Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 2002]Barfüßer im strengen Sinne des Wortes heißen diejenigen Ordensleute, welche ohne irgend welche Fußbekleidung, d. h. mit bloßen Füßen, [Bd. 1, Sp. 2003] gehen; dann aber auch diejenigen, welche sich der Sandalen bedienen. Unter den Ordensstiftern des Abendlandes war es zuerst der hl. Franciscus von Assisi, der die fragliche Sitte einführte. Im J. 1209 legten er und seine Genossen, gemäß der Mahnung des Herrn (bei Matth. 10, 10 und Marc. 6, 9) die Schuhe ab und gingen von da an völlig barfuß. Ohne Fußbekleidung kamen im J. 1221 die minderen Brüder nach Deutschland und wurden nach dem, was dem deutschen Volke an ihrer äußern Erscheinung am meisten auffiel, Barfüßer oder nach damaliger Redeweise Parfoten, Parfoter, Barfuoßen, niederdeutsch Barvoeten genannt. Nur am Niederrhein, wie in Köln und Münster, war die Benennung Minnerbrüder üblich; in einzelnen Städten, wie in Berlin und Dresden, wurden sie gewöhnlich graue Brüder genannt. Im Czechischen und Polnischen erhielten sie ebenfalls den mit Barfüßer gleichbedeutenden Namen Bosi. Die minderen Brüder selbst nannten sich in deutschen Urkunden Barfüßer und behielten diese Benennung bis in’s 17. Jahrhundert, wo die Bezeichnung Minoriten, schwarze oder braune Franciscaner gebräuchlich wurde. Am längsten scheint sich erstere Benennung in der Schweiz erhalten zu haben; denn noch zu Ende des 18. Jahrhunderts unterzeichnete sich der Vorstand der oberdeutschen Minoritenprovinz in seinen Eingaben an die Cantonsregierungen als Provincial der Barfüßer. Zu Freiburg in der Schweiz werden noch heute die dortigen Franciscaner vom deutschen Theile der Bevölkerung so bezeichnet. Wie lange indessen das strenge Barfußgehen bei den minderen Brüdern in den nördlichen Gegenden in Übung blieb, dürfte schwer nachzuweisen sein. Thomas Cantipratanus, der um 1263 in Belgien sein berühmtes Buch De apibus verfaßte, sagt von denselben, sie gingen im Winter mit nackten Füßen durch den Schnee, wie wenn er Wolle wäre (2, 3, n. 12). Übrigens erlaubte der hl. Franciscus in seiner von Honorius III. im J. 1223 bestätigten Regel im Nothfalle das Tragen der Schuhe; ebenso gestatteten die im J. 1501 von Alexander VI. gutgeheißenen Constitutionen der Minoriten-Conventualen, mit Berufung auf ältere Ordensstatuten, den ganzen Fuß bedeckende Schuhe bei großer Kälte, regnerischer Witterung und auf Reisen, ausßerdem nur Halbschuhe oder Sandalen von Leder oder Holz und graue Strümpfe. Das heilige Meßopfer aber sollten die Priester nur mit Schuhen bekleidet darbringen, deren immer in der Sacristei eine genügende Anzahl vorhanden sein mußte. Die von Urban VIII. im J. 1628 approbirten Constitutionen der Minoriten jedoch kennen nur mehr die Schuhe als Fußbekleidung. Im 14. Jahrhundert nahmen die Clareniner das Barfußgehen ohne Sandalen wieder auf, während die Observanten derselben sich bedienten. Letzteres that auch die Congregation des sel. Johannes von Puebla in Spanien gegen Ende des 15. Jahrhunderts; aber die reformirte Congregation seines Schülers Johann [Bd. 1, Sp. 2004] von Guadalupe (gest. 1580) entledigte sich wieder der Sandalen und ging barfuß, bis sie nach kurzer Zeit mit diesen versehen unter dem Namen Discalceaten erschien. Die im 16. Jahrhundert entstandenen Reformaten in Italien und die Recollecten in Frankreich gingen barfuß auf hohen Holzsohlen (daher im Italienischen zoccolanti genannt), aber die Congregation des hl. Petrus von Alcantara begab sich aller Fußbekleidung, während der Orden der Kapuziner an den bloßen Füßen Sandalen trug. Auch die hl. Clara und ihre Ordensschwestern gingen völlig barfuß. Später bedienten sich dei Clarissinnen der Sandalen und selbst der Schuhe, bis im 15. und 16. Jahrhundert die Reformen der hl. Coleta und der Maria Laur. Longa, Stifterin der Kapuzinerinnen, das Barfußgehen auf Sandalen theilweise wieder einführten. Ebenso bekam zu Anfang des 17. Jahrhunderts der regulirte dritte Orden des hl. Franciscus seine Barfüßer mit Sandalen in der Congregation von Picpus in Frankreich, denen daselbst und in Belgien bald bußfertige Klosterfrauen folgten, während schon vor 1546 Jacob von Gubbio auf der Insel Sicilien diese Art der Abtödtung eingeführt hatte. Der auf der allgemeinen Kirchenversammlung zu Lyon im J. 1274 aufgehobene Orden der Sackträger ging barfuß auf hölzernen sohlen. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts führte der hl. Franz von Paula, der Stifter der Minimen, in seinem Orden das Barfußgehen mit Sandalen ein, nachdem schon 1380 die Hieronymiten von der Congregation des seligen Petrus von Pisa diese strenge Sitte angenommen hatten. Auch der Augustinerorden erhielt seine Barfüßer in der Reform des P. Thomas von Jesu in Portugal um 1532, welche sich überallhin verbreitete und auch bei den Klosterfrauen dieses Ordens Eingang fand. Paul Justiniani führte zu Anfang des 16. Jahrhunderts in Italien die barfüßigen Camaldulenser ein, Bernardin von Ricciolini aber um 1593 die Barfüßer-Serviten. Die durch die hl. Teresia reformirten Carmeliterinnen trugen Flechtschuhe und Strümpfe, während die um 1568 von ihr reformirten Carmeliten barfuß auf ledernen Sandalen gingen. Die von johann de la Barrière um 1575 in Frankreich reformirten Cistercienser, Feuillans genannt, waren vollkommen barfuß, bedienten sich aber später der Sandalen und in Italien auch der Schuhe. Der Orden der Trinitarier erhielt seine mit Sandalen bekleideten Barfüßer im J. 1594 durch Joh. Baptista de Conceptione in Spanien und um 1622 durch Hieronymus Halies vom heiligen Sacrament in Frankreich. Auch unbeschuhte Trinitarierinnen kamen um 1618 in Spanien auf. Die von Joh. Baptista Gonzales im J. 1604 in Spanien begonnene Verbesserung des Ordens unserer lieben Frau von der Gnade zur Loskaufung der Gefangenen, gestiftet vom hl. Petrus Nolascus, führte das Barfußgehen auf Sandalen ein, während man schon um 1568 unbeschuhte Klosterfrauen dieses Ordens in Spanien [Bd. 1, Sp. 2005] findet. Den von P. Anton le Quieu und seinen Genossen aus dem Orden der Dominicaner 1640 in Frankreich gemachten Versuch, mit bloßen Füßen zu gehen, vereitelte der Orden alsbald mit Gewalt. Auch die Orden der Benedictiner und Prämonstratenser hatten keine Barfüßer unter sich. Die im 18. Jahrhundert vom hl. Paul vom Kreuze begründete Congregation regulirter Cleriker, Passionisten genannt, begnügt sich mit Sandalen. Selbst in der neuesten Zeit führten verschiedene Congregationen vom zweiten und dritten Orden des hl. Franciscus das Barfußgehen auf Sohlen wieder ein. Übrigens werden diejenigen Ordensleute, welche sich mit den Sandalen auch der Socken oder Strümpfe bedienen, statt Barfüßer richtiger Unbeschuhte oder Discalceaten genannt; zu diesen gehören utner Anderen die Franciscanerinnen aus Heydhuizen in Holland.

[Dom. Grammer, O. M.]


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