Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.


Abessinien (Habesch), ein Theil des alten Äthiopiens (s. d. A.), christliches Reich in Ostafrika. I. Die Christianisirung des Landes erfolgte unter Constantin d. Gr. auf eine eigenthümliche Weise, die Rufinus (II. E. 1, 9) und nach ihm die griechischen Kirchenhistoriker erzählen, durch Frumentius und Ädesius. Diese zwei Jünglinge kamen um 316 in Begleitung eines Kaufmannes oder auch Naturforschers Meropius von Tyrus in Phönizien auf einer Seereise, die zur Durchforschung des äthiopischen {64} Indiens unternommen ward, an einem Hafen des Rothen Meeres an und wurden dort von den Küstenbewohnern gefangen genommen. Während die übrige Schiffsmannschaft ermordet ward, blieben die zwei schönen Jünglinge verschont und wurden als Sklaven dem zu Axum residirenden Könige zugeführt. Sie gewannen bald sein Vertrauen, wurden von ihm zu wichtigen Ämtern befördert und konnten dabei ungehindert die christliche Lehre verkündigen. Kurz vor seinem Tode ließ der König die beiden Jünglinge frei, aber nachher bat sie seine Wittwe dringend, ihr in der Erziehung des Thronfolgers und in der vormundschaftlichen Regierung beizustehen. Frumentius benützte seine Stellung als Regent, um aus den bekehrten Eingeborenen und den im Lande weilenden christlichen Kaufleuten eine Gemeinde zu bilden. Als der Prinz mündig geworden war, begab sich Ädesius nach Tyrus zurück, wo er Priester wurde; Frumentius aber ging nach Alexandrien, wo er dem neuerhobenen Erzbischofe Athanasius Bericht über die Fortschritte des Christenthums erstattete und von ihm zum ersten Bischofe der Abessinier geweiht ward (328). Nach seiner Rückkehr in das Land taufte er den König und viele Große und breitete den katholischen Glauben mächtig aus. Kaiser Constantius forderte 356 den König Aizana und seinen Bruder Sazana in einem eigenen Schreiben (Athan. Apol. c. Ar. n. 31) auf, Frumentius zur Unterweisung im rechten Glauben zu dem arianischen Bischof Georg nach Alexandrien zu senden, und warnte vor dem »vieler Verbrechen wegen« abgesetzten Athanasius. Doch der die Ausbreitung des Arianismus bezweckende Anschlag mißlang, und die Abessinier blieben katholisch. Im 6. Jahrhundert leisteten sie unter Elesbaan den Homeriten (s. d. A.) in Arabien Beistand. Der Indienfahrer Cosmas (Topogr. L. 3. Migne, PP. gr. LXXXVIII, 169) wußte, daß es in ihrem Lande Kirchen, Bischöfe und Mönche gab. Viele oberägyptische Mönche setzten das Bekehrungswerk fort und arbeiteten an der äthiopischen Bibelübersetzung in der Geezsprache, die aber bald durch den amharischen Dialekt verdrängt ward.

II. Die weiteren Schicksale des Landes sind in großes Dunkel gehüllt. Die Abessinier sowohl als die Homeriten und Inder kommen unter dem Namen der Äthiopier vor; auch Axumiten werden erstere genannt. Es scheint, daß mehrfach bei den Großen und selbst bei den Königen ein Abfall vorkam; von Elesbaan wird berichtet, daß er sich zum Christenthum erst nach einem erfochtenen Siege bekehrte und vom Kaiserhofe in Byzanz einen Bischof erbat (Niceph. Call. 17, 32; Assem. Bibl. Or. II, 359 sq. Cf. Theoph. Chron. Migne XVIII, 488 sq.; Procop. De bello pers. 1, 17. 20). Gewiß ist aber, daß nach und nach die abessinischen Christen der Häresie verfielen. Da ihre Kirche als eine Tochter der alexandrinischen von dieser ihr geistliches Oberhaupt (Abuna, auch Abba Salâma = pater pacis) erhielt, so wurde {65} sie in die monophysitische Irrlehre verstrickt, welcher auch die benachbarten Nubier im 6. Jahrhundert durch den von der Kaiserin Theodora gesandten monophysitischen Priester Julian zugeführt wurden (Joh. Ephes. H. E. 4, 6 sq. p. 191 sq. 180 sq. ed Schoenfelder; Assemani Bibl. Or. III, 330. 382 sq.; Eutych. Annal. 2, 387). Als 641 die jakobitischen Patriarchen von Alexandrien unter mohammedanische Herrschaft gekommen waren und die Melchiten mehr und mehr unterdrücken konnten, behaupteten sie ganz unbestritten ihre Autorität in Habesch, und schon unter Amru sandte Patriarch Benjamin den Cyrillus dahin als Metropoliten (Renaudot, Hist. Patriarcharum Alex. Jacibotar. Par. 1713, p. 455; Tellez, Hist. de Ethiopia, Coimbra 1660. 1, 33, p. 84. Vgl. d. A. Kopten). Wahrscheinlich im 8. Jahrhundert entstand jender pseudonicänische Canon (42 bei Mansi, Conc. II, 994; Renaudot l. c. p. 455), daß die Abessinier sich selbst aus ihren Gelehrten keinen Patriarchen wählen dürften, sondern ihn vom Stuhle von Alexandrien zu empfangen hätten; daß ferner ihr Katholikos nicht befugt sei, Metropoliten zu ordiniren. Der einheimische Clerus blieb auf einer sehr niedrigen Stufe stehen, und bei der Rohheit des Volkes trat eine vielfache Vermischung der christlichen mit jüdischen, heidnischen und mohammedanischen Gebräuchen ein. Um 930 zeigte die abessinische Kirche den tiefsten Verfall, und der damals vom Patriarchen Cosmas abgesandte Metropolit erfuhr von dem Könige eine so rohe Behandlung, daß die folgenden sechs Patriarchen keinen Metropoliten mehr schickten Erst um das Jahr 1000 wurde wieder unter Vermittlung des Königs von Nubien nach geleisteter Abbitte vom Patriarchen Philotheus ein Metropolit Daniel nach HAbesch abgeordnet. Strenge hielt das koptische Patriarchat daran fest, daß die abessinische Kirche nur sieben Bischäfe habe, damit sie nicht zu einem unabhängigen Patriarchate auswachse; ja seit dem 13. Jahrhundert durften die Abessinier nur noch einen Bischof haben, den Abuna selbst, der aber ein von Alexandrien gesandter Kopte sein mußte. Die enge Verbindung mit Alexandrien bestand fort, wenn auch die Correspondenz der Willkür der dortigen muselmännischen Gewalthaber unterlag (Renaudot l. c. p. 381. 510. 454). König Saif Araad (1342–1370) trat energisch für die Freilassung des koptischen Patriarchen Marcus bei dem ägyptischen Sultan auf und drohte ihm mit Abbruch aller Handelsbeziehungen (Bruce, Voyage en Nubie et Abyssinie, Paris 1790, II, 65).

III. Bekehrungsversuche bei diesem häretischen Volke wurden frühzeitig durch den römischen Stuhl gemacht, obschon im Lande wenig Neigung zum Anschluß an das weit entfernte Rom sich zeigte. Die von Nikolaus IV. und Johannes XXII. entsandten Missionäre (Raynald, a. 1289, n. 59; 1329, n. 98) haben, selbst wenn sie wirklich an den Ort ihrer Bestimmung {66} kamen, dort kaum etwas ausgerichtet. Nur Nikodemus, der Abt des abessinischen Klosters in Jerusalem, sprach unter Eugen IV. 1440 unionsfreundliche Gesinnungen aus (ib. a. 1441, n. 3 sq.). Bessere Erfolge versprachen die Entdeckungen und Eroberungen der Portugiesen in Afrika. Zwei 1486 vom Könige von Portugal abgesandte Glaubensboten fanden freundliche Aufnahme, und nachher, als die Königin Helena und der Abuna Marcus für den erst elfjährigen David III. (1508) die Regentschaft führten, schien ein Bündniß mit dem Hofe von Lissabon dem Interesse des Reiches entsprechend. Nun wurden Verbindungen mit demselben und zugleich mit dem päpstlichen Stuhle angeknüpft (ib. a. 1514, n. 103–109). Der Abuna Marcus bestimmte bei seinem Tode, da die Verbindung mit Alexandrien unterbrochen und der König dafür geneigt war, den Johann Jak. Bermudez, Leibarzt des portugiesischen Gesandten Roderigo, zu seinem Nachfolger und ertheilte ihm die Weihen. Papst Paul III. genehmigte die Erhebung und ernannte Bermudez auch zum Patriarchen von Alexandrien (ein portugiesischer Bericht desselben erschien 1565 zu Lissabon). König David, der auch Kaiser genannt ward, führte an seinem Hofe das Fasten nach römischem Kalender ein, doch hielten Volk und Geistlichkeit sich davon ferne. Da in dessen Bermudez mit dem Sohne und Nachfolger Davids, Claudius (1540–1559), in Zerwürfniß gerieth, mußte er wieder einem aus Kairo gesandten Abuna weichen. In Rom ließ man das Land nicht aus den Augen; dort erschien 1552 eine äthiopische Grammatik mit kurzer Geschichte der Beherrscher von Habesch. Papst Julius III. und der König von Portugal beschlossen 1555, einen neuen Patriarchen mit zwei Bischöfen dahin zu senden und das Volk im Kampfe gegen die Mauren zu unterstützen. Pius IV. trug 1561 dem Jesuiten Andreas, Bischof von Hierapolis, den er vorerst abordnete, auf, im Vereine mit dem portugiesischen Gesandten den Kaiser zur Beschickung des Concils von Trient einzuladen (Raynald a. 1561, n. 63). Es bestand noch eine katholische Mänchscongregation vom hl. Antonius mit Basilianerregel für die Abessinier in Rom, die später ganz zerfiel (Moroni, Dizionario II, 227; O. Mejer, Propaganda I, 487). Der zu Lissabon geweihte Jesuit Nuñez Baretto kam nicht nach Habesch, starb vielmehr 1562 in Ostindien; zwei ebenfalls zu Bischöfen geweihte Ordensgenossen desselben erzielten im Lande einzelne Bekehrungen, richteten aber am Hofe nichts aus. Des Claudius Nachfolger, Adanas Segued (seit 1559), war entschiedener Feind der Katholiken. Bischof Oviedo, des Nuñez Nachfolger († 1577), konnte nur mit vieler Mühe den zerstreuten Katholiken in Habesch geistlichen Beistand leisten; ebenso nachher (1597) Melchior Sylvanus. Ein zur katholischen Kirche übergetretener abessinischer Priester, Tekla Maria, gab 1594 in Rom nähere Aufschlüsse über die kirchlichen und politischen Verhältnisse seiner {67} Nation (Thomas a Jesu im Thesaur. theol. VII, 1261 sq.). Bedeutendes leistete der Jesuit Paez, der 1604 in der Landessprache predigte und den 1596 zur Regierung gekommenen Sohn Segueds für die Union gewann. Aber bald brach ein Aufstand aus, der dem jungen Kaiser das Leben kostete. Doch auch der neue Kaiser Socinius (Selten Segued, 1604–1632) rief den P. Paez an seinen Hof, veranstaltete Disputationen der Jesuiten mit den monophysitischen Mönchen und bezeugte dem Papste 1613 seine Unterwerfung. Paez, der zweite Apostel Abessiniens, starb 1623, nachdem er zwei Jahre zuvor die Freude erlebt hatte, daß der Kaiser förmlich das katholische Glaubensbekenntniß ablegte. Unter Leitung des Abuna und seiner Mönche erhob sich eine gewaltige Reaction, zumal wegen des Verbotes der Sabbatfeier. Es kam zum Bürgerkriege. Der Kaiser siegte und machte 1624 seinen Übertritt öffentlich bekannt. Vor dem von Rom aus auf Philipps III. Vorschlag neuernannten Patriarchen Alphons Mendez, ebenfalls einem portugiesischen Jesuiten, leistete er 1626 feierlich dem Papste Obedienz (Brief des Patrarchen an Urban VIII. vom 1. Juni 1626 bei Laemmer, Analecta Romana, 117 sq.). Leider ging man nun mit der Abschaffung der alten Gebräuche zu rasch und zu gewaltthätig vor; der Kampf entbrannte noch heftiger, so daß der Kaiser kurz vor seinem Tode (1632) Religionsfreiheit gestatten mußte. Er selbst starb als Katholik. Aber sein Sohn Basilides (1632–1665) verbannte seinen katholisch gesinnten Oheim, den Patriarchen und die übrigen Jesuiten, und verbot den Aufenthalt katholischer Priester in seinem Reiche. Der vertriebene Patriarch Mendez († 1656) schrieb außer mehreren Briefen an den Ordensgeneral M. Vitelleschi (Literae aethiopicae, Mechlin. 1628) und katechetischen Reden (Branhaymanat, i. e. lux fidei in epithalamium Aethiopissae libris 12 catecheticis comprehensa, Colon. 1692) noch eine lateinische Schilderung seiner Reise und seiner Wirksamkeit, ein Buch über die allgemeinen Concilien und Predigten in portugiesischer Sprache, welche Werke nur handschriftlich existiren; überhaupt lieferte er schätzbare Arbeiten mit Fingerzeigen für die spätern Glaubensboten, welche den Boden Abessiniens aufsuchten. Aber weder das in Rom von Cardinal Barberini für sieben junge Abessinier gestiftete Collegium (Bullar, Propag. I, 101), noch die von der Propaganda abgeordneten Kapuziner konnten dort den Katholicismus wieder in Aufnahme bringen; die mit schwerer Arbeit von den Jesuiten verfaßten Schriften wurden unter Kaiser Hannes I. (1665–1680) dem Feuer übergeben, gegen alle Europäer der größte Argwohn gehegt, der Verband mit den Kopten in Kairo neu befestigt. Unerschrocken bewies sich der 1698 von Ludwig XIV. mit dem Arzte Poncet abgesandte Jesuit Brevedent, der bald einer Krankheit erlag; 1717 wurden unter Kaiser David IV. drei {68} Franciscaner gesteinigt, 1752 drei andere aus dem Lande vertrieben. Die in Rom befindlichen abessinischen Mönche starben unter Innocenz XI. aus (Assemani bei Mai, Nov. Coll. V, 2, 181 sq.). Clemens XI. schenkte am 15. Januar 1721 der Nation das Hospital von St. Stephan beim Vatican (Bull. Propag. II, 71 sq.), das einzelnen Abessiniern noch eine Zuflucht bot. Vgl. Le Quien, Or. christ. II, 641 sq.; Lobo, Voyage hist. d’Abyssinie, trad. du portugais, Par. 1728; Werner, Lehre und Geschichte der abessin. Kirche (Ztschr. f. ges. kath. Theol. 1852, 354 ff.) und Geschichte der apolog. u. polem. Liter. III, 442 ff.; Pichler, Geschichte der kirchlichen Trennung, München 1865, II, 504 ff.; Marshall, Die christlichen Missionen, a. d. Engl. Mainz 1863, II, 358 ff.

IV. In der Neuzeit ward die Mission unter Gregor XVI. 1838 wieder aufgenommen und für Habesch erst eine apostolische Präfectur errichtet, die nachher zum apostolischen Vicariat gestaltet ward (O. Mejer, Propaganda, I, 405 ff.). Justinus de Jacobis, Bischof von Nilgolis, der ihm unter vielen Gefahren vorstand, hatte schon seit 1843 schöne Erfolge zu verzeichnen, namentlich in Folge der Conversion des mit einer katholischen Abessinierin verheiratheten deutschen Naturforschers Schimper. Auch Bischof Massaia, der apostolische Vicar der Gallas, der viele Orte des Landes besuchte, gewann viele Seelen und weihte 25 eingeborene Priester; in seine Hände schwor Teclafa, Abt über 1000 Mönche, die Häresie ab. Er akm 1847 durch den Bannfluch des Abuna in äußerste Lebensgefahr; die Jacobis mußte ebenfalls in verschiedene Orte flüchten. Doch bestanden für diese Mission von 1843 bis 1853 sehr günstige Aussichten. (Vgl. »Sion«, 1845, N. 1 u. 30; Annales de la propag. de la foi, Lyon 1846, 273–285; 1850, 21; 1851, 434 sq.; Massaia, Missioni e viaggi nell’ Abessinia, Torino 1857.) Aber 1854 verwies der siegreiche König Theodor die katholischen Missionäre des Landes und verbot die Rückkehr unter den schwersten Strafen, was jedoch nicht gänzlich die Fortsetzung der gefahrvollen seelsorgerlichen Thätigkeit für die katholischen Abessinier zu verhindern vermochte.

V. Noch weniger Erfolge hatte die protestantische Mission aufzuweisen. Im 17. Jahrhundert war Peter Heyling aus Lübeck, der 1634 mit dem neuen Abuna Marcus nach Habesch kam, mehr durch ein hohes Staatsamt als durch seine Bekehrungen berühmt; er verlor sofort die kaiserliche Gunst, als er auf eine Religionsänderung hinzuarbeiten schien. Im J. 1830 sandte die anglicanische Missionsgesellschaft die Missionäre Gobat (den nachherigen anglo-preußischen Bischof von Jerusalem) und Kugler nach Abessinien, denen 1834 Isenberg, 1837 Blumhardt und Krapf folgten. Gobat selbst gestand, daß ihn die dortigen Mönche wie einen Muselmann ansahen, weil er die Mutter Gottes nicht verehrte, daß ihnen sein Widerwille gegen {69} das Fasten und seine Aufforderung an die Mönche, sich zu beweiben, Ärgerniß gab. Der von ihm »bekehrte« Girgis verkaufte zwei seiner Obsorge anvertraute Kinder in die Sklaverei und trat später in Kairo zum Islam über. Krapf hatte ebenso wenig Glück mit seiner Behauptung von dem hohen Segen der Priesterehe, als mit seinen dreißig Kisten von Bibeln; aus dem Munde des Abuna hörte er selbst die Unschädlichkeit der protestantischen Glaubensboten für die abessinische Kirche bestätigen; er konnte sich wenigstens eines bibelfesten Neophyten, des Wolda Gabriel, rühmen, während die mährischen Brüder trotz glänzender Geschenke auch nicht einen einzigen gewannen. Die Basler Gesellschaft Chrischona machte 1855, nach der Verbannung der katholischen Priester und gestützt auf den neuen Abuna, der als koptischer Geistlicher die Schule des protestantischen Missionärs Lieder zu Kairo besucht hatte, einen neuen Versuch; es arbeiteten mehrere Handwerksbrüder, die sich dem Könige Theodor in weltlichen Dingen nützlich zu machen suchten und Kinder erzogen, für »Erweckung« des verkommenen Volkes. Doch wurden die auf ihre Missionsthätigkeit gesetzten Hoffnungen völlig zu Schanden; mehrere Prediger wurden eingekerkert und erlangten erst 1868 nach den Siegen der Engländer über Theodor die Freiheit und die Erlaubniß zum Abzug. (S. Marshall a. a. O. 374 ff.; Warnecks allg. Missions-Ztschr. 1876; Basler Missions-Magazin, 1834 H. 1. 2, 1849 H. 4, 1850 H. 1, 1853 H. 1, 1862 S. 275, 1863 S. 187; E. Johnston, Travels in Southern Abessinia, London 1844; Isenberg, Abessinien und die evang. Mission, Bonn 1844; Augsb. Allg. Ztg. 15. Aug. 1864, S. 3702; Waldmeier, Erlebnisse in Abessinien während der Jahre 1858 bis 1868, Basel 1869.) Der Missionär Krapf bewog schwedische Missionäre zu einem neuen Versuche in der Provinz Schoa; bei der Unwissenheit und Ungeschicklichkeit dieser Apostel mißglückte derselbe gänzlich. Hr. v. Maltzan, der dieses bezeugt (Ausland, 1871, Nr. 5), bemerkt: »Die protestantischen Missionäre haben es in der That dahin gebracht, in Abessinien nur noch ein mitleidiges Achselzucken hervorzurufen.«

VI. Von den kirchlichen Einrichtungen und Zuständen Abessiniens ist Folgendes hervorzuheben: 1. Das kirchliche Oberhaupt, der Abuna, der regelmäßig in Gondar (eine Zeitlang war er auch in Tigre) residirt, hat allein das Recht, den König oder Kaiser zu salben und die Weihen (ausschließlich der bischöflichen) sowie Dispensationen zu ertheilen. Er wird nach dem koptischen Patriarchen zu Kairo, mit dem er nach der Consecration wenig Verkehr mehr pflegt, im Kirchengebete commemorirt und kann nur von ihm wegen erwiesener Verbrechen entsetzt werden. Bei bedeutendem Einkommen aus Ländereien, Tributen und Sammlungen hat er, boschon als Fremdling in der Regel der Landessprache nicht mächtig, großen politischen Einfluß, auch den {70} Herrschern gegenüber. – 2. Ihm am Range zunächst steht das Oberhaupt der Klostergeistlichkeit (Etsch’ êgê), gewissermaßen Ordensgeneral für die Mönche von Debra Libanos, der ebenfalls in Gondar wohnt und mit dem Abuna zugleich in vielen kirchlichen Fragen zu richten hat. Aus den Mönchen, die besser als die Weltgeistlichen unterrichtet sind, werden die Beichtväter genommen; sie fasten sehr strenge und tragen eine weite Tunika von Waschleder aus Antilopenfellen, die bis auf die Kniee reicht und mit einem Gürtel um den Leib befestigt wird, dazu einen großen Mantel und eine Kapuze, aber keine Sandalen. Neben den in einer Congregation vereinigten Mönchen von Debra Libanos, die den als Schutzheiligen von Habesch verehrten Tekla Haimanot als ihren Stifter preisen, gibt es noch Mönche von Abba Eustathius, die nicht zu einer Congregation vereinigt sind, aber eine gemeinsame Regel haben und mit den ersteren wegen theologischer Streitfragen in Zwist leben. Viele Mönchsklöster befinden sich neben Nonnenklästern, deren Bewohnerinnen meistens erst mit dem 45. oder 50. Jahre eintreten, während die Männer in jedem Alter dem Ordensstande sich weihen. Dieser ist überhaupt sehr beliebt und zahlreich, wie auch das Einsiedlerleben große Verbreitung gefunden hat. – 3. Die Weltpriester, die nur einmal heiraten dürfen, und zwar nur vor der Ordination, stehen auf einer sehr niedrigen Bildungsstufe; zum Empfange der Priesterweihe genügt, daß sie lesen, das nicänische Symbolum recitiren und die Liturgie abhalten können, und daß sie dem Dolmetscher des Abuna zwei als Tauschmittel und als Geld gebrauchte Salzstücke zahlen. Sie leben von Stolgebühren und besonderen Reichnissen und tragen einen Kopfbund (Matamia), einen Mantel (Burnus) mit einer Kapuze von rothem Wollenzeug und lederne Sandalen (Tschamma). Sie haben ihr langes Officium zu recitiren, die Liturgie zu feiern, Sacramente und Sacramentalien zu spenden. Die Diakonen, die des Lesens kundig sein sollen, verrichten niedere Dienste, backen das eucharistische Brod, reinigen die heiligen Gefäße und die Kirche und ministriren dem Priester. Diakonats- und niedere Weihen werden ohne alle Interstitien und ohne genaue Prüfung auch an Knaben ertheilt. – 4. Bei den vornehmeren Kirchen gibt es Alaka’s, nicht ordinirte Beamte, welche für die Kirchenbedürfnisse und die Vermögensverwaltung sorgen, Streitigkeiten unter den Geistlichen schlichten und die Beziehungen zur Staatsgewalt vermitteln. Die Debturas, die ebenfalls keiner Weihe bedürfen, bilden die Gelehrten, welche die angehenden Kleriker unterrichten, Schriftstücke abfassen, auch Chorgebet verrichten, wie eine Art Canoniker. (S. Silbernagl, Verfassung und gegenwärtiger Bestand sämmtlicher Kirchen des Orients, Landshut 1865, 247–252.) – 5. Die Gelehrsamkeit aber ist, wie sich schon aus dem Bisherigen ergibt, keine sehr große; die pseudoapostolische Literatur ist sehr verbreitet. {71} Doch zeigten sich in der Neuzeit mehrere dogmatische Controversen. Man stritt besonders über die Bedeutung der biblischen Worte, Christus sei mit dem hl. Geiste gesalbt worden. Darin fanden Einige angedeutet, erst der hl. Geist habe die Vereinigung der zwei Naturen bewirkt, während Andere erklärten, der Erlöser habe den hl. Geist als Gabe des Vaters empfangen, um als Mensch das Versöhnungswerk zu vollbringen; noch Andere, die göttliche Natur (Geist = Gottheit) habe sich einfach mit der menschlichen vereinigt. Die Vertreter der erstern Ansicht nahmen eine dritte Geburt JEsu durch seine Salbung mit dem hl. Geiste bei der Taufe im Jordan an, die noch nothwendig gewesen sei neben der vorzeitlichen Zeugung aus dem Vater und der zeitlichen aus der Mutter. Nebstdem behaupteten Einige, wegen der vergotteten Menschheit Jesu müsse Maria gleich ihrem Sohne göttlich verehrt werden und gleich ihm sei sie um der Sünden Anderer willen gestorben (Magazin für neueste Geschichte der evang. Missions- und Bibelgesellschaft, 1834, 286; Isenberg and Krapf, Journals, 95 sq. ed. London 1843). Die früheren lateinischen Missionäre (vgl. Thomas a Jesu im Thes. theol. VII, 1615 sq.) warfen den Abessiniern außer ihrem Monophysitismus und der Anerkennung von nur drei allgemeinen Concilien noch folgende Irrthümer vor: a) Sie rechnen zur heiligen Schrift auch die sogen. apostolischen Canones wie andere nicht canonische Bücher und lassen nur die Bibel als Glaubensquelle gelten (Letzteres ist ebenso unwahr, als Ersteres richtig ist). b) Sie vertreten gleich anderen Jakobiten die Auflösbarkeit des Ehebandes. c) Sie huldigen dem Traducianismus bezüglich des Ursprungs der Seelen. d) Sie feiern den Sabbat gleich dem Sonntag und halten sich e) an jüdische Speise- und Reinigungsvorschriften. f) Statt des Weines gebrauchen sie zur Eucharistie einen aus Trauben künstlich bereiteten Saft. g) Ungetauft gestorbenen Kindern sprechen sie wegen des Glaubens der Eltern die Seligkeit zu, und ihnen wie den nicht zur Welt gekommenen Kindern soll die von den Müttern empfangene Eucharistie zum Heile gereichen. h) Sie halten fest an der Beschneidung, doch wird der Grund dieser auch bei den Kopten und Arabern bestehenden Sitte verschieden angegeben (Pignatelli, Consultat, can. VI, cons. 41, n. 27, p. 117); sie soll mehr als hygieinische denn als religiöse Institution betrachtet werden, vollzogen ohne kirchlichen Ritus durch Laien; selbst beim weiblichen Geschlecht soll ein Analogon derselben vorkommen. i) Am Epiphaniefeste erhalten Männer und Frauen nach einer Benediction des Wassers in dreimaliger Immersion eine Wiedertaufe. Einige darüber in Rom befragte Abessinier erklärten aber, es sei das keine Wiedertaufe, sondern ein frommer Brauch zu Ehren der Taufe Christi im Jordan (Pignatelli l. c. n. 25. 26, p. 115). Die meisten Anklagen treffen die Abessinier ebenso wie die Kopten; zähe halten {72} sie an alten Gebräuchen fest, wie an der Enthaltung von Blut und Ersticktem, an der Taufe durch Immersion, an der Darreichung des consecrirten Weines an die Kinder, an der Agape am Sabbat. Viele Arten des Aberglaubens finden sich bei Clerus und Volk; die bei der Beichte auferlegten Bußen werden oft für Geld von den Priestern selbst übernommen, äußerliche Werke und Formen überaus hochgehalten; man zählt an 180 Fest- und an 200 Fasttage. – 6. Die Kirchen sind sehr zahlreich, aber klein und niedrig, oben kegelförmig mit Stroh und Rohr bedeckt, mit schlechten, aber außen weiß getünchten Mauern und Thüren nach allen vier Himmelsgegenden. Das Innere ist meist schmutzig, aber reich an Kreuzen und Heiligenbildern. Sculpturen werden nicht geduldet, auch keine Crucifixe, sondern nur leere Kreuze. Solche tragen auch die Priester in der Hand und reichen sie den ihnen Begegnenden zum Kusse. Auf dem Boden liegen in dem für die Besucher bestimmten, von dem Heiligen (für Priester und Diakonen) und dem Allerheiligsten (das mit der Bundeslade versehen ist, die für sehr heilig gehalten wird, wie denn auch die ächte Bundeslade aus dem Tempel von Jerusalem nach Axum gekommen sein soll) getrennten Raume Stöcke und Krücken umher, auf welche sich die Andächtigen während des oft vier Stunden andauernden Gottesdienstes in Ermangelung der Bänke stützen. Die liturgische Feier wird meistens ohne Würde und Anstand ganz mechanisch abgehalten. – 7. Neben den Monophysiten finden sich im Lande zahlreiche, unwissende, aber arbeitsame Juden (Falaschas), die schon sehr frühe eingewandert sein müssen. Nach der Erzählung des Volkes war früher das Judenthum herrschend; es soll die Königin von Saba dem Salomon einen Sohn Menilek geboren haben, der zu Jerusalem unterrichtet worden sei und dann in seiner Heimat ohne Widerstand das mosaische Gesetz eingeführt habe; von ihm ward die ältere herrschende Dynastie hergeleitet. Zu den Juden kommen die sich als Israeliten ansehenden, von der Landeskirche getrennten nomadischen Zalanen und die trotz Beibehaltung christlicher Priester fast ganz heidnischen Kamanten. (Vgl. Flad, Die abessinischen Juden, nebst Anhang über die heidnischen Kamanten. Basel 1869.) Die Verwilderung ward noch durch viele Kriege genährt, und schon frühe zogen sich die Abessinier durch den Genuß des rohen Fleisches selbst den Abscheu der religionsverwandten Kopten zu. Große Fortschritte machte der Islam, durch den auch die Polygamie Eingang fand; das Renegatenthum ist häufig (Marshall, a. a. O. 358 f. 370 f.). Außer den bereits angeführten Werken über Abessinien sind noch zu nennen: Goes, Fides, religio moresque Aethiopum, Paris 1541; Alvarez, Hist. description de l’Ethiopie, Anvers 1558; Hiob Ludolf, Hist, aethiopica, Francof. 1681, u. Comment. ad hist aeth., Francof. 1691; M. Geddes, The Church History of Ethiopia, {73} Lond. 1698, 4º; Vansleb, Hist. de l’église d’Alex. écrite au Caire même en 1672 et 1673, Par. 1677, p. 27 sq.; La Croze, Hist. du christ. d’Eth. et d’Arménie, La Haye 1739; J. G. Oertel, Theol. aethiop. Viteb. 1746, 4º; Moroni, Dizion. I, 24–32. XXII, 134 sq. XCVIII, 273 sq.

[J. Card. Hergenröther.]


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