Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Demuth (früher dêmuot, von deo, Diener, diu, Magd) ist die willige Anerkennung der eigenen Geringheit. Humilitas est virtus, sagt der hl. Bernard (De gradibus humilitatis, in.), qua homo verissima sui agnitione sibi ipsi vilescit; die beste Definition, die noch je von dieser Tugend aufgestellt worden ist. Gott, an dem nichts gering, sondern Alles unendlich groß ist, kann eben deßwegen auch nicht demüthig sein. Der Gottmensch Jesus Christus aber, der nicht nur Gott, sondern auch Mensch war, konnte demüthig sein und war es (Matth. 11, 29). Seiner menschlichen Natur nach betrachtete er sich als Geschöpf Gottes, daher als durchweg abhängig von Gott und unendlich geringer als Gott (Joh. 14, 28), ja auch als abhängig von andern Menschen (Eltern, Luc. 2, 51; Obrigkeiten, Joh. 19, 11, und in einem gewissen Sinne von allen, zu deren Heil er vom Vater gesendet worden, Joh. 13, 4 ff. Matth. 20,28). Der Mensch ist demüthig, wenn er außer seiner geschöpflichen Abhängigkeit von Gott auch alles Andere an sich anerkennt, was ihn gering macht, mag dieses gemeinmenschlich sein, wie seine Sünden, die ererbte und die begangenen, seine sittliche Gebrechlichkeit (1 Cor. 10, 12), seine Ohnmacht, aus sich selbst etwas Gutes höherer Ordnung zu wirken (2 Cor. 3, 5. 1 Cor. 15, 10), seine Abhängigkeit von Mitmenschen, besonders den Vorgesetzten (Röm. 13, 1 ff. 1 Cor. 12, 12 ff. Gal. 6, 2); oder mag es ihm mehr oder weniger nur persönlich eigen sein, wie Sünden besonderer Schwere (1 Tim. 1, 13), Beruf zu einem niedern Stande (1 Cor. 7, 21), geringe Fähigkeiten oder doch geringe Fertigkeiten (vgl. Röm. 12, 3) u. s. w. Demuth ist Anerkennung; Anerkennung aber ist mehr als bloße Erkenntniß. Bei der bloßen Erkenntniß der eigenen Geringheit ist ein selbstsüchtiges Streben, diese vor den Menschen, ja auch vor Gott und vor sich selbst zu verbergen und zu läugnen nicht nur denkbar, sondern oft wirklich vorhanden, während die Anerkennung gerade darin besteht, daß der Mensch seine Geringheit vor Gott und vor sich selbst und, sofern nicht wichtige Gründe entgegenstehen, auch vor dem Nächsten unumwunden und gern bekennt, nicht nur mit Worten, sondern auch in der That. Der Demüthige ist daher gegen Gott ehrfurchtsvoll, gläubig, dankbar, reuevoll, gebetseifrig, ergeben; gegen den Nächsten, je nach Umständen, gehorsam, herablassend, gütig, nachsichtig, dienstbeflissen, höflich, bescheiden, sanftmüthig, versöhnlich, und so wie weit entfernt von Ehr- und Ämtersucht, ebenso bereit, fremde Vorzüge und Verdienste zu würdigen. Der Demüthige erkennt aber in sich nur das als gering an, was in Wahrheit gering ist: verissima sui agnitione sibi vilescit; was in ihm gut und groß ist, erkennt er als solches an, und zwar gerade deßwegen als sehr gut und groß, weil er es als ein Geschenk der göttlichen Gnade ansieht, das er ohne sein Zuthun oder mit seinem Zuthun empfangen hat (1 Cor. 4, 7). Anerkennung beruht ja, wie gesagt, auf Erkenntniß, und Erkenntniß setzt Wahrheit voraus. Daher ist die Demuth mit der wahren Selbstachtung wohl vereinbar, ja mit derselben nothwendig verbunden (2 Cor. 11, 21 ff. Gal. 1, 10) und ist nie und nimmer Wegwerfung seiner selbst, niedrige Gesinnung. Das Beispiel Jesu und seiner Heiligen bestätigt diese Behauptung unwidersprechlich; welch ein hohes und kräftiges Selbstgefühl spricht sich neben aller Demuth bei Jesus vor dem hohen Rath (Joh. 18, 19 ff.), bei Petrus und Paulus vor den Richtern (Apg. 4, 3 ff.; 5, 27 ff.; 16, 37 ff.; 24, 10 u. s. w.) aus! Ebenso waren die Heiligen Gottes sich bewußt, daß sie einen großen Schatz in sich herumtragen, nur erkannten sie an, daß sie ihn in gebrechlichen Gefäßen trügen. Demuth ist also keine niedrige Gesinnung, insofern sie das Große und Gute als solches anerkennt; allein sie ist auch gerade deßwegen keine niedrige Gesinnung, weil der Demüthige in sich das Niedere anerkennt. Diese Anerkennung selbst ist etwas so Großes und Schweres, daß nur ein hoher und kräftiger Geist sie zu erschwingen vermag. Groß ist der Egoismus des Habens und des Genusses in dem Menschen, der Sieg darüber schwer; aber ungleich größer ist der Egoismus des Hochmuthes, der Sieg darüber also noch ungleich schwerer und ungleich rühmlicher. Fortasse laboriosum non est homini relinquere sua, sed valde laboriosum est relinquere semetipsum (was der Demüthige vor allen Andern thut). Minus quippe est, abnegare, quae habet; valde autem multum est, abnegare, quod est (Greg. M. Hom. 32 in Evang.). Wahrhaftig, wer demüthig ist wie ein Kind, der ist der Größte! (Matth. 18, 4.) – Die Nothwendigkeit der Demuth ergibt sich aus ihrem Begriffe: sie ist nichts Anderes als Anerkennung dessen, was wahrhaft in uns ist, Anerkennung der Wahrheit also, die allein frei macht (Joh. 8, 32), und Übung der christlichen Gerechtigkeit, die jedem das Seine zuweist. Die Demuth ist ferner nothwendig, weil sie die Basis der christlichen Gesinnung überhaupt und der wichtigsten besonderen Tugenden des Christenthums ist. Das Christenthum kündigt ich als eine Erlösungsanstalt für die erlösungsbedürftige Menschheit an; wer sich daher nicht als absolut erlösungsbedürftig, demnach als gering anerkennt, der kann ein Christ nicht werden, und wenn er es war, nicht bleiben. »Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so werdet ihr in das Reich Gottes nicht eingehen« (Matth. 18, 3; vgl. Matth. 11, 29. Röm. 9, 20-32). Daher sagt auch Clemens von Rom: »Christus gehört denjenigen, die demüthig von sich denken, nicht denjenigen, die sich über seine Heerde erheben« (1 Cor. 16). – Ebenso sind christlicher Glaube, christliche Hoffnung, christliche Liebe gegen Gott und den Nächsten, kurz alle die Tugenden, welche oben als Ausdruck der demüthigen Gesinnung angeführt sind, ohne Demuth geradezu unmöglich. »Wie könnt ihr glauben,« sprach Jesus zu den Hochmüthigen, »da ihr Ehre von einander nehmet und die Ehre, welche von Gott allein ist, nicht suchet?« (Joh. 5, 44.) In ganz gleicher Weise kann man zu den Hochmüthigen sagen: Wie könnt ihr hoffen, wie lieben? Daher denn so viele und so nachdrückliche Aufforderungen zur Demuth in der heiligen Schrift, z. B. Matth. 5, 3; 11, 29; 23, 11. Luc. 17, 10. 1 Petr. 5, 5, und ebenso bei den heiligen Vätern, welche sie das Fundament und die Wächterin der Tugenden (cogitas magnam fabricam exstruere celsitudinis? De fundamento prius cogita humilitatis [Augustin. Serm. 10 de Verb. Dom.]. Caementum cordis humilitas est [S. Dorotheus Serm. 14]) und darum sowohl als wegen ihrer Fruchtbarkeit (Jac. 4, 6) einen Schatz von Tugenden (Humilitas spiritus divitiae virtutum sunt [Ambros. in Luc.]) zu nennen pflegen. Wie übrigens jede Tugend, so hat auch die Demuth ihre Grade. Der hl. Benedict zählt deren in seiner Regel (Kap. 7) zwölf auf, und der hl. Bernard schrieb über diese zwölf Grade seine Abhandlung De gradibus humilitatis. Der hl. Anselm nimmt in seinem Werke De similitudinibus sieben Grade an, der hl. Bonaventura (De prof. relig.) drei, Richard von St. Victor (L. 2 De eruditione hominis interioris) ebenfalls drei, Andere mehr oder weniger, je nachdem ein jeder sich den Gesichtspunkt wählt, von dem aus er diese Tugend betrachtet (vgl. auch S. Thom. 2. 2, qu. 161, art. 6). Im Allgemeinen gilt die Regel, daß der Grad dieser Tugend desto höher ist, je williger, beharrlicher und thatsächlicher die Anerkennung der eigenen Geringheit ist. Die sicherste Bewährung der Demuth endlich sind die Demüthigungen: nicht die freiwilligen, die der Mensch sich selbst auflegt (Eccl. 19, 23), sondern die unfreiwilligen, die ihm von außen begegnen. Wer diese, z. B. unverdiente Zurücksetzung, Hohn und Spott, Verfolgungen u. s. w., mit ruhigem oder sogar heiterem Gemüthe erträgt, der mag sicher für demüthig gehalten werden (vgl. Apg. 5, 41).

[Rudigier.]


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