Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Chrodegang, der hl. (auch Chrodegand, Godegrand, Rodigang, Rutgang, Gundigran), der Gesetzgeber und Förderer der vita canonica, wurde im Haspengau (in pago Habaniae) in Belgien aus einem vornehmen fränkischen Geschlechte geboren, welches mit dem karolingischen blutsverwandt oder wenigstens später verschwägert war. In der Abtei St. Trond erzogen und wissenschaftlich ausgebildet, galt er bald als einer der ausgezeichnetsten Männer Austrasiens; seine Frömmigkeit und seine geistige Bedeutung erwarben ihm das volle Vertrauen des allgewaltigen Hausmeiers Karl Martell, der ihn zu seinem Referendar und zum Kanzler des fränkischen Reiches, 737 zum ersten Minister machte. Auch am Hofe führte er sein bisheriges strenges, von weltlichen Ergötzlichkeiten entferntes Leben, sich selbst nur das Unentbehrliche gestattend, aber ein Vater aller Armen und Hilfsbedürftigen. Ein Jahr nach dem Tode Karl Martells ward er zum Bischof von Metz (1. Oct. 742) gewählt und erhielt von Karls Sohn und Nachfolger, Pipin dem Kurzen, die Erlaubniß zur Annahme dieser Würde nur unter der Bedingung, daß er seine Stelle als erster Minister beibehalte. Der doppelten Aufgabe zeigte er sich gewachsen und blieb, zweifach hochgestellt, ein Muster von Demuth, Einfachheit und Gottesfurcht. Nachdem Pipin den fränkischen Königsthron bestiegen, geleitete Chrodegang als sein Abgesandter den von den Langobarden bedrängten Papst Stephan III. in die vom Könige ihm angebotene Freistätte im fränkischen Reiche und kehrte dann in der gleichen Eigenschaft zu Aistulf, dem Könige der Langobarden zurück, um diesen zum Aufgeben der Feindseligkeiten gegen Rom und zur Zurückgabe der dem heiligen Stuhl entrissenen Besitzungen zu bewegen. Nachdem er von dieser Sendung ohne Erfolg zurückgekehrt war, unternahm er mit desto größerem Erfolge die Reform seines Clerus und die Herstellung der Kirchenzucht und erwarb sich dadurch ein unsterbliches Verdienst weit über sein Bisthum hinaus.

Nach dem zuerst von dem hl. Eusebius von Vercelli und dem hl. Augustin von Hippo gegebenen, in den folgenden Jahrhunderten mehrfach nachgeahmten Beispiele versammelte er den Clerus von Metz bei seiner bischöflichen Kirche zu einem gemeinschaftlichen, durch eine Regel geordneten canonischen Leben (s. d. Art. Canonica vita). Gemäß seiner 34 Kapitel umfassenden Regel (bei Mansi XIV, 313; Walter, Font. jur. eccles. p. 20; Migne, P. P. lat. LXXXIX, 1097 sq.) wohnten diese Geistlichen mit dem Bischof und unter dessen unmittelbarer Aufsicht in Einem Hause, der Domus episcopi, dem Bischofshof; in dessen Umfang lag auch die Cathedrale, die Ecclesia in domo (vielleicht daher der Name Domkirche), in welche sie gemeinschaftlich das Chorgebet (die Nocturnen Nachts um 2 Uhr) hielten. Sie speisten gemeinsam mit dem Bischofe im Refectorium, hatten alle ihr Bett in dem gemeinschaftlichen Dormitorium; die hiervon Dispensirten hatten ihre Wohnung gleichfalls innerhalb des Claustrum, welches keine Frau und kein Laie ohne Erlaubniß des Bischofs, des Archidiacons oder des Primicerius betreten durfte. Vor der Complet wurde die Thüre des Claustrums geschlossen, und es mußten dann Alle zu Hause sein. Täglich mußten alle Canoniker zum Capitel kommen, d. h. zur Anhörung einer Vorlesung aus der heiligen Schrift, aus der Regel (Institutiuncula) und aus den heiligen Vätern, sowie zur Entgegennahme der Befehle und der etwaigen Rügen der Vorgesetzten. Die Strafen bestanden bei geringeren geheimen oder öffentlichen Vergehen in Verweisen und Fasten, bei größeren in körperlichen Züchtigungen, Gefängniß und Ausweisung. Um dem Müßiggange vorzubeugen, wurden den Canonikern von den Obern Arbeiten, auch Handarbeiten zugewiesen. Außer in der Quadragesima vor Ostern mußten sie auch in der von St. Martin bis zum Weihnachtsfeste fasten, wo möglich an allen Sonn- und Hauptfesttagen communiciren und zweimal im Jahre dem Bischofe oder einem von diesem bestellten Priester beichten. Jeder mußte beim Eintritt sein (unbewegliches) Vermögen der Kirche schenken, konnte sich aber die lebenslängliche Nutznießung vorbehalten, behielt auch die Verfügung über sein bewegliches Vermögen und über das, was er persönlich als Almosen, z. B. für eine heilige Messe, erhielt. Durch diese Regel, welche theils der Regel des hl. Benedict, theils der Lebensweise der lateranensischen Canoniker entnommen war (Hergenröther, Kirchengesch. I, 569), erleichterte Chrodegang die Einführung des gemeinschaftlichen Lebens, indem er für dasselbe eine geordnete Grundlage schuf, und so ist es großentheils sein Verdienst, wenn die Vita canonica damals eine so große Verbreitung fand, daß die Bischöfe der Aachener Synode von 816 erklären konnten, die meisten von ihnen lebten bereits mit ihren Untergebenen nach der canonischen Ordnung, und diese werde an den meisten Orten auf’s Vollständigste beobachtet. Auf dieser Reichstagssynode zu Aachen erhielt Chrodegangs Regel eine besonders von dem Diacon Amalarius von Metz redigirte neue Fassung, welche sie auch für andere Dom- und Collegiatcapitel anpaßte, und in welcher sie für das ganze fränkische Reich vorgeschrieben wurde (vgl. Aachen I, 5).

Auch um das klösterliche Leben machte sich Chrodegang verdient; er gründete das Kloster St. Peter in der Parochie St. Stephan an der Mosel, 748 das Kloster Gorze in Lothringen und besetzte das 764 ihm geschenkte Lorsch oder Laurisheim in der Diöcese Worms mit 14 Benedictinern aus dem Kloster Gorze, welchen er seinen Bruder Gundeland zum Abte gab. Nach Lorsch schenkte er auch den Leib des hl. Martyrers Nazarius, wie er nach Gorze den des hl. Martyrers Gorgonius geschenkt hatte. Sein religiöser Eifer zeigte sich ebenfalls in der Verschönerung der Kirchen St. Stephan und St. Peter zu Metz und in seinen reichen Beiträgen für den Wiederaufbau der abgebrannten Kirche zu Verdun. Als persönliche Auszeichnung verlieh ihm Papst Stephan III. das Pallium, weßhalb er auch zuweilen als Erzbischof bezeichnet wird. Nach dreiundzwanzigjähriger treuer bischöflicher Amtsführung starb er am 6. März 766 zu Metz und wurde seiner Bestimmung gemäß im Kloster Gorze begraben. In den Martyrologien Deutschlands, Frankreichs und der Niederlande wird er als Heiliger aufgeführt. Von seinem Zeitgenossen Paul Warnfried wird seine Beredsamkeit sowohl in seiner deutschen Muttersprache als in der lateinischen Sprache gerühmt, er selbst als vir beatus, in eleemosynis largus, in caritate purissimus, susceptor hospitum et peregrinorum, und als orphanorum viduarumque non solum altor, set et tutor clementissimus gepriesen, und als sein besonderes Verdienst erwähnt, daß er beim Gottesdienst die römische Ordnung und den römischen Kirchengesang eingeführt habe. (Vgl. Paul Warnefrid, De episc. Mettensibus in Mon. Germ. SS. II, 267; Vita auctore Joan. de Gorze (?), ib. SS. X, 552 sq.; Boll. Mart. I, 452 sq.; Pertz in den Abhandl. der Berliner Akademie 1852, 507 ff.).

[(Seback) Heuser.]


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