Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 1, Sp. 2049]Bart. I. Bei den Israeliten wurde er als Zeichen der Mannheit und Freiheit in hohen Ehren gehalten, sorgfältig gekämmt, gesalbt (Ps. 132, 2) und mit wohlriechendem Wasser begossen; das abgöttische Zuschneiden der Enden des Bartes war aber durch das Gesetz verboten (Lev. 19, 27). Zur Zeit der Trauer wurde er vernachlässigt, und seine Haare wurden ausgerauft oder ganz abgeschnitten (1 Esdr. 9, 3. Is. 15, 2. Jer. 41, 5; 48, 37. Bar. 6, 30); zur Zeit allgemeiner Calamität wurde er vernachlässigt (2 Sam. 19, 24). Der Bart wurde auch geküßt, indem man ihn mit einer Hand faßte (2 Sam. 20, 9). Für die größte Schmach galt es, wenn er einem Israeliten gewaltsam weggeschoren oder sonst verunstaltet wurde (2 Sam. 10, 4); darum wird die Schmach und das Unglück, welches dem Lande Juda von Seite der Assyrer her drohte, unter dem Symbole des Abscheerens der Bart- und Haupthaare dargestellt (Is. 7, 20). So hoch aber der Israelite seinen Bart hielt, so findet sich doch von jener lächerlich übertriebenen Verehrung, welche die Araber noch heutzutage dafür haben (Arvieux, Nachrichten III, 183 etc.), nichts in den heiligen Urkunden. Im Levit. 19, 27 wird es ausdrücklich verboten, den Bart zu scheeren; nur zwei Fälle einer gesetzlichen Ausnahme finden wir, indem die Leviten bei ihrer Einweihung und die Aussätzigen bei ihrer Reinigung sich ganz scheeren mußten. Beide Vorschriften haben einen religiös-symbolischen Grund. Der Geheilte wie der Levite sollte bei seinem Erscheinen vor dem Herrn gar nichts an sich haben, was auch nur im Geringsten an die vorige Unreinigkeit erinnern könnte; beim Haar, wo sich Unreinigkeit so leicht festsetzt, konnte dieß am ehesten geschehen (Bähr, Symb. d. mos. Cult. II. 521).

[Schegg.]

II. Bei den Geistlichen. Im Orient, wo der Bart seit ältester Zeit als vorzügliches »ornamentum virile«, das Abscheeren desselben aber als Zeichen der Weichlichkeit galt (Clem. Alex. Paedag. 3, 11), trugen gleich den übrigen Männern auch die Cleriker allzeit den Bart. Daß in der römischen, resp. in der abendländischen Kirche schon seit den Tagen des hl. Petrus, wie mittelalterliche Synoden und Schriftsteller behaupten, der Clerus den Bart rasirt oder doch kurz abgeschnitten habe, läßt sich aus authentischen [Bd. 1, Sp. 2050] Documenten nicht erweisen; gewiß ist übrigens, daß hier schon im frühen Mittelalter (Beda, H. E. 4, 14) die Cleriker, wie das Haupthaar, so auch den Bart zu scheeren pflegten, und zwar im Hinblick auf eine durch’s ganze Mittelalter gehende Tradition, gemäß welcher die Heiden zu Antiochia dem hl. Petrus, dem nachmaligen Gründer der römischen Kirche, spottweise wie das Haupthaar (tonsura Petri), so auch den Bart abgeschoren hätten. Bekanntlich war unter den Vorwürfen, welche Photius (867) gegen die allgemeine und darum sicherlich schon alte Praxis der Abendländer erhob, auch der: »quod clericorum barbas radere non abnuant«, ein Vorwurf, gegenüber welchem Ratram von Corvey in seiner gründlichen Erwiederung (bei D’Achéry, Spicileg. I, 63 sqq.) bemerkt, daß in Beziehung auf die Barttracht der Cleriker weder Schrift noch apostolische Überlieferung etwas bestimmt habe, sondern lediglich die bei verschiedenen Kirchen verschiedene Gewohnheit maßgebend sei. Mit Berufung auf die Gewohnheit der occidentalischen Kirche zwang Papst Gregor VII. den Erzbischof von Cagliari mit seinem Clerus, den Bart zu scheeren, und seit dem 12. Jahrhundert wurde im Abendlande durchs ganze Mittelalter herab fast keine Synode mehr gehalten, die nicht vorgeschrieben hätte: »clerici barbam ne nutriant«; ja einzelne Synoden verhängten sogar die Suspension über diejenigen Cleriker, welche ihren Bart über 14 Tage lang stehen ließen. – Nachdem so der abendländische Clerus wenigstens ein Jahrtausend lang bartlos gewesen, kam unter ihm seit der Mitte des 16. Jahrhunderts nach und nach die Sitte des Barttragens ziemlich allgemein in Aufnahme, wie die Porträts von Päpsten (seit Paul III. bis Innocenz XII.; die älteren lang-, die späteren nur kurz-, mitunter nur am Kinn bebartet), Bischöfen u. s. w. aus dieser Zeit ersehen lassen. Die Synoden verlangten jetzt nur noch, daß der clerikale Bart nicht allzu lang (nimis prolixa) und an der Oberlippe so zugestutzt sei, daß er beim Genuß des heiligen Blutes nicht hindere. – Wie das Barttragen seitens des Clerus auf dem Wege der Gewohnheit seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts allmälig aufgekommen war, so kam es gleichfalls auf dem Wege der Gewohnheit und unter dem Einfluß der französischen Mode seit Ende des 17. Jahrhunderts allmälig wieder ab, oder vielmehr die uralte Sitte kam wieder zur Geltung, wie der hl. Karl Borromäus (als Erzbischof anfänglich selbst noch bebartet) in einem herrlichen Schreiben an seinen Clerus schon im Jahre 1576 dringend gewünscht hatte, damit der Cleriker nicht nur durch seine Kleidung, sondern auch durch seine Barttracht von den Laien sich unterscheide. – Als zu Anfang der 60er Jahre unseres Jahrhunderts zunächst im Clerus von Bayern ein Verlangen nach dem »altehrwürdigen Bart« sich kundgab, und nicht Wenige denselben zu tragen anfingen, beauftragte Pius IX. (1863) in einem eigenen Breve den apostolischen Nuntius von München, den bayerischen Bischöfen [Bd. 1, Sp. 2051] in seinem Namen kundzugeben, daß sie die neu sich bildende Gewohnheit der Cleriker, den Bart (Vollbart) zu tragen, verbieten und überhaupt keine neue Gewohnheit ohne Wissen und Willen des apostolischen Stuhles aufkommen lassen sollten. Ganz richtig wird in dem erwähnten Breve (Collec. Lacens. III, 549) das Barttragen der Cleriker als »usus jamdiu (seit nahezu 200 Jahren) exsolitus« und das barbirasium als »vigens ecclesiae latinae consuetudo« bezeichnet. Noch stärker als das unläugbare Bedürfniß nach äußerer Unterscheidung des Clerikers von den Laien spricht die Geschichte, spricht der »usus in ecclesia Romana jam antiquus« (Carol. Borrom.) gegen das Barttragen Seitens des Clerus. (Vgl. des Näheren meine ausführl. Geschichte des clerikalen Bartes im Augsburger Pastoralblatt 1863, 97 ff.; abgedruckt im Archiv für Kirchenrecht X.)

[Thalhofer.]


Zurück zur Startseite.