Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Bilocation, eine Erscheinung in dem mystischen Leben der Heiligen. Es ist eine durchaus beglaubigte Thatsache, daß einzelne Heilige zu gleicher Zeit an verschiedenen, oft weit von einander entfernten Orten gesehen wurden, und daß sie zu gleicher Zeit an zwei Orten eine verschiedene Thätigkeit ausübten. Erscheinungen dieser Art werden uns z. B. berichtet in Betreff des hl. Antonius von Padua, des hl. Franz Xaver, des hl. Joseph von Cupertino, des hl. Alphons von Liguori, des seligen Angelus von Acri, des ehrw. Gerard Maria Majella, der ehrw. Maria von Agreda und vielen Andern. Von dieser auffallenden Thatsache sind verschiedene Erklärungen versucht worden. Sehr viele, auch neuere Schriftsteller sprechen sich für die Bilocation im eigentlichen Sinne des Wortes aus, d. h. sie nehmen an, die Heiligen seien vermöge eines Wunders der göttlichen Allmacht wirklich dem Geiste und dem Körper nach zu gleicher Zeit an zwei Orten gegenwärtig und thätig gewesen. Es stehe nämlich nichts im Wege, daß Gott zu Gunsten seiner Heiligen in einzelnen Fällen eine Ausnahme von dem natürlichen Gesetze mache, wonach alle Körper nur an einem einzigen Orte gegenwärtig sein können. Der Begriff der örtlichen oder räumlichen Begrenzung sei damit nicht unvereinbar; denn dieser Begriff schließe streng genommen nur das Eine in sich, daß der Körper einen bestimmten Raum ausfülle, so zwar, daß der ganze Körper den ganzen Raum und jeder einzelne Theil des Körpers den ihm entsprechenden Theil des Raumes einnehme; er besage aber nicht wesentlich, daß der Körper nur an diesem einzigen Orte sich befinden könne. Ebenso wenig werde durch eine gleichzeitige Gegenwart an verschiedenen Orten die Einheit des Gegenstandes aufgehoben; die substantiale, wesentliche Einheit bleibe unangetastet; bloß die örtliche Gegenwart, die das Wesen nicht berührt, werde vervielfältigt (vgl. u. a. Bellarm., De Euch. 3, 3; Sylvius in p. 3, q. 75, a. 1, resp. ad arg. ex rat.; Pesch, Phil. nat. 2, disp. 6, s. 2; Ribet, La mystique divine II, 183). Eine andere Ansicht geht dahin, daß eine eigentliche Bilocation, d. h. ein gleichzeitiges Auftreten derselben Person an verschiedenen Orten, nicht stattfinde. Um die in Rede stehenden Thatsachen zu erklären, nehmen die Vertreter dieser Ansicht gewöhnlich ihre Zuflucht zur Dazwischenkunft der Engel. Der betreffende Heilige, sagen sie, ist nur an einem der beiden Orte dem Geiste und dem Körper nach gegenwärtig; an dem andern erscheint nicht der Heilige selbst, sondern ein Engel, der die Gestalt desselben angenommen hat und so als dessen Stellvertreter auftritt. Bald bleibt der Heilige an dem Orte, wo er ursprünglich war, und an dem zweiten Orte, wo er aufzutreten scheint, ist es nicht der Heilige selbst, sondern der Engel, der dessen Gestalt angenommen hat; bald auch wird der Heilige wunderbarerweise nach dem zweiten Orte geführt, wo er dann handelnd auftritt, während an dem Orte, wo er sich ursprünglich befand, der Engel unterdessen seine Stellvertretung übernimmt (vgl. u. a. Sylv. Maurus, Quaest. phil. 2, q. 28 und besonders Seraphim, Principes de théol. myst., Étude sur la bilocation, dessen Ausführungen jedoch in einzelnen Punkten von der Nouvelle revue théol. Tournai VII, 269 et 423, und von Ribet [a. a. O.] einer scharfen Kritik unterzogen werden; Bautz, Lehre vom Auferstehungsleibe, Paderborn 1877, 431 ff. Über andere Erklärungsversuche vgl. Ribet, sowie Görres, Christl. Mystik II, 583 ff.).

[Urbany, C. SS. R.]


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