Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Corpus juris canonici. I. Umfang. Der Ausdruck Corpus juris canonici hat zunächst nur bibliographische Bedeutung. Corpus heißt eine Sammlung, welche nach einer gewissen Ordnung angelegt ist, insbesondere eine Sammlung von Gesetzen. So spricht bereits Kaiser Justinian von einem Corpus juris (L. 1, Cos. 5, 13); so wurden die bedeutendsten Canonsammlungen, vorzüglich die Dionysiana, Corpus canonum genannt. Jedes Buch, welches eine Sammlung kirchenrechtlicher Quellen bot, konnte Corpus juris canonici genannt werden. In der That findet sich in einem Bücherverzeichnisse der Glossatorenzeit (Sarti, De claris Archigymnasii Bonon. professoribus I, App. 214, bei Schulte, K.-R. I, 320, A. 9) das Decret unter diesem Namen; mit demselben Namen bezeichnet eine Glosse des zwölften Jahrhunderts das Decret (Thaner, Zwei anonyme Glossen zur Summa Stephan. Torn., Bericht der Wiener Akademie LXXIX, 1875, 229, S. A. 21, A. 1). Noch mehr paßte der Name für die folgenden officiellen Decretalensammlungen Gregors IX., Bonifatius’ VIII. und Clemens’V. Innocenz IV. übersandte 1253 ein Verzeichniß von ihm erlassener Decretalen nach Bologna mit dem Auftrage, dieselben an betreffender Stelle in’s Corpus juris, d. i. in die Gregoriana, einzuschalten (Theiner, Disquisitiones criticae, Rom. 1836, 66). Man stellte den Complex aller dieser von der Schule recipirten Rechtsbücher als Corpus juris canonici dem römischen Corpus juris civilis entgegen. So wie die romanistischen Glossatoren mit letzterem Namen die Summe der meist in fünf Volumina abgetheilten justinianischen Gesetzbücher bezeichneten, verstand Abbas antiquus, ein Canonist aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, unter totum corpus juris canonici das gesammte bislang vorhandene und in der Schule gebrauchte Material an kirchlichen Rechtssammlungen (Schulte, Beiträge zur Literatur über die Decretalen, Berichte der Wien. Ak. LXVIII, 1871, 90 ff.). Während die genannten vier Rechtssammlungen den unbestrittenen eisernen Bestand des Corpus juris canonici bilden, gilt nicht das Gleiche von privaten Sammlungen verschiedener Extravaganten, welche nach Form und Umfang variirten, bis endlich die Art und Weise, wie Jean Chappuis in die von ihm besorgte Pariser Ausgabe von 1500 und verbessert 1503 Extravagantensammlungen aufnahm, für alle folgenden Ausgaben ständig wurde. Darnach folgen auf die Clementinen 20 in 14 Titel untergebrachte Extravaganten Johannes’ XXII. und die sog. Extravagantes communes in fünf Bücher getheilt (s. d. Art. und Bickell, Über die Entstehung u. d. heut. Gebrauch der beiden Extravagantensammlungen des Corpus juris canonici, 1825). – Dabei ist, was unten auszuführen sein wird, schon hier zu bemerken, daß »Corpus juris canonici« wohl eine geläufige Bezeichnung für den Complex der genannten Rechtssammlungen war, aber als gedruckter Buchtitel des Ganzen erst am Schlusse des 16. Jahrhunderts erscheint. – Die kirchlichen Organe gebrauchen den Ausdruck Corpus juris canonici nur vereinzelt. Nur bei Benedict XIV. (s. u. IV) kommt der Ausdruck im strengen Sinne vom kirchlichen Gesetzbuch vor; sonst wird damit lediglich das auch heutzutage so genannte Buch in dessen zeitlich verschiedenem, herkömmlichen Umfange bezeichnet. Wenn das Basler Concil 1436 (Sess. XXIII, c. 6; Hard. C. C. VIII, 1210) alle päpstlichen Reservationen aufhebt, reservationibus in Corpure juris expresse clausis exceptis, so ist damit nicht, wie später wiederholt behauptet wurde, der Begriff eines Corpus juris canonici clausum statuirt worden. Aber richtig ist, daß der Ausdruck Corpus juris stricte zu nehmen ist, und sämmtliche da und dort demselben anhangsweise beigefügten Extravaganten ausgeschlossen werden sollten. Was hier Corpus juris genannt wird, deckt sich vollständig mit dem Jus scriptum, wovon in der Reformacte Martins V. c. 2 und darnach im deutschen und englischen Concordate von 1418 (Hübler, Die Konstanzer Reformation, 1867, 128) Erwähnung geschieht. Im herkömmlichen, vulgären Sinne nimmt, um ein Beispiel aus der neuesten Zeit anzuführen, den Ausdruck das Decret der Congr. super statu regular. vom 25. Januar 1848: Cuilibet privilegio licet in corpure juris clauso et … confirmato (Archiv f. k. K.-R. VIII, 144). Thatsächlich gibt es ein Corpus juris canonici clausum in dem Sinne, daß seit 1582, ja schon seit 1500, bezw. 1503, eine wesentliche Änderung des Umfanges des Corpus juris canonici nicht mehr erfolgte, sowie in dem engeren Sinne, daß die Clementinen überhaupt bis heute die letzte officielle geordnete Rechtssammlung sind, nicht aber in dem Sinne, als ob nur Bestimmungen, welche in demselben aufgenommen sind, gesetzliche Kraft hätten und der Art die Entwicklung des Rechts für alle Zukunft abgeschlossen wäre.

II. Ausgaben. Die einzelnen Theile des heutigen Corpus juris canonici wurden anfänglich selbständig und regelmäßig zumal mit der Glosse (s. d. Art.) wie durch Schrift, so durch Druck verbreitet. So wurden z. B. von Schöffer in Mainz 1471 die Clementinen gedruckt, 1472 das Decret, 1473 die Decretalen Gregors IX. und der Sextus. In der Folge erschienen dieselben in ziemlich gleichzeitig von derselben Officin ausgegebenen gleich ausgestatteten Bänden, drei an der Zahl, von welchen der erste das Decret, der zweite die Gregoriana, der dritte den Sextus und die Clementinen enthielt; letzterer ward durch Anhängung von Extravaganten und anderen Stücken mit den beiden vorausgegangenen Bänden auf annähernd gleichen Umfang gebracht. Dieß ward nachgeahmt in der 1486 von Wenßler in Basel gedruckten Ausgabe. Von der durch die Pariser Buchhändler Ulrich Gering und Berthold Remboldt gedruckten Ausgabe erschien zuerst 1499 der die Decretalen Gregors IX. enthaltende, vom Professor des Rechts Bital de Thebes corrigirte Band; den Druck der übrigen Theile überwachte der Licentiat der Rechte Jean Chappuis; der den Sextus, die Clementinen und die zwei Extravagantensammlungen enthaltende Theil erschien 1500 und wiederholt 1503, das Decret 1502. Diese Ausgabe ist von Bedeutung, weil deren Umfang für alle späteren Ausgaben, selbst für die römische Ausgabe von 1582, maßgebend blieb. Das Tridentinum hatte zwar den Wunsch nach einer officiellen Ausgabe des Corpus juris canonici nicht ausgesprochen; doch erschien es passend, zumal mit der Besorgung der authentischen Ausgabe der Vulgata, des Breviers und Anderem, auch eine Ausgabe des Corpus juris canonici in Angriff zu nehmen. Der von Pius V. 1566 zu diesem Behufe eingesetzten Congregation gehörten der Reihe nach 35 Gelehrte an. Darauf bezügliche Acten hat Theiner im Anhang seiner Disquis. crit. 1–37 edirt. Die größte Mühe wurde auf die Emendation des Decrets und die Correctur der Glosse desselben verwandt, daher der Name Correctores romani (s. d. Art.). Kritische Unbefangenheit kann den sonst gut gemeinten und ernst genommenen Bestrebungen der letzteren deßhalb nicht zuerkannt werden, weil sie noch an der Ächtheit der pseudoisidorischen Decretalen der alten Päpste festhalten zu sollen glaubten. In Bezug auf den Druck leitete die Ausgabe des Decrets Latinus Latinius, die der Decretalen Franz Pegna und Sixtus Fabri (vgl. Richter, De Emendatoribus Gratiani Diss., Lips. 1835, 37 sqq.). Mit Breve Cum pro munere vom 1. Juli 1580 erklärte Gregor XIII., daß die vorbereitete Ausgabe des Juris canonici corpus, und zwar das Decret mit und ohne Glossen, in Bälde erscheinen werde, verbot, an dem dergestalt expurgirten Jus canonicum irgend etwas durch Weglassung oder Hinzufügung zu ändern und verlieh der römischen Officin ein zehnjähriges, durch Androhung von Bann und Geldstrafen geschütztes Druckprivilegium. Nach zwei Jahren erschien (1582, in aedibus populi romani) das Corpus juris canonici, doch ohne diesen Generaltitel, in fünf Foliobänden mit Separattiteln der einzelnen Theile desselben und zwar mit der Glosse. Das kurze Breve Gregors XIII. vom 2. Juni 1582 Emendationem schützt lediglich die durchgeführte Verbesserung der Decrete Gratians gegen jede Veränderung und erklärt wie 1580, jedoch ohne Strafsanction, den römischen Text für stereotyp. – Nur selten, vorwiegend in Venedig, erschienen die glossirten Ausgaben in Quart, meist in Folio; so die letzte in drei Bänden mit dem Generaltitel Corpus juris canonici 1671 in Lyon herausgegebene. Die seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts häufiger werdenden reinen Textausgaben weisen vielfach ein kleineres Format auf. So besorgte Demochares (de Mouchy, gest. 1574) die vierbändige Pariser Ausgabe 1550–1552 in Octav und die siebenbändige Lyoner 1554 in Duodez; der Calvinist Molinäus (du Moulin, gest. 1566) gab das Corpus juris canonici nur glossirt heraus, ohne die Glosse dagegen Contius (le Conte, gest. 1577), Antwerpen 1569–1571, in vier Octavbänden. Während die Genannten die kritische Behandlung des Corpus juris canonici in Angriff nahmen und die durchlaufende Zählung der Kapitel des Decrets einführten, sind die nach 1582 erschienenen Ausgaben meist nur Nachdrucke der römischen. Einen rein äußerlichen Fortschritt bekunden dieselben nur durch die Aufnahme des Gesammttitels Corpus juris canonici, welchen ich zuerst in einer Frankfurter Textausgabe 1586 in Octav, weiter der Pariser Ausgabe 1587 in einem Folianten gefunden habe; die folgenden Textausgaben, so die vielverbreiteten von Freiesleben mit dem Titel Corpus juris canonici academicum (Prag. 1728 u. ö., ein Pendant zu seiner Ausgabe des Corpus juris civilis academicum), erschienen in Quart. Davon macht eine Ausnahme die Folioausgabe Paris 1687 (Nachdruck Lips. 1695 und 1705, Taur. 1746), die sich auszeichnet durch die kritischen Noten, welche Le Pelletier aus dem Nachlasse der Brüder Franz und Petrus (gest. 1596) Pithöus (Pithou) herausgab. Eine kritische Ausgabe Corpus juris canonici, Halae-Magd. 1747, 2 voll., mit literarischen Einleitungen und werthvollen Anhängen versehen, besorgte Just. Henning Böhmer (gest. 1749), welche nur deßhalb für den praktischen Gebrauch nicht verwendbar ist, weil der Text der officiellen Ausgabe vielfach geändert ist. Letzteres hat Richter (gest. 1864, Corpus juris canonici, Lips. 1833–1839, 2 voll.) vermieden und die vorgeschlagenen Änderungen des Textes unter dem Striche angemerkt; mehr als eine neue Ausgabe von Richters Corpus juris hat Friedberg (Corpus juris canonici, Lips. 1879–1881, 2 voll.) geliefert; der kritische Apparat ist bedeutend erweitert, der Text mit Ausnahme des Decrets der römische.

Ohne gesetzlichen, aber von mehr oder minder praktischem Werthe sind Beigaben und Anhänge in den oft genannten Theilen des Corpus juris canonici, welche in dessen verschiedenen Ausgaben vielfach variiren. Dahin gehören a. Übersichten des Inhalts des Decrets und der Stellung der Decretalentitel. Letztere pflegen alphabetisch geordnet zu werden; die in der römischen Ausgabe abgedruckte Tabula des Ludwig Bologninus von 1472 ist eine der Titelordnung der Decretalen folgende Concordanz des Decrets. Oft gedruckt sind ein Decretum abbreviatum in Prosa, ein solches in Versen, endlich sieben auf dessen zweiten Theil bezughabende Verszeilen sammt Erklärung; seltener erscheint des Johann Hispanus (um 1250) Summarium sive flosculus totius decreti, z. B. ed. Ven. c. gl. 1615, tom. II. b. Alphabetische Indices der Kapitelanfänge, der Originalquellen, der hauptsächlichsten Materien. So enthält die römische Ausgabe die Margarita Decreti (s. d. Art.) des Dominicaners Martinus Polonus (gest. 1278), eines Ungenannten Margarita Decretalium, endlich einen gleichfalls alphabetischen Index rerum für den Sextus und die folgenden Sammlungen. Peter Guenois zog (Corp. jur. can. emend., Paris. 1587, fol.) diese Verzeichnisse in Einen Rerum et verborum memorabilium … Index zusammen, welcher in der Folge mehrfach Zusätze erhielt und in den Vulgataausgaben den Titel Loci communes führt. Derselbe Guenois verfaßte Indices der Päpste, Synoden, Auctoren, vier zum Decret, drei zu den Decretalen, welche von den späteren Editoren mehrfach umgearbeitet und von Richter und Friedberg wesentlich verbessert wurden, aber noch weit von der gehörigen Vollständigkeit entfernt sind. Die Indices der Incipit der einzelnen Theile wurden später passend in Einen zusammengezogen. c. Die Erläuterung des Verwandtschafts- und Schwägerschafts-Stammbaumes hinter C. XXXV, q. 5, früher auch hinter Decretal. L. 4, tit. 14, von Johannes Andreä (gest. 1348, s. d. Art.), und am Schlusse der glossirten Clementinen eine Figura declarativa tituli patronatus mit Commentar desselben Glossators. d. Verschiedene Additionen und Anmerkungen. In den glossirten Ausgaben stehen vor den Extravagantensammlungen Prolegomena von Franz de Pavinis (gest. 1490) und Hieronymus Clarius (gest. 1309), sowie Apostillen des ersteren. Hierher zählen die Paratitlen der älteren und die Vorreden und Noten der neueren Editionen. Annotationes practicae ad praecipua Juris Pontificii loca von Anton Naldus, wieder mit Additionen und Index versehen, erschienen zuerst (und allein?) in der unglossirten Lyoner Ausgabe 1661, tom. II, p. 98. e. 47 Pönitentialcanones, oft in 56 Paragraphen getheilt, aus der Summa Astesana (s. d. Art. Beichtbücher II, 218), 84 apostolische Canones in der Recension des Gregor Haloander (Meltzer, gest. 1531) im Anhange seiner Ausgabe der Novellen; nur ausnahmsweise die römischen Kanzleiregeln, so die 71 des Innocenz X. im zweiten Bande der Lyoner Ausgabe 1661. f. Institutiones juris canonici von Johann Paul Lancelot (s. d. Art.). Dieser, Professor des canonischen Rechts in seiner Vaterstadt Perugia, wurde von Paul IV. 1557 aufgefordert, das genannte Werk zu schreiben. Es sollte dadurch der Parallelismus, in welchen man das Corpus juris canonici und das Corpus juris civilis zu stellen liebte, vervollständigt werden. Das Decret entsprach den Pandecten, die Decretalensammlungen dem Codex; deren Ergänzung, nach früherer Anschauung also der Sextus, nach späterer die Extravagantensammlungen, stand mit den Novellen auf einer Linie; noch fehlte das Analogon von Justinians Institutionen. Einen solchen, gleichfalls in vier Bücher getheilten, an’s System der Institutionen sich anschmiegenden Grundriß des Kirchenrechts verfaßte Lancelot. Doch bemühte er sich umsonst, die Approbation des Werkes seitens Pius’ IV. zu erlangen; begreiflich, denn soeben ging das große Reformconcil von Trient seinem Ende entgegen, dessen Bestimmungen in einem officiellen Lehrbuch des Kirchenrechts unmöglich umgangen werden konnten. Die Arbeit Lancelots, zuerst in Perugia 1563 gedruckt, fand trotzdem wegen ihrer Kürze große Verbreitung und bereits vor dem Tode ihres Auctors (1590) Aufnahme in die Reihe der Anhänge des Corpus juris canonici, so in der Pariser Ausgabe 1587 und dann regelmäßig. g. Der Liber septimus (s. d. Art.) des Petrus Matthäus von Lyon erhielt ebensowenig die päpstliche Bestätigung. In ihm sind Decretalen der Päpste von Innocenz IV. (gest. 1254) bis Sixtus V. (gest. 1590) in der herkömmlichen Titelordnung zusammengestellt. So gedankenlos der Name gewählt, so werthlos ist die getroffene Auswahl des Stoffes. Matthieu (gest. 1621) gab seinen Liber als Anhang des Corpus juris canonici zuerst Frankfurt 1590 heraus; als solchen hat ihn auch die Lyoner Ausgabe des Corpus juris canonici von 1622 und nachher die meisten, trotzdem die Compilation auf den Index gesetzt worden war (Decret 3. Juli 1623). Erst Richter hat diesen sowie den Ballast der meisten genannten Anhänge abgestoßen; dessen Beispiel folgte Friedberg, welcher mit Recht auch vom Abdrucke des von Richter aufgenommenen Trienter Concils Abstand nahm. – Versuche, das Studium des canonischen Rechtsbuches durch Verdeutschung desselben zu erleichtern, mußten mißlingen. Von Schilling und Sintenis (Das Corpus juris canonici in seinen wichtigsten und anwendbarsten Theilen in’s Deutsche übersetzt und systematisch zusammengestellt, Leipzig 1834–1838) erschienen zwei Bände; von einer vollständigen Übersetzung des Corpus juris canonici von Lang erschienen gar nur zwei Hefte, Nürnberg 1835. Eine allerdings nicht völlig erschöpfende Aufzählung der Ausgaben des Corpus juris canonici findet sich in Bickells angeführter Schrift 89–120.

III. Citirmethode. Die einzelnen Stellen des Corpus juris canonici wurden früher durchweg als Kapitel (abgekürzt cap. oder c.) bezeichnet; jetzt ist es gebräuchlich, die Stellen des Decrets als Canones (can. oder c.) zu citiren. Die dicta Gratians werden, als solche bezeichnet, in Verbindung mit dem nächsten Canon citirt. Das einzelne Kapitel wurde ursprünglich mit seinem Incipit angeführt; nur bei sehr bekannten Stellen genügt dieß allein, z. B. c. Si quis suadente, c. Omnis utriusque. Man findet solche Citate mit Hilfe des den Ausgaben beigegebenen Verzeichnisses der Kapitelanfänge. Nachdem die Ausgaben die Kapitel der einzelnen Abschnitte mit fortlaufenden Nummern versehen, verbindet man mit dem Incipit die Zahl des Kapitels oder begnügt sich, wie jetzt gewöhnlich, nur allein mit letzterer. Die Decretalensammlungen sind in Bücher und diese in Titel getheilt, und die erste oft römische Ziffer zeigt das Buch, die zweite den Titel an. Letzterer wurde früher und jetzt noch häufig mit seeinem Schlagworte angegeben, z. B. c. 1 De sent. exc. (auch S. E., lies De sententia excommunicationis), ist in der Gregoriana im 39., im Sextus im 11., in den Clementinen im 10., in den Extravagantes communes im 10. Titel des fünften Buches, in den Extravagantes Joannis XXII., welche nur in Titel getheilt sind, im 13. Titel zu suchen. Dem nicht Geübten helfen alphabetische Titelconcordanzen nach. Die nothwendige Bezeichnung der Sammlung selbst geschieht im ersten Falle durch das Zeichen X (lies: Extra), des weiteren durch in VI., Clem., Extr. co., Extr. Joa. XXII., so daß also die vollständigen Citate sind: c. 1, X 5, 39; c. 1 in VI 5, 11; c. 1 Clem. 5, 10; c. 1 Extr. co., 5, 10; c.  (un.) Extr. Joa. tit. 13. – Die Distinctionen des Decrets werden allein mit der Ziffer bezeichnet; wenn ohne weiteren Zusatz, z. B. c. 4, Dist. (oder D.) III, ist die Stelle im ersten Theile des Decrets, wenn mit dem Zusatze De cons., also c. 4, Dist. III De cons. (lies: De consecratione), ist die Stelle im dritten Theile zu suchen; wenn mit dem Zusatze De poen., also c. 4, Dist. III De poen. (lies: De poenitentia), so ist eine Stelle des Tractats über die Buße gemeint, welcher in den zweiten Theil, und zwar als Quaestio 3 der Causa XXXIII eingeschoben ist. Andere Stellen aus diesem zweiten Theile, welcher in Causae und diese wieder in Quaestiones getheilt sind, werden mit der Zahl von Causa und Quaestio citirt, z. B. c. 29, C. XVII, q. 4 ist der obcitirte Canon Si quis suadente diabolo. Der Buchstabe C kann auch ausbleiben, doch muß dann dessen Zahl stets mit römischen Ziffern geschrieben werden, also c. 29, XVII, q. 4. Manchmal sind zwei Quästionen verbunden, manchmal vertauscht.

IV. Geltung und Anwendbarkeit. Was die kirchenrechtliche Geltung des Corpus juris canonici anlangt, so sind dessen Theile strenge zu scheiden. Zwar wurde wiederholt in älterer wie in neuerer Zeit (vgl. z. B. Jacobson in Weiske’s Rechtslexicon VIII, 1865, 764; Wasserschleben in Herzogs Realencyclopädie VII, 1880, 496 f.) behauptet, es wäre das Decret Gratians als Ganzes in complexu, soweit glossirt, eben dadurch auch recipirt worden; es ist auch zuzugeben, daß die Schule die Paleae weniger als die von Gratian selbst compilirten Kapitel schätzte, und daß wie sie auch die Praxis ohne Anstand aus und nach dem Decrete citirte; aber so wenig wie eine Bestätigung des Decrets durch einen Papst läßt sich dessen gewohnheitsmäßige Reception als Wuelle des gemeinen Kirchenrechts nachweisen. Das Decret (s. d. Art. Decr. Gratiani) hat demnach keine gesetzliche Geltung und ist auch in seiner officiellen Ausgabe lediglich eine praktisch gut gemeinte Zusammenstellung des sogen. jus antiquum. Einig ist man darüber, daß die dicta Gratians keine Rechtskraft besitzen; die Belege Gratians, die sog. auctoritates, die einzelnen Canones können die Eigenschaft von Rechtsquellen gehabt haben und auch jetzt noch haben. Diese Meinung kann sich nicht nur auf eine Entscheidung der Rota romana (Reiffenstuel, Jus can. I, Prooem., n. 72), sondern auch auf wiederholte Aussprüche Benedicts XIV. (De syn. dioec. l. 7, c. 15, n. 6, Constit. 113 »Redditae«, § 9 vom 5. December 1744 in dessen Bullar. I, Ven. 1778, 203) berufen; ihr steht nicht entgegen, daß noch neuestens Stellen des Decrets, z. B. das cap. Terrulas (c. 53, C. XII, q. 2 = c. 45 der Synode von Agde 506), »ex jure canonico« citiert wurden (Breve Pius’IX. vom 3. April 1860 im Archiv für kath. K.-R. VI, 165). Der Berufung einer Partei auf einen Canon des Decrets kann also nicht nur die Gegenpartei eine die Geltung bestreitende Einrede entgegensetzen, sondern der Richter selbst hat von Amtswegen den Werth der angezogenen Stelle zu prüfen. – Die drei folgenden Sammlungen sind als Gesetzbücher von der päpstlichen Auctorität publicirt, aber in verschiedener Weise. Durch die Gregoriana wurden die vorher gebrauchten Sammlungen von Extravaganten, die sog. alten Compilationen, außer Gebrauch gesetzt, aber die nicht in dieselbe aufgenommenen Canones und Decretalen keineswegs abrogirt; letzteres geschah seitens Bonifatius’ VIII. rücksichtlich der zwischen 1234 und 1295 ergangenen, weder recipirten noch reservirten Decretalen; die Clementinen sind lediglich eine authentische Sammlung (s. d. betr. Artt.). – Als Theile des Corpus juris canonici gibt es Extravagantensammlungen erst seit 1500 bezw. 1503, da die früheren Gestaltungen derselben zu sehr variirten. Aus demselben Grunde können die übrigen Anhänge vieler Ausgaben des Corpus juris canonici nicht als integrirende Theile des Corpus juris canonici im bibliographischen Sinne des Wortes angesehen werden. Die zwei Extravagantensammlungen Chappuis’ (s. d. Art. Extrav.) haben aber den Charakter eines buchhändlerischen Anhanges auch später nicht verloren. Insofern sie Theile des jetzigen Corpus juris canonici sind, können sie dessen erstem Theile, dem Decret, gleichgestellt werden; beide sind an innerem Werth freilich sehr verschiedene Privatarbeiten. So gehören also strenge genommen zum Corpus juris canonici im Sinne von canonischem Gesetzbuche nur die drei officiellen päpstlichen Decretalensammlungen. Von diesem Standpunkte aus schreibt Benedict XIV. in der seinem officiellen Bullarium voraufgehenden, an die Universität Bologna adressirten Constitution Jam fere vom J. 1746: Quod si appellatione corporis ut ajunt juris canonici comprehendi tantum debeant decretales congestae a Gregorio IX., Bonifacio VIII. et Clemente V., hoc volumen nostrum isto sane nomine haud contineri certum est; sin autem appellatione Corpus juris canonici intelligendum est, quidquid ab apostolica auctoritate promanat, tunc hujusmodi nuncupatione librum quoque nostrum comprehendi, nemo inficiabitur … Sed quaestionem omittamus, quae de solo nomine continetur. – Im Widerstreite einzelner Kapitel der drei Decretalensammlungen gilt das der älteren Sammlung angehörige durch das der folgenden modificirt. Inwieweit innerhalb derselben Sammlung eine Antinomie vorliegt (vgl. Phillips, Kirchenrecht IV, 423 f. mit Schulte, K.-R. I, 342 f.), ist die formelle Lücke durch Anwendung der Analogie zu ergänzen. – Der Text der officiellen römischen Ausgabe des Corpus juris canonici ist durchweg der authentische, hat aber Gesetzeskraft nur für die drei oft genannten officiellen Decretalensammlungen. Deren Titelüberschriften dienen zunächst der systematischen Ordnung; sie können aber von Bedeutung sein, insofern sie Gesichtspunkte abgeben sei es für die Erklärung der unter dieselben gestellten Kapitel, sei es für die Auffassung eines Rechtssatzes, als dessen bündige, freilich nie erschöpfende Aussprache sie gelten mögen, z. B. X 3, 9: Ne sede vacante aliquid innovetur; 3, 50: Ne clerici vel monachi saecularibus negotiis se immisceant. Die Superscriptionen der einzelnen Capitel sind rechtlich gleichgültig, insofern sie die Originalquelle bezeichnen, nicht aber wenn sie den Adressaten qualificiren (vgl. z. B. c. 27, X 5, 33). Dagegen stehen die Summarien mit der Glosse (s. d. Artt. Glosse u. Glossatoren, canon.) auf derselben Stufe; sie sind beide nur doctrinäre Behelfe der Erkenntniß des Gesetztextes.

Nicht zu verwechseln mit der kirchenrechtlichen Geltung des Corpus juris canonici ist die Frage nach der Geltung und Anwensbarkeit desselben für’s staatliche, weltliche Rechtsgebiet. In dieser Hinsicht ist das canonische Rechtsbuch, soweit es von der Schule glossirt worden, zumal mit dem glossirten römischen Rechtsbuch als dessen theilweise Fortbildung und Modification gewohnheitsrechtlich recipirt worden und bildet derart einen weniger für das Privatrecht, desto mehr für das Prozeßrecht bedeutsamen Factor des sog. gemeinen römischen Rechts. In diesem Sinne gehört das Decret, nicht aber mehr die beiden Extravagantensammlungen zu dem in complexu recipirten Corpus juris canonici. Sowie in der Frage nach dem Umfange der gemeinrechtlichen Geltung des Corpus juris civilis ist auch hier das Hauptgewicht auf die Glossirung, die dadurch bewirkte Einführung der einzelnen Stelle in das Rechtsleben zu legen, nach dem Grundsatze: Quidquid non agnoscit glossa, nec agnoscit curia. Des Decrets und der Decretalen erwähnt bereits der Schwabenspiegel (Landrecht, Art. 1) als Quellen geistlichen und weltlichen Rechtes. Die Reichshofrathsordnung von 1654, Tit. 7, § 24, verfügt, daß nebst anderen Büchern das Corpus juris civilis et canonici auf der Reichshofrathstafel aufliegen solle, damit man in zweifelhaften Fällen derselben sich bedienen könne. Das Nähere gehört in eine Darstellung der Reception des römischen Rechts. Literatur: Endres. Diss. de diverso juris German. ad civile romanum et canonicum commune habitu, 1771, in Schmidt, Thesaur. I, 98–128; Hommel, De adventu juris canonici in Germania, Lipsiae 1773; J. A. Riegger, De receptione juris canonici in Germania, in Opuscula ad hist. et jurisprud. pertin., Friburg. 1773, 197 bis 220; Muther, Zur Gesch. der Rechtswissenschaft, 1876; Stobbe, Geschichte der deutschen Rechtsquellen II, 1864; Ott, Beiträge zur Receptionsgesch. des röm. can. Prozesses in den böhmischen Ländern, 1879; Wächter, Pandekten I, 1880, 60 ff. – Endlich hat das Corpus juris canonici die Eigenschaft einer Rechtsquelle für die im 16. Jahrhundert entstandenen, unter dem gemeinsamen Namen der protestantischen zusammenzufassenden Kirchen beibehalten, trotz des heftigen Widerstandes Luthers, welcher das Corpus juris canonici mit andern Schriften zu Wittenberg 10. December 1520 feierlich verbrannte. Es versteht sich von selbst, daß die Anwendbarkeit des Corpus juris canonici für Rechtsverhältnisse der protestantischen Kirchen durch deren Symbole sowie spätere Kirchenordnungen modificirt, ja wesentlich beschränkt worden ist (vgl. Richter, K.-R. § 80; Köhler, Luther und die Juristen, 1873).

[R. v. Scherer.]


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