Dr. v. Aberle in der Tüb. Quartalschrift, 1876, 177 ff.

[Himpel.]


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