Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.


Ablaß, im weitern Sinne Nachlaß der Sünde sammt ihren Strafen, im engern, gewöhnlichen Sinne Nachlaß der zeitlichen Sündenstrafen. 1. Begriff und dogmatische Lehre. Das im Lateinischen gebräuchlichste Wort für den Ablaß, indulgentia, bezeichnet nach seinem Gebrauch in der römischen Rechtssprache soviel als Amnestie, Straferlaß (s. Cod. Theod. l. 9, tit. 38) und kommt unter Anderem ähnlich in der heiligen Schrift (Is. 61, 1) vor in dem Sinne von Freilassung (= remissio, vgl. Luc. 4, 18). Denselben Sinn von Erlaß der Strafe hat es in der Kirchensprache. Dafür begegnen uns im Alterthume auch andere Namen, als pax (εἰρήνη), remissio, donatio, condonatio. Auch der Begriff des deutschen Wortes Ablaß ist nach heutigem Gebrauche meist auf diese Bedeutung allein beschränkt, während es früher daneben zugleich von Sündennachlaß (ich glaube an einen »Ablaß« der Sünden) angewendet wurde. Näherhin versteht man darunter die mittels Zuwendung des Kirchenschatzes dem reumüthig Büßenden außerhalb des Bußsacramentes gewährte Nachlassung derjenigen (zeitlichen) Sündenstrafen, welche nach Vergebung der Sünde und der ewigen Strafe demselben vor der Kirche und vor Gott noch zu erstehen bleiben. – Es beruht demnach der Ablaß a) zunächst auf der Unterscheidung eines doppelten Momentes in der Sünde, wovon das eine die Sünde im eigentlichen und engern Sinne, die durch die sündige That contrahirte Makel oder Schuld (culpa), das andere die Haftpflicht zur Sühne des wider Gott begangenen Frevels durch Erduldung einer Strafe (reatus poenae) bildet. Stets findet mit der Sündenvergebung ein wenigstens theilweiser Straferlaß statt, namentlich wird mit der schweren Sünde immer auch die ewige Strafe erlassen. Doch ist bei der Rechtfertigung des nach der Taufe gefallenen Sünders der Regel nach (»plerumque« – Trid. Sess. XIV de poen. can. 15) der Straferlaß ein nicht so vollständiger, daß nach Vergebung der Sündenschuld nicht noch Strafen für dieselbe zu büßen {95} übrig blieben (die Gründe hierfür s. l. c. cap. 8); die ewige Strafe wird in eine zeitliche umgewandelt (Sess. VI. can. 30). Zur Tilgung der noch restirenden zeitlichen Strafen dient im Bußgerichte die dem Sünder auferlegte (sacramentale) Buße, die indessen in sehr vielen Fällen und besonders nach der heutzutage herrschenden, milden Praxis der Kirche dem unter Voraussetzung des Sündennachlasses Gott annoch geschuldeten Strafmaße keineswegs gleichkommt, während man in den ältesten Zeiten der Kirche allerdings beflissen war, dieselbe so abzumessen, daß mit deren Erstehung, die hier gemeiniglich der sacramentalen Absolution vorauszugehen hatte, den Forderungen der göttlichen Gerechtigkeit in Bezug auf die durch die Absolution nicht schon ganz gehobene Verpflichtung zur Strafleistung möglichst volles Genüge geschehe. Findet nun im Bußsacramente mit der Lösung von der Schuld durch Auflegung der Buße zugleich eine Bindung zur Erstehung einer Strafe statt, so bewirkt hingegen außerhalb des Bußsacramentes der Ablaß eine Lösung von der Strafe. Dieser erscheint demgemäß als Ergänzung der sacramentalen Genugthuung, insoweit durch ihn erlassen wird, was der Leistung letzterer bezüglich der verdienten Strafe abgeht, keineswegs aber als Ergänzung oder Bestandtheil der Absolution des Sacramentes. Seine Gewährung ist kein sacramentaler Act, kein actus ordinis, sondern ein in foro externo ausgeübter Act der kirchlichen Gerichtsbarkeit. Im Besonderen ist der Ablaß nicht Sündenvergebung und noch viel weniger eine zum Voraus gespendete (!) Absolution von zukünftigen Sünden; er setzt vielmehr die Sündenvergebung voraus. Wenn gleichwohl in kirchlichen Ablaßdecreten derselbe nicht selten als remissio peccatorum bezeichnet ist, so besteht nach allgemeiner Auslegung doch darüber kein Zweifel, daß hierbei der Ausdruck peccatum nicht stehe von der Sünde in dem engeren und eigentlichen Sinne, sondern nach dem Vorgang der heiligen Schrift (vgl. z. B. 1 Petr. 2, 24) von dem einen mehr untergeordneten Moment der Sünde allein, der Strafschuld. Was Ablaßertheilungen a poena et culpa betrifft, so hält Benedict XIV. (L. 13 de syn. dioec. c. 18, n. 7) Ablässe, die in dieser Form ertheilt sein sollen, für unächt und schreibt die Ausdrucksweise einem Mißbrauch der Ablaßquästoren zu, indem er auch die Deutung auf die culpa venialis, nach Meinung der Scotisten ausschließlich in dem reatus poenae bestehend, als kirchlich gerechtfertigt nicht gelten läßt. Andere erklären die Form von der in Ablaßausschreiben den Beichtvätern ertheilten Facultät, a culpa reservata zu absolviren (Ferraris, Prompta bilb., art. Indulgentia). b) Da, solange die Schuld nicht getilgt ist, auch der Straferlaß für dieselbe nicht eintreten kann, so ist einleuchtend, daß der Ablaß den Sünder nicht der Buße überhebt, die für den Nachlaß der Sünde schlechthin erforderlich ist; vielmehr daß {96} er nur dem reumüthig Büßenden, nicht also dem Sünder als solchem, d. h. soweit er in sündhafter Gesinnung beharrt, zu Theil werden kann. Der Ablaß befreit daher weder von der Pflicht, die Sünde zu bereuen, resp. die schwere Sünde zu beichten und ihre Vergebung im Bußsacramente nachzusuchen und zu erlangen, noch von der Restitutionspflicht in Bezeiehung auf angerichteten Schaden und gegebenes Ärgerniß, noch endlich von der Pflicht und Nothwendigkeit, die mit der Sünde natürlich verknüpften Folgen, als Schande, Krankheit u. s. w., im Geiste der Geduld und Ergebung zu ertragen. Nur verlieren die letzteren in Folge des gewonnenen (vollkommenen) Ablasses ihren eigentlichen Strafcharakter vor Gott ebenso, wie dieß von den nach der Taufe zurückbleibenden Folgen der Erbsünde gilt. Aber auch die im Sacramente dem Sünder auferlegten Genugthuungswerke werden von dem Ablaß nach der heutigen Praxis nicht berührt. An sich könnte derselbe freilich auch Nachlaß der sacramentalen Genugthuung sein, und er war es nach Ausweis der Geschichte ehedem, da die in der Kirche geforderte öffentliche Buße, von welcher damals Ablaß gewährt wurde, eben Bedingung für die Ertheilung der sacramentalen Absolution, also sacramentale Buße war. Indessen ist mit dem Ablasse heutzutage die Erlassung der sacramentalen Buße nicht bezweckt; vielmehr beruht die Gewährung eines solchen auf der unzweifelhaft richtigen Voraussetzung, daß selbst nach Leistung der im Sacramente auferlegten Buße bei ihrer derzeitigen relativen Geringfügigkeit durchgehends noch ein größerer oder geringerer Strafrest zu tilgen übrig bleibt, und eben auf den bleibenden Rest soll nach Meinung der Kirche sich der Ablaß beziehen. Zudem wird der Sünder von der Kirche angewiesen und angehalten, noch durch Bußwerke, welche eigens als Bedingung zur Gewinnung des Ablasses, außer und unabhängig von der sacramentalen Buße, auferlegt sind, seine bußfertige Gesinnung zu documentiren. Der Bußgeist erleidet darum durch den Ablaß keine Beeinträchtigung und wird durch denselben nicht untergraben, sondern wird durch ihn gefordert und gefördert. c) Als Entbindung von Strafe ist der Ablaß ebenso Ausübung der Lösegewalt, wie die Auferlegung von Strafe Ausübung der Bindegewalt ist. Die Kirche übt diese Doppelgewalt niemals anders als im Namen, in der Macht und im Auftrage Gottes, so wie sie ihr von Christo verliehen worden; daher hat ihre Bindung und Lösung Rechtsgültigkeit auch vor dem göttlichen Forum, und es ist einseitig und irrig, den Ablaß als Nachlassung der bloß kirchlichen (canonischen) Strafen erklären zu wollen, nämlich in dem Sinne, daß an der vor Gott geschuldeten Strafe durch ihn nichts vergeben werde. Niemals trennte die Kirche ihre Sache von der Sache Gottes, und niemals erachtete sie bei Ausübung ihrer Bußdisciplin etwas Anderes für ihren Beruf und Zweck, als Gottes verletzte Rechte wahrzunehmen {97} und als dessen Stellvertreterin an dem Strafbaren zu handeln. Wenn demnach die Kirche mit Auferlegung ihrer Strafen Sühne vor Gott erzielen wollte, so ist auch der NAchlaß canonischer Strafen Nachlaß Gott geschuldeter Sühne, und sie erläßt diese Sühne ebenso im Namen Gottes, als sie im Namen Gottes dieselbe forderte. Die Auffassung des Ablasses als Nachlasses canonischer Strafen, wie sehr sie auch der Entstehung und der ältern Geschichte desselben entsprechen mag, schließt daher in richtiger und zwar gerade durch die Geschichte (s. unten) bewährter Fassung dessen Bedeutung als Nachlaß göttlicher Strafen nicht aus, sondern involvirt sie. Völlig bedeutungslos wäre aber der Ablaß heutzutage, wenn er in der Gewährung des Nachlasses nur solcher Strafen bestände, welche die Kirche nach dem Aufhören der Bußdisciplin nicht mehr verhängt. Ebenso verlören unter dieser Voraussetzung die beiden dogmatischen Decrete des Trienter Kirchenrathes über die Ablässe (Decr. de indulg. Sess. XXV.), daß nämlich dieselben heilsam seien, und die Kirche solche zu ertheilen die Gewalt besitze, allen Werth und Sinn. In Beziehung auf erstern Punkt sagt schon der hl. Thomas von Aquin (Suppl. qu. 25. a. 1): Ecclesia hujusmodi indulgentias faciens magis damnificaret, quam adjuvaret, quia remitteret ad graviores poenas, sc. purgatorii, absolvendo a poenitentiis injunctis. Was aber die Gewalt der Kirche, Ablaß zu geben, betrifft, so stand nicht in Frage und konnte nicht in Frage stehen, ob die Kirche solche Strafen, die sie lediglich als die ihreigen verhängt, auch wieder zu erlassen befugt sei; dieß wird kein Vernünftiger bezweifeln. Da vielmehr die Reformatoren behaupteten, mit der Vergebung (Nichtanrechnung) der Sünde sei alle und jede geschuldete Strafe nachgelassen, so kann sich bezügliche Lehrbestimmung eben nur auf die verwirkten Strafen üerhaupt beziehen, seien sie Gott oder um Gottes wegen auch der Kirche geschuldet. Endlich hat die Kirche in ihren lehramtlichen Entscheidungen die entgegenstehende Lehre entschieden mißbilligt durch Verwerfung der Thes. Lutheri n. 19: Indulgentiae his, qui veraciter eas consequuntur, non valent ad remissionem poenae pro peccatis actualibus debitae apud divinam justitiam, sowie der Prop. 40 der Synode von Pistoja: Propositio asserens, indulgentiam secundum suam praecisam notionem aliud non esse, quam remissionem partis ejus poenitentiae, quae per canones statuta erat peccanti; quasi indulgentia, praeter nudam remissionem poenae canonicae, non etiam valeat ad remissionem poenae temporalis pro peccatis actualibus debitae apud divinam justitiam: falsa, temeraria, Christi meritis injuriosa, dudum in art. 19 Lutheri damnata (cfr. Prop. 41). d) Es ist indessen der Ablaß nicht nur Lösung von der Strafe (absolutio), sondern zugleich Abtragung derselben (solutio). Statt der eigenen Genugthuung des Büßers wird {98} nämlich eine fremde, und zwar vollwiegende, substitutiert, welche aus dem überfließenden Schatze der Genugthuungen Christi und der Heiligen von der Kirche entnommen wird. Weil dieser Schatz, kraft ihrer Schlüssel- und Jurisdictionsgewlat, ihrer directen Verfügung zu Gunsten der ihr angehörigen Glieder unterstellt ist, so kann sie, theilweise oder gänzlich, aus ihm die Zahlung der noch restirenden Strafschuld des Sünders Gott wirklich darbeiten. Andererseits hat auch Gott durch die Beauftragung der Kirche mit dem so beschaffenen Verfügungsrechte sich gebunden, diese Zahlung da, wo sie für die ihrer Gewalt unterstehenden Angehörigen geleistet wird, zu acceptiren. Da aber ferner Gott vermöge seiner Gerechtigkeit für die Sünde vollen Ersat fordert, so kann nicht bloß, sondern muß zugleich mit der absolutio a poenis die Leistung der Strafschuld, die solutio, sich verbinden. Wohl ist die letztere ohne die erstere, also ein Strafnachlaß per simplicem solutionem, denkbar, nicht aber umgekehrt die Absolution von den Strafen ohne vollwiegende Leistung für dieselben (Bellarm. De indulg. 1, 5). Der Ablaß ist beides: solutio und absolutio; weil jedoch durch ihn der Strafnachlaß in forma absolutionis, mittels Ausübung, nämlich der Lösegewalt, gewährt wird, so wird er definirt als eine absolutio juridica, annexam habens solutionem ex thesauro. Hieraus ergibt sich der nothwendige Zusammenhang der Lehre vom Ablaß mit der von dem thesaurus meritorum (s. d. A.). Mit Voraussetzung des Begriffes vom Ablaß hat der Kirchenrath von Trient in Betreff desselben nur die beiden oben bezeichneten Dogmen declarirt: Eos (synodus) anathemate damnat, qui aut inutiles esse (indulgentias) asserunt, vel eas concedendi in ecclesia potestatem esse negant (vgl. die Professio fidei Trid.). Die Heilsamkeit der Ablässe wird bei richtigem Verständniß derselben nicht bezweifelt werden können. Durch dieselben kommt die Kirche dem büßtenden Sünder hülfreich entgegen; die Lauen und Nachlässigen werden durch dieselben zum Nachsinnen über den Ernst der Sünde und die Pflicht der Sühne erweckt; viele heilsame Werke werden durch sie gefordert und veranlaßt, während andererseits die gewährte Erleichterung und Verkürzung der Buße zu deren Übernahme und zur Besserung des sittlichen Lebens trostvoll ermuthigen; das Hochgefühl der christlichen Lebensgemeinschaft wird durch dieselben genährt und angeregt, wovon die Folge, daß die Gläubigen es sich mit um so größerem Eifer werden angelegen sein lassen, für Andere und mit Anderen dem Dienste Gottes ihre Thätigkeit zu opfern. Die Gewalt, Ablässe zu ertheilen, ist der Kirche von ihrem göttlichen Stifter mit der Binde- und Lösegewalt, resp. Schüsselgewalt verliehen (Matth. 16, 19; 18, 18; vgl. Joh. 20, 22. 23). Als Trägerin der Schlüssel des Himmelreiches ist die Kirche vor Gott befugt, den Himmel dem Sünder verschlossen zu halten oder {99} zu erschließen; da aber nicht nur die Sünde, sondern auch die Sündenstrafe von dem Eintritt in den Himmel abhält, so steht es ihr zu, ebenso wie von der Sünde, auch von den zeitlichen Strafen für dieselbe, die nach der Vergebung zurückbleiben, rechtskräftig zu befreien. Wie ferner auf ihre Bindegewalt die Kirche das Recht zurückleitet, STrafen aufzuerlegen (Trid. Sess. XIV. De poen. can. 5), so liegt auch in ihrer Lösegewalt das Recht, Strafen nachzulassen, und zwar so, daß was immer sie bindet oder läst, auch vor Gott gebunden und gelöst ist. Dieses Rechtes bediente sich denn auch thatsächlich der hl. Paulus gegenüber dem Blutschänder in Korinth; diesem ließ er, nachdem er ihn wegen seines Verbrechens aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, auf Grund der von ihm bethätigten Reue und gebesserter Gesinnung, sowie der Verwendung der Gläubigen für seine Begnadigung (propter vos) an Christi Statt (in persona Christi) die Strafe nach (donavi, 2 Cor. 2, 10), die er ebenso in Christi Namen und Gewalt (1 Cor. 5, 4: in nomine Domini nostri Jesu Christi … cum virtute Domini Jesu) über ihn verhängt hatte. Indem er ihn hierdurch von der Censur entband, befreite er ihn zugleich von der Buße, welche die Excommunication in Betreff seiner bezweckt hatte (V. 5: ut spiritus salvus sit). Und zwar bezeichnete der Apostel diese Befreiung als Schenkung (donavi); nur drückte er sich, da er nicht wissen konnte, wie viel von der Gott geschuldeten Strafe der Sünder durch seinen Bußeifer bereits abgebüßt, ja ob sie nicht schon gänzlich getilgt sei, bedingungsweise in den Worten aus: quod donavi, si quid donavi, d. h. er bestimmte, daß wenn etwa die Buße nicht schon vollkommen ausreichend gewesen, der Rest der noch schuldigen Strafe erlassen sei. Offenbar liegen bei diesem Factum alle im Ablaß liegenden Momente vor: Strafnachlaß, mit Rücksicht auf die sich für den Strafbaren verwendende kirchliche Gemeinschaft, kraft der Gewalt Christi, und wir haben daher hier das erste und zwar biblische Beispiel eines Ablasses. Den ferneren (Tradition-) Beweis für die Gewalt der Kirche, sowie die Rechtfertigung des gesammten oben aufgestellten Begriffes liefert uns 2. die Geschichte des Ablasses. Am füglichsten wird man dieselbe, je nach den wechselnden Formen des Ablasses, in drei Perioden eintheilen. a) In der ersten Periode unterschied sich die Form desselben im Allgemeinen nicht von derjenigen, die uns in der apostolischen Zeit beim hl. Paulus begegnet. Er bestand in dem Erlaß oder der Verkürzung der von der Kirche auferlegten (canonischen) Bußstrafen und fand regelmäßig nur dann statt, wenn bei theilweisem Erstehen dieser Strafen der Sünder eine ausnehmende Bußgesinnung an den Tag gelegt hatte. Namentlich wurde den in der Verfolgung Gefallenen, welche sich der Kirchenbuße unterzogen und bei dieser Eifer gezeigt hatten, auf Verwendung der Martyrer und in Folge eines von diesen {100} ausgestellten sogen. Friedensscheines, libellus pacis, welcher an den Bischof zu adressiren war und genau den Namen dessen, für welchen er gelten sollte, enthalten mußte, außerdem nur auf einen solchen lauten durfte, welcher sich dieser Wohlthat durch sein Verhalten während der Bußzeit würdig gemacht (s. Cypr. Ep., ed. Hartel, II, Ep. 15 bis 17 u. 33), die kirchliche Reconciliation gewährt. Daß dieser Gewährung der Gedanke einer wirklichen Übertragung der Verdienste des Martyrers zu Grunde lag, zeigen besonders deutlich die galligen Worte, welche Tertullian als Montanist schrieb (De pud. 22): At tu jam et in martyres tuos effundis hanc potestatem. Quis permittit homini donare, quae Deo reservanda sunt? … Quis alienam mortem solvit, nisi solus filius Dei? Der Friedensschein war nicht eine bloße Empfehlung in Worten, sondern eine durch die Gebete, Thränen und Leiden der Martyrer, welche sie für die Büßer Gott aufopferten, innerlich gestütze und motivirte, also mit dem Angebot stellvertretender Genugthuung für Letztere begleitete Anempfehlung an die Gnade der Kirche, welche hierauf, wie sie als Gottes Stellvertreterin an den Sündern Gericht geübt, so auch als solche nicht bloß gültig vor ihrem Forum, sondern nicht minder gültig vor dem Tribunale der göttlichen Gerechtigkeit die Strafe erließ. Daß sich die alte Kirche dieser Gültigkeit ihres Strafnachlasses auch vor Gott bewußt war, erhellt besonders aus manchen Stellen bei Cyprian; so Ep. 18, 1: Occurrendum puto fratribus nostris, ut qui libellos a martyribus acceperunt et praerogativa eorum apud Deum juvari possunt, und De laps. 36: Poenitenti, operanti, roganti potest (Dominus) clementer ignoscere, potest in acceptum referre, quidquid pro talibus et petierint martyres et fecerint sacerdotes. Als specieller Anlaß für den Nachlaß der Bußstrafe erscheint von jeher nahe Todesgefahr, besonders bei bevorstehender Verfolgung (Cypr. Ep. 57, 1: Nec enim fas erat aut permittebat paterna pietas et divina clementia ecclesiam pulsantibus claudi ac deprecantibus spei salutaris subsidium denegari, ut de saeculo recedentes sine communicatione et pace ad Dominum dimitterentur). Nach den Zeiten der Verfolgung begegnen wir in can. 2 und 3 des Concils von Ancyra der Bestimmung, daß bei völliger Übernahme und eifriger Übung der Buße der Bischof einen Nachlaß gewähren könne. Ebenso findet das Concil von Nicäa (c. 12) in dem Eifer des Büßers einen Grund, ihm die schwierigste Bußstation, die der Liegenden, zu erlassen, mit dem Beisatz, daß »der Bischof auch noch gütiger verfahren könne«. Der gleiche Grund zu solcher Vergünstigung findet sich auf anderen Concilien oft wiederholt. Nebenher zeigen nicht nur Beispiele im Einzelnen, daß Erlaß der Buße und Wiederaufnahme in die Kirche auf Fürbitte der Gläubigen erfolgte, z. B. die Wiederaufnahme des abgefallenen Bischofs Natalis, {101} und zwar ausnahmsweise mit vollständigem Nachlaß aller kirchlichen Strafe auf flehentliches Bitten der Cleriker und Laien (Euseb. H. E. 5, 32), sondern es spricht sich der Gedanke des stellvertretenden Eintretens der Kirche auch überhaupt in dem Reconciliationsritus aus, wie wenn es in einem der Gebete heißt: Deus … agnosce oves tuae redemptionis, et constrictos vinculis peccatorum ecclesiae tuae precibus uxoratus absolve. b) Seit dem allmählichen Aufhören der alten Bußpraxis mit ihren strengen Bußstationen begegnet uns der Ablaß in Gestalt der Vertauschung sonst erforderlicher schwererer Bußwerke durch leichtere (Commutation) oder, was dasselbe besagen will: in der Form des Loskaufes (Redemption). Die ehemalige strenge Kirchenbuße war dahin abgemildert worden, daß jetzt außer der Entfernung von den Sacramenten durchgehends nur private Übung gewisser frommer Werke (Gebet, Fasten, Almosen) bis zu einer gewissen Dauer oder Höhe zur Pflicht gemacht wurde. Dabei konnte dann nach Maßgabe der kirchlichen Bestimmungen auch eine Ersetzung des einen Werkes durch ein anderes stattfinden. Entweder wurde mit Rücksicht darauf, daß in bestimmten Fällen (Krankheit, Armuth u. dgl.) die nunmehr geforderten, wiewohl bedeutend herabgestimmten Leistungen unmöglich oder gar zu schwierig waren, eine inhaltlich gleiche Commutation gewährt, oder es wurde durch allgemeinern Gnadenact ein an sich Geringeres anstatt des Größeren als zulässig erklärt und jenem (durch Ergänzung aus dem Kirchenschatze) in Bezug auf die Genugthuung der gleiche Werth wie diesem zugelegt. Die Sitte solcher Commutationen entstand nach dem 7. Jahrhundert und ging hauptsächlich von England aus, von wo aus sie sich bald auch auf die südlicheren Länder übertrug. Als Ablösung der übrigen Bußwerke galt jeder besondere Erweis von Gottes- und Nächstenliebe, Geldbußen und Schenkungen an Kirchen, Klöster und Arme, Loslassung von Leibeigenen, Geißelung und die vorzüglich seit dem 10. Jahrhundert in Schwung kommenden Wallfahrten nach Jerusalem, Rom und Compostella. Der gewährte Strafnachlaß war gewöhnlich ein eingeschränkter, nach Fasttagen, Quadragenen, Jahren u. s. w. der Kirchenbuße bemessener. Seit dem 11. Jahrhundert kommen, obwohl selten, auch vollkommene Ablässe vor. Einen solchen verkündete mit Berufung auf »die von den Apostelfürsten Petrus und Paulus empfangene Gewalt« Urban II. auf der berühmten Versammlung zu Clermont für die Kreuzfahrer (»iter illud pro omni poenitentia reputetur«). Deßgleichen verlieh Innocenz IV. auf der ersten allgemeinen Kirchenversammlung zu Lyon »vermöge der Binde- und Lösegewalt allen, die auf eigene Kosten den Kreuzzug mitmachen, vollständige Nachlassung ihrer Sünden, wenn sie dieselben reumüthig beichten; außerdem allen denen, welche diesen Zug durch angemessene Beitrag zu Hülfe des heiligen Landes unterstützen oder sonst {102} durch Rath und That fördern, einen ihrem Beitrag und Eifer entsprechenden Ablaß«. c) Mit dem Beginn der Kreuzzüge entwickelte sich der Ablaß mehr und mehr zu seiner heutigen Gestalt. Die Verleihungen wurden häufiger und reichlicher, da die Päpste in ihnen ein vorzügliches Mittel erkannten, den erschlafften Bußgeist zu wecken und die Gläubigen zu einer dem Gesammtwohl der Christenheit nothwendigen oder nützlichen Thätigkeit zu begeistern. So geschah es, daß allmählich die kirchlichen Bußstrafen auch in der milderen Form, in welcher sie zuletzt noch bestanden hatten, ganz verdrängt wurden, indem die Ablässe, in großer Zahl vorhanden, ein weit bequemeres Sühnungsmittel darboten. Die den Kreuzfahrern in’s heilige Land ertheilten wurden bald auch auf die kriegerischen Unternehmungen gegen die Ketzer, wie die Albigenser und Waldenser, und gegen die Mauren in Spanien ausgedehnt; auch gegen die der Kirche feindlichen Kaiser wurde nicht selten zu diesem Mittel gegriffen. Im Jahre 1425 wurde auf dem Concil von Siena gegen die Husiten ein Kriegszug unter Bewilligung eines vollkommenen Ablasses ausgeschrieben, und die gegen die Türken bis in’s 16. Jahrhundert unternommenen Expeditionen wurden gleichfalls unter Gewährung von Indulgenzen in’s Werk gesetzt. Dazu kam seit 1300 unter dem Pontificate Bonifaz’ VIII. der Jubiläumsablaß, welcher anfänglich auf Rom beschränkt blieb und nur alle hundert Jahre wiederkehren sollte, später aber nach Ort und Zeit sehr erweitert wurde. Zu den schon früher bestandenen Anlässen zu Ablaßbewilligungen kamen vielfach ganz neue. Dahin gehören die Ablässe bei Kirchweihfesten und deren Anniversarien seit dem 11. Jahrhundert, welche schließlich eine solche Ausdehnung gewannen, daß Innocenz III. auf dem IV. Lateran-Concil 1215 sich genöthigt sah, sie auf höchstens nur ein Jahr und bei dem Anniversarium auf nicht über 40 Tage zu beschränken. Ferner gab die Einführung des Frohnleichnamsfestes im Jahre 1264 und die in Folge dessen geförderte Verehrung gegen das allerheiligste Sacrament Urban IV. und im 15. Jahrhundert den Päpsten Martin V. und Eugen IV. Veranlassung zur Bewilligung eines Ablasses von je 100, 200, 400 Tagen für diejenigen welche an diesem Tage den canonischen Horen beiwohnen würdne. Auch an die Begleitung des Hochwürdigsten Gutes zu den Kranken wurde bereits von dem Avignoner Concil vom Jahre 1326 Ablaß geknüpft. Andere Gelegenheiten boten die Canonisation von Heiligen (zuerst unter Honorius III. bei Canonisation des Bischofs Laurentius von Dublin), Heiligen-, namentlich Marienfeste, der Besuch einer Kirche an bestimmten Tagen, Beisteuer zu einem gemeinnützigen Unternehmen, Kirchenbau u. dgl. Die Begünstigung alter und neuer Orden, Congregationen und Bruderschaften und der innerhalb derselben besonders gepflegten Andachtsweisen und Liebeswerke, welche oft von diesem engern Herde aus {103} sich mehr und mehr über die gesammte Kirche entfalteten, führte gleichfalls zu einer Menge von Ablaßverleihungen, welche insbesondere noch dadurch gemehrt wurden, daß seit den Jubiläen und vor Allem seit der Verbreitung des Rosenkranzgebetes durch den Dominicanerorden und der durch den Franciscanerorden angefachten Verehrung des Leidens Christi die Sitte aufkam, mit Rosenkränzen, Crucifixen, Bildern und Medaillen u. s. w. Ablaß zu verbinden. So hat die Kirche alle Schleusen der Gnade eröffnet und bietet durch die Menge ihrer Indulgenzen ihren Kindern, auch nach gänzlichem Wegfall der alten Bußsatzungen, die reichlichste Gelegenheit, die göttliche Gerechtigkeit zu versöhnen und den Strafen im andern Leben zu entrinnen. Als Commutation oder Ersatz für die alten Bußwerke erscheinen fortan die Ablässe nur in der Form ihrer Verleihung, indem z. B. auch heute noch Indulgenzen von Quadragenen u. s. w. bewilligt werden; dieß kann jetzt nicht mehr heißen, wie es ehedem zunächst zu verstehen war, daß die für den Ablaß geforderten Bußwerke einfach an die Stelle einer Quadragene der Kirchenbuße treten dürften; denn was nicht mehr besteht, kann auch nicht mit einem Andern umgetauscht werden; es bedeutet vielmehr, daß soviel von der vor Gott verwirkten Strafschuld abgebüßt werden könne, als vormals durch eine 40tägige Kirchenbuße. Gerade diese Form beweist auf’s Deutlichste, daß göttliche und Kirchenstrafe als einander entsprechend und gleichwährig gelten, und daß nach Anschauung und Intention der Kirche die Ablässe niemals Erlaß bloß menschlicher (rein kirchlicher) Strafe waren. Noch mehr tritt die Bedeutung des Ablasses als Nachlasses göttlicher Strafen in dieser Epoche hervor bei dem sogen. vollkommenen Ablaß, welcher nie und nirgends von der Kirche als Nachlaß der ihr nach alter Bußpraxis geschuldeten, aber heute nicht mehr geforderten, darum auch nicht mehr geschuldeten Strafen, sondern eben aller zeitlichen Strafen begriffen und allgemein dahin verstanden und erklärt wird. Es hatte daher die Ablaßpraxis in dieser Periode auch die Folge eines tiefern theologischen Eingehens in die Betrachtung der Idee und des Wesens des Ablasses und der Ausbildung der auf ihn bezüglichen Terminologie. Der Ausdruck: thesaurus ecclesiae begegnet uns bei den Theologen seit dem Beginn des 11. Jahrhunderts und ging von der Schule in den kirchlichen Sprachgebrauch über. Die Gegner, die der Ablaß nach dieser Zeit fand (Wiclif, Hus, Luther, die Synode von Pistoja), bedingten gleichfalls eine eingehendere Entwickelung dieses Lehrpunktes; die Verdammung ihrer falschen Lehren wies den Theologen Ziel und Weg. Andererseits hatte da sAblaßwesen eine Ausdehnung und eine Weise des Betriebes angenommen, die, wie zu Mißverständnissen, so auch zu Mißbräuchen Anlaß bieten konnte und solche theilweise veranlaßt hat. Diesen trat die Kirche durch heilsame Verordnungen und Vorschriften wehrend entgegen. Namentlich steuerte der Kirchenrath {104} von Trient dem von Quästoren, Einsammlern von Albaßgeldern getriebenen Unfuge dadurch, daß er die pravos quaestus omnes pro his (indulgentiis) consequendis, unde plurima in Christianorum populos abusuum causa fluxit, strengstens untersagte (Sess. XXV. Decr. de Indulg.). 3. Zuwendung der Ablässe an Verstorbene. Der Kirche ist die Jurisdictionsgewalt nur »auf Erden« gegeben: daher kann sie nicht auch den Verstorbenen per modum absolutionis wie den Lebenden Ablaß zuwenden. HIer ist die Weise der Zuwendung nur diejenige, auf welche überhaupt die Lebenden den Seelen im Fegfeuer nützen können, die Weise der Fürbitte. Nur ist es die Kirche selbst, die Braut Christi, welche für die Verstorbenen dadurch Fürbitte einlegt, daß sie aus dem Schatze der Genugthuung Christi und der Heiligen Gott einen dem betreffenden Ablaß entsprechenden Theil anbietet, damit er denselben gnädiglich auf die Werke der auf Erden stellvertretend büßenden hin den Verstorbenen möge zuwenden. Da wir, durch das geistige Band der Gemeinschaft zu dem Einen Leibe der Kirchemit den im Fegfeuer Leidenden vereinigt, einzeln diesen zu helfen vermögen, so ist um so weniger zu bezweifeln, daß die Kirche als solche in besagter Weise ihnen beizuspringen vermöge. Schon Paschalis I. und Johann VIII. ertheilten im 9. Jahrhundert per modum suffragii denjenigen Ablässe, welche im Kriege für die Vertheidigung der Kiche gefallen waren. Zur Zeit des hl. Thomas von Aquin war die Zuwendung von Ablässen an die Verstorbenen bereits sehr gewöhnlich (Suppl. qu. 71 a. 10). Auch lehrt dieser ausdrücklich, daß es lediglich von der Intention des Ablaßverleihers abhänge, ob die Ablässe den Verstorbenen könnten zugute kommen; es stehe jedoch nicht in der Macht eines Prälaten, nach Willkür und Gutdünken die Seelen aus dem Fegfeuer zu befreien. Da in den Ablaßausschreiben nicht immer deutlich gesagt war, daß die Ertheilung fürbittweise statthabe, bestimmte Sixtus IV. in der Constitution Romani pontificis provida diligentia vom 27. November 1477 die nur fürbittweise Applicirung mit dem Ausdruck: Per modum suffragii et deprecationis, schlechthin für alle den Verstorbenen zugute kommenden Indulgenzen. Die Vollmacht ferner, Ablässe dieser Art zu ertheilen, hat die Kirche nicht bloß thatsächlich, sondern auch lehramtlich in Anspruch genommen (Prop. Petri Oxom. damn. n. 6); ebenso wurde die Behauptung Luthers, daß solche unnütz seien, verworfen (Prop. n. 22) und der Satz der Synode von Pistoja (n. 42), welcher die Application für Verstorbene als chimärisch bezeichnet, als falsch, verwegen, fromme Ohren beleidigned, injuriös und zum Irrthum führend verurtheilt. (Über die theologische Streitfrage, ob diese Art von Ablässen ex condigno oder de congruo, ex benignitate Dei, wirksam seien, siehe Bellarm. De indulg. 1, 14. Die Gründe für beide Meinungen anführend {105} und gegen einander abwägend, nennt er die erstere admodum pia, die andere valde rationabilis.) Eine Verbindung des Ablasses für die Verstorbenen mit der Darbringung des heiligen Meßopfers stellt das Altarprivilegium dar, welches entweder bestimmten Priestern verliehen wird, oder an bestimmte Altäre, gewöhnlich den Hauptaltar, geknüpft ist. 4. Wer kann Ablaß ertheilen? Als Ausübung der kirchlichen Jurisdictionsgewalt steht jure proprio et ordinario das Recht zur Ablaßbewilligung für den Umfang der ganzen Kirche dem Papste, den Primaten aber, Metropoliten und Bischöfen nur für den engern Kreis ihrer Amtswirksamkeit zu, und zwar beginnt dasselbe mit dem Antritt dieser Gewalt oder der canonischen Institution (also eventuell auch schon vor der Consecration) und erlischt mit dem Aufhören der Jurisdiction überhaupt. Es kann aber auch dieses Recht an Priester und selbst an einfache Kleriker delegirt werden, jedoch nicht an Laien, als welche gemeinrichtlich von der Ausübung kirchlicher Ämter ausgeschlossen sind. Ein Bischo i. p. i. oder ein bloßer Titularbischof, designirter Bischof und selbst ein bischöflicher Coadjutor cum jure succedendi sind zu Ablaßertheilungen nicht befugt, weil sie über keine Untergebenen eine ordentliche Gerichtsbarkeit besitzen. Auch sind nach dem canonischen und Gewohnheitsrechte von der Befugniß, Ablaß zu ertheilen, die Generalvicare, Kapitelsvicare, Ordensgenerale, Äbte, Visitatoren, Provinzialen u. s. w. auszunehmen; nur als Stellvertreter des heiligen Stuhles oder der Bischöfe können sie zufolge specieller Delegation ein solches Recht üben. Selbst aber den Bischöfen wurde, in Folge des Mißbrauches, den einige Prälaten durch zu ausgedehnte Ablaßertheilungen trieben, auf dem IV. Lateran-Concil can. 62 ihre Befugniß dahin eingeschränkt, daß sie bei Kirchweihfesten einen Ablaß von nur einem Jahre, sonst nur einen solchen von 40 Tagen bewilligen können. Hat ein Bischof einen derartigen Ablaß verliehen, so kann dessen Nachfolgre denselben Ablaß nicht nochmals in der Weise ertheilen, daß die doppelte Anzahl von Ablaßtagen auf die gleichen Werke entfiele. Diese Anhäufung haben Clemens IX. (Decret vom 20. November 1668) und andere Päpste ausdrücklich untersagt. Die Erzbischöfe dagegen können, außer in ihren eigenen Diöcesen, auch in denen ihrer Comprovinzialen die nämlichen Ablässe ertheilen, wie die Letztern, auch wenn sie sich nicht auf der Visitationsreise befinden (cap. Nostro, de poen. et rem. 5, 38). Die Cardinäle können in ihren Titularkirchen einen Ablaß von 100 Tagen auch dann verleihen, wenn sie nicht Bischöfe und selbst nicht einmal Priester sind; ebenso ertheilt mit wenigsten sstillschweigender Genehmigung der Päpste der Großpönitentiar zu Rom einen Ablaß von 100 Tagen. Die apostolischen Nuntien und Legaten haben in Folge der ihnen vom heiligen Stuhle eingeräumten Befugnisse das Recht, im Bereich ihrer Nuntiatur {106} und Legation mit einem nach ihrer Wahl zu bestimmenden guten Werke einen Ablaß von 100 und mehr Tagen, jedoch nicht bis zu einem Jahre, zu verbinden; außerdem dürfen sie für eine Kirche oder Kapelle einen Ablaß von sieben Jahren und sieben Quadragenen denen verleihen, welche nach vorheriger Beicht und Communion dieselbe besuchen und dort in der Meinung des heiligen Vaters beten. 5. Bedingungen zur erlaubten und gültigen Ertheilung, sowie zur Gewinnung der Ablässe. Zur erlaubten und nach der sententia communior zur gültigen Verleihung eines Ablasses wird eine gerechte und vernünftige Ursache erfordert, weil die Verfügung über den Kirchenschatz, welche den kirchlichen Obern übertragen ist, von diesen nicht wie von Herren und Eigenthümern nach Belieben und Willkür, sondern als von treuen und gerechten Verwaltern nach Gottes Willen und Absicht zu handhaben ist. Clemens VI. (Extrav. Unigenitus, de poen. et remiss.) sagt darum ausdrücklich: Christus habe den Kirchenschatz seinen Stellvertretern anvertraut, um »salubriter et de propriis et rationabilibus causis« daraus zu spenden. Eben hierauf weist die nach dem Konstanzer Concil an gewisse der Häresie Verdächtige zu stellende Frage: Utrum credant, Romanos pontifices indulgentias concedere posse rationabilibus de causis. Als solche causa ist zu bezeichnen die Förderung der Ehre Gottes und des Seelenheiles (pietas, quae comprehendit honorem Dei et proximi utilitatem; S. Thom. Suppl. qu. 25. a. 2). Gerecht und vernünftig muß indessen nicht nur die Veranlassung sein, weißhalb Ablaß verliehen wird, sondern es ist überdieß von den zur Gewinnung vorgeschriebenen Werken zu fordern, daß sie zu dem Maße des gewährten Ablasses in einem proportionalen Verhältnisse stehen, weil sonst die Schlüsselgewalt der Kirche in Verachtung geriethe und der Kirchenschatz verschleudert würde. Zu bemerken ist jedoch hierbei, daß die Beurtheilung dieser Angemessenheit nicht lediglich auf der Vergleichung von Leistung und Gewinn, sondern auf der gleichmäßigen Berücksichtigung aller in Betracht kommenden Umstände beruht, wie des Zweckes, wozu, der Beschaffenheit der Personen, für welche der Ablaß verliehen, der Besonderheit der Orte und Gegenstände, woran er geknüpft ist u. dgl. (s. Ferraris l. c.). Die Gläubigen sollen sich bescheiden, nicht voreilig und leichtfertig eine Incongruenz anzunehmen, sondern der Weisheit des apostolischen Stuhles hierin demüthig das Urtheil überlassen. Übrigens wird von den Meisten mit guten Gründen angenommen, daß, wofern die geforderten Leistungen ad totum nicht ausreichen sollten, immerhin der Ablaß bis auf den entsprechenden angemessenen Theil Gültigkeit habe. – Zur Gewinnung eines Ablasses ist zunächst Angehörigkeit an die Kirche nothwendig. Excommunicirte haben keinen Antheil an den Gütern der Kirche, können daher auch keinen Ablaß gewinnen. Ungetaufte können es nicht, {107} weil sie der Jurisdiction der Kirche nicht unterstehen. Bei den sogen. persönlichen Ablässen muß zudem der Gewinnende Untergebener des Ablaßverleihers sein. Als Disposition ist der Stand der Gnade und Reue über die Sünden erforderlich, wenigstens für den, der einen Ablaß für sich selbst gewinnen will. Findet eine Zuwendung an Verstorbene statt, so sit nach Meinung einiger angesehenen Theologen der Gnadenstand bei dem Zuwendenden nicht vonnöthen, während die wahrscheinlichere Ansicht dahin geht, daß derselbe ebenso alle Bedingungen zu erfüllen hat, als ob er zunächst den Ablaß für sich selbst gewänne, und deßhalb auch im Gnadenstande sich befinden muß. Eine Ausnahme dürften diejenigen Ablässe machen, welche überhaupt nur Verstorbenen zugewandt werden können, und welche folglich der Lebende nicht für sich selbst zu gewinnen vermag (Altarprivilegium). Überdieß setzt der vollkommene Ablaß das Freisein von jeder freiwilligen Anhänglichkeit selbst an die kleinste Sünde voraus. Es genügt jedoch, wenn die erforderliche Disposition nur bei der Verrichtung des letzten der vorgeschriebenen Werke vorhanden ist. Weiterhin muß bei dem, welcher die Werke des Ablasses vollbringt, die Intention auf Gewinnung desselben mindestens habituell gerichtet sein. Was diese Werke betrifft, so gilt als Hauptgrundstz, daß man sich genau an die Vorschriften in der Verleihungsurkunde des Ablasses und zwar an den Wortlaut (tantum verba valent, quantum sonant) zu halten hat. Diese Vorschriften bestehen gewöhnlich, besonders bei den vollkommenen Ablässen, in Beicht und Communion, dem Gebet nach Meinung des heiligen Vaters und in irgend einer andern Leistung. Die Beicht, wenn vorgeschrieben, muß abgelegt werden auch von dem, der sich keiner schweren Sünde bewußt ist. Wer übrigens gewohnt ist, alle acht Tage zu beichten, bedarf keiner besondern Beichte, um alle während der Woche einfallenden Ablässe zu gewinnen. Für die Communion genügt es, wenn sie am Vortage des in der Urkunde genannten Festes geschieht. Für das Gebet in der Meinung des heiligen Vaters genügen nach der gewöhnlichen Meinung fünf Vater unser und Ave Maria. Ist für die Gewinnung eines Ablasses ein bestimmter Tag genannt, so ist er von Mitternacht zu Mitternacht zu rechnen; hat er aber eine Vigilie, so wird er von der ersten Vesper bis zum Abend des Tages selbst gerechnet. Durch ein ohnehin (abgesehen von dem Ablaß) schon vorgeschriebenes Werk läßt sich kein Ablaß gewinnen. 6. Arten der Ablässe im Allgemeinen und nähere Bestimmungen für einzelne derselben. Die wichtigste Eintheilung ist die in vollkommene und unvollkommene Ablässe (indulg. plenariae oder plenae und partiales), je nachdem der verliehene Strafnachlaß ein vollständiger oder theilweiser ist. Eine weiter Eintheilung des ersteren in indulg. plenae, pleniores und plenissimae bezeiht sich nicht auf den Ablaß als solchen, sondern auf die mit {108} dem Ablaß zugleich ertheilten Privilegien und Facultäten für die Beichtväter, von Reservatfällen zu absolviren (indulg. pleniores) oder zudem ncoh Gelübde zu commutiren (plenissimae). Am ausgedehntesten werden solche Befugnisse beim Jubiläum verliehen. – Nach der Dauer ihrer Gültigkeit werden die Ablässe eingetheilt in solche, die für immer (perpetuae) oder, was sachlich diesem gleichkommt, für unbestimmte Zeit (indefinitae) oder nur für eine bestimmt angegebene Zeit (temporales) gegeben sind. Die ersteren gelten solang, als sie nicht widerrufen werden. Während Ablässe schon mit dem Tage der Ausfertigung der Urkunde wirksam werden, erlöschen sie dagegen mit der Publication ihrer Zurücknahme. Sie dauern fort auch nach dem Tode des Verleihers (Reg. jur. in VIto 16: decet concessum a principe beneficium esse mansurum); dieß gilt auch von den ad beneplacitum Romani Pontificis seu Sedis Apostolicae verliehen. Wird das Fest, auf welchen der Ablaß gesetzt ist, verlegt, so bleibt letzterer für den ursprünglichen Tag, außer es werde auch die Feier in foro verlegt, in welchem Falle an der Translation auch der Ablaß theilnimmt. Die für bestimmte Zeit verliehenen erlöschen mit dem Ablauf der Zeit, welche die Ablaßurkunde angibt. – Weiterhin unterscheidet man persönliche (personales), örtliche (locales) und dingliche (reales) Ablässe. Erstere sind die nicht allen Gläubigen, sondern bestimmten Personen, resp. einer Communität bewilligten; die anderen sind an einen Ort, z. B. Kirche, oder an eine Sache, z. B. Crucifix, Rosenkranz, geknüpft. Letztere cessiren, wenn die Kirche oder Kapelle oder der Gegenstand destruiert ist. Die einer Kirche oder Kapelle verliehenen erlöschen indeß nicht, wenn die Destruction zum Zwecke des Wiederaufbaues derselben Kirche mit gleichem Titel am selben Orte stattfindet, oder wenn Titel und Patron durch die gesetzmäßige kirchliche Behörde an einen andern Ort transferirt werden. Im zweiten Falle gehen sie an die neue Stelle über. Eine Kirche oder Kapelle, die Anfangs einem religiösen Orden angehörte und als solche Ordenskirche Ablässe besaß, verliert diese, wenn sie einer andern Bestimmung gewidmet, z. B. in eine Pfarrkirche umgewandelt wird. Eine Ausnahme besteht in Betreff des Portiuncula-Ablasses für diejenigen Kirchen Frankreichs, welche vor der Revolution von 1789 den Mitgliedern des Franciscaner-Ordens beiderlei Geschlechtes angehört haben. Die an einen Rosenkranz geknüpften Ablässe gehen nicht verloren, wenn die Körner in eine neue Schnur eingefädelt oder zum geringern Theil durch andere ersetzt werden. Um die mit Kreuzen, Medaillen, Rosenkränzen u. s. w. verbundenen Ablässe zu gewinnen, muß man diese Gegenstände bei sich haben; man braucht sie aber nicht, außer wo dieß ausdrücklich gefordert wird, in Händen zu halten. Verleiht man sie an Fremde, so gewinnen diese den Ablaß nicht. Verloren geht der Ablaß auch dann, wenn diese Gegenstände durch Kauf, Vererbung {109} u. s. w. in den Besitz eines Anderen gelangen. – Einige besondere Arten. Unter den vollkommenen Ablässen ist der feierlichste und vorzüglichste der Jubiläums-Ablaß (über dessen Entstehung, Geschichte und allgemeine Bedeutung s. d. A. Jubeljahr). – Schon in der alten Kirche wurde häufig Sterbenskranken vor gänzlich überstandener Buße, wenn sie wahren Eifer an Tag gelegt, die kirchliche Reconciliation und demnach vollständiger Nachlaß der Strafen bewilligt. Heutzutage ist vollkommener Ablaß in articulo mortis auf vielerlei Titel hin gewährt; z. B. denen, welche einen mit solchem Ablaß versehenen Gegenstand, Crucifix (s. d. A. Sterbekreuz), Rosenkranz u. s. w. bei sich haben; welche oft im Leben die heiligen Namen Jesu und Maria angerufen haben und sie auch in der Todesstunde anrufen; den Mitgliedern der Herz-Juesu-Bruderschaften, des Scapuliers, einer der römischen Hauptcongregation einverlaeibten Congregation der allerseligsten Jungfrau u. s. w. Bedingungen zur Gewinnung sind außer Beicht und Communion, wenn diese möglich, die Anrufung des Namens Jesu wenigstens mit dem Herzen (fast immer vorgeschrieben) und vor Allem die Ergebung darin, die Leiden der Krnkheit und den Tod, und zwar zur Sühne für die Sünden, aus Gottes Hand hinzunehmen. Die Zuwendung des Ablasses durch einen Priester ist hierbei nicht nothwendig, wie auch nicht bei dem Sterbe-Ablaß, welchen, sei es mündlich, sei es durch besonderes Schreiben, die Päpste bestimmen Personen zu ertheilen pflegen. Doch soll, wo es geschehen kann, derselbe nach der Formel des Rituale durch einen Priester auf Bitten des Kranken applicirt werden. Anders ist es bei dem gewöhnlichen, unter dem Namen Generalabsolution bekannten Sterbe-Ablaß, welcher von einem hierzu bevollmächtigten Priester in der von Benedict XIV. vorgeschriebenen Weise stets zu ertheilen ist (s. d. A. Generalabsolution). – Mit dem päpstlichen Segen ist ein vollkommener Ablaß (der sogen. päpstliche Ablaß) an den Hauptfesten, an welchen der Papst zu pontificiren pflegt, wie Weihnachten, Ostern u. s. w., für diejenigen verknüpft, welche ihn nach verrichteter Beicht und Communion an diesen Tagen, wo er nach dem Hochamte feierlich ertheilt wird, empfangen. Auch Bischöfe erhalten die Vollmacht, diesen Segen mit Ablaß ein- oder zweimal im Jahre zu ertheilen. Für dessen Gewinnung am Ostersonntag genügt die pflichtmäßige österliche Communion. – Unter den localen Ablässen verdienen namentlich Erwähnung die an den Besuch der sieben Hauptkirchen und der sieben privilegirten Altäre in Rom, an die Wallfahrten und den Besuch der heiligen Stätten in Palästina und Jerusalem, an den Besuch des Grabes des hl. Jakobus zu Compostella geknüpften, ferner die Ablässe für den Besuch der Stationen an den im römischen Missale bezeichneten Tagen. Alle diese Andachten sind sehr alt und von vielen Päpsten empfohlen und mit überaus {110} zahlreichen Ablässen bereichert worden. Denselben Ablaß, wie für den Besuch der betreffenden heiligen Stätten in Palästina selbst, knüfpten die Päpste (besonders Clemens XII. im Jahr 1731) an die von Mitgliedern des Franciscanerordens errichteten Kreuzwege, ohne dafür ein anderes Werk als deren andächtigen Besuch vorzuschreiben (s. d. A. Kreuzweg). Ein anderes den Kirchen und Kapellen der Franciscaner verliehenes Privileg stellt der sogen. Portiuncula-Ablaß dar. Es ist dieß ein vollkommener Ablaß, welcher toties quoties bei jedem Besuch einer solchen Kirche oder Kapelle von der Vesper des 1. August bis zur Vesper des 2. von jedem Gläubigen gewonnen werden kann (s. d. A. Portiuncula). – Es gibt eine Menge von Ablässen, welche von sämmtlichen Ordensleuten und Mitgliedern von Congregationen männlichen und weiblichen Geschlechtes gewonnen werden können, während andere nur bestimmten Orden und Congregationen eigen sind; wieder andere sind durch eine vom apostolischen Stuhle ertheilte communicatio privilegiorum, da sie zuerst nur in einem bestimmten Orden zu gewinnen waren, auch auf die Mitglieder anderer und sogar aller übrigen Orden ausgedehnt. Letzteres gilt namentlich von den an Ordensfeste geknüpften Indulgenzen, wenn sie ganz allgemein einem Orden und nicht einer besondern Kirche verliehen waren. Diese kann dann jeder Religiose in der eigenen Ordenskirche, nicht aber in jeder beliebigen oder einer fremden Ordenskirche, unter den vorgeschriebenen Bedingungen gewinnen. Ferner hat diese communicatio privilegiorum statt bei den Ablässen, welche direct und unmittelbar den Mitgliedern, Procuratoren, Wohlthätern u. s. w. eines Ordens verliehen sind; für Fälle derselben Art gelten sie als auch den übrigen Orden verliehen (Declaration Julius’ II. vom 1. Juni 1509). – Unter den Indulgenzen, welche Bruderschaften ertheilt sind, stehen die den Erz- und Scapulier-Bruderschaften verliehenen zuerst. Johann XXII. ertheilte auf Grund einer ihm gewordenen Erscheinung den Mitgliedern des Ordens vom Berge Carmel und der Carmeliterbruderschaft in einer Bulle vom 3. März 1322 den sogen. Sabbatin-Ablaß, d. h. die Zusicherung möglichst baldiger Erlösung aus dem Fegfeuer, besonders am Samstag, zufolge der von der seligsten Jungfrau zu diesem Zwecke verheißenen Fürbitte und Hülfe (s. d. A. Sabbatina). – Eine ganz besondere Indulgenz gewährte Pius IX. (Decret der C. Indulg. vom 31. März 1856, von Pius bestätigt unter dem 14. April) dem Theatiner-Orden und den Mitgliedern der Bruderschaft des blauen Scapuliers (von der unbefleckten Empfängniß). Er gewährte ihnen nämlich alle Ablässe, welche für den Besuch der sieben Basiliken Roms, der Portiuncula-Kirche zu Assisi, zu Compostella und an den heiligen Stätten von Jerusalem gewonnen werden können, wenn sie, wo immer es sei, zu Ehren der allerheiligsten Dreifaltigkeit und der allerselgisten, ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau {111} sechsmal das Vater unser, Ave Maria und Gloria Patri sprechen in der Absicht, hiermit auch für die Erhöhung der Kirche, die Ausrottung der Ketzereien u. s. w. zu beten. Beichte und Communion oder noch andere Gebete sind zur Gewinnung dieses Ablasses nicht gefordert. Der Gebrauch, durch Benedictionen an bestimmte Gegenstände Ablaß zu knüpfen, wurde durch Sixtus V. Ende des 16. Jahrhunderts eingeführt. Genügend bei dieser Segnung ist das mit der Hand gemachte Kreuzzeichen in der Absicht, dadurch den Ablaß mit dem Gegenstand zu verbinden; der Papst pflegt nie anders die Gegenstände zu segnen, die ihm dargereicht werden. Zur Gültigkeit ist sonst noch nothwendig, daß das Object von hinlänglich dauerhaftem Stoffe sei. Der Ablaß gilt nur für Personen, zu deren Gebrauche das Object bestimmt ist. Die Ablässe selbst sind mannigfaltig; zu nennen sind besonders diejenigen, welche mit dem päpstlichen Segen über die Gegenstände verbunden sind, und welche in gleichem Umfange auch für diejenigen Kreuze und Rosenkränze (nicht auch andere Gegenstände) gelten, welche aus Palästina kommen und die heiligen Orte und Reliquien daselbst berührt haben; die den Mitgliedern der Rosenkranz-Bruderschaft ertheilten Ablässe; die mit dem Dominicaner-Rosenkranz verbundenen; endlich der Birgitten-Ablaß. Unter den Kreuzen sind solche, welche mit den Ablässen des Kreuzweges verbunden sind (Stationskreuzchen); andere Ablässe haben hinwiederum die Missionskreuze, das Benedictus-Kreuz oder die Benedictus-Medaille u. s. w. Außer Medaillen, Scapulieren und den anderen genannten Gegenständen pflegen noch mit Ablaß versehen zu werden die sogen. Agnus Dei, die kleinen Statuetten des hl. Petrus, die Gürtel des hl. Franciscus, des hl. Thomas von Aquin, des hl. Joseph. Auch an einzelne Gebete, oft mit Hinzufügung der Art, wie sie zu verrichten, sind Ablässe geknüpft. So an das Beten des Angelus, resp Regina coeli (s. d. A. Angelus Domini), der Gebete En ego, Obsecro te, dulcissime Jesu, Anima Christi, an den Gruß: Gelobt sei Jesus Christus, die Lauretanische Litanei u. s. w. Ebenso an fromme Übungen, wie Gewissenserforschung, Anhörung der Homilie oder Frühpredigt, Exercitien und Missionen, Besuch des heiligen Sacramentes bei dessen Aussetzung u. s. w. 7. Apokryphe und widerrufene Ablässe. Zu verschiedenen Malen sah sich der apostolische Stuhl oder die Congr. Indulg. veranlaßt, Ablässe zu widerrufen oder angebliche Ablässe als unächt zu erklären. So sind unter Anderem ungültig: a) Nach einem Erlaß vom 18. September 1669 und nach Benedict XIV. (De syn. 13, 18, n. 8) alle Ablässe von 1000 Jahren und darüber (doch findet sich dieser Erlaß nicht im Archiv der S. C. Indulg., und es wird seine Geltung bestritten); b) diejenigen, welche gegen Erlegung einer Geldsumme verliehen {112} sein sollen. Denn nach dem Concil von Trient (Sess. XX. cap. 9) müssen die Ablässe ubique gratis verliehen werden, und die Bulle Pius’ V. Etsi dominici vom Jahre 1567 hebt alle Ablässe der früheren Quästoren oder Almosensammler auf; c) Ablässe, die in Form eines Jubiläums vordem verliehen sein sollten, wurden von Clemens VIII. und mehreren seiner Nachfolger abrogirt; d) weiter die Ablässe, welche vor dem Rescript Clemens’ VIII. 1597 De forma indulgentiarum an Rosenkränze, Bilder, gesegnete Körner gegeben waren; e) ferner alle Ablässe, welche vor der Constitution Quaecumque vom 7. März 1604 desselben Papstes und derjenigen vom 13. Mai 1606, beginnend mit den Worten Romanus pontifex, ebenso vor derjenigen vom 23. November 1610 Quae salubriter des Papstes Paul V. an Orden, Bruderschaften, Collegien und Kapitel verliehen sind, sofern solche nicht neuerdings gegeben wurden. f) Als apokryph sind die Ablässe anzusehen, welche Alexander VI. für den Birgitten-Rosenkranz ertheilt haben soll, unbeschadet der Gültigkeit der von Leo X. im Jahre 1515 diesem Rosenkranz ertheilten; ebenso die Ablässe, welche Urban VIII. den Kreuzen des hl. Turibius und Pius V. den Kreuzen von Caravaca in Spanien bewilligt haben soll u. s. w. Eine große Menge apokrypher Ablässe sind namentlich in dem Decrete Innocenz’ XI. Delatae saepius vom 7. März 1678 aufgeführt. – Literatur: von den Ältern bes. Bellarmin, De indulg. et jubil. libri duo; Eusebius Amort, De orig., progressu, valore ac fructu indulgentiarum, Aug Vind. 1735 sq.; Theodorus a Spir. S., Tract. dogmatico-moralis de indulgentiis, Romae 1743; unter den Canonisten: Benedict. XIV. De syn. dioec. lib. 13, cap. 18 et alias; Ferraris, Prompta bilb. art. Indulg.; von Neueren: Über den Ablaß, die Bruderschaften und das Jubiläum von Bouvier, Bischof von Mans (deutsch Aachen 1844); Gröne, Der Ablaß, seine Geschichte und Bedeutung in der Heilsökonomie, Regensb. 1863; P. A. Maurel, Die Ablässe, ihr Wesen und ihr Gebrauch (übersetzt von P. Jos. Schneider, 6. Aufl., Paderborn 1878); ferner die amtliche Raccolta di orazioni e pie opere, per le quali sono state concesse dai Sommi Pontefici le ss. Indulgenze, pubblicata per ordine di N. S. Pio P. IX.

[F. X. Wildt.]


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