Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 2, Sp. 954]Böhme, Jacob, der Theosoph, Sohn eines Landmannes lutherischen Bekenntnisses, wurde 1575 in dem Dorfe Alt-Seidenberg unweit Görlitz geboren. Als Knabe hütete er seines Vaters kleine Heerde; doch besuchte er später die Schule seines Geburtsortes und wurde dann nach Görlitz geschickt, um dort das Schusterhandwerk zu erlernen. Schon früh regte sich in ihm ein lebhaftes [Bd. 2, Sp. 955] Bedürfniß nach dem Höheren; der Wunsch, etwas Außerordentliches zu wirken, kam hinzu und ging in die Hoffnung über, zu etwas Außerordentlichem berufen zu sein. Noch war er Schusterlehrling, als er lobende und ermunternde Worte, welche ein Unbekannter an ihn richtete, als einen Wink von oben auffaßte und seinen Eifer im Gebete verdoppelte. Einige Zeit darauf trat er seine Wanderschaft an, und die fremden Eindrücke, welche auf ihn einströmten, änderten die ihn beherrschende Stimmung nicht. Da er aber den protestantischen Gottesdienst fleißig besuchte, und da die protestantische Kanzel damals fast ausschließlich dazu diente, die katholische Wahrheit anzugreifen oder den Kampf zwischen Lutherthum und Calvinismus auszufechten, so hörte er die widersprechendsten Behauptungen mit Zuversicht und Heftigkeit vortragen und verfiel in Zweifel und Beängstigung. Nachdem er gegen diese Einflüsse eine Zeit lang gerungen hatte, fühlte er eine innere Klarheit und Freudigkeit, welche ihm als etwas Übernatürliches erschien und sieben Tage lang in ungeschwächter Kraft fortwährte, ohne daß er deßhabl den Lauf seiner alltäglichen Geschäfte unterbrach. Der Wandergeselle keherte heim, nahm ein Weib und betrieb zu Görlitz das Schusterhandwerk. Doch in Mitte der häuslichen Arbeiten und Sorgen erwachte in ihm der Drang, über den Zusammenhang des Seienden sich Rechenschaft zu geben und die ihm vorschwebenden Anregungen auf einen bestimmten Ausdruck zu bringen. So verflossen Jahre; da geschah es eines Tages, daß er (vermuthlich nachdem er kurz zuvor seinen Forschungen mit Anstrengung nachgehangen) auf ein blank gebohntes Zinngeschirr, welches im Sonnenlichte lebhaft funkelte, den Blick heftete. Plötzlich gerieth er in einen erhöhten Gemüthszustand und glaubte gefunden zu haben, was er suchte. Dennoch vergingen noch mehr als zehn Jahre, bevor er den Versuch machte, das, was sein Inneres erfüllte, in Worte zu fassen; erst um 1612 begann er eine Darlegung seiner Ansichten über Gott und die Welt, welche er »Aurora oder die Morgenröthe im Aufgange« nannte. Das Werk des ungelehrten Bürgers fand vorerst zu der Druckerpresse keinen Weg; doch wurden Abschriften gemacht und fanden manchen bewundernden Leser, allein auch einen heftigen, geführlichen Gegner. Gregor Richter, Oberpfarrer von Görlitz, erhob sich wider die Aurora; er schalt den Verfasser von der Kanzel herab einen Ketzer und Verführer und brachte durch sein Ansehen es dahin, daß der Stadtrath von Görlitz einschritt. Jacob Böhme sah, um die Verbannung zu meiden, sich gezwungen, die Handschrift seines Werkes auszuliefern und das Versprechen zu geben, daß er fernerhin nichts schreiben werde (26. Juli 1613). Fünf Jahre hindurch hielt er treulich Wort; doch der Drang in seinem Innern war zu stark, und die Freunde, welche sein erstes Werk erworben hatte, drangen in ihn, Gottes Gaben nicht länger unbenutzt zu lassen. Im J. 1618 begann er die »theosophischen [Bd. 2, Sp. 956] Briefe«, im nächsten Jahre verfaßte er eine Abhandlung über die »drei Principien göttlichen Wesens«, und von nun an ließ er Schrift auf Schrift in raschem Zuge folgen. Für das richtige Verständniß seiner Weltauffassung sind vorzüglich zu empfehlen: die Abhandlung von der Geburt und Bezeichnung aller Wesen oder signatura rerum; die Tafeln von den drei Principien göttlicher Offenbarung; der Clavis oder Schlüssel der vornehmsten Punkte. Böhme gab sein Handwerk auf und lebte von den Geschenken, welche die Verehrer seines Strebens und Wirkens ihm machtne. Bis in’s Jahr 1623 wurden seine Werke nur durch Handschriften verbreitet; zu Ende 1623 aber ließ Abraham von Frankenberg, welcher zu Böhme’s eifrigsten Freunden gehörte, fünf seiner kleineren Abhandlungen unter dem Titel: »Weg zu Christo« drucken. Das Buch fand vielen Beifall, erweckte aber auch dem Verfasser ein neues Ungewitter. Als der Oberpfarrer Richter sah, daß Böhme’s Schriften in weiteren Kreisen bekannt wurden, erneuerte er nicht nur von der Kanzel herab seine Angriffe, sondern zog wider den harmlosen Forscher auch in einer lateinischen, mit Schmähungen angefüllten Abhandlung zu Felde. Dem Görlitzer Stadtrathe begann vor den möglichen Folgen zu bangen, und er rieth dem Verdächtigen, einer Vorladung zuvorzukommen und am Hofe des Kurfürsten von Sachsen seine Lehre zu rechtfertigen; denn die Lausitz befand sich seti 1620 in den Händen der Sachsen. Jacob Böhme reiste also nach Dresden. Hier fand er wohlwollende Beurtheiler und erhielt das Versprechen, daß der Kurfürst ihn schützen werde; bald nach seiner Heimkehr starb (14. August 1624) sein grimmiger Gegner, der Oberpfarrer Richter. Er drufte nun auf Tage des Friedens hoffen; allein bevor ein Vierteljahr abgelaufen war, verfiel er in eine Krankheit, welche am 21. November 1624 seinem Leben ein Ende machte. Böhme wurde von seinen Freunden der deutsche Philosoph genannt, und wirklich hat er zuerst in deutscher Sprache Schriften verfaßt, welche für die Philosophie von einigem Belange sind. Um seine Leistungen billig zu beurtheilen, muß man die Verhältnisse, unter welchen er forschte und schrieb, sich vergegenwärtigen. Auf dem Wege des Unterrichtes hatte er nicht mehr empfangen, als eine Dorfschule des 16. Jahrhunderts zu geben vermochte. Er trug zwar Verlangen, das Fehlende nachzuholen; da er aber vom Lateinischen nichts verstand, so war er bei dem damaligen Zustande der Wissenschaft auf sehr dürftige Hilfsmittel beschränkt. Er kannte außer der heiligen Schrift wohl nur einige theosophische Schriften und die deutschen Werke des Theophrastus Paracelsus, aus welchen viele seiner Kunstwörter entlehnt sind. Lehrmeister wie Paracelsus und Valentin Weigel konnten für wissenschaftliche Ausbildung ihm wenig nutzen und verstärkten jene Vorliebe für das Geheimnißvolle und Überschwängliche, welche aus seiner Geistesrichtung hervorging. Zudem starb er wenige [Bd. 2, Sp. 957] Jahre, nachdem seine schriftstellerische Thätigkeit recht in Gang gekommen war. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn seine Darstellung verworren, und wenn von planmäßiger Entwicklung selten eine Spur zu finden ist. Oft läßt er sich verleiten, dasjenige, was ihm ursprünglich als Sinnbild galt, so zu behandeln, als sei es die eigentliche Bezeichnung des Gegenstandes. Gar manchmal verwickelt er sich in Widersprüche, und zwar großentheils deßhalb, weil er sich die Grundlagen der philosophischen Gedankenbewegung nicht verdeutlicht hat. Zum Theile haben jedoch seine Widersprüche eine andere Quelle. Seine Erklärungsversuche gerathen mit dem Christenthum mehr als einmal in Zusammenstoß; dieß will er aber nicht eingestehen und trägt an anderen Orten ganz unbefangen Behauptungen vor, welche zwar mit Wahrheit und Christenthum, aber nicht mit seinem Systeme übereinstimmen. Dagegen finden in seinen Werken sich viele tiefe, bemerkenswerthe Gedanken; fast überall leuchtet eine Gesinnung aufrichtiger Frömmigkeit hervor. Wenn man ferner bedenkt, daß die deutsche Sprache für philosophische Gegenstände noch ganz und gar nicht ausgebildet und damals überhaupt in einem kläglichen Rückschritte begriffen war, so muß man seinem sprachlichen Ausdrucke hohes Lob zollen; in dieser Hinsicht beschämt der Schuster von Görlitz alle Gelehrten und Staatsmänner seiner Zeit. Böhme’s Forschung umfaßt Gott und die Welt; doch ihr Mittelpunkt liegt in der Auffassung, welche er von Gottes Wesenheit und Wirksamkeit sich bildete. Böhme unterscheidet in Gott den Geist, dessen Eigenthümlichkeit im Wollen besteht, und die ewige Natur oder »das rege Leben der Sucht«. Die ewige Natur hat sieben einander wechselseitig bedingene Äußerungen, die er Naturgestalten, Qualitäten (was nach seiner Meinung von Quelle herkommt), Quellgeister nennt. Die Entwicklung der ewigen Natur geschieht durch ein dreifaches Princip, nämlich das des Feuers, welches der Natur als solcher, das des Lichtes, welches dem Geiste entspricht, und das dritte Princip, welches aus dem ersten und zweiten hervorgeht und den Lebensgrund alles Wesentlichen enthält. Der Vater beherrscht das Feuerprincip; im Lichtprincipe offenbart sich der Sohn un im dritten Principe der heilige Geist. Der Wille tritt durch das Begehren in’s Leben und wird sich seiner selbst als einer unbefriedigten Begierde bewußt. Dieß ist die erste Naturgestalt, sinnbildlich auch das Salz genannt. Die Begierde bewirkt eine Bewegung, durch welche die Mannigfaltigkeit und in ihr die zweite Naturgestalt, das Quecksilber, entsteht. Aber der Geist sehnt sich nach der Einheit zurück, und aus diesem Widerspruche der Begehrungen entspringt die dritte Naturgestalt, nämlich die Angst oder der Schwefel. Da erfolgt die Wahrnehmung des Gegenstandes der Begehrung, und so entsteht die vierte Naturgestalt, der Feuerblitz. Durch sie wird aus den drei ersten die fünft, nämlich die sanfte Liebe oder der lichte Wassergeist geboren. Die göttlichen [Bd. 2, Sp. 958] Kräfte, welche in der fünften vereinigt liegen, scheiden sich und werden dadurch lautbar; es entsteht die sechste Naturgestalt, das verständige Leben oder der Hall und Schall. Durch die siebente Naturgestalt, den göttlichen Salniter, werden die übrigen zum Gegenstande der Wahrnehmung gemacht; sie ist das Wesen, worin die andern alle sich wirksam erweisen wie die Seele im Leibe, sie heißt die Natur oder auch die ewige, wesentliche Weisheit Gottes. Bei dieser Entwicklung zeigt Böhme zwar einen tiefen Blick in das menschliche Seelenleben, bringt es aber zur Erklärung der göttlichen Wesenheit unrichtig und widersprechend in Anwendung. Er geht von der Sehnsucht aus; doch es gibt keine Sehnsucht ohne ein unbefriedigtes Bedürfniß, und ein unbefriedigtes Bedürfniß setzt eine Unvollkommenheit des Zustandes voraus, kann also ohne Widerspruch in Gott nicht gedacht werden. Böhme war, wiewohl im lutherischen Bekenntnisse erzogen, doch weit entfernt, die lutherische Rechtfertigungslehre zu der seinigen zu machen. Die bloße Zurechnung der Gerechtigkeit Christe genügt ihm nicht; es gilt nicht, sagt er, eine zugerechnete Gerechtigkeit; ein Fremdling kann Gottes Reich nicht erben, sondern nur eine eingeborene Gerechtigkeit. Er dringt mit großem Ernste auf Selbstbeherrschung und Selbstverläugnung; er will, daß der christ sich nicht als Eigenthümer seines Vermögens betrachte, sondern bloß als Verwalter desselben zum Besten seines nächsten. Doch fehlt es nicht an Spuren der Einflüsse, von welchen er umgeben war. Er macht auf den Papst hitzige Ausfälle. Er behauptet, die Lebenden vermöchten den Verstorbenen durch ihr Gebet zu nützen; er gibt zu, daß durch die Vermittlung der mit Gott vereinten Heiligen Wunder geschehen können, und dennoch läugnet er geradezu, daß die Heiligen für ihre auf Erden wandelnden Brüder bitten; wenn sie dieß thäten, meint er, würden sie sich einer Verwegenheit und eines Zweifels an Gottes Barmherzigkeit schuldig machen. – Böhme’s hinterlassene Schriften wurden nach und nach dem Drucke übergeben; Abraham von Frankenberg, Friedrich Krause und Andere schrieben zur Vertheidigung und Erläuterung derseblen; ein Sohn jenes Oberpfarrers Richter, welcher dem Verfasser so vielen Kummer verursachte, brachte sin in einen Auszug und ließ diesen auf eigene Kosten drucken; Abraham Wilhelmson übersetzte sie in’s Niederdeutsche. Mit besonderer Verehrung war J. G. Gichtel, der Stifter der Engelsbrüder (s. d. Art.), der Lehre Böhme’s zugethan, und durch seine Bemühung erschein (Amsterd. 1682) die erste vollständige Sammlung von Böhme’s Werken. Doch Gichtel wirkte keineswegs im Geiste dessen, welchen er als seinen Meister pries; er war ein Schwärmer im vollen Sinne des Wortes. Außer Deutschland erregte Böhme nirgends so viele Aufmerksamkeit, wie in England. Im Laufe des 17. Jahrhunderts übersetzten Sparrow und Taylor seine Werke in’s Englische; Andere, vorzüglich Podarge, suchten seine Ansichten durch eigene Schriften zu erläutern [Bd. 2, Sp. 959] und zu vervollständigen, und Johanna Leade gründete zur Erklärung und Verbreitung der Böhme’schen Lehre die Gesellschaft der Philadelphier. Der Methodist Wilhelm Law ließ im J. 1765 eine neue Übersetzung von Böhme’s Werken erscheinen. In den Zeiten der sogenannten Aufklärung wurde Böhme mit unverdienter Verachtung abgefertigt. Glimpflicher ward er von der Naturphilosophie behandelt; sein Versuch, an dem Sinnenfälligen das Nachbild des Geistigen herauszufinden und aus diesem Nachbild das Vorbild zu erläutern, lenkte ihm die Aufmerksamkeit der Schilling’schen Schule zu. Doch verdankt er manches lobpreisende Wort der Voraussetzung, daß seine Weltauffassung eine pantheistische sei. (Vgl. Fouqué, Jacob Böhme, ein biographischer Denkstein, Greiz 1831; W. L. Wullen, J. Böhme’s Leben und Lehre, Stuttgart 1836; J. Hamberger, Die Lehre des deutschen Philosophen J. Böhme, München 1844; Weiße, J. Böhme und seine Bedeutung für unsere Zeit, in Fichte’s Zeitschr. f. Philos. und Theol. XIV, 1845. XVI, 1846; Franz Baaders Vorles. und Erläut. in Ges. Werken III u. XIII; Fechner, J. Böhme, Görlitz 1857; Neues Lausitzisches Magazin XXXIII, 1857. XXXIV, 1858; Harleß, J. Böhme u. die Alchymisten, Berlin 1870. Neue Ausgabe der Werke B.’s von Schiebler, Leipzig 1831–1847, in 7 Bdn., I. in 2. Aufl. 1860.)

[Othmar Card. von Rauscher.]


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