Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 242]Adoptianismus, dialektische Streitigkeiten des spätern Mittelalters. Im zwölften Jahrhundert übte der Aufschwung des philosophischen Studiums und namentlich die Beschäftigung mit der neuen formellen Aristotelischen Dialektik einen fast magischen Zauber auf die Geister aus. Die neue Logik der Peripatetiker schien Manchen alle Geheimnisse der Natur und Offenbarung zu erschließen. »Sie geberden sich, als ob sie die Schlüssel des Wissens allein besäßen, den sie natürlich nur für sich beanspruchen und in der [Bd. 1, Sp. 243] Erde vergraben wollen, so daß sie weder selbst in das Thor des Wissens eintreten, noch Andere hineinlassen wollen«, klagt u. A. Arno von Reichersberg. Diese Art Dialektik suchte alle Geheimnisse der Offenbarung lediglich an dem Maßstab der logischen Richtigkeit zu prüfen. Es waren namentlich gewisse Schrift- und Väterstellen, welche auf das Prokrustesbett der Dialektik gelegt, und deren Gehalt lediglich an diesem Maßstabe gemessen wurde. Wir hören, daß Schüler dieser neuen Dialektik, wie sie in Paris ein Roscellin, Abälard, Gilbert lehrten, schon zur Zeit des Papstes Honorius II. (1126) auftraten; so vertheidigte ein französischer Magister Luitolf vor dem Papste den Satz: »daß Christus als Mensch auch natürlicher Menschensohn, aber Adoptivsohn Gottes sei«. Ein Schüler Abälards, der Canoniker am Lateran Adam, suchte den Satz zu vertreten: »Christus sei zum Theil (ex parte) Gott, zum Theil (ex parte) Mensch«. Für diese Sätze wurden dann biblische und patristische Beweise, ächte und apokryphe Stellen herbeigebracht. Die am öftesten ventilirten Schriftstellen waren: Joh. 8, 58; Jud. 5; 1 Cor. 10, 8; Eph. 1, 4; 1 Cor. 15, 26; Joh. 14, 27, vor Allem aber die Stelle im Philipperbrief 2, 7: habitu inventus ut homo. Ferner mußten gewisse Texte der Schrift des hl. Hilarius dienen: De Trinitate 10, 16–19. 51. 52; 2, 48; Comment. in Ps. 2, 11. 25 etc.; in Ps. 51, 16; De Trinit. 10, 73. Eine besondere Rolle spielten angebliche Stellen des hl. Ambrosius; der dabei angezogene Schriftsteller enthüllte sich jedoch als Pseudo-Ambrosius, nämlich als ein Adoptianer des neunten Jahrhunderts mit dem Namen Ambrosius Autbertus (Ansbertus) (vgl. Gerhoch, De invest. Antichr. 2, 34, 262, ed. Scheibelberger, Lint. 1875). Eine wichtige Instanz bildete auch die Stelle des hl. Athanasius (Cont. Ar. I. 59, 403), wo dieser von der ἐπιδημία τοῦ λόγου spricht und die Menschheit Christi dem Oberkleide (Gal. 3, 27) vergleicht, das der Logos angezogen (veste indutus) habe. Die Dialektiker in Frankreich ventilirten mit Vorliebe Sätze wie: Christum secundum humanam naturam non esse aliquid, oder Christum assumptione carnis nihil esse, oder nihil factum esse. Besonders häufig wird das minor Patre des Athanasianischen Symbolums als Beweis für die adoptianische Fassung herbeigezogen. Am heftigsten entbrannte der Streit aber im südlichen Deutschland, in Franken und Bayern um die Mitte des zwölften Jahrhunderts. Es traten auf der einen Seite Freunde der neuen formellen Dialektik auf, auf der anderen Seite Gegner derselben; letztere sehen in ihrer Anwendung auf das Gebiet der Offenbarung die Quelle neuer Häresien, ähnlich dem Arianismus und Nestorianismus. Die theologischen Schulen in Bamberg und in Freising, als deren Vertreter die Bischöfe Eberhard von Bamberg und Otto von Freising, Hartmann von Brixen und Eberhard von Salzburg gelten können, waren [Bd. 1, Sp. 244] zwar einer excessiven dialektischen Richtung fremd, blieben aber der moderirten dialektischen Bildung auch auf theologischem Gebiete gewogen. Als excessive Dialektiker erscheinen ein Propst Folmar von Triefenstein (gest. 1181) in Franken und ein Freisinger Magister Petrus, von dem Näheres nicht bekannt ist. Es entspann sich etwa um das J. 1146 ein heftiger Briefwechsel zwischen beiden Parteien. Im J. 1158 wurde der Versuch einer mündlichen Auseinandersetzung der Frage in Bamberg gemacht, wobei sich der Erzbischof Eberhard von Salzburg, der Bischof Eberhard von Bamberg und Gerhoch von Reichersberg, der fruchtbarste und heftige Gegner der Dialektiker, betheiligten. Der Versuch endete, wie die meisten der Art: jede der Parteien schrieb sich den Sieg zu. Später erschienen die genannten beiden Bischöfe, außer ihnen wahrscheinlich der Bischof Hartmann von Brixen, und eine große Anzahl von Clerikern und Laien auf der Synode zu Friesach in Kärnthen, um endlich die Frage zum Austrag zu bringen. Sämmtliche gleichzeitige Päpste, Eugen III., Hadrian IV., namentlich Alexander III., wurden mit Bitten bestürmt, die Sache zu entscheiden. Im Ganzen genommen wiederholte sich in neuer Form der gleiche Gedankengang, wie er sich in dem Adoptianismus des achten Jahrhunderts abgespielt hatte (vgl. Bach, Dogmengeschichte d. M.-A. I, 110 ff.).

Die classische Stelle für die adoptianische Fassung des Verhältnisses der beiden Naturen ist Matth. 17, 5. Der Gedankengang Folmars (vgl. Bach II, 471) läßt sich kurz so fassen: Das logische Urtheil »Gott ist Mensch« will keine reale, sondern nur eine formale, habituelle Einigung der beiden Naturen aussagen. Nicht eine Wesensbestimmung, sondern nur eine Relation soll damit gemeint sein. Sofern Christus Mensch ist, ist er nicht auf andere Weise Sohn Gottes, als es jeder von Gott durch die Gnade zur Kindschaft Gottes angenommene Mensch ist: eum (Christum) in eo quod homo est … non aliter esse filium Dei quam unum ex nobis … homo ille (Christus) in Deum assumptus Dei Patris naturalis et proprius filius non est. Dieß will sagen: die menschliche Natur in Christo sei in der Incarnation nicht wirklich zur einen und gleichen Hypostase des Logos aufgenommen, sondern bleibe in einer Art Subjectionsverhältniß des Geschöpfes zum Schöpfer, der Abhängigkeit wie des Knechtes zum Herrn. Christus als Mensch sei nicht wesentlicher, sondern nur adoptirter Sohn Gottes, nicht Gott dem Vater gleich, sondern er bleibe geringer als der Vater (minor patre). In dieser Weise suchten die Dialektiker das Unterschiedensein der beiden Naturen klarzustellen, während ihre Gegner unaufhörlich einwendeten, daß hier bereits eine Trennung der beiden Naturen in zwei logisch nebeneinander stehende Subsistenzen vorliege, in einen wirklichen und einen adoptirten Sohn.

In einer Reihe von Briefen und theologischen [Bd. 1, Sp. 245] Abhandlungen vertheidigte Propst Gerhoch von Reichersberg das Geheimniß des Glaubens gegen die adoptianistische Fassung. Mehrere seiner sehr bedeutenden Schriften sind bis jetzt noch nicht dem Drucke übergeben. Eine, vielleicht die ausführlichste und tiefsinnigste Schrift gegen den Adoptianismus ist der Apologeticus Arno’s von Reichersberg. Nahe liegt, daß auch diese Apologeten der hypostatischen Einheit des Gottmenschen sich manchmal im Gegensatz zu den Adoptianern in einer Weise ausdrückten, die monophysitisch mißdeutet werden konnte. Nachdem der Streit über ein Menschenalter lang verschiedene Phasen durchgemacht, ja selbst die orientalische Kirche in diese Angelegenheit verwickelt hatte, wurde eine Vermittlung angebahnt, eine excessiv nestorianische wie einseitig monophysitische Auffassung als falsch dargethan. Mit sieben Päpsten und mehreren Cardinälen benahm sich Gerhoch von Reichersberg in dieser Angelegenheit, die er als seine wichtigste Lebensaufgabe ansah. Alexander III. erklärte, die Frage sei eine allzu schwierige, als daß sie sofort zur Entscheidung zu bringen sei. Dagegen wurden in Frankreich die Übergriffe der Dialektik auf den Synoden zu Soissons 1121 und zu Sens 1141 reprobirt. Auf der Synode zu Rheims 1148 ward die Lehre Gilberts in dieser Beziehung untersucht. Johann von Cornwall berichtete ausführlich, daß auf der Synode von Tours 28. April 1163 der mit dem Adoptianismus verwandte Nihilismus geprüft wurde. Auf der Synode zu Sens 24. Dec. 1164 richtete sich eine päpstliche Sentenz gegen den Mißbrauch der Dialektik, und der päpstliche Erlaß an den Bischof Wilhelm von Sens 1170 (Bouquet, Conc. Gall. XV, 888; cf. 968) reprobirte den Nihilismus namentlich und sachlich. Diese Reprobation ist in das Corpus juris lib. V. Decret. de haeret. c. 7 aufgenommen. Sowohl die Reichersberger Chronik (Mon. Germ. SS. XVII, 416) und der Brief des Cardinals Centius an Gerhoch (Pez VI, 1, 563, n. 17) als die um 1165 geschriebene Schrift: De Verbis Athanasii (Cod. Reichersp. VIII, 114) und Arno in dem Apologeticus sagen ausdrücklich, daß der Adoptianismus nicht nur indirect, sondern direct reprobirt wurde.

[Bach.]


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