Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Burchard, Johann, von Straßburg, Verfasser des erst spät bekannt gewordenen scandalösen Diariums über Papst Alexander VI. Er war geboren zu Straßburg, kam nach Rom an den päpstlichen Hof und wurde dort am 11. December 1483 mit dem Amte eines Cerimonienmeisters betraut. Er starb unter Julius II. als Bischof von Città di Castello (Delegation von Perugia) am 6. Mai 1505. Außer dem genannten Diarium schrieb er auch Ordo (missae) pro informatione sacerdotum (Rom. 1509) und besorgte mit Jacob de Lutiis eine Verbesserung des Liber pontificalis (Rom. 1497). Was nun das Diarium betrifft, so war demselben wohl nie die Veröffentlichung zugedacht. Kunde über seine Existenz gab nach O. Raynaldus, der das vaticanische Autographum kannte, Denis Godefroy in seiner Histoire de Charles VIII im J. 1684. Dann erschienen plötzlich durch Leibniz Fragmente des Buches unter dem Titel Specimen historiae arcanae, sive Anecdota de vita Alexandri VI papae, seu Excerpta ex diario Joann. Burchardi, Argentostratensis capellae Alexandri VI clerici, cerimoniarum magistri, Hanov. 1696–1697. Leibniz hatte diesen Auszug wahrscheinlich von fremder Hand, vielleicht aus Paris bekommen; in der Vorrede bedauert er nämlich, daß er das Originalwerk nicht habe auf‌finden können. Einige Jahre später erhielt er Mittheilung von einem Gesammt‌text durch Lacroze, an welchen er unterm 30. November 1707 schreibt, daß er sich vorgenommen, das Werk zu veröffentlichen; aber er starb, ehe es dazu kam. Wahrscheinlich war es das‌selbe in Berlin gefundene Manuscript, welches im J. 1732 J. G. Eccard in seinem Corpus historiarum II abdrucken ließ. Dieses Manuscript war übrigens im Einzelnen sehr defect, so daß Eccard vielfach die früheren Leibniz’schen Fragmente zu Hilfe nehmen mußte; auch beginnt Leibniz mehrere Monate früher, als Eccard, und schließt mehrere Monate später. Überdieß finden sich mancherlei Abweichungen in den beiden Texten, nicht bloß im Ausdruck, sondern auch im Sachlichen, so daß sie gegen Ende fast ganz auseinander gehen. Eccard selbst glaubt, daß der wahre Text wohl nie zu Tage kommen werde; er sagt: »Latet illud in archivo Vaticano, aeternumque latebit.« Später wurde von La Curne de St. Palaye in der Bibliothek Chigi zu Rom ein Manuscriptwerk von 5 Quartbänden aufgefunden, welches mit den Jahren 1483, also noch mit den letzten Zeiten Sixtus’ IV., beginnt und bis 1506, also nach dem Tode Burchards, reicht und die Päpste Innocenz VIII., Alexander VI., Pius III., sowie die ersten Jahre von Julius II. umfaßt. In der Münchener Staatsbibliothek befindet sich ein Manuscript, von Onufrio Panvini geschrieben, 2 Folianten stark, welches von 1484–1538 reicht. Auch in der National-Bibliothek zu Paris gibt es Handschriften, aus denen vielleicht die Leibniz’schen Fragmente stammen (vgl. Notices et Extraits de Manuscrit de la Bibliothèque du Roi I, Paris 1787, 68 ss.). Das Diarium bei Eccard füllt nur 80 Folioseiten; wie damit die genannten handschriftlichen fünf Quartbände und zwei Folianten stimmen, ist nicht nachgewiesen; ebenso wenig ist zu ermitteln, wie die Eccard’sche Handschrift ihren Weg nach Berlin gefunden. Im Jahre 1856 gab mit der Jahreszahl 1854 der liberale Advocat Archilli Gennarelli in Florenz das Diarium vollständig heraus, aber ohne das Autographum im Vatican zu benutzen, das nach seinem Geständnisse vielfach von seinem Texte abweicht. Aus Allem ergibt sich, daß schon die Authenticität des Textes eine sehr schwankende ist, und daß unter den Händen von Copisten willkürlich oder tendenziös damit geschaltet sein mag. Jedenfalls aber ist das Buch keine historische Quelle. Selbst diejenigen, welche in antipäpstlicher Gesinnung recht viel Unwürdiges in dem Leben der Päpste entdecken möchten, erkennen an, daß das Diarium Scandalsucht verrathe und im Einzelnen keinen Glauben verdiene. Wohl aber stimmt es mit so manchen andern scandalösen Schriften jener Zeit. Der Nachfolger Burchards sagt von ihm, daß er sei »non solum non humanus, sed super omnes bestias bestialissimus, inhumanissimus, invidiosissimus«. (Vgl. Fabr. Mansi I, 500 sq.; Moroni VI, 169; Civiltà cattol, 19. Apr 1856, n. 146 p. 214 ss.)

[Bone.]


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