Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Canonica sive communis vita, das geordnete Zusammenleben von Weltgeistlichen, findet sich bereits im vierten Jahrhundert, indem Eusebius von Vercelli (gestorben gegen 371) den Clerus seiner bischöflichen Stadt zu einem solchen um sich versammelte (S. Ambros. ep. 81, serm. 69). Seinem Beispiele folgte im fünften Jahrhundert der hl. Augustin, welcher die Cleriker von Hippo in seinem bischöflichen Hause wohnen ließ, mit ihnen die gleiche einfache Kleidung trug und gemeinsam mit ihnen speiste. Um diese Gemeinsamkeit in Allem zu erhalten, nahm er Niemanden in seinen Clerus auf, der nicht auf den Genuß seines Sondereigenthums verzichtete, und schloß auch in den ersten Zeiten alle vom Clerus wieder aus, welche diesem Verzichte nicht treu blieben (S. August. Ep. 59 (149). 64 (22). 73 (245). 101 (162). 224 (125); De diversis serm. 49; Possidius, Vita S. August. c. 5. 11). Zu Hippo zeigt sich aber noch deutlicher als zu Vercelli, daß es sich um kein eigentlich klösterliches Institut handelte, wenn auch die Wohnung wegen der Ähnlichkeit wohl monasterium genannt wurde; der hl. Augustin unterscheidet selbst diese Cleriker deutlich von den Mönchen, und die Klostergelübde durften nicht abgelegt werden. In Afrika wurde dieses gemeinschaftliche Leben der Geistlichen noch zu Lebzeiten des hl. Augustinus, aus dessen Clerus Viele auf Bischofssitze erhoben wurden, auch bei anderen Cathedralen eingeführt; daß es in außerafrikanischen Kirchen geschah, wird nirgends bezeugt. Im Orient bildete schon die Häufigkeit verheirateter Priester ein Hinderniß. In Afrika selbst machte die Verfolgung der Vandalen diesen Instituten ein Ende.

Die Vortheile der vita communis für das geistliche Leben waren zu groß, als daß diese sodann nicht auch in den folgenden Jahrhunderten vereinzelt zur Ausführung gebracht worden wäre, wenn auch ohne die durchgreifende Verpflichtung zum Verzicht auf den Eigenthumsgenuß. Ein Zeugniß hierfür gibt Pomerius (um 498; De vita contempl. 2, 10). Auch die vierte Synode von Toledo (633) setzt (in c. 23) voraus, daß die Priester und Diaconen nur, wenn Kränklichkeit sie dazu zwang, in eigenen Zellen und nicht im Conclave des Bischofs wohnten. Für Tours bezeugt der hl. Gregor Turon. (Hist. 10, 21), daß der Bischof Baudinus eine mensa canonicorum eingeführt habe, und derselbe erwähnt (Vit. patr. c. 9) eine gemeinsame mensa canonica zu Bourges. Für Rheims berichtet der Biograph des heiligen Bischofs Rigobertus (um 700): Canonicam clericis religionem restituit (Bolland. Jan. I, 174). Zu Rom bestand am Lateran auch schon früh eine vita communis (Moroni, Dizionario VII, 254). Immerhin waren aber diese Einrichtungen vereinzelt, und erst im Verlauf des achten Jahrhunderts erhielt die vita communis des Weltclerus eine weitere Verbreitung. Das Bedürfniß einer solchen war damals dringender geworden. Bei der Ausbreitung des Christenthums auf dem Lande lebten viele Cleriker außerhalb der bischöflichen Stadt, auch auf den Schlössern des Adels, und zeigten sich manchmal widerspenstig. Die Mißstände, welche sich für die kirchliche Disciplin überhaupt und namentlich auch für die Erziehung des jüngeren Clerus hieraus ergaben, veranlaßten viele Bischöfe, besonders solche aus dem Ordensstande, die an ihrem Sitze wohnenden Cleriker zu einem geordneten, gemeinschaftlichen Leben zu vereinigen. Für diese Lebensweise bildete sich damals auch die technische Bezeichnung vita canonica und für die nach derselben lebenden Cleriker allgemein, nun in neuer Bedeutung, der Name Canonici (s. d. Art. Canonikat und Canoniker); das canonice vivere bildete den Gegensatz zu dem regulariter vivere der Ordensgeistlichen. Weil diese Einrichtung einem allgemein gefühlten Bedürfnisse entsprach, fand sie bei dem damaligen Aufschwung des kirchlichen Lebens schnelle Verbreitung. In Deutschland hatte dieselbe am hl. Bonifatius einen eifrigen Förderer, welcher auch den Bischöfen einschärfte, darüber zu wachen, daß da, wo die canonica vita eingeführt sei, gut und canonisch danach gelebt werde (2. Synodalstatut n. 12 bei Hefele, Conc.-Gesch., 2. Aufl., III, 584). Der hl. Chrodegang (s. d. Art.) war somit im achten Jahrhundert nicht erst Begründer dieser Lebensweise; allein er erwarb sich um dieselbe ein sehr großes Verdienst, indem er, um den Mißständen, die aus dem Mangel gleichmäßiger Vorschriften entsprangen, zu begegnen, eine schriftliche Regel zunächst für die Cleriker seiner bischöflichen Kirche ausarbeitete. Selbst Benedictiner, entnahm er die Vorschriften theils der Regel des hl. Benedict, theils der Lebensweise der lateranensischen Canoniker. Viele Bischöfe führten diese Regel in ihren Kirchen ein, was Pipin begünstigte und Synodalvorschriften wie königliche Gesetze zur Pflicht machten. In einer erweiterten Fassung, welche besonders den Diacon Amalarius von Metz zum Bearbeiter hatte, wurde sie 816 (oder 817) auf der großen Reichstagssynode unter Ludwig dem Frommen zu Aachen für das ganze fränkische Reich zum Gesetz erhoben (Hefele, Conc.-Gesch. IV, 9 ff.); diese Regel (abgedr. bei Mansi XIV, 153 sqq.) berücksichtigte auch die bei andern als bischöflichen Kirchen bestehenden Priestercollegien, die theilweise aus Klöstern entstanden waren, und in denen ebenfalls seit dem achten Jahrhundert die vita canonica eingeführt worden war. Nach beiden Regeln beteten die Canoniker gemeinschaftlich die Tagzeiten, hatten gemeinsamen Tisch und gemeinsame Schlafsäle in einem hierzu bestimmten Hause, claustrum, auch monasterium genannt. Sie sollten ein christliches und brüderliches Leben zusammen führen, ihre Zeit mit Handarbeit, geistlicher Lesung und Gebet, mit Studium und den ihren verschiedenen Weihegraden entsprechenden Verrichtungen zubringen. Es war also ein dem klösterlichen ähnliches Leben; allein sie unterschieden sich doch wesentlich von den Mönchen, nicht nur, weil sie die Cuculla nicht trugen, sondern auch, weil sie die Ordensgelübde nicht ablegten und eigenes Vermögen haben durften. Bei Tisch wurde gewöhnlich aus der heiligen Schrift, bei einer täglichen Versammlung ein Kapitel aus der Regel vorgelesen; aus letzterem Gebrauch entstand zuerst für diese Versammlung, dann für die Corporation selbst der Name Capitel (capitulum) und später für die Mitglieder der Name Capitular. Als unmittelbarer Leiter erscheint neben dem Bischof in der Regel Chrodegangs der Archidiacon, in den Aachener Vorschriften (übereinstimmend mit der Benedictinerregel) der Praepositus, bei einzelnen Kirchen der Abbas, was auch ein Anzeichen frühern Klostercharakters mancher Stifter ist. Die Vorsteher haben das Recht, zur Aufrechterhaltung der Disciplin und des rechten Geistes im Nothfall auch strenge Strafen, Fasten, Züchtigung, Gefängniß, öffentliche Buße und Excommunication zu verhängen.

Konnten die Bischöfe auf dieser Aachener Synode von 816 (817) schon erklären, daß plerique … devote ac religiose cum sibi subjectis canonicam servant institutionem, et in plerisque locis idem ordo plenissime servatur, so mußte nach derselben diese vita communis noch weitere Ausbreitung finden. Leider dauerte diese Blütezeit nicht lange. Die Zulässigkeit des Privatbesitzes und die dadurch entstehende Ungleichheit in der äußeren Stellung der Einzelnen, der steigende Reichthum mancher Capitel, dazu die traurigen Verhältnisse des sinkenden karolingischen Reiches ließen schon bald nach der Zeit Ludwigs des Frommen Spuren allmäligen Verfalls hervortreten. Die Zerstörungen der Barbaren, der allgemeine Hang zur Ungebundenheit und die Eingriffe der Großen in das Kirchengut beförderten im neuten und zehnten Jahrhundert diesen Verfall, welchen die Synoden (Pavia 876, Fimes 881, engl. Generalsynode 969) auf die Dauer nicht aufzuhalten vermochten. Diese Auflösung des gemeinsamen Lebens geschah allmälig; zuerst wurden wenigstens den älteren Canonicis eigene Wohnungen eingeräumt, während der Tisch noch gemeinsam blieb; dann wurden die gemeinschaftlichen Mahlzeiten auf die Fasttage beschränkt, dann ganz aufgehoben; endlich wurden für die Einzelnen besondere Präbenden aus dem Stiftsvermögen ausgeschieden. Im elften Jahrhundert brachte die reformatorische Bewegung der Zeit auch auf diesem Gebiete eine glückliche Reaction. Seit 1040 wurden neue Capitel mit gemeinsamem Leben gestiftet, letzteres um 1064 sogar in Mailand wieder eingeführt. In Italien wirkte hierfür besonders der hl. Petrus Damiani, in Rom Nicolaus II. und Alexander II., in Spanien die Synode von Cayaca in der Diöcese Oviedo (1050). Von mächtigem Einfluß waren die bezüglichen Vorschriften der römischen Synoden unter Nicolaus II. 1059 und unter Alexander II. 1063, welche, im Anschluß an das Verbot, der Messe eines concubinarischen Priesters beizuwohnen, und an die Suspension, welche über die concubinarischen Priester, Diaconen und Subdiaconen verhängt wurde, in can. 4 bestimmten: »Wir befehlen und verordnen, daß die Geistlichen der vorgenannten Weihestufen, welche, unsern Vorfahren gehorsam, die Keuschheit bewahrt haben, bei den Kirchen, für welche sie geweiht sind, gemeinsam speisen und schlafen und, was sie von den Kirchen beziehen, gemeinschaftlich haben sollen. Und wir bitten und ermahnen, daß sie eifrig sich bemühen, zu dem apostolischen, gemeinsamen Leben zu gelangen, damit sie die Vollkommenheit erringen und so denen, welche hundertfältige Frucht ernten, im himmlischen Vaterlande beigezählt zu werden verdienen« (c. 6, § 2, D. XXXII). In Folge dieser gesetzlichen Vorschrift wurde in vielen Stiften die vita communis wieder eingeführt, wenn auch die mensa episcopalis damals schon regelmäßig von der des Capitels getrennt war, und sie erhielt sich, je nach dem Eifer der Bischöfe und Stifter, bis in’s 13. Jahrhundert. Ein monumentaler Beweis sind die vielen claustra, welche im 12. und 13. Jahrhundert noch neu gebaut wurden. Im Verlaufe des 13. Jahrhunderts wurde die Trennung der Präbenden fast allgemein durchgeführt, und das gemeinsame Leben blieb nur noch für die jüngeren Mitglieder des Capitels im Gebrauch, welche unter der Leitung des Canonicus Scholasticus erzogen wurden; auch für diese verlor sich dasselbe, als mit dem allgemeineren Aufkommen der Universitäten die jüngeren Canoniker und Domicellaren dort ihre Studien machten. Eine Vorschrift des Kölner Erzbischofs Konrad vom Jahre 1260, daß die Canonici in dem gemeinsamen Dormitorium schlafen, und daß ein solches, wo es nicht mehr bestehe, eingerichtet werden solle, fand wenigstens keine dauernde Befolgung und wurde von den spätern Erzbischöfen nicht mehr eingeschärft. Im 15. Jahrhundert, wo die vita communis selbst in vielen regulirten Chorherrnstiften in Abgang kam, verlor sie sich in den weltlichen gänzlich, und es ist seitdem kein Versuch zu einer allgemeinen Herstellung mehr gemacht worden.

Gleichwohl hat man den großen Nutzen, welchen das gemeinsame Leben für die Bewahrung des geistlichen Berufes und für die priesterliche Wirksamkeit hat, nie verkannt. Dieß führte zur Stiftung einer Anzahl von Congregationen des gemeinsamen Lebens für Weltpriester. Die wichtigsten sind folgende: a. Vor dem Concil von Trient 1. die Brüder des gemeinsamen Lebens, fratres seu clerici de vita communi, Fraterherren (s. d. Art.), gestiftet von Gerhard Groot (gest. 1384); 2. die aus ihnen hervorgegangenen Chorherren der Congregation vom Springbrunnen, bestätigt 1439 von Eugen IV. Ihre ersten Häuser waren zu Köln, Münster und Wesel. b. Nach dem Concil von Trient 1. die Oblaten des hl. Ambrosius (s. d. Art. Ambrosianer 5), gestiftet 1578 vom hl. Karl Borromäus; 2. die Priester des Oratoriums oder Oratorianer, gestiftet vom hl. Philipp Neri (s. d. Art.); 3. die Priester der christlichen Lehre oder Doctrinarier (s. d. Art.), gestiftet 1593 von C. Bus; 4. die Priester des Oratoriums Jesu, gestiftet 1611 von Berulle (s. d. Art.); 5. die frommen Arbeiter (s. d. Art.), pii operarii, gestiftet 1611 von Karl Caraffa; 6. die Missionspriester oder Lazaristen (s. d. Art.), gestiftet 1617 vom hl. Vincenz von Paul; 7. die Bartholomiten, gestiftet 1699 von Barth. Holzhauser (s. d. Art.); 8. die Congregation von St. Sulpice (s. d. Art.), gest. 1642 von Olier; 9. die Priester von Jesus und Maria oder Eudisten (s. d. Art.), gestiftet 1643 von Eudes; 10. die Säcularcleriker von Mariä Himmelfahrt in Portugal, approbirt von Alexander VIII. am 13. September 1690; 11. die Congregation von den heiligen Herzen Jesu und Mariä oder die Picpus-Genossenschaft (s. d. Art.), gestiftet 1805 von Coudrin; 12. die Maristen (s. d. Art.) oder die Oblaten Mariä, gestiftet 1815 von Bischof Mazenod von Marseille; 13. die Oblaten der heiligen Jungfrau (s. d. Art. Oblati), gestiftet 1826 von Lanteri zu Pignerol; 14. die Priester der Liebe (s. d. Art. Liebe), gestiftet 1828 von Rosmini. (Literatur: Thomassin, Vet. et nova discipl. eccl. P. 1, lib. 3, c. 1–11; Muratori, Antiq. ital. V, 185 sq.; Binterim, Denkwürdigkeiten III, 2, 317 ff.; Dürr, De capitulis clausis in Germania, bei Schmidt, Thes. jur. eccl. III, 122 sq.; Zindel, De eccles. cathed., bei Mayer, Thes. nov. jur. eccl. seu codex stat. eccl. cathed., Ratisb. I, 1791, 33 sq.; Schubert, De orig. et condit. eccles. colleg., bei Mayer l. c. 157 sq.; Caes. Benvenut. de Crema, De vita et communit. clericorum, Constant. 1736; Moroni, Diz. CI, 161 ss.; Helyot II, passim.)

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