Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Dogmenentwicklung, Dogmengeschichte. I. Bezüglich der Frage, ob und inwiefern eine Entwicklung, ein Fortschritt der Glaubenswahrheit stattfinden könne, ist zwischen dem durch die göttliche Offenbarung selbst und dem durch die kirchliche Lehrthätigkeit vermittelten Fortschritt zu unterscheiden. Was die fortschreitende Entwicklung der Wahrheit durch die Offenbarung betrifft, so versteht es sich von selbst, daß bezüglich der Wahrheit, sofern sie Gegenstand des von Ewigkeit vollendeten, absolut vollkommenen göttlichen Wissens und des ewigen göttlichen Rathschlusses ist, von einem Fortschritt nicht die Rede sein kann. Ebenso selbstverständlich ist aber auch, daß Gott durch seine Offenbarung diese Wahrheit und diesen Rathschluß allmälig und immer vollkommener mittheilen kann und, der Natur und dem Bedürfnisse des einer zeitlichen Entwicklung unterworfenen menschlichen Geistes entsprechend, wirklich mitgetheilt hat. Insofern also fand eine fortschreiten Entwicklung der geoffenbarten Wahrheit von der Uroffenbarung und dem Protoevangelium an bis zu ihrer Vollendung durch Jesus Christus statt. Obwohl aber der Menschheit im Fortschritt der Zeiten neue, vorher verborgene Wahrheiten geoffenbart wurden, so bezeichnen die Theologen mit Recht auch diesen Fortschritt der Offenbarung nicht als eine substantielle Vermehrung, sondern lediglich als eine Entfaltung der ursprünglichen Wahrheit: Quantum ad substantiam articulorum fidei, non est factum eorum augmentum per temporum successionem; quia, quaecunque posteriores crediderunt, continebantur in fide praecedentium patrum, licet implicite. Sed quantum ad explicationem, crevit numerus articulorum, quia quaedam explicite cognita sunt a posterioribus, quae a prioribus non cognoscebantur explicite (S. Thom. 2. 2, q. 1, a. 7). Diese Worte des hl. Thomas beziehen sich nämlich zunächst auf die Entwicklung der Dogmen durch die göttliche Offenbarung, wie aus den von ihm angeführten Beispielen erhellt. Er sagt nämlich, so habe Moses nach Ex. 6, 2 eine vollkommenere Offenbarung über Gottes Wesen, als Abraham, und David eine vollkommenere Erkenntniß über das Geheimniß unseres Heiles, als Moses empfangen, die vollkommenste Offenbarung aber sei uns durch Christus geworden; sage ja der Apostel, daß das Geheimniß Christi den früheren Zeitaltern nicht so kund geworden sei, wie es jetzt seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist geoffenbart worden (Eph. 3, 5). Die Wahrheit dieser Lehre kann keinem Zweifel unterliegen; daher der allgemein anerkannte Grundsatz: in vetere testamento latet, quod in novo patet. Bereits im Protoevangelium ist das Geheimniß unserer Erlösung prophetisch geoffenbart; ja Väter und Theologen sind der Meinung, daß bereits vor dem Sündenfall Adam zwar nicht von der den Sündenfall voraussetzenden zukünftigen Erlösung, wohl aber von dem Geheimnisse der Menschwerdung und der Kirche irgend welche übernatürliche Erkenntniß gehabt und in seinen prophetischen Worten bei der Erschaffung Eva’s ausgesprochen habe (vgl. S. Thom. 2. 2, q. 2, a. 7). Die Theologen gehen noch weiter und lehren unter Hinweis auf Hebr. 11, 6, daß im Glauben an Gott und seine Vorsehung alle Glaubenswahrheiten enthalten seien. In esse enim divino, sagt Thomas, includuntur omnia, quae credimus in Deo aeternaliter existere, in quibus nostra beatitudo conexistit; in fide autem providentiae includuntur omnia, quae temporaliter a Deo dispensantur ad hominum salutem, quae sunt via in beatitudinem (S. Thom. l. c.). Es ist dieses, wie Thomas voraussetzt, selbstverständlich nur wahr von der übernatürlichen Gotteserkenntniß und der übernatürlichen Providenz. Auch sehen wir die Congruenz ein, daß Gott, wie in der Naturordnung, so auch in der Ordnung der übernatürlichen Offenbarung alles, was er später entfalten wollte, bereits ursprünglich in lebensvollem Keime grundlegte. Allein, wenn wir anerkennen, daß in diesem Sinne die Wahrheiten der späteren Offenbarung in denen der früheren, insbesondere die Dogmen des neuen Bundes in denen des alten und der Uroffenbarung, ähnlich wie in der Philosophie die Conclusionen in den Prämissen und zuletzt in dem obersten Vernunftaxiom (vgl. S. Thom. 2. 2, q. 1, a. 7) enthalten sind, so darf auf der anderen Seite der große und wesentliche Unterschied nicht verkannt werden, welcher zwischen der Entfaltung der Offenbarungswahrheit durch die göttliche Offenbarung und der Entfaltung der im apostolischen Glaubensdepositum gegebenen Dogmen durch die kirchliche und wissenschaftliche Lehrentwicklung oder gar der Ableitung philosophischer Conclusionen aus ihren Principien besteht. Die göttliche Offenbarung kann aus den obersten und ursprünglich geoffenbarten Wahrheiten auch solche Wahrheiten entwickeln, welche für keinen menschlichen Intellect, sondern nur für Gott erkennbar sind. Das kirchliche Lehramt dagegen kann aus den im Glaubensdepositum ausdrücklich enthaltenen Wahrheiten nur diejenigen Wahrheiten entwickeln, welche darin für den menschlichen Intellect erkennbar sind. Dem kirchlichen Lehramte werden nicht, wie den Organen der göttlichen Offenbarung, neue Offenbarungen zu Theil, sondern es wir nur durch den göttlichen Beistand in seiner an die Gesetze des gläubigen Denkens und Forschens gebundenen Lehr- und Richterthätigkeit vor Irrthum geschützt. So ist z. B. in dem absoluten göttlichen Sein allerdings die Trinität wesentlich enthalten, aber nur für den göttlichen Intellect, der dieses Sein adäquat begreift, nicht aber für den menschlichen. Ebenso sind in dem ursprünglich kundgegebenen Rathschlusse des übernatürlichen Heiles und der Erlösung alle Bestimmungen desselben für den göttlichen Intellect enthalten, aber nicht für die menschliche Erkenntniß, der die übernatürlichen und auf der freien Anordnung Gottes beruhenden näheren Bestimmungen des Heilsrathschlusses nicht durch menschliche Forschung und Schlußfolgerung, sondern nur durch neue göttliche Offenbarung bekannt werden konnten.

II. Die Offenbarung Gottes an die Menschheit ist in Christus vollendet. Christus hat den ganzen Schatz dieser Wahrheit zugleich mit dem richtigen Verständnisse derselben den Aposteln und durch diese der Kirche übergeben mit dem Auftrage, sie allen Menschen allezeit bis zum Ende der Welt unter dem Beistande des heiligen Geistes unfehlbar zu verkündigen. Demgemäß besitzt die Kirche von Anfang an und alle Tage bis zum Ende der Zeit das apostolische Glaubensdepositum in seiner ganzen Vollständigkeit und Integrität und das allseitig richtige Verständniß desselben. Insofern ist die Glaubenslehre der Kirche absolut unveränderlich, und es kann weder deren Substanz gemehrt oder gemindert, noch deren Sinn und Verständniß irgendwie geändert werden. Daß dem so sei, ist mit dem Wesen des Christenthums als der vollendeten göttlichen Offenbarung gegeben. Eine höhere Manifestation Gottes, als das fleischgewordene Wort, ein höheres göttliches Werk, als die Welterlösung, ein höheres Wahrheitsorgan auf Erden, als die Kirche des lebendigen Gottes, die Säule und Grundfeste der Wahrheit, ist nicht möglich. Wohl kann die Möglichkeit und Wirklichkeit späterer Privatoffenbarungen (s. d. Art.) nicht geläugnet werden, allein dieselben sind nicht Gegenstand des katholischen Glaubens und sind der kirchlichen Lehrauctorität nur insofern unterstellt, als dieselbe über die Rechtgläubigkeit ihres Inhaltes, sowie auch über ihre Glaubwürdigkeit zu urtheilen berufen ist. Daher können auch Privatoffenbarungen nicht als eigentliche dogmatische Beweise geltend gemacht werden. Auch ist durchaus nicht anzunehmen, daß Gott durch Privatoffenbarungen andere und höhere Wahrheiten, als in dem apostolischen Glaubensdepositum enthalten sind, mittheilen werde. Was aus der Natur der Sache sich ergibt, ist aber auch klar und ausdrücklich in allen jenen Stellen der heiligen Schrift enthalten, welche von dem unfehlbaren Lehramte der Kirche und dessen Aufgabe handeln, bis zum Ende der Welt alles zu lehren, was der Herr ihm anvertraut und aufgetragen hat (s. d. Art. Lehramt, kirchliches). Das ist nach dem Zeugnisse der gesammten Überlieferung und der Lehrentscheidungen der Kirche die Regel des wahren Glaubens (s. d. Art.), an dem apostolischen Glaubensdepositum festzuhalten , wie es aus Schrift und Überlieferung durch das unfehlbare Lehramt der Kirche bezeugt und in seinem wahren Sinne erklärt wird. Hier ist noch auf den Unterschied hinzuweisen, der zwischen den Aposteln und den von ihnen eingesetzten und ihnen nachfolgenden ordentlichen Nachfolgern und Trägern des kirchlichen Lehramtes, sowie allen andern theologischen Lehrern besteht. Nach einmüthiger Lehre der Väter und Theologen war nämlich ein jeder der Apostel, wie unmittelbar von Christus in die ganze Welt gesendet, so auch von ihm zum Zwecke der Einführung des Christenthums in die Welt mit persönlicher Unfehlbarkeit und mit einer ganz besonderen Erleuchtung des heiligen Geistes und einer übernatürlich eingegossenen, höchst vollkommenen Erkenntniß der christlichen Wahrheit ausgerüstet. Bezüglich dieser eingegossenen Erkenntniß der Glaubenswahrheit kann kein anderer späterer Lehrer mit den Aposteln verglichen werden. Auch in dieser Beziehung sagt Thomas unter Zustimmung aller Theologen: Ultima consummatio gratiae facta est per Christum; unde et tempus ejus dicitur tempus plenitudinis (Gal. 4, 4). Et ideo illi, qui fuerunt propinquiores Christo, vel ante, sicut Joannes Baptista, vel post, sicut Apostoli, plenius mysteria fidei cognoverunt (S. Thom. 2. 2, q. 1, a. 7 ad 4). Diese Lehre der Theologen von der vollkommenen Weisheit der Apostel ist auch in den Aussprüchen der heiligen Schrift und der Väter wohl begründet. Christus hat ihnen alles, was er vom Vater gehört, als seinen Freunden kund gemacht (Joh. 15, 15). Ihnen vor Allen sind die Verheißungen des heiligen Geistes geben (Joh. 14, 16. 17). Sie haben die Erstlinge des Geistes empfangen (Röm. 8, 23); ihnen war, nach dem Reichthum der ihnen geschenkten Gnade, die Fülle der Weisheit eigen (Eph. 1, 8-11). Sie sind daher im eminenten Sinne das Licht der Welt, indem sie zur Erleuchtung Aller die Fülle des Lichtes von dem, der das absolute Licht selbst ist, empfangen haben. Es ist demnach häretische Anmaßung, die Lehre der Apostel verbessern und eine vollkommenere Gnosis sich zuschreiben zu wollen, als sie besaßen (Iren. c. haer. 3, 1). Wie könnten wir auch vernünftigerweise an dieser hohen und vollkommenen Erkenntniß der Apostel und Evangelisten zweifeln, da sie uns in der heiligen Schrift des N. T. thatsächlich vor Augen liegt? Oder sollten die Apostel selbst ihre Schriften nicht genügend verstanden haben, oder in ihrem mündlichen Unterricht minder erleuchtet gewesen sein, als in ihren Schriften? Wenn wir aber demnach uns wohl hüten müssen, von der gottverliehenen Weisheit der Apostel uns unwürdige und kleinliche Vorstellungen zu machen, so dürfen wir nicht in das andere Extrem fallen und den Aposteln auch bezüglich ihrer scientia acquisita eine Vollkommenheit zuschreiben, die sie der Natur der Sache nach nicht besaßen. Wenn ihnen bezüglich der Substanz aller christlichen Wahrheit eine durchaus richtige, klare und tiefe übernatürliche Erleuchtung eigen war, und wenn sie auch, wie ein Paulus, auf Grund eigenen Studiums und Nachdenkens, ein hohes erworbenes Wissen besaßen, so folgt daraus keineswegs, daß die Apostel eine vollständig entwickelte Erkenntniß aller theologischen Wahrheiten und Fragen, in all’ ihren Begriffsmomenten und Folgerungen, in allen ihren theoretischen und praktischen Anwendungen auf die erst im Laufe der Jahrhunderte hervortretenden Verhältnisse gehabt hätten. Wissen wir ja aus der heiligen Schrift selbst, daß die Lösung der großen praktischen Frage der apostolischen Zeit über die Aufnahme der Heiden in die Kirche nur allmälig durch göttliche Belehrung und kirchliche Berathung herbeigeführt wurde.

Den ganzen Schatz der geoffenbarten Wahrheit zugleich mit deren richtigem Verständniß haben also die Apostel der Kirche, zunächst der lehrenden Kirche übergeben, welche unter dem nie gebrechenden Beistande des heiligen Geistes diesen apostolischen Glaubensschatz in seiner ganzen Integrität und seinem richtigen, ungetrübten Sinne bewahrt alle Tage bis an das Ende der Welt. Insofern ist, wie die in Christus vollendete Offenbarung und die Lehre der Apostel, auch die mit beiden identische Lehre der Kirche nach Inhalt und Sinn allezeit dieselbe, unveränderlich, unwandelbar. Daher ist es kraft der Indefectibilität der Kirche (s. d. Art.) und der Infallibilität ihres Lehramtes unmöglich, daß die Kirche je irgend etwas von der im apostolischen Glaubensdepositum enthaltenen Wahrheit verliere, oder umgekehrt jemals irgend etwas, das im apostolischen Glaubensdepositum nicht enthalten war, als geoffenbarte Wahrheit lehre, oder endlich einer Lehre einen anderen Sinn beilege, als den, welchen Christus und die Apostel damit verbunden haben. Falsch und häretisch sind daher alle Behauptungen, welche mit dieser Wahrheit von der substantiellen Vollkommenheit und Unwandelbarkeit der öffentlichen und authentischen Lehre der katholischen Kirche und des derselben entsprechenden katholischen Glaubens in Widerspruch stehen; insbesondere 1. die Behauptung der alten und späteren Gnostiker, daß der tiefere Sinn der Lehre Christi von den Aposteln nur einem engen Kreise Eingeweihter, nicht aber der Gesammtheit der Gläubigen anvertraut worden sei. Nach Christi Auftrag haben vielmehr die Apostel alles, was er ihnen aufgetragen, allen Völkern mitgetheilt (Matth. 28, 20), öffentlich, vor vielen Zeugen (2 Tim. 2, 2), nichts ihnen vorenthaltend (Apg. 20, 18-24). Das Christenthum ist auch in diesem Sinne schlechthin katholisch. Die disciplinare und pädagogische Arcandisciplin (s. d. Art.) steht hiermit nicht im Widerspruch. 2. Falsch und häretisch ist die Behauptung von einer substantiellen Vervollkommnung des apostolischen Christenthums, mag man sie mit den supranaturalistischen Schwärmersecten auf eine neue und höhere Offenbarung, auf eine neue Ausgießung des heiligen Geistes, oder auf Revelationen von Geistern, wie die alten Montanisten und Manichäer, die mittelalterlichen Fraticellen und Anhänger des ewigen Evangeliums, wie die neuern Swedenborgianer, Mormonen ,Irvingianer, Spiritisten, oder in rein rationalistischer Weise auf den Fortschritt der menschlichen Wissenschaft und Civilisation und auf historische Entwicklung zurückführen. 3. Falsch und häretisch ist ferner die Behauptung, daß die Kirche der apostolischen Lehre jemals irgend welche neue Lehre hinzugefügt; oder daß, wie die Jansenisten und die neuesten Häretiker behaupteten, je zu Zeiten in der Kirche eine allgemeine Verdunkelung von Glaubenswahrheiten oder ihres richtigen Verständnisses eingetreten sei, welche Behauptung ausdrücklich durch die Const. Auctor fidei prop. 1 und vom Vaticanum als häretisch verworfen ist. 4. Falsch und häretisch ist endlich die Behauptung, daß Lehrformulirungen der Kirche nur eine relative Wahrheit hätten, aber nach dem Fortschritte der Wissenschaft modificirt und verbessert werden müßten, wie dieß in unserer Zeit Günther, Frohschammer und Andere lehrten, wogegen Syllab. error. prop. 5 und Vatican. Const. de fide cap. 4, al. 5 und IV, can. 3 gerichtet ist.

III. Die substantielle Unwandelbarkeit der geoffenbarten Wahrheit und ihres richtigen Verständnisses in der Kirche schließt aber eine immer vollkommenere und genauere Erklärung, Entfaltung und Formulirung dieser Wahrheit, sowohl eine authentische und auctoritative durch das kirchliche Lehramt, als eine doctrinelle durch die kirchliche Wissenschaft, nicht aus, sondern nothwendig ein. Denn gerade dadurch schützt die kirchliche Lehrauctorität die im Glaubensdepositum enthaltene Wahrheit und ihren richtigen Sinn, daß sie den Läugnungen und Entstellungen der Irrlehrer gegenüber dieselbe vollständiger und klarer ausspricht und erklärt, schärfer und genauer formulirt. Allein nicht nur der Angriff der Häresien auf die Glaubenswahrheiten nöthiget die Kirche, letztere genauer zu erklären, vollständiger zu entfalten, präciser auszusprechen, sondern auch die erste und wesentliche Aufgabe der Kirche, ihre Glieder immer vollkommener in die Erkenntniß und das Verständniß der göttlichen Wahrheiten und dadurch zu stets größerer Vollkommenheit des christlichen Lebens zu führen, muß sie bestimmen, wie die Institutionen der Kirche, die Formen des Cultus, das christliche Leben zu immer größerer Vollkommenheit zu entwickeln, so auch den unendlichen Schatz des apostolischen Glaubensdepositums immer vollkommener zu entfalten und an’s Licht zu stellen. Und dasselbe ist auch Aufgabe der kirchlichen Wissenschaft. Es ist der Wille Gottes und es ist ein Bedürfniß des nach immer größerer Erkenntniß strebenden Menschengeistes, welches durch die Gnade nicht zerstört, sondern erhöht wird, nach immer vollkommenerer Erkenntniß dessen zu streben, was man glaubt (Col. 1, 9. 10. 2 Petr. 3, 18); besonders aber ist der Vorsteher und Lehrer der Kirche dazu verpflichtet, ut potens sit exhortari in doctrina sana et eos, qui contradicunt, arguere (Tit. 1, 9). Der Glaube hat die Erkenntniß, wie zur Voraussetzung, so zum Ziele, aber die Erkenntniß auf dem übernatürlichen Grunde und in dem übernatürlichen Lichte des Glaubens. Absit, ut ideo credamus, ne ratione accipiamus sive quaeramus, cum etiam credere non possemus, nisi rationales animas haberemus (Augustin. Epist. 120, 3). Sicut rectus ordo exigit, ut profunda fidei christianae credamus, priusquam ea praesumamus ratione discutere: ita negligentiae mihi videtur, si postquam confirmati sumus in fide, non studemus, quod credimus, intelligere (Anselm. Cur Deus homo 1, 2). Ebenso Thomas, indem er das Streben nach Erkenntniß der göttlichen Wahrheit als Frucht der Liebe Gottes bezeichnet: Cum perfectio hominis consistat in conjunctione ad Deum, oportet, ut homo ex omnibus, quae in ipso sunt, quantum potest, ad divina innitatur et inducatur, ut intellectus contemplationi et ratio inquisitioni divinorum vacet (Sup. Boët. de Trin. q. 2, a. 1). Diesen wahren und rechtmäßigen dogmatischen Fortschritt in der kirchlichen Entfaltung und Formulirung und der wissenschaftlichen Ergründung und Erfassung der Glaubenswahrheit zu läugnen, ist ebenso falsch und häretisch, als einen falschen Fortschritt, der eine Veränderung des Inhaltes und Sinnes der Dogmen in sich schließt, zu behaupten. Weit entfernt, daß der wahre und rechtmäßige dogmatische Fortschritt mit der wahren Unwandelbarkeit des Inhaltes und des Sinnes der Glaubenslehre in Widerspruch stehe, sind beide mit einander unauflöslich verbunden und bedingen einander gegenseitig, wie bereits oben angedeutet und hier noch etwas näher erklärt werden soll. Die apostolische Glaubenslehre ist unwandelbar, weil sie die vollendete göttliche Offenbarung und somit die höchste Wahrheit in sich schießt, welche der menschliche Geist unter dem Beistand der göttlichen Gnade hier auf Erden zu erkennen fähig und berufen ist. Ein Fortschritt über diese Wahrheit hinaus ist daher unmöglich; er kann nicht ein Fortschritt in der Wahrheit, sondern nur ein Abfall von der Wahrheit und ein Versinken in Unwissenheit und Irrthum sein. Aber eben deßhalb, weil die von den Aposteln der Kirche übergebene Glaubenslehre die göttliche Offenbarungswahrheit in ihrer ganzen Fülle enthält, kann sie der menschliche Geist, wie sehr er von der Gnade erleuchtet sei, nicht so allseitig und tief erfassen, daß er nicht dieselbe immer vollkommener und tiefer erfassen könnte und sollte. Daher ist sowohl bei den Einzelnen als bei der Gesammtheit ein steter Fortschritt in der Erkenntniß und dem Verständnisse dieser in sich absolut vollkommenen und unwandelbaren Wahrheit möglich und nach Gottes Willen und der Menschen Bedürfniß nothwendig. Daß aber dieser Fortschritt ein Fortschritt in der Wahrheit ist und nimmer eine Veränderung in sich schließt, ist uns dadurch verbürgt, daß die Kirche durch den Beistand des heiligen Geistes stets das richtige Verständniß dieser Wahrheit besitzt und weder in ihren definitiven Lehrentscheidungen noch in ihrer allgemeinen und constanten Lehrverkündigung von der Lehre und dem Sinne Christi und seiner Apostel abirren kann. Gerade durch diese stets fortschreitende Entfaltung und Erklärung des unwandelbaren Inhaltes und Sinnes des apostolischen Glaubensdepositums wird dasselbe unversehrt erhalten und gegen alle Läugnungen, Entstellungen und falschen Auslegungen der Irrlehrer vertheidigt und geschützt. Daher sind auch die Behauptung eines falschen und die Läugnung des wahren dogmatischen Fortschrittes, obwohl sie einander extrem entgegengesetzt zu sein scheinen, in der That innigst verbunden und nur zwei Seiten desselben Irrthums. Fast alle Häretiker haben ihre Abweichung von der das apostolische Glaubensdepositum treu bewahrenden und richtig erklärenden Kirchenlehre dadurch zu rechtfertigen gesucht, daß sie behaupteten, die Kirche sei von der ursprünglichen Lehre abgewichen, bei ihnen dagegen werde die alte ursprüngliche Lehre gefunden, wie dieselbe, sei es in der heiligen Schrift, sei es in der alten Überlieferung, enthalten sei, indem sie beide nach ihrem Sinne auslegen und ihre neue Lehre und ihren neuen Sinn unter willkürlich gedeuteten Ausdrücken der Bibel oder alter Väter und Concilien verbergen.

IV. Die wahre Lehrentwicklung, wie sie in der Kirche stattfindet, ist also in keiner Weise eine Veränderung der ursprünglich im Glaubensdepositum enthaltenen Wahrheit, sei es durch Mehrung oder Minderung ihres Inhaltes, sei es durch Änderung ihres ursprünglichen Sinnes; sondern sie besteht darin, daß der Inhalt und Sinn des Glaubensdepositums von uns Menschen allseitiger, genauer, klarer und tiefer erkannt wird. Nicht also die geoffenbarte und von der Kirche von Anfang an proponirte Wahrheit selber, auch nicht unser Glaube, der vermöge seines Formalprincips stets alles umfaßt, was Gott geoffenbart hat und durch die Kirche zu glauben vorstellt, sondern unsere Erkenntniß dieser Wahrheit wird vervollkommnet und schreitet fort. Die erste Aufgabe sowohl der lehrenden Kirche als der Theologie ist daher nach des Apostels Vorschrift (1 Tim. 6, 20), das Depositum des Glaubens unversehrt zu bewahren, wie Vincenz von Lerin als treuer Zeuge und Ausleger der katholischen Überlieferung sagt: Depositum, inquit (Apostolus), custodi. Quid est depositum? Id est quod tibi creditum est, non quod a te inventum; quod accepisti, non quod excogitasti; rem non ingenii, sed doctrinae; non usurpationis privatae, sed publicae traditionis; rem ad te perductam, non a te prolatam; in qua non auctor debes esse, sed custos; non institutor, sed sectator; non ducens, sed sequens. Depositum, inquit, custodi; catholicae fidei talentum inviolatum illibatumque conserva. Aurum accepisti, aurum redde (Commonit. 22). Ihre zweite Pflicht aber ist, dieses kostbare Depositum immer vollkommener zu erfassen, zu erklären und zum Verständnisse der Gläubigen zu bringen. Daher fährt der Lerinenser fort: O Timothee, o Sacerdos, o Tractator, o Doctor, si te divinum munus idoneum fecerit, ingenio, exercitatione, doctrina esto spiritalis tabernaculi Beseleel, pretiosas divini dogmatis gemmas exsculpe, fideliter coapta, exorna sapienter, adiice splendorem, gratiam, venustatem. Intelligatur te exponente illustrius, quod ante obscurius credebatur. Per te posteritas intellectum gratuletur, quod ante vetustas non intellectum venerabatur. Eadem tamen, quae didicisti, doce, ut, cum dicas nove, non dicas nova. Gerade dieses Festhalten an der ursprünglichen Wahrheit ist die Grundbedingung ihrer fortschreitenden Erkenntniß: denn alle Wahrheit und Gewißheit der theologischen Erkenntniß beruht auf dem Glauben. Dadurch unterscheidet sich der wahre Fortschritt von dem falschen oder der Veränderung. Habeatur (profectus) plane et maximus … Sed ita tamen, ut vere ille profectus sit fidei. Si quidem ad profectum pertinet, ut in semetipsa unaquaeque res amplificetur; ad permutationem vero, ut aliquid ex alio in aliud transferatur. Crescat igitur oportet, et multum vehementerque proficiat, tam unius hominis, quam totius Ecclesiae, aetatum et saeculorum gradibus, intelligentia, scientia, sapientia, sed in suo duntaxat genere, in eodem scilicet dogmate, eodem sensu, eademque sententia (Common. 23).

V. Nach dem Bisherigen ist eine doppelte Lehrentwicklung in der Kirche zu unterscheiden: die kirchlich-auctoritative und die theologisch-wissenschaftliche. Beide sind wesentlich verschieden, aber innigst verbunden, und es kommt Alles darauf an, das richtige Verhältniß zwischen beiden festzuhalten. Nur dem von Christus eingesetzten Lehramte, dem Papste und in Unterordnung unter ihn und in Einheit mit ihm dem katholischen Episcopate, ist mit dem Glaubensdepositum und mit der Gabe der lehramtlichen Unfehlbarkeit die authentische Erklärung desselben vom Stifter der Kirche anvertraut. Daher beruht, wie der unwandelbare Fortbestand, so auch die unfehlbar richtige Erklärung und Explication des apostolischen Glaubensdepositums auf der unfehlbaren Auctorität der lehrenden Kirche. Von dieser allein auctoritativen und unfehlbaren Erklärung und Entwicklung der Glaubenslehre verschieden ist jene Lehrentwicklung, welche sich sowohl durch den Glauben der hörenden Kirche, als durch die theologische Wissenschaft, insbesondere der heiligen Väter (s. d. Art. Kirchenväter) und Lehrer (s. d. Art. Kirchenlehrer) der Kirche und ihrer als rechtgläubig anerkannten und angesehenen Theologen vollzieht. Es ist klar, daß diese Lehrentwicklung der kirchlichen Lehrgewalt schlechthin untergeordnet und von ihr abhängig ist. Denn der kirchlichen Auctorität und ihr allein steht das unfehlbare Urtheil darüber zu, was wirklich frommer Glaube des christlichen Volkes, und ob und inwieweit derselbe in der göttlichen Offenbarung und der Lehre der Kirche begründet ist; ebenso hat allein das kirchliche Lehramt die höchste und unfehlbare Entscheidung darüber, ob und inwieferne die Lehren der Väter und Theologen in Schrift und Überlieferung begründet und mit der Lehre und dem Glauben der Kirche in Einklang sind. Nicht die theologische Wissenschaft hat über die Kirche, sondern die Kirche über die theologische Wissenschaft zu richten; nicht den Vätern und Theologen – wie groß sie auch seien – entlehnt die Kirche ihre Auctorität, sondern umgekehrt haben Väter und Theologen nur soweit eine Auctorität, als die Kirche sie als treue und zuverlässige Zeugen und Interpreten ihrer Lehren und ihres Geistes anerkennt. Deßhalb hat die patristische und theologische Lehrentwicklung nur insoweit Wahrheit und Zuverlässigkeit, als sie sich an die auctoritative kirchliche Lehrentwicklung treu anschließt und von der Kirche anerkannt und bestätigt ist. Wenn aber die höchste und unfehlbare Entscheidung in Glaubenssachen und somit auch die dogmatisch bindende Lehrentwicklung nur der lehrenden Kirche zusteht, so hat doch auch, wie der Glaube des christlichen Volkes, so in noch höherem Maße die Doctrin der Väter und Theologen eine wesentliche Bedeutung für die Lehrentwicklung und die Lehrentscheidungen der Kirche. Da nämlich die Kirche nicht durch Inspiration, sondern durch Assistenz unfehlbar ist, so muß sie dieselben Mittel, Erforschung der heiligen Schrift und der Quellen der Tradition und das richtige theologische Denken, anwenden, welche auch den Theologen bei seiner Erforschung und Erklärung der Glaubenslehre leiten müssen. Nur der Unterschied ist, daß die lehrende Kirche in der Übung ihrer Alle zum Gehorsame des Glaubens verpflichtenden Lehr- und Richterthätigkeit mit der göttlichen Auctorität ausgerüstet und durch Gottes Beistand unfehlbar ist, was keinem Lehrer und Theologen als solchem zukommt. Daher sind die Väter und Theologen der Kirche, wie der wichtigste Factor der theologischen Lehrentwicklung, so auch das wichtigste Hilfsmittel, um die auctoritativen Lehrentscheidungen der Kirche vorzubereiten. Das Nämliche gilt verhältnißmäßig auch von dem stets auf die allgemeine Lehre ihrer Hirten sich stützenden frommen Glauben des christlichen Volkes.

VI. Betrachten wir nun etwas näher, wie alle in der bisher geschilderten Lehrentwicklung an’s Licht tretenden einzelnen dogmatischen Wahrheiten in dem apostolischen Glaubensdepositum enthalten waren, und in welcher Weise deren Explication stattfand und fort und fort sich vollzieht. Die Apostel haben die ganze Fülle der geoffenbarten Wahrheit in verschiedener Form und Weise der Kirche übergeben: schriftlich in den Schriften des Alten Testamentes, welche sie nach Christi Lehre und Beispiel als Wort Gottes anerkannten und gebrauchten, und in den von ihnen selbst, resp. von ihren Schülern verfaßten Schriften des Neuen Testamentes. Sodann und vorzüglich überlieferten sie der Kirche die geoffenbarte Wahrheit durch den mündlichen Unterricht, den sie allem Volke, mit besonderer Vollständigkeit und Genauigkeit aber denen ertheilten, welche sie als Hirten und Lehrer der Kirche einsetzten. Endlich haben sie die christliche Wahrheit durch die thatsächliche Organisation der Kirche und ihres Cultus in Verbindung mit dem entsprechenden Unterrichte überliefert, indem Petrus seinen Primat übte und seinen Nachfolgern hinterließ, indem die Apostel Bischöfe, Priester, Diaconen weihten und einsetzten, indem sie das Opfer des neuen Bundes feierten, die Sacramente spendeten und die Grundzüge der Liturgie, theils nach Christi ausdrücklicher Anordnung, theils kraft ihrer außerordentlichen apostolischen und ordentlichen kirchlichen Gewalt festsetzten. Ganz in derselben Weise hat die Kirche die göttlich-apostolische zugleich mit der kirchlich-apostolischen Überlieferung bewahrt und nach Bedürfniß entwickelt. In solcher Weise wurde die ganze Substanz der göttlichen Wahrheit von den Aposteln der Kirche übergeben und von dieser in unwandelbarer Treue überliefert. Die nähere Entfaltung und Erklärung derselben hing aber unter Gottes Leitung von den verschiedenen Umständen ab. Aus den Schriften der Apostel und Evangelisten sehen wir, daß dieselben, je nach der ihnen von Gott verliehenen Gabe und den Bedürfnissen des Ortes und der Zeit, dieselbe Wahrheit in verschiedener Weise explicirten, entweder mehr für Juden- oder mehr für Heidenchristen, bald in einfacherer, bald in tieferer Weise; daß sie bald diesen, bald jenen Lehrpunkt behandelten, je nachdem entgegenstehende Irrthümer, oder das Bedürfniß derer, für welche sie zunächst schrieben, es erforderten. So hielten es die Apostel und ihre Gehilfen und Nachfolger auch mit dem mündlichen Unterrichte. Diejenigen Grundwahrheiten der Glaubenslehre, welche Allen zum Heile nothwendig sind, wurden auch im populären Unterrichte Allen gelehrt und bereits im apostolischen Glaubensbekenntniß (s. d. Art.) kurz zusammengefaßt. Ebenso empfingen die Katechumenen und Gläubigen in dem vorbereitenden und spätern Unterrichte die nothwendigen Unterweisungen über Cultus und Sacramente und die damit zusammenhängenden christlichen Geheimnisse. Ein entwickelterer und gründlicherer Unterricht wurde dem Clerus zu Theil, wie dieß in der Natur der Sache liegt, und wie es schon aus den apostolischen Briefen zu ersehen ist. So blieb es immer in der Kirche. Besonders begabte und begnadigte Lehrer drangen tiefer ein und trugen die Lehren der Wahrheit genauer und gründlicher vor. An den großen Kirchen, wo ein zahlreicher Clerus, eine gebildetere Zuhörerschaft, gelehrte Schüler waren, entwickelte sich ein gründlicheres theologisches Studium und ein vollkommenerer Lehrvortrag, als an Orten, wo diese Bedingungen und Bedürfnisse fehlten. Ganz besonders aber nöthigten auf der einen Seite die Angriffe der Ungläubigen und einer ungläubigen Wissenschaft, auf der andern Seite falsche Lehren der Häretiker dazu, daß die Lehrer und Schriftsteller der Kirche die angegriffenen Wahrheiten allseitiger entwickelten und begründeten, und daß die Kirche selbst die Irrthümer verwarf, die bedrohten Wahrheiten aber scharf und präcis aussprach, während die nicht angegriffenen Lehrstücke in der frühern einfachern Weise gelehrt und in den Schriften und Lehrvorträgen weniger erwähnt wurden. In dem Maße, als den Lehrentscheidungen und Glaubensformulirungen der Kirche entsprechend auch der öffentliche Unterricht sich entfaltete, entfaltete sich auch materialiter die Erkenntniß und der explicirte Glaube des Volkes. Diese Explication der Glaubenslehre kann aber, nach der Lehre der Theologen, der Natur der Sache und dem Ausweise der Geschichte, in verschiedener Weise geschehen. Es kann die Kirche eine bereits früher und von Anfang an ausdrücklich gelehrte und geglaubte Wahrheit den Angriffen und Täuschungen der Häretiker gegenüber in schärfere Begriffe und Wortformeln fassen. Die absolute numerische Einheit Gottes und der relative Unterschied der drei Personen war von Anfang an ausdrückliche Lehre der Apostel und der Kirche, und das nicänische Glaubensbekenntniß ist nur eine schärfere Formulirung dieser Lehre den Arianern gegenüber. Dasselbe gilt von den Formulirungen des Ephesinums und des Chalcedonense bezüglich des uranfänglichen Glaubensartikels, daß die zweite Person der Gottheit wahrhaft Mensch geworden und somit wahrhaft Gott ist ihrer göttlichen Natur und Persönlichkeit nach, und wahrhaft Mensch nach ihrer menschlichen Natur. Es können aber auch Wahrheiten, die früher nicht ausdrücklich, sondern nur einschlußweise gelehrt wurden, von der Kirche später ausdrücklich gelehrt und zu glauben vorgeschrieben werden, und somit kann eine Entfaltung, Explication im engeren Sinne stattfinden. Es sind z. B. alle gegen die Pelagianer und Semipelagianer bezüglich der Gnade ausgesprochenen Lehrbestimmungen nur Explicationen der Einen Wahrheit, daß alles Heilsame schlechthin die Gnade zum Princip hat. Eine andere und besonders wichtige Weise der Explication ist die logisch richtige Folgerung aus einem dogmatisch feststehenden Princip; so folgt aus der geoffenbarten Wahrheit, daß die heilige Eucharistie nicht Brod und Wein, sondern der Leib und das Blut Jesu Christi ist, die Transsubstantiation. Ferner kann die Kirche, was bisher nur durch die thatsächliche kirchliche Übung überliefert war, als eine förmliche Lehre aussprechen, wie z. B. die Gültigkeit und Erlaubtheit der Kindertaufe und der Ketzertaufe.

VII. Daß die im Bisherigen geschilderte dogmatische Entwicklung nothwendig und nützlich ist, bedarf keines Nachweises. Sie ist nothwendig zum Schutze des Glaubensdepositums, welches nur dadurch gegen Irrthum und Verfälschung geschützt werden kann, daß es den stets neu sich erhebenden Irrthümern und Angriffen gegenüber durch das kirchliche Lehramt auf’s Neue und genauer declarirt und explicirt werde. Sie ist nützlich, indem durch die stets vollkommenere Entfaltung der Dogmen die Wahrheit und Schönheit des Christenthums heller erglänzt und entsprechend die christliche Erkenntniß, die heilige Wissenschaft und das fromme Leben gefördert werden. Nichts kann daher der Natur und dem Geiste der Wahrheit mehr widersprechen, als die Meinung, daß dem Christenthume und der christlichen Wissenschaft um so mehr gedient sei, je weniger die christliche Wahrheit kirchlich formulirt und ein je größerer Spielraum der subjectiven Willkür gegeben sei. Aus Unglauben und Kleinglauben entsprungen, kann solche Geistesrichtung nur zu immer größerer Auflösung und Verflüchtigung der christlichen und zuletzt aller Wahrheit führen. Auf der andern Seite verfährt die Kirche bei ihren dogmatischen Entscheidungen mit weiser Vorsicht. Wo es gilt, die Kirche vor Häresie zu schützen, und wo es das Wohl der kirchlichen Gesammtheit fordert, zögert sie nicht, durch ihre Lehrentscheidungen dem Irrthum entgegenzutreten und die heilsame Wahrheit zu verkündigen. Wo aber diese Nothwendigkeit nicht vorhanden ist, pflegt sie keine Entscheidungen eintreten zu lassen. So gestattet sie nicht nur oft längere Zeit die freie Discussion unentschiedener Fragen, sondern duldet selbst eine Zeit lang irrige Meinungen, obwohl sie dieselben mißbilligt, theils aus Nachsicht und um größere Übel zu verhüten, theils und vorzüglich, um den Irrenden zur Besinnung, der kirchlichen Wissenschaft zur gründlichen Erörterung der betreffenden Fragen Zeit zu lassen und dadurch die Entscheidung derselben um so vollkommener vorzubereiten. So hat die Kirche z. B. im Alterthum den Irrthum der Millenarier geduldet, bis er von selbst verschwand, und hat in den neueren Zeiten die Controversen über die unbefleckte Empfängniß Mariä und die Unfehlbarkeit des Papstes lange Zeit bestehen lassen, bevor sie ihre definitive Entscheidung fällte. Hier ist es jedoch nothwendig, einen leider mitunter zu wenig beachteten wesentlichen Unterschied hervorzuheben. Es gibt Controversen, welche die Substanz des Glaubens und die praktischen Interessen der Kirche und der Frömmigkeit berühren. In solchen Fragen hat die Kirche zwar mitunter aus wichtigen Gründen die definitive Entscheidung aufgeschoben, nie aber hat sie es unterlassen, der irrigen Meinung ihre Mißbilligung, der wahren Lehre ihre Billigung in mannigfaltiger und stets wachsender Weise zu erkennen zu geben. So war es gerade bezüglich der Controverse über die unbefleckte Empfängniß (s. d. Art.) und noch mehr in der Streitfrage über das höchste und unfehlbare Lehr- und Richteramt des Papstes (s. d. Art.) der Fall. Praktisch und durch die klare Lehre der römischen Kirche und die sententia communis der Theologen war diese Wahrheit stets anerkannt; der ältere wie der neuere Gallicanismus war, wenn auch die Kirche auf dem Tridentinum keine förmliche Lehrentscheidung fällte und später Bossuet’s schonte, stets von der Kirche entschieden mißbilligt, die wahre Lehre klar genug wie durch die Thätigkeit des ordentlichen Lehramtes, so durch eine Reihe ausdrücklicher Censuren geschützt. Von einer andern Natur sind solche Controversen, die nicht sowohl die Substanz eines Dogma’s als vielmehr dessen speculative Erklärung betreffen, und mit denen keine praktischen Gefahren verknüpft sind. Hier gestattet die Kirche oft lange Zeit, ohne weder die eine noch die andere Meinung zu mißbilligen, Freiheit der Discussion, wie in den Controversen über die Wirksamkeit der Gnade und in so manchen anderen Streitfragen der Fall ist. Nur Eines fordert sie hier: daß beide Theile mit Redlichkeit nach Wahrheit streben, die gegenseitige Liebe nicht verletzen und stets bereit sind, der Entscheidung der Kirche sich zu unterwerfen. – Wenn die Kirche eine besondere Führung der göttlichen Providenz genießt, so ist es vor Allem in den Dingen der Fall, welche sich auf den Glauben beziehen. Wir haben daher nicht nur die Gewißheit, daß die Kirche in ihren dogmatischen Lehrentscheidungen nicht irren kann, sondern auch, daß, wenn sie eine Lehrentscheidung trifft, sie es zur rechten Zeit und nach den Absichten der sie führenden göttlichen Vorsehung thut.

VIII. Die im Laufe der Zeiten sich vollziehende, sowohl doctrinelle als kirchlich-auctoritative Lehrentwicklung im Gegensatze zu den betreffenden Irrlehren und Irrthümern wissenschaftlich darzustellen, ist Aufgabe der Dogmengeschichte. Dieselbe wird in dem Maße ihre Aufgabe lösen, als sie mit theologischer Correctheit und Tiefe eine allseitig richtige und genaue Darstellung der betreffenden geschichtlichen Thatsachen verbindet. Das letztere mit der dogmatischen Wahrheit je in Widersprüchen stehen, ist unmöglich; wohl aber darf der Dogmenhistoriker nimmer vergessen, daß zwar die historische Wissenschaft, nimmer aber die Kirche in Sachen des Glaubens irren kann. Eine solche Dogmengeschichte ist nur auf katholischem Boden möglich. Der protestantische Dogmenhistoriker wird, wie Tüchtiges er im Einzelnen leisten mag, im Ganzen, wenn er auf dem alt-orthodoxen Boden steht, nicht umhin können, die Principien von der sola scriptura und der sola fides, in Widerspruch mit den katholischen Principien und mit den Thatsachen der Geschichte, zur Geltung bringen. Steht aber ein Dogmenhistoriker auf dem Boden des rationalistischen Unglaubens, so ist ihm die Geschichte der kirchlichen Dogmen, gerade so wie die der häretischen Meinungen, nur eine Geschichte menschlicher Meinungen. Das Endziel, wonach eine solche Auffassung der Dogmengeschichte strebt, ist, die Auflösung der Dogmen in der Vernunftreligion, oder, wie seiner Zeit Strauß in seiner Dogmatik es erstrebte, in der Absurdität und endlich im vollen Unglauben, nachzuweisen. Die Dogmengeschichte ist eine neuere Disciplin. Die Alten haben diesen Gegenstand nur theilweise in der Geschichte der Häresien behandelt; so Irenäus in seinen fünf Büchern von den Häresien, Hippolyt oder wer sonst der Verfasser ist, in den Philosophumenen, Epiphanius in seinem Panarium, Theodoret in seiner Αἱρετικῆς κακομυϑίας ἐπιτομή, Johannes von Damascus De haeresibus, Augustinus De haeresibus u. s. w. Aus der spätern Zeit ist besonders werthvoll der zweite Band der Veritas religionis christianae von Cardinal Gotti. Die öfters als Dogmengeschichten bezeichneten Werke von Petavius und Thomassin sind nicht eigentliche Dogmengeschichten, sondern, wie auch die Verfasser es bezeichnen, dogmatisch-theologische Werke. Von neuern katholischen Dogmenhistorikern sind besonders hervorzuheben: Klee, Dogmengesch., 2 Bde., Mainz 1837; Schwane, Dogmengesch. der vornicänischen Zeit, Münster 1862; der patristischen Zeit, 1869; der mittleren Zeit, 1882; Zobl, Dogmengeschichte, Innsbr. 1865; Ginoulhiac, Histoire du dogme chrétien dans le trois premiers siècles de l’Église, 2e éd., 3 vols., Paris 1865; Bach, Dogmengeschichte des M.-A., 2 Theile, Wien 1874-1875; Newman, Essay on the Development of Christian Doctrine, Lond. 1878. Unter den Protestanten verschiedenster Richtungen sind zu nennen: Walch, Ketzerhistorie; Münscher, Handbuch der christl. Dogmengeschichte, Marburg 1802, Cassel 1832, fortgesetzt von Neudecker, Cassel 1838; Augusti, Lehrbuch der christl. Dogmengesch., 2. Ausg., Leipzig 1811; Baumgarten-Crusius Lehrbuch der christl. Dogmengesch., Jena 1831; Engelhardt, Dogmengesch., 2 Theile, Neustadt a. A. 1839; Hagenbach, Lehrb. der Dogmengesch., 2 Theile, Leipzig 1840 bis 1841; Baur, Lehrb. der christl. Dogmengesch., Stuttgart 1847; Beck, Christl. Dogmengesch., Weimar 1848; Marheineke, Christl. Dogmengesch., Berlin 1849; Noack, Christl. Dogmengesch., Erlangen 1853; Gieseler, Kirchengesch. VI, Bonn 1855; Neander, Theol. Vorlesungen I u. II, Berlin 1856-1857; Nitzsch, Grundriß der christlichen Dogmengeschichte, Berlin 1870.

[Heinrich.]


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