Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.


{87} Abgar, allgemeiner Name der Herrscher über das osrhoenische Reich zu Edessa, dessen Einwohner bei den Classikern bald Syrer, bald Araber genannt werden. Stifter der Dynasie ist Orhoj Bar Chevjo, 137 v.Chr.. Unter den 98 Fürsten dieses Namens ist der vierzehnte, Abgar Uchomo, der Schwarze, besonders bekannt geworden, weil er mit Jesus in Briefwechsel gestanden haben soll. In den Archiven von Edessa fand der Hirchenhistoriker Eusebius, Bischof von Cäsarea, im Anfange des vierten Jahrhunderts einige in syrischer Sprache abgefaßte Urkunden, welche den angeblichen Briefwechsel enthielten, und die er für wichtig genug erachtete, um sie in’s Griechische zu übersetzen und seiner Kirchengeschichte (Buch I. Kap. 13) einzuverleiben. Mit einigen Abweichungen und Erweiterungen hat auch der armenische Historiker Moses von Chorene im fünften Jahrhundert den fraglichen Briefwechsel in sein Geschichtswerk aufgenommen. Abgar nämlich soll, von langjähriger Krankheit (Aussatz) gequält, einen Boten mit einem Briefe an Christus geschickt und gebeten haben, »der Heiland möge zu ihm kommen und ihn heilen«. Christus aber erwiederte ihm (nach Moses von Chorene schrieb der Apostel Thomas im Auftrage Christi): »Selig bist du, Abgar, daß du an mich glaubst, ohne mich gesehen zu haben, denn es steht von mir geschrieben: die mich sehen, werden nicht an mich glauben, damit jene, welche nicht sehen und doch glauben, das ewige Leben erlangen. Was aber deinen Wunsch betrifft, daß ich zu dir komme, so muß ich hier (im Judenlande) alles erfüllen, wozu ich gesandt bin, und hierauf zu Dem zurückkehren, der mich geschickt hat. Sobald dieß aber geschehen, will ich einen meiner Schüler zu dir schicken, damit er dich heile und dir und den Deinigen das Leben mittheile.« Daß Christus dem Boten Abgars auch sein in ein Schweißtuch wunderbar eingedrücktes Portrait mitgegeben habe, findet isch noch nicht bei Eusebius, aber auch nicht erst bei Evagrius, wie gewöhnlich (neuerdings auch von Wilhelm Grimm, Die Sage vom Ursprung der Christusbilder, Berlin 1843) behauptet wird, sondern schon bei Moses von Chorene, zu dessen Zeit das Bild noch zu Edessa gewesen sei. Später soll es nach Constantinopel und von da nach Rom in die Sylvesterkirche oder nach Genua gekommen sein. Beide letzteren Städte wollen das ächte besitzen. Sofort soll nach Christi Himmelfahrt der Apostel Thomas den Thaddäus (nicht den Apostel, sondern einen der 70 Jünger) an Abgar gesandt haben. Dieser sei jetzt geheilt und sammt seinen Unterthanen christlich geworden. Ja, Moses von Chorene bringt noch mehrere Briefe Abgars bei, welche dieser eifrige Convertit im Interesse des Christenthums an Kaiser Tiberius und an den König Artaschas von Persien gerichtet haben soll. Den fast allgemein für unächt erklärten Briefwechsel haben unter Andern Tillemont (Mémoires pour servir à l’histoire ecclésiastique, I, 362 u. 615), Cave (Scriptor. eccles.) {88} und Welte (in der Tübinger Quartalschrift 1842, S. 335 ff.) einigermaßen zu vertheidigen gesucht, namentlich auch behauptet, jene Stelle im Briefe Christi: »Selig bist du« etc. und: »es steht von mir geschrieben«, beziehe sich nicht auf die Bibelstelle Joh. 20, 29, sondern auf Is. 52, 15 und 65, 1. 2. Über die Abgar-Sage vgl. auch Wilhelm Grimm a. a. O., wo eine schöne Nachbildung des in der Sylvesterkirche zu Rom befindlichen, angeblich dem Abgar vom Herrn selbst zugeschickten Porträts Christi als Titelkupfer beigegeben ist. Dasselbe trägt sehr kenntlich den byzantinischen Typus. Der Briefwechsel zwischen Abgar und Christus ist auch abgedruckt bei Fabricius, Codex apocryphus Novi Test. P. I. 316 sqq. [R. A. Lipsius, Die edessenische Abgar-Sage kritisch untersucht, Braunschweig 1880.]

[Hefele.]


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