Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.


Abgaben, kirchliche, d. i. Abgaben, welche Geistliche und Laien an die Kirche zu entrichten haben. Die Kirche hat das Recht, Abgaben zu erheben, weil sie als äußere, sichtbare Gesellschaft zur Bestreitung der Kosten des Cultus, zum Unterhalte ihrer Diener, zur Übung der christlichen Liebe materieller Mittel bedarf, die Glieder der Kirche aber verpflichtet sind, zur Erfüllung des Zweckes der Kirche und darum auch zu den dazu nöthigen materiellen Mitteln beizutragen. Diese Pflicht beruht im Allgemeinen schon auf dem Naturrechte (Thom. Aq. 2, 2. q. 87. a. 1; a. 4 ad 3). Wer die Vortheile der kirchlichen Gemeinschaft genießt, ist auch zur Tragung der Lasten mitverpflichtet, daher auch und zwar vorzugsweise die Geistlichen, welche ihr Einkommen aus der Kirche beziehen. Wurden die Abgaben an die Kirche anfangs freiwillig geleistet (oblationes, primitiae, zur Zeit Tertullians auch schon Geldbeiträge), so mußten sie später durch Gesetz geregelt werden, als der Eifer freiwilliger Opfergaben nachließ und mit der weiteren Ausbreitung der Kirche die Bedürfnisse sich vermehrten. Die kirchlichen Abgaben sind entweder ordentliche, ständige, periodisch wiederkehrende Abgaben; oder außerordentliche, die nur vorübergehend, wie im Falle der Noth, geleistet werden. Sie dienen insbesondere: 1. zur Bestreitung der Kosten für den Cultus und den Unterhalt der Geistlichen, 2. zur Anerkennung gewisser Abhängigkeitsverhältnisse, {76} 3. zum Ausdruck der Dankbarkeit für gewisse Wohlthaten und Bemühungen der Kirchenregierung. Sie sind:

A. Abgaben an den Papst. Der Papst hat ein Besteuerungsrecht in der ganzen Kirche. Das Patrimonium der römischen Kirche konnte nicht genügen für die Bedürfnisse der allgemeinen Kirchenregierung, zumal da bei der stets wachsenden Ausbreitung der Kirche und ihrem Einflusse auch auf die staatlichen und völkerrechtlichen Verhältnisse die Anforderungen sich immer mehr steigerten. So bildeten sich im Laufe der Zeit folgende Abgaben aus: I. Die Annaten, wozu nach römischer Kanzleisprache gehören: die Annaten im engeren Sinne, die servitia communia, die servitia minuta und die quindennia. 1. Die Annaten oder Albannaten sind von den Beneficien zu entrichten, welche der Papst vergibt, und die nicht Bisthümer oder Consistorialabteien sind; sie bestehen in der Hälfte des Werthes der Früchte des ersten Jahres. Sie werden auch annata Bonifaciana genannt, weil sie wahrscheinlich von Bonifaz IX. angeordnet sind. 2. Die servitia communia von Bisthümern und Consistorialabteien bestehen in den, meist nach einer ältern mäßigen Taxe berechneten Früchten des ersten Jahres und fallen zur Hälfte dem Papste, zur Hälfte den in Rom lebenden Cardinälen zu. 3. Die servitia minuta, Kanzleisporteln, betragen jetzt 3½ Procent der servitia communia und werden in fünf Portionen an das niedere Kanzleipersonal der Curie vertheilt. In neuerer Zeit sind nach der Organisation der Bisthümer Deutschlands durch die verschiedenen Concordate die alten Taxen aufgehoben und geringere eingeführt worden, welche die servitia communia und minuta in sich einschließen. So zahlt z. B. München-Freising 1000 Kammergulden, Bamberg 800, Regensburg, Augsburg, Würzburg je 600, Passau, Eichstätt, Speier je 400, Breslau 1166⅔, Köln und Posen-Gnesen je 1000, Münster, Paderborn, Trier, Culm und Ermeland je 666⅔, Hildesheim 756, Freiburg 668⅓, Rottenburg 490, Mainz 448⅙, Fulda und Limburg je 332 Kammergulden als Taxe u. s. w. Aber auch diese Summe wird via gratiae oft herabgesetzt z. B. für preußische Bisthümer von 666⅔ auf 175 Kammergulden (der Gulden zu M. 8.29 gerechnet). 4. Ein Surrogat der Annaten sind die quindennia bei den mit geistlichen Corporationen unirten Beneficien, welche alle 15 Jahre zu entrichten sind. Die Quindennien wurden von Paul II. (1469) eingeführt, sind aber fast überall stillschweigend aufgehoben und in Deutschland ohnehin nie praktisch geworden. Die ständige Abgabe der Annaten (servitia communia et minuta) entwickelte sich aus den Ehrengeschenken, welche seit den ältesten Zeiten Bischöfe und Cleriker bei Gelegenheit ihrer Ordination, jene als inthronistica, diese als emphanistica oder insinuativa darbrachten (Nov. 123, c. 3 u. 16) und die auch in der römischen Kirche unter dem Namen oblatio oder benedictio {77} üblich waren (c. 4. C. I. q. 2). Nach dem Konstanzer Vertrag (in den Concordaten, die Martin V. mit der französischen und deutschen Nation auf fünf Jahre abschloß) sollten von Bisthümern und Abteien die Früchte des ersten Jahres in zwei halbjährigen Zielen als servitia, von den übrigen durch den Papst verliehenen Pfründen aber die medii fructus (Halbannaten) gezahlt werden; Pfründen, deren Einkommen nach der Taxe der römischen Kammer 24 Goldgulden nicht erreichen, sollten davon frei sein, was in Deutschland, Belgien, Frankreich, Spanien von allen Pfründen angenommen ist. Während die eigentlichen Annaten erst bei Gelegenheit der wirklichen Collation gezahlt wurden, beziehen sich die Gesetze der Päpste Honorius’ III., Bonifaz’ VIII., Clemens’ V. und Johannes’ XXII. (c. 32. X. de V. S. 5, 40; c. 10 de rescript. in VIto 1, 3; c. 9 de off. jud. ord. in VIto 1, 16; c. 2 de elect. in Extr. Joh. XXII, 1) auf die Früchte der vacanten Beneficien (fructus tempore vacationis obvenientes), also auf das jus deportus (s. d. A.), das gleich dem Spolienrechte (s. d. A.) auch von den Päpsten in Anspruch genommen wurde (c. 11 de praebend. 3, 2 in Extrav. comm.). II. Der Peterspfennig (denarius S. Petri), den anfänglich nur die Kirche Englands, dann auch Dänemark, Schweden und Norwegen zahlten, war die Abgabe eines Silberpfennigs von jedem Hause, dessen Besitzer eine jährliche Einnahme von mindestens 30 Pfennigen hatte. Er wurde von den Bischöfen eingesammelt. Daß König Ina von Wessex († 728) der Urheber des Peterspfennigs sei, ist zweifelhaft. König Offa von Mercien († 796) versprach dem hl. Petrus für sich und seine Nachkommen eine jährliche Abgabe von 300 Mark. König Ethelwulf erneuerte die üblich gewesene Abgabe. Kanut der Große dehnte nach Eroberung Englands den PEterspfennig, auch Römergeld (Romfeoh), Römerzins (Romescot) und des Königs Almosen genannt, auf seine übrigen Besitzungen aus. Dieser Zins, den Alexander III. (c. 12. X. de cens. 3, 39) und Innocenz III. (c. 15. X. de praescript. 2, 26) erwähnen, blieb bis zur Zeit Heinrichs VIII. bestehen. Der heutzutage geleistete Peterspfennig ist dagegen eine ganz freie Liebesgabe für den heiligen Vater. Auch sind nicht zu verwechseln damit III. die Feudaltribute (census), die von den im Lehensverbande der römischen Kirche stehenden Staaten, und jene Zins- oder Schutzgelder, welche nur als Zeichen einer besondern Ergebenheit und Verehrung oder für Ertheilung besonderen päpstlichen Schutzes von Fürsten, sowie von Stiftern und Klöstern, die sich unter die unmittelbare Jurisdiction der römischen Kirche gestellt oder von ihr Exemtionen und Privilegien erhalten hatten, entrichtet wurden (c. 8. X. de privileg. 5, 33). Ähnlich waren auch die Commendegelder, die als Recognition für die Erneuerung von widerruflich ertheilten Provisionen gezahlt wurden (c. 54. X. de elect. 1, 6). {78} IV. in außerordentlichen Fällen sahen sich die Päpste auch zu einer Besteuerung oder Bezehntung alles kirchlichen Einkommens (exactiones) genöthigt, wie zur Unterstützung der Kreuzzüge, zuerst in Frankreich 1188 (decimae Saladinae), zur Errichtung von Schulen und Lehrstellen (Clem. c. 1 de magistr. 5, 1; c. 6. § 1. X. de cens. 3, 39; Trid. sess. V. c. 1 u. sess XXIII. c. 18 de ref.). So wurden auch vorübergehend von den innerhalb eines gewissen Zeitraums in einem oder mehreren Ländern erledigt werdenden Pfründen die Früchte des ersten Jahres gefordert, wie von Clemens V. (1305) von den Pfründen Englands im Laufe zweier Jahre, von Johann XXII. (1319) für die drei nächsten Jahre (c. 11 de praebend. 3, 2 in Extr. comm.). V. Palliengelder. Diese Taxe, früher nach dem Einkommen des Erzbisthums berechnet, jetzt gewöhnlich 5 Procent von der Kammertaxe, ist ein Ehrengeschenk für Verleihung des Palliums (s. d. a.). VI. Dispensationstaxen werden theils für Almosen und STiftungen im Ausland, theils für päpstliche Beamte verwendet (c. un. Extr. Joh. XXII. de sent. excomm. 13). Sie sind also theils sogen. Compositionen, welche bei Dispensen in foro externo gefordert und zum Besten kirchlicher Anstalten verwendet werden, theils bloße Kanzleitaxen zu Bestreitung der auf der Ausfertigung und Zustellung haftenden Auslagen. – Heutzutage bestehen nur noch die servitia communia und minuta (Kanzleisporteln), theilweise noch die Halbannaten von niederen Pfründen, die der Papst verleiht und die über 24 Goldgulden taxirt sind, Palliengelder und Dispensationstaxen.

B. Abgaben an den Bischof. Auch dieser hat in seiner Diöcese das Besteuerungsrecht (lex dioecesana). Hierher gehören: I. Das cathedraticum, auch synodaticum, weil es meist auf der Diöcesansynode entrichtet wurde, honor cathedrae, eine jährliche Abgabe der Diöcesankirchen an die Kathedrale in signum subjectionis. Diese Abgabe wurde zuerst in Spanien von den Concilien (Conc. Brac. an. 572 c. 2 in c. 1. C. X. q. 3: duos solidos ne excedat), dann auch anderwärts eingeführt und wurde meist in Geld, zuweilen auch in Naturalien entrichtet (cf. c. 20. X. de cens. 3, 39 u. c. 16. X. de off. jud. ord. 1, 31). In Deutschland gehörte sie meist den Archidiakonen und nur im Schaltjahr (exitus episcopi) dem Bischof. Gemeinrechtlich darf sie noch jetzt erhoben werden, besteht aber nur in einigen Ländern. II. Das subsidium charitativum, eigentlich eine Noth- und Liebessteuer, ein ursprünglich freier Beitrag für außerordentliche Bedürfnisse von allen über die congrua bepfründeten Geistlichen der Diöcese (c. 6. X. de cens. 3, 39; c. 1 de poenit. 5, 10 in VIto). Benedict XII. setzte (1316) ein Maximum dafür fest (c. un. de cens. 3, 10 in VIto). Diese Abgabe kommt zuweilen noch vorübergehend vor, als ständige z. B. in der Diöcese {79} Würzburg. III. Die procuratio canonica (auch stipendium, servitium, circuitio, comestio, albergaria, circada, circatura, mansionaticum, fodrum), d. i. der nöthige Unterhalt des Bischofs auf seinen Visitationsreisen, welchen die visitirten Kirchen zu leisten haben. Sie wird schon von den Synoden des 6. Jahrhunderts erwähnt (c. 6. 8. C. X. q. 3; c. 4 ib.; c. 6. 23. X. de cens. III, 49). Werden mehrere Kirchen an einem Tage visitirt, so ist sie unter die einzelnen Kirchen zu vertheilen. Visitirt der Bischof dieselbe Kirche mehrmals in einem Jahre, so ist doch nur eine procuratio zu leisten. Statt der früher geforderten Naturalleistung (c. 1. § 5, c. 2 de cens. 3, 20 in VIto) ist auch ein Geldäquivalent (Procurationsgeld) gestattet, (c. 3 de cens. in VIto) und von Benedict XII. (1338) ward für verschiedene Länder eine feste Taxe bestimmt (c. un. de cens. in Extr. comm.). Bei notorisch armen Kirchen cessirt sie ganz. Locale Begreiungen sind vom Concil von Trient (sess. XXIV. c. 3 de ref.) anerkannt. IV. Das seminaristicum (alumnaticum, auch taxa conciliaris) zur Gründung und zum Unterhalte der bischöflichen Seminarien (Trid. sess. XXIII. c. 18 de ref.). Der Bischof kann diese Abgabe, jedoch unter Beirath von wenigstens zwei Mitgliedern seines Domcapitels und zweier anderer Geistlichen aus der Stadt, auferlegen. Weggefallen sind: V. Die quarta decimarum, ein bestimmter, gewöhnlich der vierte Theil der Einkünfte jeder zur Diöcese gehörigen Kirche, später besonders des Zehnten (c. 23. 25–30. C. XII. q. 2), und VI. die quarta legatorum, bald der vierte, bald der dritte Theil aller Vermächtnisse, die ohne specielle Zweckbestimmung einer Diöcesankirche zugewendet wurden (c. 16. X. de off. jud. ord. 1, 31; c. 14. 15. X. de testam. 3, 26). VII. Die quarta mortuariorum. Aus dem Nachlaß eines Geistlichen, welcher, soweit er aus dem Pfründeeinkommen erspart worden war, der Kirche zufiel, an welcher der Geistliche angestellt war, wurde ¼ oder ⅕ als portio canonica oder quarta funeralis zur bischöflichen Kammer eingeliefert. Diese quota funderalis besteht noch vielfach in einem mäßigen Betrage. Portio canonica oder quarta funeralis hieß sonst der vierte (manchmal auch dritte oder zweite) Theil von demjenigen, was aus Anlaß des in einer andern Kirche gewählten Begräbnisses dieser Kirche zufiel, und welcher der Pfarrkirche verbleiben sollte (c. 1–4. 8. 9. X. de sepult. 3, 28; cf. Trid. sess. XXV. c. 13 de ref.). Quarta mortuariorum ist nach der Sprache des corpus jur. can. identisch mit quarta legatorum. Eigentlich ist mortuarium das beste Haupt, das die Eingepfarrten bisweilen an ihre Pfarrkirchen zu entrichten hatten, und das auch aus dem Nachlasse eines Geistlichen geleistet werden mußte. Die Pflicht dieser Leistung beruht auf der mittelalterlichen Sitte, daß die Schutzpflichtigen ihrem Herrn das Sterbehaupt schulden. {80} Mortuarium kommt auch vor in der Bedeutung eines Vermächtnisses an die Kirche (c. 14. X. de testam. 3, 26). Der vigesimus nummus war die für Bestätigung des Testamentes durch die kirchliche Oberbehörde zuweilen vorgeschriebene Abgabe, dann auch der 20. Theil des nicht testamentarisch vergabten Fahrnißvermögens. VIII. Fast überall aufgehoben ist die außerordentliche und vorübergehende Beisteuer, die in dem Betrag der Früchte des ersten Jahres bestand (annalia, annatae; s. d. A. Jus deportuum und Spolienrecht). In ähnlicher Weise bezogen viele Stifter das Einkommen des ersten Jahres von Stiftsstellen für den Unterhalt der Kirchenbauten (siehe Annus carentiae). Nur zuweilen besteht noch das jus deportuum (primi fructus) in sehr mäßigem Betrage. Weggefallen sind auch die sogen. Absenz- oder Tafelgelder, welche von Geistlichen, die gleichzeitig im Genusse mehrerer Pfründen waren, an den Bischof, sowie von dem Pfarrvicar incorporirter Pfarreien an das Stift oder Kloster gezahlt wurden (s. Jäger, Über Absenz- und Tafelgelder, Ingolstadt 1828). Außer Übung sind auch die Commende- oder Commissionsgelder, eine Recognition für die von Zeit zu Zeit oder alljährlich ertheilte Bestätigung im Genuß einer nach ihrer Erledigung nicht ordentlich und ständig (in titulum), sondern bloß fürsorglich und widerruflich (in commendam) verliehenen Pfründe c. 54. X. de elect. 1, 6). IX. Nach Gewohnheit und Observanz zu erheben sind auch jetzt noch die Ordinariatstaxen und Kanzleigebühren für Ausfertigung von Dispensen und anderen Urkunden, Expeditionsgebühren für Ertheilung der Weihen und Dimissorien an die bischöflichen Kanzleibeamten (Trid. sess. XXI. c. 1 de ref.).

C. Abgaben an den Pfarrer und andere Geistliche. Hierher gehören die an ihrer Stelle zu besprechenden Oblationen, Erstlinge, Stolgebühren, Beichtpfennige, Zehnten und Meßstipendien.

[Ph. Hergenröther.]


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