Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 156]Accommodationsstreit. Darunter versteht man jene Meinungsverschiedenheit und jenes Zerwürfniß, welches über den Inhalt und religiösen Werth mancher Gebräuche der Chinesen und der Hindus zwischen den Jesuiten einerseits und den Dominicanern und Franciscanern andererseits ausgebrochen, und zu Ungunsten der ersteren von verschiedenen Päpsten entschieden worden ist. Der Gesellschaft Jesu gebührt das Verdienst, die ersten Arbeiter des Evangeliums nach China gesandt zu haben; dieß geschah gegen das Ende des 16. Jahrhunderts. Es ist bekannt, welches Ansehen und welchen Einfluß sich die Jesuitenmissionäre bei den Gelehrten und bei dem Hofe in China vorzüglich durch ihre ausgezeichneten Kentnisse in der Mathematik und in den davon abhängigen Wissenschaften zu verschaffen gewußt haben, welche Ehrenstufen einem P. Matthias Ricci (1582–1610) und Adam Schall aus Köln (1622) zu Theil geworden sind (s. d. A. China). Vierzig Jahre lang waren die Jesuiten allein die Arbeiter im Weinberge China’s und errangen die schönsten Erfolge. Später kamen auch Missionäre aus dem Orden des hl. Dominicus und Franciscus nach China. Die anfängliche Eintracht zwischen den Jesuiten und den beiden genannten Orden mußte leider zu bald einer für die christliche Sache sehr nachtheiligen Eifersucht und Streitsucht weichen. Die zwei Punkte, worin die Entzweiung ihre vorzügliche Nahrung suchte und fand, war der chinesische Name Gottes »Tien-tschu«, Herr des Himmels (da die chinesische Sprache keinen Eigennamen für Gott hat), und die Nachsicht der Jesuiten gegen manche Gebräuche der Chinesen, die mit ihrem Volksleben innigst verwachsen waren. Einer dieser von den Chinesen unverletzlich gehaltenen Gebräuche besteht darin, daß an gewissen Tagen alle Glieder der nämlichen Familie in einem abgelegenen Saale sich versammeln, um ihre Voreltern zu ehren: man verrichtet allda Opfer, man verbrennt Weihrauch und schlachtet Thiere, welche darauf bei einer gemeinschaftlichen Mahlzeit gespeist werden. Dieser Gebrauch gründet sich auf die fast göttliche Verehrung und Achtung, welche die Chinesen von jeher für die Urheber ihrer Tage gehabt haben. Dieß wird in jeder Familie aus Pietät gegen die Verschiedenen beobachtet. Die Gelehrten und Aufgeklärten der Nation thun dieses fast aus einem gleichen Beweggrunde in [Bd. 1, Sp. 157] Ansehung des Confucius (s. d. A.). Sie gebrauchen die nämlichen Ceremonien, wenn sie sich versammeln, sein Gedächtniß zu ehren, weil sie ihn als ihren Vater und ihren Meister in den Wissenschaften, besonders in der Sittenlehre, betrachten. Unter diesen Voraussetzungen gab es Stoff genug zur Entzweiung der Missionäre unter sich. Die einen betrachteten die Ehren, welche von den Chinesen ihren Voreltern in dem Schooße jeder Familie, und Confucius von der zahlreichen Kaste der Gelehrten erwiesen wurden, als bloße bürgerliche Ceremonien, worin sie nichts Geheiligtes sahen, als den frommen unschuldigen Beweggrund. Die andern dagegen, welche die Sache vom religiösen Standpunkte aus betrachteten, erkannten darin eine Abgötterei, eine göttliche Verehrung, die den Seelen der Verstorbenen erwiesen werde, die sonach ein verabscheuungswürdiger Aberglaube sei, die mit der Heiligkeit des Christenthums nicht bestehen könne und den bekehrten Chinesen nicht erlaubt werden dürfe. Ja die neuen Christen sollten nicht einmal die Worte Tien und Schang-ti gebrauchen, weil behauptet wurde, daß sie nicht den Herrn des Himmels bedeuten, sondern den materiellen Himmel, der, wie man sagte, die Gottheit der Studirten sei. Diese zwei Gesichtspunkte theilten also die Missionäre in zwei schroffe Parteien. Die Jesuiten in China waren durch langjährige Erfahrungen belehrt, daß eine weise Nachgiebigkeit gegen diese Volksgebräuche die Bedingung sei, unter welcher das Christenthum in diesem an alten Gewohnheiten so zähe hängenden Lande Wurzel schlagen könne. Das Ansehen indeß, welches die Jesuiten in den höheren Kreisen in China genossen, erregte den Neid selbst der geistlichen Mitarbeiter aus andern Orden. Ohnedieß hatte die Gesellschaft Jesu in Europa bereits zahlreiche Feinde, die theils gegen die Lehren einzelner Mitglieder, theils gegen deren Verhalten sich erhoben. Offenbar blieb diese Stimmung nicht ohne Einfluß auf die Beurtheilung des Verhaltens der Jesuiten in der besagten Frage. Der Streit über die Nationalgebräuche der Chinesen ward unter der eben gemeldeten Stimmung der Gemüther gegen die Gesellschaft Jesu nach Rom gebracht. Auch hier waren die Meinungen nicht weniger als in China getheilt. Einerseits legten die Jesuiten und andererseits die Dominicaner und Franciscaner die Gründe dar, welche die einen hatten, die von allen Chinesen ihren Voreltern und von den Gelehrten dem Confucius erwiesene Huldigung zu dulden, die andern aber, sie zu verdammen. Man stellt sich leicht vor, daß die Frage von beiden theilen unter einem ganz verschiedenen Lichte vorgestellt wurde. Die Dominicaner sandten 1645 ihren Mitbruder, den seit 1633 in China thätigen P. J. B. Moralez, nach Rom, welcher der Propaganda 17 Sätze über die chinesischen Gebräuche vorlegte; letztere wurden demnach nach dem Gutachten der meisten Theologen und der Inquisition bis auf anderweitige Verfügung des heiligen Stuhles von Innocenz X. verboten. [Bd. 1, Sp. 158] Nun suchte der Jesuit P. Martini in Rom den Beweis zu führen, daß die von seinen Ordensgenossen in China gestatteten Gebräuche nichts mit dem Götzendienste gemein hätten und ihr absolutes Verbot das Christenthum in China äußerst gefährden würde. Er erwirkte auch ein von Alexander VII. bestätigtes Decret der Inquisition vom 23. März 1656 (Du Plessis d’Argentré, Coll. judiciorum III, 2, 592–594), worin unter bestimmten Voraussetzungen die Beobachtung jener Gebräuche gestattet ward; es sollte feststehen, daß dieselben ohne schweren Nachtheil für die Christen nicht unterlassen werden könnten, daß die Christen sie nur als bürgerliche Riten betrachteten, und daß alles Abergläubische dabei vermieden werde. Einstweilen schien hiermit der Friede unter den Missionären hergestellt. Als aber drei von Alexander VII. 1659 zu apostolischen Vicaren bestellte Lazaristen gegen die Jesuiten wegen dieser Gebräuche Klage stellten, ließ Clemens IX. 1669 antworten, es seien die beiden Decrete (von 1645 und 1656) zu beobachten, abergläubische und gottlose Gebräuche abzuschaffen, rein bürgerliche zu dulden, die Regularen aber zum Gehorsam gegen die apostolischen Vicare verpflichtet. Die streitigen Fragen beschäftigten noch immer die Gelehrten, die getheilter Meinung waren. Der Jesuit Bisdelou war für die Ansicht der Dominicaner, der Protestant Leibniz für die der Jesuiten. Während die Sache in Rom verhandelt wurde, breitete das Christenthum sich immer mehr in dem Lande aus, in welchem sich der Streit erhoben hatte. Die Jesuiten wußten die achtungsvollen Gesinnungen, welche ihnen der Kaiser Khanghi bewies, mit so vieler Geschicklichkeit zu nützen, daß sie im J. 1692 von ihm ein Decret erhielten, wodurch dieser Fürst, der ein Freund der Künste war, den Missionären erlaubte, den christlichen Glauben in seinen Staaten zu predigen, und allen den Seinigen gestattete, denselben anzunehmen. Ein so günstiges Gesetz vermehrte den Eifer der Arbeiter, ließ dieselben sich nun frei bewegen, und das bisher versteckte Christenthum konnte jetzt öffentlich sich sehen lassen. Zu dem freudigen Gedeihen des Christenthums thaten außer dem kaiserlichen Schutze die Talente und das gute Betragen der Jesuiten gewiß das Allermeiste. Sie kannten die Sitten, die Gesetze und die Sprache des Landes in einem staunenswerthen Grade. Aber die bald zahlreich in China thätigen Lazaristen kamen zu der Überzeugung von der Unerlaubtheit der in Rede stehenden Gebräuche und schrieben in diesem Sinne nach Rom und nach Frankreich. Einer von ihnen, Karl Maigrot, apostolischer Vicar von Fo-kien, verbot 1693 den Gebrauch der Namen Tien und Schang-ti für Gott, sowie die Beobachtung der herkömmlichen Riten zu Ehren des Confucius und der Voreltern, und sandte 1696 zur Rechtfertigung seiner mehrfach beanstandeten Verbotes den P. Charnot nach Rom. Innocenz XII. stellte eine außerordentliche Congregation von Cardinälen und Theologen auf, um diese von Tag zu Tag schwieriger werdende [Bd. 1, Sp. 159] Sache zu beurtheilen. Allein der im J. 1700 erfolgte Tod hinderte diesen Papst an der Beendigung dieser Angelegenheit. Sein Nachfolger Clemens XI. nahm die Sache wieder auf und wollte sich noch umfassendere Aufklärungen über die Streitsache verschaffen: er schickte zu diesem Ende den Patriarchen von Antiochien, Karl Thomas von Tournon, als apostolischen Legaten nach China (1703). Dieser ging ziemlich rücksichtslos gegen die mit China vertrauten Jesuitenmissionäre an die Vollziehung seines Auftrages und verdammte am Schlusse seiner Untersuchungen gleichfalls die mehrerwähnten Gebräuche als einen abgöttischen Dienst durch ein Decret vom 25. Januar 1707. Der Kaiser war über das Decret so entrüstet, daß er den Patriarchen Tournon gefangen nehmen und den Portugiesen zu Macao zur Bewachung übergeben ließ; hier starb er, inzwischen zum Cardinal erhoben, im Jahre 1710. Dies Jesuiten und einige ihnen gleichgesinnte Bischöfe appellirten an Clemens XI. Allein dieser Papst bestätigte durch zwei Decrete der Inquisition zu Rom, vom 8. August 1709 und vom 23. September 1710, die Verordnung Tournon’s. Endlich vollendete dieser Papst die große Streitsache am 9. März 1715 durch seine Bulle Ex illa die. Die chinesischen Gebräuche sind darin verdammt, und deren Beibehaltung den neuen Christen dieser Nation verboten. Jedem Missionär ward ein darauf bezüglicher Eid abgefordert. Der Kaiser seinerseits verbot die Verkündigung und den Vollzug der Bulle bei den schwersten Strafen. Ein neuer päpstlicher Legat, Johannes Ambrosius Mezzabarba, Patriarch von Alexandrien, fand 1720 am Hofe von Peking eine kalte und verletzende Aufnahme. Darauf setzte er 7. Nov. 1721 von Macao aus der Bulle von 1715 einige mildernde Erklärungen bei und erließ in diesem Sinne zwei Hirtenbriefe. Clemens XII. verwarf dieselben 1733 und wies die Sache auf das Neue an die Inquisition. Benedict XIV. beendete den Streit gänzlich, nahm alle Vergünstigungen des Mezzabarba zurück und ließ die Missionäre für die Zukunft eidlich auf die Unterdrückung dieser Gebräuche verpflichten: Const. Ex quo singulari, 11. Juli und Breve vom 3. Dec. 1742 (Bullar. Bened. I, 84 sq. 97 sq. ed. Venet.). Darüber brach die heftigste Christenverfolgung in China aus, und der christliche Glaube ward fast gänzlich ausgerottet.

Ähnlich wie mit den chinesischen, verhielt es sich mit den malabarischen Gebräuchen, welche die Missionäre der Gesellschaft Jesu geduldet hatten. Auch sie untersuchte der vorgenannte Legat Tournon zu Pondichery und schritt zuletzt zu deren Verbote (23. Juni 1704). Er befahl, bei der Taufe seien alle, auch die den Hindus anstößigen Ceremonien, wie das Bestreichen mit Speichel, das Anhauchen, das Auflegen des Salzes, einzuhalten, die Taufe der Kinder sei nicht mehr aufzuschieben, keine heidnischen Namen mehr zuzulassen, die Heiraten nicht in zu frühen Jahren zu dulden, die Kastenunterschiede nicht zu berücksichtigen, [Bd. 1, Sp. 160] abergläubische Hochzeitsgebräuche u. s. f. abzuschaffen. Nicht in allen Punkten einverstanden, sandten die Jesuiten Abgeordnete nach Rom; aber die Inquisition hatte bereits Tournon’s Decret bestätigt, das 1712 und 1727 abermals eingeschärft ward. Clemens XII. milderte am 25. August 1734 Tournon’s Decret auf Vorstellungen der Jesuiten nur in einigen wenigen Punkten. Ein neuer Streit zwischen Jesuiten und Kapuzinern, den der nachherige Apostat Norbert (eigentlich Peter Parisot, dann auch Abbé Platel) besonders in seinen 1745 gedruckten und 1766 in erweiterter Gestalt zu Lissabon im Dienste Pombals neu herausgegebenen Mémoires historiques in der leidenschaftlichsten Weise ausbeutete, führte zu der strengen Bulle Benedicts XIV. Omnium sollicitudinum vom 12. Sept. 1744 (Bull. Bened. I, 177 sq. ed. Venet. Const. 107), welche alle jene Gebräuche untersagte und alle Missionäre zum strengsten Gehorsam verpflichtete; ihr sind auch die meisten hierher gehörigen Documente inserirt. Selbst auf die Gefahr hin, den Fortgang des Missionswerkes bedeutend zu beeinträchtigen, ja zur Unmöglichkeit zu machen, wahrte der Apostolische Stuhl mit heilsamer Strenge die unantastbare Einheit und Reinheit des Glaubens und trat jeder Vermischung christlicher und heidnischer Elemente nachdrücklich entgegen. Aus der reichen Literatur über diese Streitigkeiten sind besonders folgende Werke hervorzuheben: Pignatelli, Consult. canon. I, Consult. 45, p. 106–110; Mamachi, Antiqu. II, 373. 424. 425 sq. 441 sq.; Supplem. ad Natal. Alex. Hist. eccl. II. ed. Bing. 1791, p. 438 sq. 481 sq.; Daniel, S. J., Hist. apologétique de la conduite des Jésuites de la Chine (Recueil de div. ouvrag., Par. 1724, III); Viani, Istoria delle cose operate nella Cina da Msgr. Giov. Ambr. Mezzabarba, Parigi 1739; Pray, Hist. controvers. de ritibus sinicis, Pest 1789; verm. in deutscher Ausg., Augsburg 1791, 3 Bde.; Bonner Ztschr. f. Philos. u. kathol. Theol. N. F. 1845, H. 4, S. 33 ff.; O. Mejer, Propaganda I, 307 ff. 354 ff., II, 534 ff.

[(Düx) J. Card. Hergenröther.]


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