Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.


[Bd. 1, Sp. 902]Ansgar (Ansgarius, Anscharius, Asgeir, Asker, Eske, Speer Gottes), der hl., O. S. B., gewöhnlich der Apostel des Nordens genannt, war am 8. September 801 bei Amiens in der Picardie geboren. Seine Familie stand in naher Beziehung zum fränkischen Königsgeschlecht. Nach dem frühen Tode der frommen Mutter übergab ihn der Vater, welcher durch seine Stellung in der Erziehung seines Sohnes behindert war, der berühmten Schule der Benedictiner zu Corvey (Alt-Corvey in der Picardie). Hier wurde der Knabe schon ein Jahr nachher durch ein eigenthümliches Gesicht zu ungewöhnlich ernster Lebensanschauung geführt. In seinem 13. Jahre legte er das Ordenskleid des hl. Benedict an und lebte dann namentlich unter dem Eindrucke des Todes Karls d. Gr., auf den er mit besonderer Liebe und Bewunderung geschaut hatte, sowie neuer Visionen, welche ihn auf die apostolsiche Laufbahn hinwiesen, in strengster Abtödtung und eifrigem Studium. Letzteres wurde besonders gefördert durch die trefflichen Lehrer der Klosterschule, unter denen der Abt Adalhard und dessen Bruder Wala (Wale), Anverwandte Karls d. Gr., sich auszeichneten. Bereits in seinem 17. Jahre war Ansgar selbst mit seinem Freunde Witmar als Lehrer thätig. Damals war es, daß er in der Ferne den Himmel schaute, aber zugleich die Stimme vernahm: »Steige wieder zur Erde, und mit der Marterkrone geschmückt wirst du zurückkehren.« Von diesem Augenblick an verließ ihn die selige Hoffnung auf das Martyrthum bis zu seinem Lebensende nicht mehr. Inzwischen war 822 auf Ludwigs des Frommen Betreiben das Kloster Neu-Corvey im Paderborn’schen bei Höxter gegründet. Dorthin ging Ansgar mit dem neuen Abte Wala und erhielt das Vorsteheramt an der Klosterschule (scholasticus) übertragen. Als er dann die Priesterweihe empfangen hatte, übte er das Predigtamt in der Stiftskirche mit ganz vorzüglichem Erfolge. Seine gesegnete Wirksamkeit sollte aber nicht von langer Dauer sein. Im J. 826 kam nämlich nach Ingelheim, wo Kaiser Ludwig einen Reichstag hielt, der jütländische oder nordschleswig’sche König Harald mit seiner Gemahlin, seinem Sohne und einem großen Gefolge. Im St. Albans-Münster empfingen die nordischen [Bd. 1, Sp. 903] Fremdlinge die heilige Taufe. Zugleich aber begehrte der Fürst für sich und die christliche Religion den Schutz des Kaisers, sowie Missionare zur Ausbreitung des christenthums in den nordischen Landen, zu welchem Erzbischof Ebbo von Rheims und Bischof Halitgar von Cambray, sowie Handelsverbindungen mit Duerstede (Dorstadt unfern Utrecht) bereits den Grund gelegt hatten. Auf Wala’s Vorschlag wurde Ansgar als der passendste Glaubensbote vom Kaiser mit der gefahrvollen Mission im Dänenlande betraut. Ihm schloß sich der Mönch Autbert aus Alt-Corvey an. Die beiden Missionare begannen ihre Wirksamkeit in der Grafschaft Riustri in Nordalbingien (Rustringen), welche Ludwig dem König Harald zu Lehen gegeben hatte. Eine Schule, in welcher heidnische Knaben für den geistlichen Stand erzogen wurden, war die erste bedeutende Gründung der neuen Mission. Harald unterstützte hierin, wie auch sonst, Ansgar und seinen Gefährten treulich, aber als er von seinem Gegner geschlagen und das nörliche Schleswig zu verlassen gezwungen wurde, mußten auch die Missionare mit ihm nach Riustri zurückkehren. 829 starb Autbert in Neu-Corvey; für Ansgar, der inzwischen unermüdlich weiter gearbeitet hatte, eröffnete sich ein neues Feld der Wirksamkeit. Im J. 830 begehrten Gesandte des Schwedenkönigs Björn vom Kaiser Ludwig Glaubensboten für ihr Land, wo bereits durch Kaufleute und christliche Gefangene das Evangelium bekannt geworden war. Ludwig ließ daher Ansgar aus Holstein zurückberufen und übertrug ihm die Mission in Schweden. Er trat die Reise mit seinem alten Jugendfreunde Witmar an, während ein anderer Mönch, Gislemar, seine Stelle bei Harald ersetzte. Von Wikingern unterwegs überfallen und geplündert, kam Ansgar mit leeren Händen nach Birka (Björkö) am Mälarsee und begann hier sofort seine Wirksamkeit. Unter denen, welche sich taufen ließen, war auch ein Rath de Königs, der Jarl Herigar; dieser ließ auf seinem Gute eine Kirche erbauen und blieb fortan dem christlichen Glauben aufrichtig ergeben. Nach anderthalbjähriger segensreicher Arbeit kehrte Ansgar auf deutschen Boden zurück. Inzwischen hatte Kaiser Ludwig auf dem Reichstag zu Aachen (831) in Übereinstimmung mit Papst Gregor IV. beschlossen, zur Befestigung des Christenthums im Norden zu Hamburg (Hammaburg) ein Erzbisthum zu errichten. Ansgar wurde zum Erzbischof ernannt und vom Bischofe Drogo von Metz, unter Assistenz der Erzbischöfe Ebbo von Rheims, Hetti von Trier und Otgar von Mainz, 831 consecrirt. Nach der Weihe ging er nach Rom und erhielt vom Papste nicht nur das Pallium, sondern auch die Würde eines apostolischen Legaten bei den Dänen, Schweden, Norwegern und Slaven. In anderer Bezeihung sorgten der Kaiser und Ebbo für ihn, indem Ersterer ihm das Kloster Turholt (Thorout) bei Brügge, Letzterer hauptsächlich für die Mission in Schweden das von ihm gestiftete Kloster in [Bd. 1, Sp. 904] Welanao (Münsterdorf bei Itzehoe) übertrug. So ausgestattet trat er in Begleitung von Ebbo’s Anverwandten Gautbert sein neues Amt an. Während nun Ansgar namentlich im nordalbingischen Sachsen arbeitete, wirkte Gautbert, nachdem er von Ansgar zum Bischof consecrirt worden war, in Schweden, bis heidnische Widersacher ihn zwangen, von dort zu entfliehen. Die Mission in Schweden aber ging nicht unter, indem später auf Ansgars Bitten ein Einsiedler, Ardgar, bis zum Tode Herigars sich der verwaisten Christen annahm. Inzwischen hatte Ansgar in Hamburg mit »wunderbar meisterhafter Kunst« eine Domkirche erbaut, dann eine Bibliothek eingerichtet und ein Kloster gegründet, in welchem, wie auch in Turholt, Knaben zu späteren Missionaren erzogen werden sollten. Einige Jahre segensreichster Wirksamkeit gingen für Ansgar vorüber, dann aber sollte er geistigerweise das Martyrerthum erleiden, nach welchem er so sehr sich sehnte. Im J. 837 zerstörten normannische Seeräuber unter König Harich (Erik) I. Hamburg vollständig. Nur mit genauer Noth konnte Ansgar bei seiner Flucht die Heiligthümer retten. Bischof Leuderich von Bremen, bei welchem er seine Zuflucht suchte, wies ihn schnöde ab. Zu allen diesen Schlägen kam noch der Verlust von Turholt, welches Karl der Kahle nach Ludwigs Tode einem gewissen Reginar überwies. Viele Geistliche verließen nun den armen Hirten; er aber wirkte mit denen, welche bei ihm aushielten, nur um so unermüdlicher. Damals soll eine fromme Frau, Ikia, sich seiner angenommen und ihm ein Gut im Bisthum Verden, Ramsola oder Ramesloh, unweit Hamburg, geschenkt haben. Hier richtete er später ein Kloster ein, welches vom Papst Nikolaus I. bestätigt wurde, und sammelte seine Freunde wieder (Adam, Brem. gest. Hamb. pont. c. 25; die angezweifelten Urkunden bei Lappenberg, Urkundenbuch I, N. 10 u. 16). Als Ludwig der Deutsche zur Regierung kam, gestaltete Ansgars Lage sich besser. Zwar gelang es dem Könige nicht, ihm Turholt zurückzugeben, allein nach dem Tode Leuderichs von Bremen (845) faßte derselbe den Plan, das Bisthum Bremen mit dem Erzbisthum Hamburg zu vereinigen und den neuen Sprengel Ansgar zu übertragen. Nachdem auf den Synoden zu Paderborn (845) und Mainz (847 u. 848) den versammelten Bischöfen die Angelegenheit vorgelegt war, wurden Bremen und Hamburg 849 vereinigt und Ansgar zum Erzbischofe ernannt. Durch eine Bulle des Papstes Nikolaus I. vom 31. Mai 858 (Lappenberg a. a. O. N. 14) oder von 864 (Dümmler, Ostfränk. Gesch. I, 524, N. 28) fand die Sache zwischen Hamburg und dem neuen Kölner Erzbischofe Gunthar ihre vollständige Erledigung und die Vereinigung Bremens mit Hamburg die apostolische Bestätigung. Unterdeß hatte Ansgar sich mit neuem Eifer der nordischen Mission wieder zugewandt. In Dänemark knüpfte er als Gesandter Ludwigs Verbindungen mit dem König Erik I. an und gewann dessen Gunst, obwohl [Bd. 1, Sp. 905] derselbe noch Heide war. Er erlangte nun die Erlaubniß, in Schleswig oder Haddeby eine Kirche zu bauen, welche er der Mutter Gottes weihte. Das war die erste Kirche Dänemarks, obschon bereits viele entweder in Dorstadt oder Hamburg getaufte Christen im Lande waren. Nunmehr war das Christenthum geduldet und für die Zukunft gesichert. Ansgar hatte aber Schweden nicht vergessen und beschloß, die Mission dort wieder aufzunehmen. Der vertriebene Bischof Gautbert, der Ansgars Ruf selbst nicht folgen zu dürfen glaubte, schlug ihm als Missionar seinen Anverwandten Erimbert vor. Von diesem begleitet, wandte sich Ansgar um 853 mti einer Botschaft Ludwigs nach Birka; ein Gesandter des Dänenkönigs zog mit ihnen. Die Schwierigkeiten waren in Schweden groß. Erst als auf dem Thing, welchen König Olaf veranstaltete, das Loos für ihn entschied, erhielt Ansgar die Erlaubniß, das Evangelium zu verkündigen. Eine neue Missionsanstalt, deren Haupt Erimbert wurde, erfüllte ihn bald mit den größten Hoffnungen, zumal Olaf selbst den Bauplatz zu einer Kirche schenkte. Diese Hoffnungen wurden auch nicht getäuscht, obwohl Ansgar Schweden bald wieder verlassen mußte. In Dänemark war nämlich König Erik I. im J. 854 in einer Schlacht gefallen und sein Sohn Erik II., noch ein Kind, ihm in der Regierung gefolgt. Dieser stand Anfangs unter einem dem Christenthume feindlichen Einflusse. Aber bereits während Ansgars Reise nach Jütland änderte sich die Sachlage, König Erik blieb dem Christenthume günstig, und es wurde nicht nur in Ribe eine zweite Kirche gegründet, sondern in Haddeby erhielten die Christen sogar die Erlaubniß, Glocken beim Gottesdienste zu benutzen. So waren denn die Schöpfungen Ansgars gesichert, und er durfte seine letzten Lebensjahre in seinem Erzbisthume in Ruhe zubringen. Hier lebte er in gleicher Entbehrung und Anstengung, wie in seiner Jugend, wo seine gewöhnlichen Nahrungsmittel Wasser und Brod waren. Im härenen Gewande, ein ächter, strenger Schüler des hl. Benedict, ging er auch jetzt einher und, treu der Regel, erwarb er sich wie ehemals durch Händearbeit unter Gebet und Psalmensingen seinen Unterhalt, Mittel aber für die Missionspriester und Geschenke an heidnische fürsten durch Entbehrungen aller Art. Er unterstützte und pflegte die Armen, kaufte jetzt wie früher arme Sklaven los, baute in Bremen ein Spital und zeigte eine unendliche Nächstenliebe in der Sorge für die Fremdlinge. Am 3. Februar 865 verschied er in Folge körperlicher Entkräftung in Bremen und ward dort auch begraben. Sein Nachfolger Rembert (früher in Ribe) versetzte ihn unter die Heiligen; Papst Nikolaus I. bestätigte diese Canonisation. Seine Reliquien gehörten bis zur Reformation zu den kostbarsten Heiligthümern der nordischen Städte, seine Verehrung war eine weit verbreitete; sein Fest wird am 3. Februar gefeiert. – Von Ansgars literarischen Arbeiten [Bd. 1, Sp. 906] besitzen wir noch: 1. Vita et miracula St. Willehadi (Mon. Germ. SS. II), mit besonders schöner Vorrede; 2. Pigmenta (Balsam), kurze Gebete, anknüpfend an Theile des Breviers (ed. Lappenberg, Hamburg 1844); verloren gegangen ist das allerdings zweifelhafte Diarium sive Manuale, eine Geschichte seiner Mission, von Abt Thymo von Corvey 1261 nach Rom gesandt. Die Literatur zur Geschichte Ansgars und seiner Zeit ist reichhaltig. Sein erster Biograph war sein Nachfolger Rimbert (Vita S. Anskarii, Mon. Germ. SS. II). Demselben schließen sich mehr oder weniger kritisch an: Bolland. Febr. I; Drewes, Leben Ansgars, Paderborn 1864; Krummacher, St. Ansgar, Bremen 1828; Kraft, Narratio de Ansgario, Hamb. 1840; Klippel, Leben Ansgars, kritisch bearbeitet, Bremen 1845; Daniel, Der hl. Ansgar, das Ideal eines Glaubensboten, theolog. Controversen, Halle 1843; Tappehorn, Leben Ansgars, Münster 1863. Für die Chronologie besonders wichtig: Lappenberg in Schmidts Allgemeiner Zeitschrift für Gesch. V. Für die Zeitgeschichte sind zu erwähnen: Adam Bremensis (Mon. Germ. SS. VII); ejusd. De situ Daniae etc., ed. Fabricius, Hamb. 1706; Reuterdahl, Ansgarius eller begynnelsepunkten af Kristendomen i Sverige. Theol. Quartalskr., Lund 1830; deutsch von Mayerhoff, Berlin 1837; Script. rer. Dan. I; Annales Xantens. (Mon. Germ. SS. II); Lappenberg, Urkundenbuch I; Jörgesen, Den norske Kirkes Grundläggelse I, Kopenhagen 1874; Helveg, Den danske Kirkes hist. I, Kopenhagen 1862; Dehio, Geschichte des Erzbisthums Hamburg-Bremen I, Berlin 1877. – Ansgar wird in der Kunst gewöhnlich dargestellt als Bischof mit Stab, in der Linken eine Kirche tragend (Hamburg).

[C. Berlage.]


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