Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Bruderschaft (confraternitas, confratria, sodalitium, congregatio) ist der Name für einen durch die kirchliche Autorität errichteten Verein, welcher die religiöse Vervollkommnung seiner Mitglieder durch Ausübung besonderer Werke der Gottesverehrung oder der Nächstenliebe zum Zwecke hat. Von Orden und ordensähnlichen Congregationen unterscheidet sich die Bruderschaft dadurch, daß ihre Mitglieder nicht durch Gelübde gebunden, noch zu einer gemeinsamen Lebensweise verpflichtet sind; da sie ferner nur durch die kirchliche Auctorität (Papst, Diöcesanbischof oder Ordensobere) errichtet werden kann, sit sie verschieden von religiösen Associationen, welche bloß durch den Willen der Mitglieder entstehen und, wenn auch mit Ablässen bereichert, nicht von der Kirche errichtet, sondern bloß gebilligt sind; endlich unterscheidet sie sich von Vereinen, welche profan Zwecke verfolgen, wenngleich sie damit religiöse Übungen verbinden, wie solches bei den früheren Zünften der Fall war. Die Bruderschaft wird unter dem Titel eines Glaubensgeheimnisses oder eines Heiligen an einer bestimmten Kirche oder einem bestimmten Altare errichtet und erhält daselbst ihr domicilium proprium. Altehrwürdige oder vorzüglich verdienstreiche Bruderschaften erhalten bisweilen den Titel einer Erzbruderschaft (archiconfraternitas); gewöhnlich aber versteht man unter letzterem Namen eine Bruderschaft, welcher der apostolische Stuhl die Vollmacht verliehen hat, andere Bruderschaften desselben Namens sich einzuverleiben und ihnen die ihr selbst bewilligten Ablässe und geistlichen Vorrechte mitzutheilen. Schon früh entstanden in der Kirche besondere Verine für Werke der Nächstenliebe: so in Constantinopel die Asceterien (s. d. Art.) für Todtenbestattung, in Alexandrien die Parabolani für Krankenpflege. In den Gesetzen der Karolinger (Hincmar. Rhem., Bapitulum synodic. 1, 16) ist die Rede von Geldoniis vel Confratriis (den späteren Gilden), die sich zu gottesdienstlichen Zwecken verbanden. Die älteste Bruderschaft im eigentlichen Sinne dürfte aber erst ein marianischer Verein in Paris sein, welchem Bischof Odo (gest. 1208) den ersten Sonntag nach Dreifaltigkeit als Festtag anwies. Im J. 1211 gründete der hl. Dominicus unter Mitwirkung des päpstlichen Legaten zu Toulouse »magnam confratriam«, wahrscheinlich eine Rosenkranzbruderschaft. Die Bruderschaft der allerheiligsten Dreifaltigkeit mit weißem Scapulier bildete sich ebenfalls um diese Zeit im Anschluß an den von den hll. Johann von Matha und Felix von Valois gegründeten Orden der Trinitarier. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstand die Bruderschaft des Scapuliers Unserer Lieben Frau vom Berge Carmel auf Veranlassung einer dem hl. Simon Stock zu Theil gewordenen Verheißung, der allerseligsten Jungfrau, fernder die unter dem Einflusse des hl. Bonaventura 1270 gestiftete und von Clemens IV. bestätigte Erzbruderschaft der Gonfalonieri (Bannerträger), sowie die Bruderschaft der 7 Schmerzen Mariä mit schwarzem Scapulier, welche ihren Ursprung den sieben Stiftern des Servitenordens verdankt. Das traurige Jahrhundert des Avignoner Exils und des kirchlichen Schismas, sowie das darauf‌folgende scheinen an Bruderschaften unfruchtbar gewesen zu sein; dagegen finden wir im 16. Jahrhundert die Gründung der Bruderschaft vom allerheiligsten Altars‌sacramente, welche 1539 von Paul III. bestätigt wurde. Um 1560 gründete der mailändische Edelmann Marcus de Sadis Cusani die Christenlehrbruderschaft. Gregor XIII. approbirte 1584 auf Bitten des Jesuitengenerals Claudius Aquaviva die Marianische Congregation. Die Erzbruderschaft vom Gürtel des hl. Franz von Assisi wurde in der Kirche des Sacro Convento in Assisi 1585 von Sixtus V. errichtet. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts entstand durch die ehrwürdige Ursula Benincasa, Stifterin des Ordens der theatinerinnen zu Neapel, die Scapulier-Bruderschaft von der unbefleckten Empfängniß in Folge einer Erscheinung der allerseligsten Jungfrau. Im J. 1638 gründete der Jesuitengeneral Vincenz Caraffa die von Innocenz X. bestätigte Bruderschaft vom guten Tod. Im 18. Jahrhundert rief der hl. Leonardus a Porto Mauritio die Bruderschaft vom heiligsten Herzen Jesu in’s Leben. Das 19. Jahrhundert war an solchen Vereinen das fruchtbarste. Im J. 1814 stiftete Franz Albertini, Bischof von Terracina, der im Rufe der Heiligkeit starb, die Erzbruderschaft vom kostbaren Blute. Zu Paris entstand 1836 die Erzbruderschaft des heiligen und unbefleckten Herzens Mariä zur Bekehrung der Sünder. Im J. 1841 wurde die Erzbruderschaft zum Troste der armen Seelen von Priestern der Congregation des allerheiligsten Erlösers gestiftet. Pius IX. errichtete 1847 die Erzbruderschaft zum Ersatz für die Gotteslästerungen und die Entheiligung des Sonntags in der Kirche von St. Martin de la Noue in der Diöcese Langres. Die Erzbruderschaft der Jungfrau Maria von La Salette erhielt 1852 die päpstliche Approbation. Im J. 1855 wurde der Verein der christlichen Mütter, 1860 die Erzbruderschaft vom hl. Michael zur Unterstützung des heiligen Vaters, 1871 die Erzbruderschaft U. L. Frau von den Engeln zu Toulouse gegründet.

Für die Errichtung und Organisation der Bruderschaften bildet die am 7. December 1604 erlassene Constitution von Clemens VIII. (abgedruckt bei Ferraris, Prompta Bibl. v. Confr. art. 1, und bei Schneider, Ablaßbuch, 6. Aufl., 319) die Hauptgrundlage. Ihren Inhalt gibt mit den späteren Modificationen die Ablaßcongregation in den für Errichtung von Bruderschaften bestimmten Formularien (s. unten) folgendermaßen an: In einer Kirche kann nur eine einzige Bruderschaft derselben Art und des‌selben Institutes errichtet werden. Hierzu ist die schriftliche Zustimmung des Diöcesanbischofs nöthig, der die Statuten zu approbiren, nach Bedürfniß abzuändern und eventuell die Art des Almosenempfanges vorzuschreiben hat. Die aggregirte Bruderschaft nimmt an allen Privilegien und Ablässen Theil, welche das Mutterinstitut speciell besitzt, nicht aber an denjenigen, welche letzteres nur durch Verbindung mit andern erlangt hat. Die Verkündigung der Indulgenzen kann nur nach vorhergehender Prüfung des Bischofs stattfinden. Die Errichtungsurkunden sind unentgeltlich; nur für Auslagen und Schreibgebühren können in Italien 30 Franken genommen werden. Bei Nichtbeobachtung der Vorschriften sind alle erlangten Privilegien nichtig, und die Vorsteher und Officiale verlieren eo ipso ihre Stellen. In einer Reihe von Erklärungen der heiligen Congregation ist bezüglich des letzten Punktes auf das Unzweideutigste ausgesprochen, daß weder die bona fides, noch ein error communis, noch eine lange Gewohnheit, noch auch die bloße admiratio populi den Mangel einer als wesentlich erklärten Formalität ersetze, sondern daß entweder eine neue Aufnahme oder eine ausdrückliche sanatio durch den heiligen Vater erfolgen müsse. Als sich nun ergab, daß diese Formalitäten sowohl bie Errichtung von Bruderschaften als bei Einverleibung derselben in Erzbruderschaften nicht allezeit gehörig beobachtet worden waren, und demnach auch die Gültigkeit der von ihnen in Anspruch genommenen Ablässe und Privilegien zweifelhaft erschien, sanirte Pius IX. alle Fehler der Vergangenheit und erklärte die bis dahin geschehenen Errichtungen und Einverleibungen für gültig, verordnete aber, daß für die Zukunft die Errichtungs- und Einverleibungsformeln wenigstens in den wesentlichen Punkten der von Clemens VIII. vorgeschriebenen Formel entsprechen und die Hauptbestimmungen in die Formel selbst aufgenommen werden. Diese päpstliche Entschließung veröffentlichte die Ablaßcongregation am 8. Januar 1861 und fügte zwei Formulare bei, von welchen das eine bei Errichtung, das andere bei Einverleibung von Bruderschaften zu beachten ist (abgedruckt bei Schneider, Ablaßbuch 343). Nur die Erzbruderschaft (prima primaria) der allerseligsten Jungfrau, welche ein eigenes approbirtes Formular besitzt, ist von diesem Decrete nicht betroffen (C. Indulg. 29. Aug. 1864). Für die Einverleibungsurkunde gestattete ein Decret vom 19. October 1866, daß die Darlegung der Hauptbestimmungen, wie sie im Formular der Ablaßcongregation gegeben ist, auch separat beigelegt werden dürfe.

Für Errichtung von Bruderschaften gelten ferner noch folgende Bestimmungen: 1. Die Errichtung kann vom Bischofe nur in eigener Person vorgenommen ewerden (C. Ind. 20. Julii 1868; vgl. Decr. 2. Apr. 1881 bei Vering, Archiv XLVI, 263 f.). 2. Ebenso kann nur der Bischof, nicht der Generalvicar die Statuten approbiren. 3. Zur Errichtung einer von einem Ordensgenerale abhängigen Bruderschaft ist die schriftliche Erlaubniß des Bischofs nothwendig (Schneider a. a. O. 328). 4. Eine zweite Bruderschaft gleichen Namens und gleicher Art kann weder in derselben Kirche noch auch in derselben Ortschaft errichtet werden, es müßte denn sein, daß die Kirchen tria milliaria, d. h. 1 ¹⁄₅ Stunden von einander entfernt sind. Ausgenommen von dieser Bestimmung sind die Bruderschaften vom allerheiligsten Sacramente (Paul V. 1607), von der Christenlehre (1610) und vom heiligsten Herzen Jesu (Pius VII. 1805). In ein und derselben Kirche dürfen aber verschiedene Bruderschaften errichtet werden (S. Rota, 18. Jan. 1745). 5. In Kirchen von Klosterfrauen dürfen durchaus keine Laienbruderschaften (confraternitates laicorum) errichtet werden (S. Congr. Episcop. et Reg. in Baren. 6. April. 1595; in Tirason. 6. Nov. 1595, 15. Mart. 1599, 5. Maii 1645). Unter Klosterfrauen sind Moniales solemniter professae zu verstehen. Doch gilt auch für unpassend, in Kirchen einer weiblichen Congregation eine Bruderschaft zu errichten (C. Ind. 19. Jan. 1864; Schneider 351). Die Aufnahme in die Bruderschaft muß durch den hierzu Bevollmächtigten geschehen, der Name des Aufzunehmenden ist in die Bruderschaftsliste einzutragen. Die Einschreibung Abwesender ist unzulässig (C. Ind. 13. Apr. 1878). Erleichterungen dieses Verbotes sind für die universellen, nicht aber für die localen Bruderschaften dahin gewährt, daß auch ein Delegirter oder Subdelegirter die Aufnahme vornehmen könne (C. Ind. 16. Nov. 1880).

Betreffs der Leitung einer Bruderschaft ist zu bemerken, daß der Pfarrer, in dessen Pfarrei eine solche besteht, nicht schon an sich, sondern erst durch besondere canonische Bestellung ihr Leiter wird (C. Ind. 8. Jan. 1861; Decret. 7. Jun. 1842). Der bestellte Präses erlangt die Vollmacht, Scapuliere, Rosenkränze u. s. w. mit Zuwendung der betreffenden Ablässe zu weihen, nicht an sich, sondern nur, wenn dieselbe im päpstlichen Breve ausdrücklich erwähnt ist (Decr. 18. Nov. 1842; 22. Febr. 1847; 8. Jan. 1861). Titel und Vollmacht eines Präses oder Directors gehen beim Tode eines Pfarrers, der es gewesen, nicht ohne ausdrückliche Erklärung auf den Nachfolger in der Pfarrei über, es sei denn, daß in der Errichtungsurkunde dieses bestimmt war (Decr. 7. Jun. 1842; vgl. Vering a. a. O.). Dem Präses liegt es ob, die Mitglieder aufzunehmen; nur rücksichtlich der Eintragung in die Liste ist Stellvertretung gestattet (Decr. 22. Aug. 1842). Der Präses ist verpflichtet, sich selbst genau an die Statuten zu halten, auf ihre Befolgung bei den Mitgliedern zu dringen, den Verein gegen Mißbräuche, gegen ehrgeizige und habsüchtige Bestrebungen sicher zu stellen und durch die dem Verein zu Gebote stehenden Mittel die Heiligung der Mitglieder angelegentlichst zu fördern. – Die Visitation der Bruderschaften ist ein Recht des Bischofs (Trid. Sess. XXII de ref. cap. 8). Der Verkauf von Gütern einer ad pias causas gestifteten Bruderschaft unterliegt denselben Bedingungen, wie der Verkauf von Kirchengut (Barboss, J. E. 2, 11, n. 8).

Was die alten Vorrechte der Bruderschaften anlangt, so sit für die Gegenwart und für die Verhältnisse in Deutschland wohl Weniges mehr anwendbar. Angeführt zu werden verdient, was Ferraris (v. Confrat. art. 6, n. 12) sagt: Approbirte Laienbruderschaften dürfen durch ihre Capläne Processionen innerhalb der Räume des Klosters halten, bei dem sie errichtet sind. Bewegen sich aber die Processionen über die Straße, so bedürfen sie der Erlaubniß des Pfarrers, außer bei speciellem Privilegium. Findet eine solche Procession mit bischöflicher Erlaubniß auf der Straße statt, so kann der Pfarrer nicht verbieten, daß die Bruderschafts‌capläne und die Officiale die Procession führen und den Segen mit dem Sanctissimum geben. Laienbruderschaften haben bei Processionen die in der Bulle Exposci von Gregor XIII. vorgeschriebene Ordnung einzuhalten. Doch gebührt bei theophorischen Processionen stets der Bruderschaft vom allerheiligsten Sacramente der Vorrang.

Für den Nutzen der Bruderschaften bürgen außer den Statuten, welche stets einen heilsamen Zweck verfolgen und die zu dessen Erreichung passenden Mittel bestimmen, auch die Namen vieler Heiligen, welche Bruderschaften stifteten, ferner die liebevolle Sorgfalt, welche die katholische Kirche für die Einführung und das Gedeihen derselben an den Tag legt. Da aber ihr Nutzen hauptsächlich von einer tüchtigen speciellen Leitung abhängt, empfiehlt es sich, an einem Orte nur so viele Bruderschaften einzuführen, als die Geistlichkeit mit derjenigen Sorgfalt leiten kann, welche ihr Gedeihen bedingt. (Vgl. Bouix, De episcopo, Paris. 1859, II, 315 sq.; Moy, Archiv f. Kirchenrecht III, 41 ff.; Bouvier, Über Ablaß und Bruderschaften, deutsch Regensburg 1859; J. B. Falise, S. Congr. Ind. Resolutiones, Lovan. 1862; Moroni, Dizion. II, 292 ss. XVI, 117.)

[M. Huber, S. J.]


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