Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 860]Anna, die hl., die Mutter der allerseligsten Jungfrau. Den frühesten Bericht über die Eltern Mariä enthält das sog. Protoevangelium Jacobi (ἱστορία Ἰακώβου, auch λόγος ἱστορικὸς τοῦ ἁγ. Ἰακ.), welches insofern zu den Apocryphen zählte, als man Jacobus für den Apostel (Jacobus minor) hielt, was aber der Verfasser von sich selbst nicht aussagt. Daß schon im zweiten Jahrhundert ähnliche schriftliche oder mündliche Legenden existirten, sieht man aus Justinus (Tryph. 78) und Clemens von Alexandria (Strom., ed. Potter VII, 889); obige Schrift kannten und benutzten Gregor von Nyssa (Orat. in diem nat. Chr. ed. Paris. III, 346 sq.), sowie Epiphanius (Haer., 79, § 5), der Späteren nicht mehr zu gedenken. Die griechischen Manuscripte sind durchweg Kirchenexemplare und geben somit von dem hohen Ansehen der Schrift Zeugniß; auch sind die Lectionen zu den Marienfesten (Empfängniß, Geburt, Darstellung Mariä) nichts anderes als Stücke aus dem Protoevangelium. Von den Griechen kam es zu den syrischen, den koptischen und arabischen Christen, die es in ihre Sprachen übersetzten und zu dem nämlichen kirchlichen Gebrauche verwendeten. Eine andere Stellung diesem Schriftstücke gegenüber nahmen die lateinischen Väter ein. Augustinus (c. Faust. 23, 9) und Hieronymus (c. Helvid. u. ad Matth. 12, 46 u. 23, 35) weisen jede Berufung auf apocryphe Schriften (ex deliramentis apocryphorum petita) ab. Innocenz I. hat sie insgesammt verworfen (Epist. ad [Bd. 1, Sp. 861] Exsuperium, ed. Constant. 796); ebenso Gelasius. Alcuin oder der sonstige Verfasser der Homilie De nativ. Mariae (Opp. Alcuini, ed. Frob. II, 450), Fulbert (sermo I de nativ. M. Bibl. PP. Lugd. XVIII, 38), Petrus Damiani (sermo III de nativ.) und Bernardus (ep. 174) sprechen sich nicht minder entschieden aus. Das römische Martyrologium hat daher nur (unterm 26. Juli): Dormitio sanctae Annae matris genitricis Dei Mariae, und dieselbe Zurückhaltung beobachtet das jetzige römische Brevier. Die Abwehr einer Legende legte aber der Verehrung der begnadigten Mutter der Gottesgebärerin kein Hindernis in den Weg. Graeci oratores, bemerkt Thilo (Cod. Apocr. I. p. C.), protoevangelio Jacobi confidentius usi historiam Mariae enarrare amant, contra Latini potius desudant in virtutibus ejusdem et laudibus praedicandis, quippe dubitantes de fide apocryphorum. Der öffentliche, vom heiligen Stuhle genehmigte Cult der hl. Anna datirt erst vom Jahre 1378, wo ihn Papst Urban VI. den Engländern gestattete; am 1. Mai 1584 bestätigte Gregor XIII. das Fest für den 26. Juli. Im Oriente hatte aber bereits Kaiser Justinian unter ihrem Titel eine Kirche bauen lassen (Procop. De aedif. I, 3). Doch fand die Legende auch im Abendlande Eingang, besonders seitdem sie in die sog. goldene Legende des Jacobus a Voragine aufgenommen worden war. Die beiden lateinischen Bearbeitungen machen noch größere Ansprüche auf Auctorität, als die Orginallegende; die eine kürzere (Evangelium de nativitate s. Mariae) will Übersetzung aus einer hebräischen Schrift des Apostels Matthäus sein; in der anderen ausführlicheren tritt als Berichterstatter Jacobus, der Sohn des Joseph, d. i. Jacobus der Bruder des Herrn, auf, dem auch mißverständlich das Protoevangelium zugeschrieben wurde. Die älteste Quelle erzählt: In Nazareth lebte ein reicher, gottesfürchtiger Mann, Joachim mit Namen. Als er einstmals opfern wollte, ließ es ein gewisser Ruben nicht zu, weil Männer ohne Kindersegen dessen nicht würdig seien. Darüber auf’s Äußerste betrübt, zog sich Joachim, Gott sein Leid klagend, in eine Einsamkeit zurück. Als Anna, sein Weib, den Grund davon inne wurde, flehte sie inbrünstig, Gott möge die Schmach der Unfruchtbarkeit von ihr nehmen, und sie verband mit ihrem Gebete das Gelübde, das Kind, welches sie gebären würde, Gott zu weihen. Es erschien ihr ein Engel und sprach: »Anna, der Herr hat dein Gebet erhört: Du wirst empfangen und gebären, und die Frucht deines Schooßes wird auf der ganzen Welt gepriesen werden.« Dieselbe Botschaft brachte der Engel auch Joachim, worauf er zu seinem Weibe zurückkehrte. Anna gebar eine Tochter und nannte sie Maria (Μαριάμ). Der gelehrte Johann Eck nennt im dritten Theile seiner zu Paris 1579 erschienenen homiletischen Werke Anna die Tochter des Stolanus und der Emerentia, welche nach zwanzigjähriger kinderloser Ehe von Gott [Bd. 1, Sp. 862] Erhörung ihres Gebetes erlangt und in ihrem 36. Jahre Maria geboren habe. Bald nach der Opferung im Tempel sei Joachim gestorben, und Anna habe auf göttliche Eingebung den Kleophas geheiratet und ihm eine Tochter geboren, welche sie gleichfalls Maria nannte. Als aber auch dieser bald mit Tod abgegangen, habe sie sich mit Salomas vermählt und zum dritten Male eine Tochter, Maria, geboren. Von diesen beiden Letztern habe die eine Alphäus, die andere Zebedäus zum Weibe genommen. Durch Alphäus sei jene Mutter des Jacobus, Simon, Joseph und Judas, durch Zebedäus diese Mutter des Johannes und Jacobus geworden. Dieselbe Legende findet sich schon bei Gerson. In einer Predigt auf Mariä Geburt (Opp. III, 59) citirt er folgende Verse: Anna tribus nupsit, Joachim, Cleophae Salomaeque, Ex quibus ipsa viris peperit tres Anna Marias, Quas duxere Joseph, Alphaeus, Zebedaeusque etc. Über diese Angaben entspann sich im 16. Jahrhundert ein heftiger Kampf, in welchem sich Baronius und Bellarmin für die einmalige Vermählung der hl. Anna aussprachen. Da die älteste Legende, von den spätern Ausschmückungen zu schweigen, eine naive Reproduction der Geschichte der Mutter Samuels ist, wird selbst der Name Anna schwankend und ungewiß, noch mehr der Name Joachim. Im römischen Brevier vom Jahre 1536 wird ein gewisser Garizi Mann der Anna genannt. Im Brevier Pius’ V. finden sich die Lectionen aus Joh. Damasc. Orat. I u. II in Nativit. B. V. M. (Opp. ed. Le Quien II, 842 sq.) mit dem Namen Joachim, der ebenso auch De fide orthod. IV, 14 (Opp. I, 275 sq.) steht. Zum Ganzen vgl. Bolland., Mart. III, 77 sq. Julii VI, 233; Serry, Exercitationes historicae etc., Venet. 1719. in exerc. XVIII; Bened. XIV., De fest. II. c. 9, § 2 (wo auch der 1677 vom heiligen Stuhl verdammte Irrthum eines Italieners Imperiali erwähnt ist, daß Anna bei der Geburt Mariens Jungfrau blieb); J. C. Thilo, Cod. Apocr. N. Test. I, Lips. 1832. Anna ist die Patronin der Gebärenden. In dieser Eigenschaft wird sie oft in den Kirchen dargestellt, auf einem Arme Maria, auf dem andern das Christkind tragend, oder Maria im Schooße haltend, die dann wieder das Christkind trägt. Eine solche Gruppe heißt italienisch Mettertia, altdeutsch Selbdritt. Sie ist auch Patronin der Bergwerksarbeiter. Überall in erz-, namentlich aber in silberreichen Gebirgen findet man St. Anna-Kirchen und -Kapellen, oder sind ganze Städte nach ihr benannt, z. B. Annaberg im sächsischen Erzgebirge. In der Bretagne rufen die Landleute sie um eine gute Heuernte an – wegen des grünen Mantels, in dem sie auf allen Kirchenbildern dargestellt wird (Wolfg. Menzel, Christliche Symbolik, Regensb. 1854).

[Schegg.]


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