Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 1106] Apostel (ἀπόστολος, von ἀποστέλλειν, senden, schicken), Gesandte, Sendbote, wird in der heiligen Schrift vorzugsweise derjenige genannt, welcher einen Auftrag Gottes an die Menschen auszuführen hat. Apostel in diesem Sinne waren [Bd. 1, Sp. 1107] Moses (Num. 16, 28) und die alttestamentlichen Propheten (Is. 6, 8). Im N. T. wird Apostel in diesem Sinne Christus selbst genannt (Hebr. 3, 1), und der Ausdruck wird in dieser weiteren Bedeutung unzweifelhaft noch gebraucht Röm. 16, 7. 1 Cor. 15, 7. 2 Cor. 8, 23. Phil. 2, 25. Hier kommt der Apostelname in specieller Bedeutung zur Sprache, als Name, den Jesus einzelnen Mitgliedern seines Jüngerkreises gegeben hat, und als Bezeichnung des den so benannten Jüngern übertragenen Amtes. In dieser Bedeutung ist der Ausdruck auch in den Sprachgebrauch der Kirche übergegangen. Unerläßliche Erfordernisse zum Apostolate in diesem engeren Sinne sind: Augenzeugenschaft von der messianischen Wirksamkeit Jesu, besonders von seiner Auferstehung (Apg. 1, 21. 22), und göttliche, unmittelbare Berufung durch Christus (Gal. 1, 1; vgl. !pg. 1, 24; 13, 2). Der Heiland hat zwölf Apostel berufen, von denen wir im N. T. vier Verzeichnisse haben: Matth. 10, 2–4. Marc. 3, 16–19. Luc. 6, 14 16. Apg. 1, 13. Ihre Namen sind: Simon Petrus und dessen Bruder Andreas, Jacobus, Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder, Philippus, Bartholomäus (Nathanael bei Johannes), Thomas, Matthäus der Zöllner, Jacobus, Sohn des Alphäus, Lebbäus mit dem Beinamen Thaddäus (= Judas, des Jacobus Bruder, Luc. 6, 16), Simon der Zelote oder Canaaniter und Judas Scariot. Bis auf den letzten waren wohl alle Galiläer. Die Zwölfzahl hat antitypische Bedeutung; wie das Israel κατὰ σάρκα von den zwölf Patriarchen abstammte, so sollten die zwölf Apostel die Patriarchen des Israel κατὰ πνεῦμα, die geistigen Stammväter der Kirche Christi werden. An die Stelle des Judas Iscariot trat später Matthias (Apg. 1, 23–26). Durch unmittelbar göttliche Berufung (Gal. 1, 1) wurde auch Paulus Apostel, und zwar, wie er sich selbst nennt, Apostel der Heiden (Röm. 11, 13. 1 Tim. 2, 7). Über die Streitfrage, ob auch Barnabas Apostel im eigentlichen Sinne sei, vgl. d. Art. Die Apstelwahl selbst berichten nur Marc. 3, 13–19 und Luc. 6, 12 16; Matth. 10, 1–4 setzt sie als geschehen voraus. Sie erfolgte unmittelbar vor der Bergpredigt auf einem Berge (Kurûn Hattin) in der Nähe von Capharnaum, nachdem Jesus die ganze Nacht zuvor zu diesem wichtigen Werke in einsamem Gebete sich vorbereitet hatte. Die Zwölfe waren vor ihrer Apostelberufung schon Jünger Jesu (Luc. 6, 13). Es setzt demnach der evangelische Bericht über die Apostelwahl eine vorhergehende Berufung zur Jüngerschaft unzweideutig voraus, und damit erweist sich die Behauptung von der Unvereinbarkeit der johanneischen und der synoptischen Berufungsberichte als völlig grundlos. Der historische Sachverhalt ist folgender: Johannes 1, 35–51 erzählt die Berufung von wahrscheinlich sechs Johannesjüngern zum gläubigen Anschlusse an Jesus; sie gschah am Jordan gleich nach der Rückkehr Jesu aus der Wüste. Nach [Bd. 1, Sp. 1108] einer sehr guten Lesart des griechischen Textes V. 42 (Vulg. V. 41) ist anzunehmen, daß unter den Berufenen auch Jacobus, des Johannes Bruder, sich befand. Die Synoptiker (Matth. 4, 18–22. Marc. 1, 16–20; vgl. Luc. 5, 1–11) erzählen, wie Jesus gleich beim Beginne seiner öffentlichen Wirksamkeit am See Genesareth die Brüderpaare Simon Petrus und Andreas, Jacobus und Johannes zur Jüngerschaft im engern Sinne berief. Diese verpflichtete zur beständigen Nachfolge und hatte das Verlassen der bisherigen Lebensverhältnisse zur Voraussetzung (Matth. 19, 27). Es bekunden somit die synoptischen Berichte gegenüber der johanneischen Erzählung einen Fortschritt in der evangelischen Geschichte: die früher zum gläubigen Anschlusse Berufenen werden jetzt aufgefordert zu ungetheilter, beständiger Nachfolge; im ständigen Verkehre mit ihrem Meister sollten die gläubig gewordenen Jünger zu Glaubensboten, zu Menschenfischern (matth. 4, 19) herangebildet werden. Den Abschluß, das dritte Stadium in der Berufungsgeschichte bildet die Apostelwahl. Den nächsten Zweck der Apostelberufung gibt Marc. 3, 14 an: »und er (Jesus) bestellte die Zwölfe, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende, zu predigen«. Die Apostel sollten in vertrautester Gemeinschaft mit ihrem Meister leben und sich an ihm wie Familienglieder an einen Hausvater anschließen (Matth. 10, 25), um herangebildet zu werden für den künftigen hohen Beruf, Stellvertreter und Nachfolger Christi in seiner göttlichen Sendung zu werden (Joh. 20, 21). Die Heranbildung der Apostel zu diesem weltumfassenden Berufe ließ sich der Herr zwei volle Jahre mit größter Sorgfalt agelegen sein, obwohl er viel zu kämpfen hatte mit der menschlichen Schwachheit und den nationalen Vorortheilen derselben. Die Unterweisung erstreckte sich auf das ganze Gebiet des neuen Gottesreiches, doch bildete einen hervorragenden Gegenstand des Unterrichtes die Lehre vom Wesen und der Entwickelung des Messiasreiches (Matth. 13) und die Wahrheit, daß die Gründung desselben durch Christi Tod und Auferstehung, daß die Mitgliedschaft an demselben durch Kreuztragen und Selbstverläugnung bedingt sei (Matth. 16, 21–26). Nachdme nun die Apostel durch einen längeren Lehrvortrag Jesu (Matth. 5–7) über die Grundzüge des Messiasreiches und insbesondere über sein Verhältniß zur alttestamentlichen Theokratie unterrichtet worden waren, und durch Jesu Heilswirken (Matth. 8 u. 9) ihr Glaube geläutert und befestigt war, erfolgte ihre erste Aussendung (Matth. 10). Sie war eine vorläufige Einführung der Apostel in ihren künftigen Beruf, das messianische Werk Jesu fortzusetzen. Auf diese künftige apostolische Thätigkeit nimmt die gelegentlich der ersten Aussendung gehaltene Instructionsrede (Matth. 10, 5–42) von V. 16 an schon Bezug. Ungeachtet dieser sorgfältigen Unterweisung blieben die Apostel vielfach hinter ihrer hohen Aufgabe zurück. Wiederholt mußte der Herr ihre Kleingläubigkeit [Bd. 1, Sp. 1109] rügen (Matth. 8, 26; 14, 31), und besonders hatte er zu kämpfen mit den nationalen Vorurtheilen und den irdischen Gesinnungen, wovon auch sie nur schwer sich loszumachen vermochten. Sogar unmittelbar vor der Himmelfahrt des Herrn ließen sie durch die Frage: »Herr, wirst du in dieser Zeit das Reich Israels (griechisch für Israel) herstellen?« noch ihre volksthümliche Erwartung eines irdisch glänzenden Reiches durchblicken. Damit ward auch das Erfassen der Lehre von der Nothwendigkeit des Leidens und Todes Christi sehr erschwert (Matth. 16, 21; 17, 22; 20, 18. Marc. 8, 31 bis 9, 1 u. s. w.). Eine plötzliche und gänzliche Umwandlung der Apostel, welche schon früher durch Petrus ihren festen Glauben an Jesu messianische Würde und Gottessohnschaft ausgesprochen hatten (Matth. 16, 16), erfolgte am Pfingstfeste (Apg. 2) durch die Mittheilung des heiligen Geistes, welchen der Heiland ihnen für die Erfüllung ihres Amtes schon früher wiederholt versprochen hatte (Matth. 10, 10. Marc. 13, 11. Luc. 12, 12; 21, 15. Joh. 14, 16. Apg. 1, 8). Der geistigen Umwandlung der Glaubensboten entsprach auch die Erweiterung ihres Arbeitsfeldes. Waren sie bei der ersten Aussendung auf das Haus Israel beschränkt, so wies ihnen der verklärte Heiland die ganze Welt als Arbeitsfeld an (Matth. 28, 18) und bezeichnete ihnen in seiner letzten Rede unmittelbar vor der Himmelfahrt (Apg. 1, 4–8) die Stadien, die sie in Ausführung ihrer Weltmission durchzumachen hatten. – Weil das Erdenleben Jesu für die Apostel eine Zeit der Vorbereitung auf ihren künftigen Beruf war, so erfolgte die wirkliche Sendung und Vollmachtertheilung erst unmittelbar vor Christi Himmelfahrt (MAtth. 28, 18–29. Joh. 20, 21–23). Christus, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben war, ertheilte seinen Aposteln dieselbe göttliche Sendung, die er selbst hatte, mit dem gleichen Umfange seines Berufes und seiner Gewalt in der ganzen Welt. Demanch erhielten sie die Macht und den Auftrag, alle Völker in die Kirche aufzunehmen, und es ward ihnen das Richteramt über die gesammte Menschheit übertragen. Alle Gewalt in der Kirche war ursprünglich im Apostolate iengeschlossen; zuerst trat daraus hervor der Diaconat (Apg. 6), dann der Presbyterat und zuletzt der Episcopat. Für ihre Amtsführung verhieß ihnen der Heiland seine stets wirksame Gegenwart bis zum Ende der Tage. Die Verheißung wies über die Lebenstage der Apostel hinaus und gilt demnach auch für ihre Erben und Nachfolger. Gleich ihrem Meister, dessen Stellvertreter sie waren, waren die Apostel ausgerüstet mit der Wundermacht, heilten Kranke und erweckten Todte (Apg. 2, 43; 5, 12; 9, 40; 20, 9. 10 u. s. w.). So waren denn die Apostel Botschafter an Christi Statt (2 Cor. 5, 20), Verwalter der göttlichen Geheimnisse (1 Cor. 4, 1), Mithelfer (2 Cor. 6, 4) und Zeugen Christi (apg. 1, 8): sie waren vermöge ihres Amtes und ihrer Thätigkeit das Salz der Erde, das [Bd. 1, Sp. 1110] Licht der Welt (Matth. 5, 13.13). Versehen mit göttlicher Sendung und ausgerüstet mit Wunderkraft traten die Apostel seit dem Pfingsfeste auf als persönliche und unfehlbare Zeugen von Christi messianischem Wirken, besonders von seinem Tode und seiner Auferstehung. Von Jerusalem aus verpflanzten sie das Evangelium dem göttlichen Auftrage gemäß nach Judäa, Samaria und nach den Hauptorten der damals bekannten Welt, wie die Apostelgeschichte und die Briefe des neutestamentlichen Canons bekunden. Der Gottmensch Jesus Christus, das Wort des Lebens, war der Inhalt der apostolsichen Predigt; das Zeugniß der Apostel war vollgültig, weil sie verkündeten, was sie gesehen und gehört hatten (1 Joh. 1, 1–3). Nur durch Gemeinschaft mit den Aposteln ermöglicht sich, und zwar ausschließlich, jedem folgenden Geschlechte die Gemeinschaft mit dem in Christo, sienem Sohne, sich offenbarenden Vater (1 Joh. 1, 3). Diese Gemeinschaft mit den Aposteln wird für alle folgenden Generationen vermittelt durch die Zusammengehörigkeit mit ihren ununterbrochenen Nachfolgern in der katholischen Kirche. So sind denn die Apostel die Grundfesten der Kirche, die Gläubigen hinaufgebaut auf die Grundlage der Apostel (Eph. 2, 19. 20), und die Kirche Christi ist somit nothwendig eine apostolische. (Vgl. Staudenmaier, Geist des Christenth. 4. Aufl, 2. Thl. 994 ff.; Döllinger, Christenthum und Kirche, 2. Aufl., 32 ff.)

[Pölzl.]


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