Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Bischof heißt der Kirchenobere, welchem in einem Kirchsprengel (Bisthum, Diöcese) die kirchliche Weihe- und Regierungsgewalt in verfassungsmäßiger Unterordnung unter die Einheit (den Primat) zusteht.

I. Name. Der deutsche Ausdruck Bischof (Biscof, Pischof) ist aus ἐπίσκοπος, episcopus verkürzt, welches mit superintendens, speculator gleichbedeutend ist (c. 11 C. VIII, qu. 1; c. 1, § 7, D. XXI). Andere dafür gebrauchte Namen sind: antistes, praepositus, apostolus, apostolicus, pontifex; sowie presbyter, sacerdos, womit Priester überhaupt bezeichnet werden, und der Name papa, welcher seit dem 6. Jahrhundert für den Papst ausschließlich in Gebrauch kommt.

II. Ursprung des Episcopates. Als die ersten christlichen Gemeinden entstanden, weihten die Apostel mit Gebet und Handauflegung nicht bloß Diaconen für die Armenpflege und den Dienst am Tische (Apstg. 6, 1–6), und nicht bloß Priester zum Hülfeleisten und zur Verrichtung der heiligen Handlungen (Apstg. 11, 30; 14, 22 resp. 23; Jac. 5, 14), sondern es wurde auch bereits, wie sich aus der Apostelgeschichte 13, 1–3 und 14, 22 resp. 23 ergibt, dem Saulus und dem Barnabas vor der Missionsreise nach Cypern und Pisidien mit Gebet und Händeauflegung eine Weihe erhteilt, welche sie zu der Ordination der Priester in den einzelnen Gemeinden befähigte: die Bischofsweihe. Et cum constituissent (χειροτονήσαντες) illis per singulas ecclesias presbyteros et orassent cum jejunationibus, commendaverunt eos Domin. (Act. 14, 22) Als die Apostel sodann die Zahl der christlichen Gemeinden in weit von einander entfernten Ländern so zunehmen sahen, daß es ihnen unmöglich wurde, für alle hinlänglich wirksame Einheitspunkte zu sein, und als sie sich Persönlichkeiten herangebildet hatten, welche fähig und geeignet waren, sie zu ihren Lebzeiten und nach ihrem Tode in weiten Bezirken zu ersetzen, nahmen sie solche Amtsgenossen an, welchen sie, wie Paulus zu Creta, auf Grund der Bischofsweihe (vgl. 2 Tim. 1, 6) im Apostolate liegende Befugnisse, wie die Weihegewalt (1. Tim. 5, 22; 2 Tim. 1, 6; Tit. 1, 5–9), Lehrgewalt (1 Tim. 1, 3 f., 4, 5; 2 Tim. 2, 2; Tit. 2, 1 f.), gesetzgebende, vollziehende und richterliche Gewalt (1 Tim. 1, 3 f., 4, 6; 2 Tim. 2, 2; Tit, 2, 1 f.), gesetzgebende, vollziehende und richterliche Gewalt (1. Tim. 4, 11; 5, 1–7; 4, 13; 5, 19–21; 2 Tim. 4, 2; Tit. 1, 5; 2, 1–15) für bestimmte Bezirke übertrugen und zwar über ihren Tod hinaus (2 Tim. 4, 6; 1 Tim. 6, 14), so daß sie ihnen damit nicht den Charakter von Missionsbischöfen, sondern von wirklichen Diöcesanbischöfen gaben. Mit diesem Schritte löste sich das bischöfliche Amt als eigene Bildung von dem Amte der Apostel ab, und durch den späteren Sprachgebrauch ist der Ausdruck ἐπισκοπή, episcopatus, welcher allgemein Aufseheramt bedeutet und Apg. 1, 20 mit Beziehung auf das einem Andern zu übertragende Amt eines Apostels gebraucht wird, der specifische Name für das Amt der betreffenden apostolischen Amtsbrüder und Nachfolger geworden. Wie die beiden Briefe an Timotheus und der Brief an Titus das Bischofthum vollständig nachweisen, so zeigen andere der zuletzt entstandenen neutestamentlichen Schriften genugsam darauf hin. Paulus redet in dem Briefe an die Philipper 4, 3 seinen treuen Amtsgenossen daselbst germane compar an; zwei Stellen in dem Briefe an die Colosser (1, 7–8; 4, 12–13) deuten auf den bei Paulus in der Gefangenschaft befindlichen Epaphras als Bischof von Colossä; in dem dritten Briefe des Johannes 9. 10 wird des Diotrephes gedacht, welcher der Erste sein will, den Apostel nicht annimmt, sondern in Reden schmähet, weder selbst Brüder aufnimmt, noch Andern gestattet, sie aufzunehmen, ja sogar sie aus der Kirchengemeinschaft ausschließt; in der Offenbarung Johannis richtet der Herr 1, 19–20, 2, 1–24, 3, 1–14 Sendschreiben an die den Kirchen zu Ephesus, Smyrna, Pergamus, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodicea vorgesetzten Vorsteher, welche sowohl durch den diesen beigelegten, dem Ausdrucke ἀπόϛολοι synonymen Namen ἄγγελοι, als auch durch den Inhalt der Sendschreiben als Bischöfe kenntlich gemacht werden. Hiernach wird man auch in der feierlichen Mahnung, welche Petrus in seinem ersten Sendschreiben 5, 1–3 als συμπρεσβύτερος an die πρεσβύτεροι richtet, wie bei συμπρεσβύτερος, so auch bei πρεσβύτεροι an Priester ersten Ranges, welche Bischöfe sind, nicht an bloße Priester zweiten Ranges zu denken haben, zumal da der Pfarrverband erst lange nach der apostolsichen Zeit entstand, hier aber eine räumliche Begrenzung und ein festes, bleibendes Verhältniß der Über- und Unterordnung zwischen den Presbytern und den ihnen Untergebenen vorausgesetzt wird, indem sie ermahnt werden, »die ihnen anvertraute Heerde Gottes zu weiden und über sie die Aufsicht zu führen, nicht als gebietende Herren über den ihnen angewiesenen Antheil, sondern als Vorbilder der Heerde«. Ebenso wird man aus gleichem Grunde die feierlichen Worte in der Abschiedsrede des Paulus zu Milet (Apg. 20, 28): »Habet also Acht auf euch selbst und auf die ganze Heerde, in welcher euch der heilige Geist als ἐπίσκοποι bestellt hat, die Kirche Gottes zu leiten, welche er sich mit seinem Blute erworben hat,« auf die in der Versammlung befindlichen Bischöfe zu beziehen haben, zumal schon Irenäus Apstg. 20, 17, wonach Paulus nach Ephesus sandte und die πρεσβύτεροι τῆς ἐκκλησίας nach Milet rufen ließ, dahin versteht, daß er Bischöfe und Priester berief, die in Ephesus und den nahegelegenen Orten waren (Adv. haereses 3, 14: »In Mileto enim convocatis episcopis et presbyteris, qui erant ab Epheso et a reliquis proximis civitatibus«); und selbst Apg. 20, 25 in des Apostels Rede: »Ihr Alle, bei denen ich das Reich Gottes predigend durchgezogen bin«, andeutet, daß unter den Anwesenden auch Solche waren, denen er bei seinem mehrjährigen Aufenthalte zu Ephesus nicht innerhalb dieser Stadt, sondern außerhalb derselben, auf Reisen bei ihnen durchziehend, das Reich Gottes gepredigt hatte. So sind also, vom heiligen Geiste gesetzt, Bischöfe an Stelle der Apostel getreten, und die göttliche Institution des Episcopats ist aus der des Apostolats hervorgegangen; die Bischöfe sind Nachfolger der Apostel; der Apostolat besteht in dem Episcopate fort und wird darin verehrt, wie die Zeugnisse der apostolsichen Väter und Kirchenväter zeigen. (Vgl. die Stellen aus Irenäus, Cyprian, Hieraonymus, Augustinus, Gregorius bei Phillips, Kirchenrecht I, § 22.) Die katholische Kirche erkennt die den Aposteln ausgesprochenen Verheißungen des Herrn bei Matth. 18, 18; Luc. 10, 16; Joh. 20, 21–23; Matth. 28, 18–20 als nicht bloß für die Apostel persönlich, sondern auch für deren Nachfolger geltend; und es gilt hier das Wort Tertullians De praescr. c. 6: »Die Apostel des Herrn sind uns Bürgen, daß sie das, was sie eingeführt, nicht aus eigener Willkür geschöpft, sondern die ihnen von Christus übergebene Ordnung treulich den Völkern überantwortet haben.« Demgemäß verwirft das Concil von Trient (Sess. XXIII, c. 6 de sacr. ord.) die Ansicht, nach welcher es in der Kirche keine durch göttliche Anordnung eingesetzte, aus Bischöfen, Priestern und Dienern bestehende Hierarchie geben soll. Selbst die englische Episcopalkirche nimmt die bischöfliche Gewalt als von den Aposteln herrührend an, und Mitglieder derselben: Hammond, Pearson, Beveridge, Didwell, Bingam, Usser u. a., haben diese Lehre in gelehrten Arbeiten vertheidigt. Die Presbyterianer und die protestantischen Schriftsteller Deutschlands betrachten dagegen fast durchgängig den Episcopat als eine spätere Gestaltung der Disciplin. Nur Rothe (Die Anfänge der christlichen Kirche und ihrer Verfassung, Wittenberg 1837) hat anerkannt, daß das Bischofthum schon in den letzten drei Decennien des ersten Jahrhunderts bestand; derselbe ist jedoch der Ansicht, die Apostel hätten nicht in Folge göttlichen Auftrags, sondern aus menschlicher Weisheit den Episcopat nach dem Jare 70 eingesetzt: der Gegensatz unter den Judenchristen und Heidenchristen sei vorzüglich durch die Erwartung der ersteren aufrecht erhalten worden, Gott würde noch besonders für die Vereinigung der Heidenchristen mit der jüdischen Theokratie wirken; diese Erwartung habe sich mit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem verloren, und daher hätten die Apostel die Verfassung der Kirche durch Einsetzung des Episcopats ergänzen müssen. Hat die Verfassung einer Gesellschaft großen Einfluß auf ihren Fortbestand, so empfiehlt sich die katholische Anschauung, selbst abgesehen von ihrer Begründung, vor der Annahme Rothe’s schon darum, weil sie davon ausgeht, daß der Herr, welcher seiner Kirche einen alle Staaten überdauernden Fortbestand bis zum Ende der Welt geben wollte, die für einen solch einzigen Zweck dienliche Verfassung der Kirche in ihren Grundzügen auch selbst schon seinen Aposteln angegeben hat. Die Ansicht anderer protestantischer Schriftsteller, nach welcher die Priester den Bischöfen ursprünglich gleichgestanden und »eigenthümliche Verhältnisse in verschiedenen Gemeinden früher oder später einzelnen Gliedern unter den Beamten (Presbyterium) ein besonderes Übergewicht verschafft haben, so daß der anfangs nur als primus inter pares Dastehende wirklich eine Stufe höher rückte und der Name episcopus nur dem Dirigenten des Presbyteriums verblieb«, kann nur als eine grundlose Hypothese gelten. Denn wie sollte die Eigenthümlichkeit der Verhältnisse, welche also nach den verschiedenen Örtlichkeiten sich verschieden gestalteten, zu dem gleichen Ergebniß geführt haben? Wie könnte unter den verschiedensten Umständen überall das gleiche Resultat der Geschichte erscheinen? Und wenn Usurpation, Selbstüberhebung einzelner Priester über ihre Mitpriester als die Ursache der Gründung des Episcopates angegeben wird, so kann man fragen, wie hätte dieser Kampf in allen Gemeinden in einer ziemlich gleichen Zeit sich erheben können? Wie hätte er verlaufen können, ohne daß die Geschichte seiner gedenkt, und wie hätte er, unter ungleichen Umständen unternommen und geführt, überall zu gleichem Erfolg führen sollen? Vgl. Gams, Series episcoporum ecclesiae catholicae, Ratisb. 1873.

III. Verhältniß der Bischöfe zu den Priestern und dem Papste. Die dem Apostelcollegium vom Herrn übertragene Kirchengewalt ist auf den Gesammtepiscopat, nicht auf die Priester übergegangen: die Bischöfe sind die alleinigen Nachfolger der Apostel. Die schon von Aërius behauptete Gleichstellung der Bischöfe mit den Priestern ist von jeher von der Kirche als Irrlehre zurückgewiesen worden, und es hat das Concil von Trient (Sess. XXIII, c. 7 de sacr. ord.) die Behauptung, daß die Bischöfe nicht höher seien als die Priester, oder daß sie nicht die Gewalt zu firmen und zu weihen haben, oder daß diese ihre Gewalt ihnen mit den Priestern gemeinsam sei, ausdrücklich verworfen. Sind nur Priester fähig, die Bischofsweihe zu empfangen, so sind die zu Bischöfen Geweihten nothwendig Priester, aber Priester ersten Ranges, und es umfaßt daher das Wort Priesterweihe auch noch nach dem jetzigen Sprachgebrauche die Bischofsweihe. Weil sprachlich πρεσβύτεροι Ältere, Älteste und ἐπίσκοποι Aufseher bedeutet, so konnten sowohl Bischöfe wie Priester mit beiden Ausdrücken bezeichnet werden, so lange der Sprachgebrauch die Bedeutung dieser Ausdrücke nicht beschränkt und dem sprachlichen Sinne des einen und des andern eine Nebenbedeutung nicht beigefügt hatte. Den sachlich nachgewiesenen Unterschied zwischen Bischöfen und Priestern darum aufzugeben, weil die Ausdrücke πρεσβύτερος und ἐπίσκοπος in den ersten Zeiten noch promiscue gebraucht werden, das ist ebenso verkehrt, als daraus, daß auch die Bischöfe bis zum sechsten Jahrhundert papa genannt werden, schließen zu wollen, der Papst sei bis zum sechsten Jahrhundert den Bischöfen gleichgestellt gewesen. In einer so einfachen Zeit, wie es die apostolische war, ist es immer gewagt, von dem Sprachgebrauch auf die Sache zu schließen, zumal wenn sich, wie es hier der Fall ist, wirklich ein großer Abstand zwischen Worten und Sachen nachweisen läßt. So wierd der Herr selbst 1 Petr. 2, 25 ἐπίσκοπος, Hebr. 3, 1 ἀπόϛολος genannt; ebenso nennt Paulus Röm. 16, 7 Andronicus und Junias seine Verwandten und Mitgefangenen »Apostel« und sich selbst 1 Cor. 3, 5; 2 Cor. 3, 6 »Diacon«; Johannes nennt sich 2 Joh. 1, 1; 3 Joh. 1, 1 »Presbyter«, und Petrus betitelt sich 1 Petr. 5, 1 »Mitpresbyter«. Durch alle diese gleichstellenden Namen sind die Ämter gewiß nicht gleichgestellt. Vielmehr zeigt die kräftige Hervorhebung der bischöflichen Würde durch die apostolischen Väter und die Kirchenväter, wie genau man schon in den ersten Jahrhunderten zwischen Bischofthum und Priesterthum unterschieden hat. Insbesondere geben die Briefe des hl. Ignatius unumstößliche Beweise nicht bloß für den Rangunterschied zwischen Bischof und Priester, sondern auch dafür, daß die sachliche Unterscheidung bereits die sprachliche Unterscheidung eingeführt hat, welche die Bischöfe, diese Priester ersten Ranges, ἐπίσκοποι, und die Priester zweiten Ranges πρεσβύτεροι nennt. Die Zeugnisse der Kirchenväter vgl. bei Phillips, K.-R. I, § 25, wo auch die Anschauung des hl. Hieronymus aus den verschiedenen Aussprüchen desselben dargelegt wird. – Weil die Priester und Diaconen nicht weihen können, so sind sie nicht im Stande, sich und den Bischöfen Nachfolger zu geben; daher würden für die von Christus hinterlassenen geistlichen Vollmachten neue Träger nicht beschafft werden können, wenn die Bischöfe fehlten. Nur durch die Bischöfe pflanzt sich die Hierarchie und die Kirche bis zum Ende der Welt fort; darum sind dieselben in der hierarchia ordinis das erste und wichtigste Glied. – An dieß Verhältniß der Bischöfe nach unten zu den Priestern läßt sich zugleich, wenn man von der hierarchia ordinis zu der hierarchia jurisdictionis übergeht, das Verhältniß derselben nach oben, zu dem Papste, anschließen. Sind die Bischöfe die Nachfolger der Apostel, qui apostolis vicaria ordinatione succedunt (Cypr. ep. 69 ad Florentium), also Stellvertreter der Apostel, so haben doch die einzelnen Bischöfe nicht alle Rechte der Apostel. Volle Gewalt haben sie nur in ihrer Gesammtheit; die einzelnen Bischöfe sind in der Ausübung der apostolischen Gewalt räumlich und sachlich beschränkt und dem Papste untergeordnet. Die Gesammtheit der Bischöfe mit dem Papste als dem sichtbaren Oberhaupte ist an die Stelle des Collegiums der Apostel mit dem Apostelfürsten Petrus getreten; die Bischöfe sind daher in Verbindung mit dem Papste an der Gesammtleitung der Kirche betheiligt. In Einheit mit ihm geben sie als unfehlbarer Lehrkörper Entscheidungen über die katholische Glaubnes- und Sittenlehre, sind ordentliche Mitglieder der allgemeinen Concilien, nehmen an den zur Zuständigkeit dieser Kirchenversammlugnen gehörigen Berathungen und Beschlussfassungen Theil und geben mit den auf denselben gefaßten Beschlüssen in Gegenständen der Disciplin allgemeine Kirchengesetze. Abgesehen von diesen in Übereinstimmung mit dem Papste auszuübenden Rechten in Beziehung auf die Gesammtkirche, ist ihre Gewalt, im Unterschiede von der Gewalt der einzelnen Apostel und der Gewalt des Papstes, eine auf das ihnen unterstehende Bisthum und die ihnen zugewiesenen Sachen beschränkte, so daß sie weder für fremde Diöcesen und Missionsgebiete bischöfliche Rechte üben, noch über das bischöfliche Ressort hinausgehende Angelegenheiten erledigen können; nur für ihre Diöcesen haben sie episcopale Regierungs- und Weihegewalt. Wie die Apostel mit ihrer apostolsichen Gewalt Petrus, dem Oberhirten der Kirche, untergeordnet waren, so müssen auch die Bischöfe als Nachfolger der Apostel dem Papste als dem Nachfolger Petri untergeordnet sien. Allein bei dieser verfassungsmäßigen Unterordnung unter das Kirchenoberhaupt sind und bleiben sie wirkliche Kirchenregenten. Denn kraft göttlicher Anordnung succediren sie denn ihre Gewalt von Gott selbst, nicht erst durch Petrus ableitenden Aposteln und empfangen mit dem rechtmäßigen Eintritte in das beschöfliche Amt, welcher außer der Gemeinschaft mit dem Papste nicht erfolgen kann, eine apostolsiche Gewalt, welche, wenn sie auch räumlich und sachlich beschränkt ist, doch als eine ordentliche und unmittelbare den Laien und Geistlichen ihres Bisthums gegenüber erscheint. Darum unterscheiden sie sich wesentlich von bloßen Vicarien und Delegirten des Papstes. Das allgemeine Vaticanische Concil hat hieran nichts geändert, vielmehr Sess. IV, c. 3 ausdrücklich erklärt, daß die höchste ordentliche und unmittelbare päpstliche Gewalt »jener ordentlichen und unmittlebaren Gewalt der bischöflichen Jurisdiction keinen Eintrag thut, mit welcher die Bischöfe, vom heiligen Geiste gesetzt und in die Stelle der Apostel getreten, als wahre Hirten die ihnen anvertrauten Heerden, jeder die seine, weiden und leiten«, daß vielmehr diese ordentliche und unmittlebare Gewalt der bischöflichen Jurisdiction »von dem obersten und allgemeinen Hirten behauptet, bestärkt und beschützt wird«. Als im Jahre 1875 eine Circulardepesche des deutschen Reichskanzlers vom 14. Mai 1872 veröffentlicht wurde, welche Behauptungen enthielt, wonach die Beschlüsse des Vaticanischen Concils die rechtliche Stellung der Bischöfe zu dem Papste gänzlich alterirt haben sollten, hat der gesammte deutsche Episcopat in einer motivirten Collectiv-Erklärung vom Januar–Februar 1875 diese Behauptung, welche »mit dem richtigen, durch den Papst, den Episcopat und die Vertreter der katholischen Wissenschaft wiederholt erklärten Sinn der Beschlüsse des Vaticanischen Concils entschieden in Widerspruch stehen«, zurückgewiesen und unter anderm erklärt: »Die Kirchenverfassung beruht in allen wesentlichen Punkten auf göttlicher Anordnung und ist jeder menschlichen Willkür entzogen. Kraft derselben göttlichen Einsetzung, worauf das Papstthum beruht, besteht auch der Episcopat; auch er hat seine Rechte und Pflichten vermöge der von Gott selbst getroffenen Anordnung, welche zu ändern der Papst weder das Recht noch die Macht hat. Es ist also ein völliges Mißverständniß der vaticanischen Beschlüsse, wenn man glaubt, durch dieselben sei die bischöfliche Jurisdiction in der päpstlichen aufgegangen, der Papst sei im Princip an die Stelle jedes einzelnen Bischofs getreten, die Bischöfe seien nur noch Werkzeuge des Papstes, seine Beamten ohne eigene Verantwortlichkeit … Werden ja auch notorisch die Diöcesen der ganzen katholischen Welt von ihren Bischöfen seit dem Vaticanischen Concil gerade in derselben Art und Weise geleitet und regiert wie vor demselben.« Demnach erscheint die »Meinung, es sei die Stellung des Papstes zum Episcopat durch die Vaticanischen Beschlüsse alterirt worden, als eine völlig unbegründete«. Als hierauf manche Tagesblätter vorgaben, die Erklärung der Bischöfe habe den Inhalt der Concilsbeschlüsse abgeschwächt und entspreche nicht der Anschauung des päpstlichen Stuhles, hat Papst Pius IX. auch noch diese Ausrede zurückgewiesen und in dem apostolischen Schreiben an den deutschen Episcopat vom 2. März 1875 dessen Declaration als eine vortreffliche Darlegung der Willensmeinung des Vaticanischen Concils und des heiligen Stuhles anerkannt und belobt (Vering, Archiv f. K.-R. XXXIII, 344–348. 465–466).

IV. Die bischöflichen Amtsrechte stehen entweder in innerer Verbindung mit der Kirchengewalt der Bischöfe, oder sind äußerliche Ehrenauszeichnungen (jura status), welche mit Rücksicht auf die hohe Würde des bischöflichen Amtes gegeben werden. Die aus der Kirchengewalt sich ergebenden bischöflichen Rechte beziehen sich auf die Gesammtkirche und auf das eigene Bisthum. Die Rechte in Beziehung auf die Gesammtkirche sind schon unter Nr. III angegeben worden, um das Verhältniß der Bischöfe zum Papste darzulegen. Die Rechte in Beziehung auf das eigene Bisthum lassen sich auf die Weihe- und Regierungsgewalt des Bischofs zurückführen.

A. Die Weihegewalt, kraft welcher der Bischof die von Christus eingesetzten Sacramente und die von der Kirche herrührenden Sacramentalien zu verwalten hat. Viele dieser heiligen Handlungen wurden schon in früher Zeit den Priestern überlassen. Daher unterscheidet man gemeinsame Rechte der Weihe (jura ordinis communia), welche dem Bischof und den Priestern gemeinsam zustehen, wie die Feier des heiligen Meßopfers und die Predigt des göttlichen Wortes, die Spendung der Sacramente der Taufe, der Buße, des heiligen Altarssacraments, der letzten Ölung, die Einsegnung der Ehe, und eigene vorbehaltene Rechte der Weihe (jura ordinis propria seu reservata), welche die bischöflichen Rechte der Weihe im engeren Sinne ausmachen, nämlich die Spendung der Firmung, die Ertheilung der niederen und höheren Weihen, die Bereitung des Chrismas und Krankenöls, die Consecration der Kirchen, Altäre, Kelche, Patenen, die Benediction der Kirchen, Glocken, Kirchhöfe und kirchlichen Paramente, die Reconciliation einer Kirche, die Salbung der Könige und die Benediction der Äbte und Äbtissinnen. Für die Wahrnehmung dieser vorbehaltenen Rechte kann der Bischof bei hohem Alter, dauernder Krankheit oder großem Umfang seines Sprengels einen Weihbischof zu seiner Stellvertretung sich beigeben lassen (s. d. Art. Weihbischof).

B. Die Regierungsgewalt (jurisdictio im weiteren Sinne), welche die kirchlichen Vereinsangelegenheiten zu ordnen und zu verwalten hat und sowohl die Lehrgewalt, als auch die gesetzgebende, vollziehende und richterliche Gewalt umfaßt. Vermöge der Lehrgewalt hat der Bischof die von Christus geoffenbarte und von der katholischen Kirche unverfälscht bewahrte Lehre in seinem Sprengel zu bezeugen, aufrecht zu erhalten und zu verbreiten. Er hat daher für seine ganze Diöcese das Predigtamt. Ist er durch seinen Gesundheitszustand oder viele Arbeiten oder sonsige Gründe (c. 15 de off. jud. ord. 1, 31, Conc Lateran. IV. c. 10) verhindert, selbst das Predigtamt in der Cathedralkirche zu versehen, so hat er für geeignete Stellvertreter zu sorgen; ebenso hat er die Sorge dafür, daß das Predigtamt in den Pfarrkirchen durch die Pfarrer oder, falls diese verhindert sind, durch andere, auf deren Kosten zu bestellende Prediger gewissenahft wahrgenommen wird (Conc. Trid. Sess. V, cap. 2, Sess. XXIV, cp. 4 de ref.). Weil der Bischof die Lehrgewalt für das Bisthum hat, so müssen die Priester die Befugniß zu predigen entweder durch ihr Kirchenamt, welches sie zur Predigt berechtigt, oder durch dazu eingeholte Erlaubniß, resp. Approbation vom Bischof herleiten. Vermöge der kirchlichen Lehrgewalt ist der Bischof berechtigt, dahin zu wirken, daß der Unterricht und die Erziehung der Jugend in den Schulen auf der Grundlage des Glaubens erfolge. Auf Grund der gesetzgebenden Gewalt kann der Bischof für seine Diöcese Vorschriften erlassen, welche den allgemeinen Kirchengesetzen nicht widersprechen; er kann auch von den bischöflicherseits erlassenen Gesetzen dispensiren und bezüglich derselben Privilegien ertheilen. In Bezug auf allgemeine Kirchengesetze kann er aber Dispensen und Privilegien nur in soweit ertheilen, als ihm diese Befugniß entweder durch das allgemeine Kirchenrecht selbst oder durch den Papst beigelegt wird (s. d. Art. Facultäten). Auf Grund der vollziehenden Gewalt hat er die allgemeinen Kirchengesetze auszuführen und, sofern sie sich mit den örtlichen Verhältnissen nicht verinbaren lassen, Dispensation davon nachzusuchen, auch die Gesuche der Diöcesanen um päpstliche Dispensen und Privilegien nach vorheriger Prüfung und mit entsprechender Berichterstattung in Rom vorzulegen, sowohl mit dem Kirchenoberhaupte wie mit den Diöcesanen frei zu verkehren und Diöcesansynoden zu berufen. Vermöge der vollziehenden Gewalt hat er die Aufsicht über die kirchlichen Personen und Anstalten, über die Spiritualien und Temporalien der Diöcese. Seine Aufsicht erstreckt sich namentlich auf die Verwaltung des Lehramts in Predigt und Katechese, auf Gottesdienst und Cultus, auf Disciplin der Geistlichkeit und des Volkes, auf den Unterricht und die Erziehung in den kirchlichen Schulen, insbesondere an den theologischen Lehranstalten; auf den Religionsunterricht und die religiöse Erziehung in allen für die katholische Jugend bestimmten Schulen; auf die kirchlichen Körperschaften und Institute seines Sprengels, zumal auf Knabenseminarien, theologische Convicte und Priesterseminarien, geistliche Emeriten- und Demeriten-Häuse; auf den Stand des Kirchenvermögens, die gehörige Verwaltung desselben und die stiftungsmäßige Verwendung seiner Erträge. Das Aufsichtsrecht wird durch die Einforderung von Berichten von Decanen und Pfarrern geübt (s. d. Art. Berichte), und durch Visitationen (s. d. Art. Visitationen), welche der Bischof persönlich oder im Falle rechtmäßiger Verhinderung durch seinen Generalvicar oder einen Visitator alle Jahre vornehmen, resp. in größeren Diöcesen wenigstens alle zwei Jahre zu Ende führen soll (Trid. Sess. XXIV, cap. 3 de ref.). Auf Grund der vollziehenden Gewalt hat der Bischof die Geistlichen für die Seelsorge, insbesondere für den Beichtstuhl, zu approbiren, wobei er die Lossprechung in gewissen Fällen (s. d. A. Reservatfälle) und die Lossprechung gewisser Personen (Nonnen) von der Approbation ausschließen kann; vermöge jender Gewalt hat er ferner Pfarrer, welche so viele Parochianen haben, daß sie für die Spendung der Sacramente und Abhaltung des Gottesdienstes nicht ausreichen, zur Annahme von Cooperatoren zu nöthigen (Trid. Sess. XXI, cap. 4 de ref.), kirchliche Ämter, Beneficien, insbesondere Pfarreien den allgemeinen Kirchengesetzen gemäß zu errichten und in der Regel frei zu besetzen (collatio libera); wo aber ein kirchlich begründetes Nominations-Präsentations- resp. Patronatsrecht besteht, welches die Befugniß zu der Nomination und Präsentation gibt, mit dem Nominirten und Präsentirten nach vorgängiger Prüfung zu besetzen (collatio necessaria) und selbst Patronatstellen frei zu übertragen, wenn die Patrone durch uncanonisches Verfahren um ihre Präsentation kommen, insbesondere die Präsentationsfrist nicht einhalten. Zur Gerichtsbarkeit (jurisdictio im engeren Sinne) gehört die Entscheidung kirchlicher Rechtsstreitigkeiten zwischen Geistlichen in Beneficialsachen, zwischen Laien in Ehesachen, mag es sich um Nichtigkeit einer Ehe, oder um separatio a toro et mensa handeln (jurisdictio in causis contentiosis), und die Bestrafung der kirchlichen Vergehen mit Censuren bei Laien und Geistlichen und mit vergeltenden Strafen bei Geistlichen und Kirchenbeamten (jurisdictio coërcitiva). Den verschiedenen Rechten der Bischöfe entsprechen ebensoviele Pflichten derselben. Eine allgemeinere Pflicht ist die zur Haltung der Residenz. Das Concil von Trient gestattet den Bischöfen, wenn ein angemessener Grund dafür spricht und es ohne Nachtheile füe ihre Heerde geschehen kann, eine Abwesenheit von zwei oder höchstens drei Monaten; eine längere Abwesenheit aber dann, wenn christliche Liebe, dringende Nothwendigkeit, schuldiger Gehorsam und offenbarer Nutzen der Kirche oder des Staates sie verlangt, und der Papst oder der Erzbischof diese Gründe approbirt (Sess. XXIII, cp. 1 de ref.). – Die den Bischöfen kirchlicherseits zuerkannten Ehrenrechte sind die Insignien der bischöflichen Würde mit der Pontificalkleidung (s. d. Art. Pontificalien); der Vorrang, den sie vor allen Geistlichen ohne bischöfliche Weihe, mit Ausnahme der Cardinäle, und in der eigenen Diöcese sogar vor den Erzbischöfen, mit Ausnahme des eigenen Erzbischofs, haben; der feierliche Empfang der Bischöfe auf ihren amtlichen Reisen im Bisthum durch die Geistlichkeit und die Gemeinden; die innerhalb einer Diöcese für den Bischof derselben von allen Priestern im Canon der heiligen Messe einzulegende Fürbitte, und die Titel »Illustrissime et referendissime Domine, hochwürdigster Herr, bischöfliche Gnaden«. Der Papst redet die Bischöfe mit »Venerabilis frater, fraternitas tua« an. Seit dem fünften Jahrhundert nennen sich die Bischöfe in ihren Schreiben »Nos N (mit Angabe des bloßen Taufnamens) Dei gratia episcopus«, seit dem elften Jahrhundert »Dei et apostolicae sedis gratia episcopus« (vgl. die Art. Bisthum und Wahl).

[(Buß) Gerlach.]


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