Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 2022]Barmherzigkeit, Titel, nach welchem verschiedene religiöse Genossenschaften benannt sind. 1. Frauen U. L. F. von der Barmherzigkeit, gestiftet vom Oratorianer-Pater A. Yvan. Derselbe war 1570 zu Rians in der Provence geboren und mußte in der Jugend nach dem Tode seines Vaters unter unsäglichen Schwierigkeiten seinen Lebensunterhalt gewinnen; gleichwohl ruhte er nicht, bis er Lesen, Schreiben, dann Latein gelernt und endlich die zur Priesterweihe nothwendige Vorbildung erworben ahtte. Zum Priester geweiht, lag er in verschiedenen Pfarreien der Diöcese Aix seelsorgerlichen Verrichtungen ob, unterbrach dieselben jedoch, um ein zehnjähriges Einsiedlerleben zu beginnen. Er unterzog sich fortwährend außerordentlichen Bußwerken und erhielt die Gabe des Gebetes in hohem Grade. Endlich ward er Oratorianer. Bald nach seinem Eintritt wandte sich an ihn die gleichfalls in den strengsten Bußübungen lebende Jungfrau Madelaine Martin (geb. 1612 in Aix). Er erkannte in ihr sofort jene Person, welche ihm im Gebete von Gott als Gründerin eines Ordens bezeichnet worden, und legte nach der sorgfältigsten Prüfung Hand an diese Gründung. Madelaine Martin bezog 1633 mit gleichgesinnten Jungfrauen ein hierfür von P. Yvan gekauftes Haus. Erst 1639, nach schweren Prüfungen, erhielten die Schwestern die päpstliche Erlaubniß zur Ablegung eigentlicher Ordensgelübde. Die Constitutionen wurden von P. Yvan entworfen und von Urban VIII. den 3. Juli 1642, sowie von Innocenz X. den 2. April 1648 bestätigt. P. Yvan starb 8. October 1653, Mutter Madelaine 20. Februar 1678. Der ORden hat die Regel des hl. Augustinus; er will das von der Welt gänzlich zurückgezogene, der Beschauung und Arbeit gewidmete Leben der Mutter Gottes nachahmen. Einer seiner vorzüglichsten Zwecke ist, armen Personen von ehrbarem Stande ein Unterkommen zu gewähren. Darum verpflichten sich die Ordensfrauen durch ein viertes Gelübde, soweit ihre Mittel reichen, solche Personen, auch wenn deren Mitgift oder Pension noch so unbedeutend wäre, in ihr Haus aufzunehmen. Die Mittel zum Unterhalte derselben sucht der Orden besonders durch Händearbeit zu gewinnen, weßhalb auch als Chorgebet nur das kleine Officium der Mutter Gottes vorgeschrieben, und die Regel sehr gemäßigt ist (Helyot IV, 385 sqq.). – 2. Brüder U. L. F. von der Barmherzigkeit, 1838 in Mecheln gegründet, pflegen Gefangene und Kranke. Ihre Genossenschaft [Bd. 1, Sp. 2023] breitete sich rasch in Belgien aus und erhielt in Rom von Pius IX. die Besserungsanstalt für jugendliche Verbrecher in Sta. Balbina, desgleichen ein Haus in Perugia durch Bischof Pecci (jetzt Leo XIII.) angewiesen. – 3. Väter von der Barmherzigkeit, Priestercongregation, gestiftet 1808 in Lyon von Abbé Rauzon, transferirt 1814 nach Paris, approbirt 18. Februar 1834 von Gregor XVI., mit einigen Niederlassungen in Frankreich (Mutterhaus in Paris, rue de Varennes) und Häusern in New-York und Brocklyn (Bull. Contin. XIX, 308). – 4. Erzbruderschaft von der Barmherzigkeit (di S. Giovanni decollato), gegründet 1488 in Rom, um die zur Hinrichtung Verurtheilten auf einen guten Tod vorzubereiten und für ein kirchliches Begräbniß der Hingerichteten Sorge zu tragen. Ihr Patron ist der heilige Johannes Baptista; sie hatte früher das Privilegium, jährlich einen zum Tode Verurtheilten zu befreien (Moroni II, 299).

[G. Schneemann, S. J.]


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