Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 2, Sp. 916]Blasphemie oder Gotteslästerung ist eine in Worten vollzogene Schmähung Gottes (locutio Deo injuriosa nach Gury, verbum maledictionis, convicii seu contumeliae in Deum nach Suarez). Man unterscheidet die blasphemia immediata, welche direct gegen Gott, und die blasphemia mediata, welche gegen Kirche, Religion, Heilige gerichtet ist. Je nachdem sodann die Gotteslästerung eine Häresie, eine Verwünschung oder aber eine bloße Beschimpfung enthält, spricht man von blasphemia haereticalis, imprecativa und mere probrosa. Auch unterscheidet man eine Gotteslästerung, bei welcher Gott etwas beigelegt wird, was ihm nicht zukommt, von einer solchen, wodurch ihm abgesprochen wird, was ihm zukommt, und beide von einer dritten, durch welche der Creatur beigemessen wird, was Gott eignet. Letzterer Art wäre die Christus von seinen Feinden wiederholt vorgeworfene Blasphemie (Matth. 9, 3; 26, 65). – Wenn die Sünde in der Regel sich als eine Auflehnung gegen das göttliche Gesetz kennzeichnet, so vergreift sich die Gotteslästerung an der Würde des Gesetzgebers selbst und muß darum als die schwerste Sünde bezeichnet werden (S. Thomas 2, 2, q. 13, a. 3). Ist übrigens parvitas materiae bei der Blasphemie nicht zulässig, so kann dabei doch Mangel voller Aufmerksamkeit oder Einwilligung vom Charakter der Todsünde entschuldigen. Eine eigenthümliche Erscheinung ist es, daß mit gewissen abnormen Seelenzuständen, denen wohl meistens krankhafte Störungen des leiblichen Organismus entsprechen, eine fast unwiderstehliche Neigung zur Gotteslästerung sich verbindet (Bruno Schön, Mittheilungen aus dem Leben Geistesgestörter, Wien 1859, 84). Die desfallsigen Versuchungen, welche auch bei Heiligen vorkommen, sind jedoch vorzugsweise oder gar ausschließlich auf dämonische Einwirkungen zurückzuführen. – Das mosaische Gesetz belegte die Blasphemie mit der Todesstrafe (Lev. 24, 14 ff.). Was die kirchliche Disciplin anlangt, so ist, abgesehen von c. 10, C. XXII, q. 1, wo für Cleriker die Deposition, für Laien die Excommunication festgesetzt wird, auf c. 2, X de maledicis 5, 26 zu verweisen. Der Gotteslästerer, heißt es hier, soll sieben Sonntage hindurch, am siebenten ohne Schuhe und Oberkleid und mit einem Riemen um den Hals, während der feierlichen Messe vor der Kirchthüre stehen, an den sieben vorausgehenden Freitagen bei Brod und Wasser fasten und vom Eintritt in die Kirche ausgeschlossen sein. An jedem der genannten Tage soll er einen oder mehrere Arme speisen. Widersetzt er sich der Übernahme dieser [Bd. 2, Sp. 917] Buße, so trifft ihn Excommunication und Verweigerung des kirchlichen Begräbnisses. Zugleich soll die weltliche Gewalt mit angemessenen Geldstrafen eintreten. Weitere, und zwar sehr strenge Strafbestimmungen, die bei öfterem Rückfalle eintreten sollen, als Prügel- und Gefängnißstrafe, Exil, Durchstechen der Zunge, Galeeren, finden sich in einigen päpstlichen Constitutionen (vgl. Reiffenstuel, Jus can. univ. V, 440 sq.).

Aber nicht bloß das kirchliche, sondern auch das staatliche Forum ist gegen die Gotteslästerer eingeschritten. Denn, wie Nov. LXXVII § 1 sagt: Si contra homines factae blasphemiae impunitae non relinquuntur, multo magis qui ipsum Deum blasphemant, digni sunt supplicia sustinere. Zudem liegt in der Gotteslästerung eine grobe Verhöhnung der Moralität, ein öffentliches Ärgerniß und zugleich ein Angriff auf die sociale Ordnung selbst, die im Glauben an den persönlichen Gott ihre Grundlage hat. Demgemäß verhängt das römische Recht (Nov. LXXVII) gegen den Gotteslästerer die Todesstrafe. Im Mittelalter scheint die Ahndung dieses Verbrechens hauptsächlich der kirchlichen Gerichtsbarkeit überlassen gewesen zu sein, welche übrigens, wie aus dem oben citirten c. 2, X de maledicis 5, 26 erhellt, auch die weltliche Macht beizog. Besondere Strafen für die Gotteslästerung werden in den Reichsgesetzen erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts verhängt und im 16. Jahrhundert wiederholt eingeschärft. So verordnet ein Reichsabschied von 1512: »So denn solche Gotteslästerung ohn Mittel in Gott geschehe, sollen sie am Leib gestrafft werden. Wo die aber in ander Gestalt sich geschehe, soll die Straff bei einer Marck Goldes geschehen. Und so die an Geld nicht vermöchten, so sollen die Thäter an ihrem Leib, nach Gelegenheit ihrer Mißhandlung, gestrafft werden.« Vorstehende Verordnung soll viermal im Jahre von den Pfarrern in den Kirchen verkündigt werden. Die Carolina Art. 106 bestimmt Strafe an Leib, Leben oder Gliedern. Weitere Strafbestimmungen z. B. des Codex juris Bavarici criminalis oder der Constitutio criminalis Theresiana sehe man bei Jarcke, Handbuch des gem. deutschen Strafr. II, 27–46, dem auch das Angeführte entnommen ist. Über analoge Strafbestimmungen außerdeutscher Gesetzgebungen, als: Prügel-, Gefängniß-, Geld-, Prangerstrafe, Brennen der Lippen mit einem glühenden Eisen, Ausschneiden oder Durchstechen der Zunge, Tod vgl. van Espen, Jus eccles. univ. II, 256 sq. Übrigens ward die gerichtliche Praxis mit der Zeit fortwährend milder; die juristische Theorie aber brach, wohl unter dem Einflusse des irreligiösen Zeitgeistes, zuletzt mit allen seitherigen Traditionen und stellte den Satz auf, Gott sei kein rechtliches Object einer Injurie und würde demnach straflos zu beleidigen sein, wenn er überhaupt beleidigt werden könnte. Die diesem Satze zu Grunde liegende Amphibolie erfährt [Bd. 2, Sp. 918] durch Jarcke (a. a. O. 40, A. 25; vgl. A. 24) ihre verdiente Zurechtweisung. Was die neuere staatliche Gesetzgebung anlangt, so sagt der angeführte Auctor: »Heutzutage dürfte in der Rechtspraxis der gemeinrechtlichen Länder von einer Bestrafung des gotteslästerlichen Fluchens und Schwörens, sowie der nicht öffentlich, sondern nur vor wenigen Personen ausgestoßenen Gotteslästerungen in der Wirklichkeit wohl schwerlich die Rede sein, wenn anders die Äußerung nicht aus einem andern Grunde (z. B. nach preußischem Rechte als Beleidigung einer Religionsgesellschaft) strafbar ist« (Jarcke a. a. O. 41 ff.). Vgl. Gury-Ballerini ed. Rom. 1874, I, 291–299; Jarcke, Handb. des gem. deutschen Strafrechts II, 27–47; Wächter, Lehrb. des Strafrechts, 2. Theil, 536–545; Meyer, Lehrb. des deutschen Strafr. 636 f.

[Möhler.]


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