Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Dominus vobiscum (Der Herr sei mit euch) mit der Antwort Et cum spiritu tuo (Und mit deinem Geiste) ist eine in der Liturgie sehr häufig vorkommende Formel, welche zur gegenseitigen Begrüßung und Anwünschung des göttlichen Segens dient. Die Worte Dominus vobiscum sind der heiligen Schrift (Ruth 2, 4. 2 Par. 15, 2) entnommen; die Erwiederung Et cum spiritu tuo ist fast wörtlich biblischen Segenssprüchen (2 Tim. 4, 22. Gal. 6, 18. Phil. 4, 23) nachgebildet. Dieser Wechselgruß ist in den gottesdienstlichen Versammlungen des Abendlandes seit den ältesten Zeiten, vielleicht schon von den Tagen der Apostel an, allgemein gebräuchlich, wie die Synode von Braga (561) ausdrücklich hervorhebt. Die frühzeitige Aufnahme und die häufige Anwendung dieser liturgischen Formel ist vorzüglich in dem reichen und tiefen Inhalt derselben begründet. Dieselbe umfaßt nämlich alles Gute, das die Kirche durch den Mund des Priesters ihren Kindern wünschen kann. Wo der Herr einkehrt, da kommt er mit all’ seinen himmlischen Gütern – mit seiner Huld und Liebe, mit seiner Wahrheit und Gnade, mit seinem Schutz und Beistand, mit seinem Segen und Frieden. Der Priester (resp. der Bischof oder Diacon) wünscht und bittet also kraft seines (priesterlichen) Amtes mit den Worten Dominus vobiscum, daß der Herr diejenigen, an welche sie gerichtet werden, besonders segnen und begnadigen, beschützen und beschirmen, erleuchten und stärken wolle. Diese allgemeine Bedeutung wird dann im Einzelnen modificirt ja nach dem Zusammenhang, in dem die Formel gesprochen wird; denn der Zweck, zu dem die Gegenwart und Assistenz des Herrn angewünscht wird, kann ein verschiedener sein, z. B. die andächtige Verrichtung des Gebetes, die gläubige Erfassung und das wahre Verständniß des Wortes Gottes, die fromme Feier des eucharistischen Opfers, das Wachsthum und Beharren in der göttlichen Liebe und in der Ausübung aller andern Tugenden. In der heiligen Messe wird dieser Wechselgruß achtmal wiederholt: viermal (vor der Collecte, vor dem Offertorium, vor und nach der Postcommunio) wendet sich der Priester dabei, die Hände ausbreitend und wieder faltend, gegen das hinter ihm stehende Volk, viermal (während des Staffelgebets, vor dem Evangelium, vor der Präfation und vor dem letzten Evangelium) ist dieß nicht leicht thunlich und unterbleibt deßhalb. Die öftere Wiederholung dieses Segenswunsches ist bei der eucharistischen Opferfeier ganz am Platze, da der zu derselben erforderliche Gnadenbeistand von Gott nur durch ernstliches, inständiges und anhaltendes Bitten erlangt wird. Auch dient derselbe dazu, die Verbindung und den geistigen Verkehr zwischen dem opfernden Priester und dem mitopfernden Volke stets rege und lebendig zu erhalten. In den kirchlichen Tagzeiten werden die Orationen mit dieser Grußformel eingeleitet und geschlossen, wenn der recitirende Cleriker wenigstens die Diaconatsweihe empfangen hat (der Subdiacon sagt dafür Domine, exaudi orationem meam). Coram exposito ist vor der Oration das Dominus vobiscum wegzulassen, wofern unmittelbar darauf mit dem Allerheiligsten der Segen gegeben wird. Der Grund dieser Rubrik liegt nach Gardellini (Comment. in Instruct. Clement. § 31, n. 6. 10) darin, daß dieser Segen eine realis et validior deprecatio, quod Dominus sit cum adstantibus quam ea, quae per vocem exprimitur, ist (S. R. C. 16. Jun. 1663 in una Granat. ad 7. et 3. Mart. 1761 in una Aquen. ad 7). In den ersten Zeiten hatten die Altäre meist eine solche Stellung, daß der fungirende Priester dem Volke stets das Gesicht zuwendete, mithin nicht nöthig hatte, beim Dominus vobiscum sich umzukehren. Daher mag es kommen, daß im ambrosianischen und mozarabischen Ritus der Celebrant beim Aussprechen dieses Grußes sich niemals zum Volke wendet. In der mozarabischen Liturgie lautet die Formel stets Dominus sit semper vobiscum. Die griechischen Liturgien haben statt obiger Formel stets den Gruß εἰρήνη πᾶσιν (Friede Allen), worauf das Volk antwortet: Und mit deinem Geiste. Im Abendlande ist es eine Auszeichnung und ein Vorrecht der Bischöfe, vor der Collecte (aber nur in denjenigen Messe, welche das Gloria in excelsis haben) den biblischen Gruß Pax vobis sprechen zu dürfen. Diese Anordnung hängt offenbar mit der Thatsache zusammen, daß etwa bis zum elften oder zwölften Jahrhundert die Bischöfe allein an allen Sonn- und Festtagen (die Priester dagegen nur am Osterfeste) den Hymnus angelicus recitiren durften, worin den Menschen der Friede (pax hominibus bonae voluntatis) verkündet wird. Auch sprach der Heiland diesen Gruß öfters zu den Aposteln (Joh. 20, 19. Luc. 24, 36) und verlieh ihm somit eine gewisse Weihe. Der Gebrauch dieses Grußes durch die Bischöfe soll darum auch andeuten, daß dieselben in vollkommenerem Sinne Repräsentanten und Stellvertreter Jesu Christi seien und eine größere Segensmacht besitzen, als die einfachen Priester. Sachlich ist das Pax vobis, die Anwünschung des Friedens, die in den orientalischen Liturgien so scharf hervortritt, in dem Dominus vorbiscum mit enthalten; denn wo der Herr ist, da ist auch sein Friede. (Vgl. S. Petr. Damiani, Liber qui appellatur Dominus vobiscum; Angelus Rocca, De salutatione sacerdotis in Missa et in divinis Officiis I, 236 sqq.)

[Gihr.]


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