Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 2020]Barmherzigkeit (misericordia; »barmen« = misereri nach Neuern aus »bearmen« = amplecti; Grimm, Wörterb. u. d. W.) ist diejenige sittliche Tugend, welche den Willen bereit und geneigt macht, sich fremder Noth anzunehmen. Manche identificiren sie mit der Liebe; sie sei diese eben in der Richtung auf die Nothleidenden (vgl. dagegen Suarez, De tripl. virt. theol. tract. 3, disp. 4 de misericord. 2, 6). Nach dem hl. Thomas ist sie Wirkung der Liebe, und mittels ihrer die Liebe thätig (Eingang zu 2. 2, q. 28; q. 33, a. 1); doch unterscheidet er und mit ihm die Mehrzahl der Theologen sie von der Liebe als besondere Tugend (q. 30, a. 3 in corp. et ad 3). Das Formalobjekt oder Motiv der Barmherzigkeit ist das fremde Elend (miseria aliena), das Übel des Nächsten (a. 1), während das Motiv der Liebe die Güte des Geliebten ist. Die fremde Noth betrachtet der Barmherzige wie seine eigene, hierzu veranlaßt durch Liebe oder durch Gleichheit der Verhältnisse, welche die Möglichkeit, Ähnliches zu erdulden, nahelegt; darum findet man die Barmherzigkeit mehr bei solchen, die selbst hülfsbedürftig und sich ihrer Hülfsbedürftigkeit bewußt sind, z. B. Greisen, Schwachen, Furchtsamen, als bei denen, die sich für glücklich und mächtig halten (a. 2). Das Materialobject der Barmherzigkeit ist die Person des Nothleidenden, näherhin sein Elend, worunter das Übel zu verstehen ist, sofern es dem Willen entgegen ist; die nächste Materie sind die Acte der Barmherzigkeit. Die vernunft- und willenlose Creatur kann nicht an sich, sondern nur beziehungsweise und darum uneigentlich Gegenstand der Barmherzigkeit sein; nur uneigentlich [Bd. 1, Sp. 2021] (a. 1 ad 2) kann ferner von Barmherzigkeit gegen sich selbst (vgl. Eccli. 30, 24) Rede sein. Die Sünde ist ganz besonders Gegenstand derselben, doch nicht als Schuld, unter welcher Rücksicht sie ja ein freiwilliges Übel ist, sondern in Absehung auf das grenzenlose Elend, das sie mit sich führt (ib. ad 1; Suar. l. c. 1, 4). Von den Acten der Barmherzigkeit sind zunächst die äußeren in Betracht zu nehmen, weil sich die inneren auf die äußeren beziehen. Man faßt sie zusammen unter dem Namen Almosen, im weitesten Sinne dieses Wortes (eleemosyna von ἐλεεῖν), und unterscheidet sie, je nachdem sie auf die Abhülfe der leiblichen oder der geistigen Noth des Nächsten gerichtet sind, in Werke der leiblichen und der geistlichen Barmherzigkeit (s. d. Art. Almosen). Die inneren Acte sind das Mitleid und der Wille, zu helfen. In beiden ist eingeschlossen das Begehren, der Elende möge des Übels ledig sein, beziehentlich, es möge ihm das mangelnde Gute zu Theil werden. Stehen dem Begehren die erforderlichen Mittel zu Gebote, so geht es in den Willensentschluß, zu helfen, über. Das Mitleid ist Traurigkeit wegen des fremden Elendes, eine Affection, welche das Begehren als ein annoch unbefriedigtes begleitet, daher mit Erfüllung desselben aufhört, dort aber, wo die Mittel fehlen, um so intensiver sich in dem Verlangen nach Hülfe für den Leidenden kundgibt. Diese Affection ist unwesentlich; in Gott und den Seligen besteht die Barmherzigkeit ohne dieselbe (Thom. 1. q. 21. a. 3); der Natur der Sache nach kann sie nur bei leidensfähigen Subjecten Platz greifen. Vom Mitleid als Traurigkeit (misericordia, im engeren Sinne und nach der Etymologie des Wortes; Thom. l. c.) ist einigermaßen zu unterscheiden das Mitleiden, die compassio, insofern darunter vorzugsweise das bei geistig-sinnlichen Wesen jene Traurigkeit als geistigen Schmerz begleitende sensitive Empfinden verstanden wird (über die Unterscheidung von tristitia [dolor internus] und passio [dolor externus] s. Thom. 2. 1, q. 35, a. 1. 2). Überhaupt aber gehört das Mitleid oder Mitgefühl nicht schlechthin als Empfindung zur Tugend der Barmherzigkeit, sondern als ein durch vernunftgemäße Vorstellung des fremden Übels zunächst im intellectiven und hierdurch mittelbar etwa auch im sensitiven Begehrungsvermögen hervorgerufener, demgemäß vernunftgemäßer und freiwilliger Schmerz: insoweit nämlich bezeichnet es nicht eine bloße passio, sondern ist actus humanus (2. 2, q. 30, a. 3). Da es der Barmherzigkeit zukommt, das Mitgefühl vernunftgemäß zu regeln, so wird sie den Tugenden circa passiones zugerechnet. Die Tugend der Barmherzigkeit ist eine natürliche (erworbene) oder übernatürliche (eingegossene); letztere geht, wie die moralischen Tugenden überhaupt und die Liebe, zu welcher sie mindestens in sehr enger Beziehung steht, mit der Todsünde verloren. Ihr Vorbild ist die Barmherzigkeit Gottes (Luc. 6, 36); ihr Lohn sind zeitliche und vorzugsweise geistliche Güter, im Einzelnen: Sicherung des Vermögensbestandes [Bd. 1, Sp. 2022] (Ps. 40, 2. Spr. 28, 27. Eccli. 44, 11) und zeitlicher Segen (Spr. 11, 24; 19, 17; 22, 9. 2 Cor. 9, 6 ff.), womit Gott auch oft die aus natürlichem Beweggrunde geübte Barmherzigkeit belohnt (Ex. 1, 20. 21), ferner Nachlaß der Sünden und Sündenstrafen (Tob. 12, 8. 9. Dan. 4, 24. Matth. 6, 12; 18, 35. Apg. 10, 4) und die Erlangung des ewigen Lebens (Matth. 5, 7; 25, 34-40. Luc. 12, 33; 16, 9).

[Wildt.]


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