Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Eckhart (Eccard, Eckard), der Meister, O. Pr., ist der gefeiertste der deutschen Mystiker am Ende des 13. und am Anfang des 14. Jahrhunderts. Sein Geburtsjahr ist etwa 1250 bis 1260 anzusetzen. Ob er aus Straßburg gebürtig oder aus Thüringen, steht ebenfalls nicht völlig fest, letzteres ist wahrscheinlicher (Preger, Zeitschr. für histor. Theologie XXXIX, 49–79; A. Jundt, Histoire du panthéisme populaire au moyen-âge, Paris 1875). Über seine Studien liegen nur Conjecturen vor, doch läßt sich mit Sicherheit annehmen, daß er, dem Predigerorden beigetreten, den regelmäßigen Studiencurs der scholastischen Philosophie und Theologie absolvirt hat, und zwar in der höchsten Blütezeit derselben, unter dem noch fast unmittelbaren Einfluß Alberts d. Gr. und des hl. Thomas von Aquin. Um 1298 war er Prior des Dominicanerklosters in Erfurt, gleichzeitig und vielleicht noch länger Provinzialvicar des Ordens für Thüringen. Wahrscheinlich als Professor für die Universität zu Paris in Aussicht genommen, begann er im Herbst 1300 daselbst Vorlesungen zu halten, ward aber 1303 von dem Capitel der Ordensprovinz Sachsen zum Provinzial ernannt, nach vierjähriger Amtsdauer abermals auf vier Jahre bestätigt und 1307 vom Generalmagister des Ordens als Provinzialvicar mit der Leitung der Klöster in Böhmen betraut. Dann scheint das Vorhaben wieder aufgetaucht zu sein, ihm eine der bedeutenden Professuren in Paris zuzutheilen. Er kehrte 1311 dahin zurück, nahm seine Vorlesungen und weitern Studien wieder auf und erhielt die Magisterwürde der Theologie. Schon im folgenden Jahre wurde er als Lehrer der Theologie nach Straßburg, 1317 als Prior nach Frankfurt versetzt. In seinen Predigten und Vorträgen mehr Mystiker als Dogmatiker, in seiner Mystik hinwieder mehr zu hohen theosophischen und spiritualistischen Betrachtungen als zur praktischen Ascese und schlichten Heiligung des gewöhnlichen Lebens hinneigend, in Sprache und Ausdruck öfters theologisch ungenau und überschwänglich, scheint er schon in Straßburg nicht ganz unbehelligt von den Maßregeln geblieben zu sein, welche der dortige Beischof 1317 gegen die Begharden zu ergreifen sich gezwungen sah, obwohl er selbst zu dieser Secte nicht in Beziehung stand. Zu Frankfurt wurde er 1320 de malis familiaritatibus et suspectis (d. h. nach Denifle’s Erklärung, nicht wegen Freundschaft mit Ketzern, sondern wegen gefährlichen Umgangs mit Frauen) angeklagt und im Auftrage des Generalmagisters von den Prioren von Mainz und Worms zur Rechenschaft gezogen. Es muß mit dem Grunde zur Klage nicht viel auf sich gehabt haben, da Eckhart jetzt als lesemeister (d. h. erster Professor) in Köln angestellt wurde. Hier brachte er die letzten Jahre seines Lebens zu, wurde aber seiner Lehre halber in ernste Schwierigkeiten verwickelt. Nachdem nämlich auf dem Generalcapitel des Ordens zu Venedig 1325 die Klage laut geworden war, daß deutsche Ordensbrüder in ihren Predigten gefährliche und anstößige Lehren vortrügen, betraute Papst Johann XXII. den Fr. Nicolaus von Straßburg mit der Untersuchung dieser angelegenheit. Derselbe prüfte im folgenden Jahre Eckharts Schriften und sprach ihn von jedem Vorwurfe frei. Dieß befriedigte jedoch den Erzbischof Heinrich von Köln nicht, welcher im Januar 1327 die Angelegenheit vor sein eigenes Forum zog und den Fr. Nicolaus mit in die Klage verwickelte. Beide bestritten die Competenz des Erzbischofs und appellirten an den Papst; Eckhart aber wiederrief am 13. Februar in der Predigerkirche zu Köln feierlich und bedingungslos alle etwaigen Irrthümer, welche in seinen Schriften angetroffen werden möchten, versprach vollständige Correctur und unterwarf sich ebenso bedingungslos dem Urtheil des apostolischen Stuhles (quapropter si quid errorum repertum fuerit in praemissis scriptum per me, dictum vel praedicatum, palam vel occulte, ubicunque locorum vel temporum, directe vel indirecte, ex intellectu minus sano vel reprobo, expresse hic revoco publice coram vobis universis et singulis in praesentiarum constitutis, quia id pro non dicto vel scripto ex nunc haberi volo … Sanctam Sedem Apostolicam appello in his scriptis, subjiciens me correctioni ejusdem in praemissis). Noch im selben Jahre (1327) starb er. Am 27. März 1329 aber erließ Papst Johann XXII. die Bulle Dolentes referimus, in welcher 28 Sätze (articuli) Eckharts (1–15, 27, 28 als häretisch, die übrigen als male sonantes, temerarii et de haeresi suspecti) verurtheilt wurden (Raynald a. 1329; n. 70; Denzinger, Enchir. n. 428 sq.; Hartzheim, Conc. IV, 631). Am Schluß der Bulle wird ausdrücklich und sehr emphatisch die vollständige Unterwerfung Eckharts hervorgehoben (… praefatus Ekardus in fine vitae suae fidem catholicam profitens, praedictos viginti sex articulos quos se praedicasse confessus exstitit … quantum ad illum sensum revocavit, ac etiam reprobavit …, determinationi Apostolicae sedis et nostrae tam se, quam scripta sua et dicta omnia submittendo).

Dieser rührenden Unterwerfung unerachtet, hat Eckhart katholischerseits vielfach eine äußerst scharfe Beurtheilung erfahren. Raynald nennt ihn (l. c.) geradezu einen Häresiarchen und sagt weiter: Certe inter mellita verba pietatem spirantia suspectam doctrinam interjicit: quippe cum praecipiti volubilitate garriret ad inanis gloriae aucupium, blasphemias horridas, et contradictorias sententias tanquam arcana, quibus doctrinam excellentem tegeret, obtrudebat. Trithemius dagegen (De script. Eccl. n. 537) charakterisirt Eckhart als einen in der heiligen Schrift und der aristotelischen Philosophie sehr bewanderten Mann von subtilem Geist und ausgezeichneter Rednergabe, welcher da, wo er katholisch schrieb, tiefe und heilsame Lehren gegeben, allein, der Philosophie zu sehr nachgebend, verschiedene Irrthümer gelehrt und, gegen die Gewohnheit der Theologen, sich überall einer neuen Terminologie bedient habe. Von akatholischer Seite ist Eckhart häufig als »der bedeutendste der mittelalterlichen Mystiker, der tiefste Denker des deutschen Mittelalters, ein Reformator auf dem Gebiete des christlichen Denkens und Lebens, der Begründer einer selbständigen christlichen Philosophie« gefeiert worden (Deutsche Biogr. V, 618. 625). Weit gemäßigter und richtiger hingegen urtheilt Lasson bei Überweg (Grundr. 1876, I, 227): »Fast in allen Punkten auf die Lehren Früherer, insbesondere den Pseudo-Areopagiten, auf Augustin und Thomas sich berufend, hat Eckhart gleichwohl, mit kühner Originalität das Alte in neuem Geiste umgestaltend, vielfach künftigen Zeiten vorgearbeitet, jedenfalls aber, wenn auch vom Banne der Kirche getroffen, seine Zeitgenossen auf’s Tiefste ergriffen.« Ein richtiges Urtheil über Eckharts gesammtes Lehrsystem ist nur annäherungsweise möglich. Viele, vielleicht die Mehrzahl seiner Schriften sind verloren gegangen, manche der unter seinem Namen cursirenden Tractate und Predigten haben sich als unächt erwiesen; seine Beziehung zu St. Thomas, Albert d. Gr. und den übrigen Scholastikern ist nur sehr bruchstückweise untersucht und klargestellt; die Kritik seiner Schriften ist noch lange nicht abgeschlossen. Auch seine Einwirkung auf Seuse, Tauler und die anderen Mystiker ist nur stückweise aufgehellt. Von seinen Werken waren bis 1857 nur einige Predigten denjenigen Taulers beigedruckt (Basler Ausgabe von 1521 u. 1522). Erst Franz Pfeiffer hat 1857 eine größere Zahl derselben kritisch edirt (Deutsche Mystiker II), doch hat sich seine Kritik als eine durchaus unzureichende herausgestellt. Ergänzungen dazu boten Sievers (Zeitschr. f. deutsch. Alterth. XV, Heft 3), Birlinger (Alemannia, 1875, III, 15–45), Fedor Bach (Germania XX, 223–226), Jundt (l. c. 231–280), W. Wackernagel (Altdeutsche Predigten etc., Basel 1876, 156–163. 172 bis 179), Lasson (Meister Eckhart, Berlin 1868, S. VII–XVI), Denifle (Histor.-polit. Blätter LXXV, 679 ff. 771 ff. 903 ff.). Letzterer hat lateinische Tractate Eckharts aufgefunden, aber bis dahin noch nicht veröffentlicht.

Die von Pfeiffer gesammelten Werke Eckharts zerfallen in drei Gruppen: Predigten, Tractate und Sprüche. I. Die Predigten, 143 an der Zahl, von denen aber nicht alle ächt sind, gehören zur Gattung der Conferenzen oder klösterlichen Erbauungsreden. Obwohl häufig an Texte aus Sonn- und Festtagsevangelien anlehnend und damit dem christlichen Festkreis eingegliedert, beschäftigen sie sich doch kaum mit den praktischen Grundwahrheiten oder mit den nächstliegenden Momenten der evangelischen Erzählung, sondern gehen fast ausnahmslos von Gott, dem letzten Ziel und Ende des Menschen, unmittelbar zu Gegenständen und Fragen über, welche dem Einigungsweg, der höchsten Stufe der Ascese, angehören, oder heben unmittelbar damit an. »Wenn ich predige,« sagt er selbst (Pfeiffer 91), »so pflege ich zu sprechen von Abgeschiedenheit und daß der Mensch ledig werde seiner selbst und aller Dinge. Zum andern Male, daß man wieder eingebildet werde in das einfältige Gut, das Gott ist. Zum dritten Male, daß man gedenke der großen Edelkeit, die Gott an die Seele gelegt hat, daß der Mensch damit komme in ein Wunder zu Gott. Zum vierten Male von göttlicher Natur Lauterkeit, was Klarheit an göttlicher NAtur sei, das ist unaussprechlich.« Um diese vier Hauptpunkte bewegen sich alle seine Vorträge. Es sind philosophische Katechesen, die sich sachlich vorwiegend an den Verstand wenden, Unterrichte über das Göttliche, welche das ganze gewöhnliche geistliche Leben und dessen Übungen voraussetzen oder nur ganz allgemein berühren, um gleichsam schon der Visio beatifica voranzueilen und das Leben und Wesen Gottes in sich der Seele so nahe als möglich zu rücken. Eckhart flieht nicht bloß die sündige Welt, sondern zieht sich von dem äußern Walten und Wirken Gottes in die Tiefen der Gottheit zurück, um auch hier nicht die Attribute, sondern den eigentlichen Wesenskern und seine innersten Beziehungen zur Menschenseele zu betrachten. Dieß gibt der Predigtsammlung eine gewisse Eintönigkeit, welche jedoch durch die Form gemildert wird. An den Willen wird selten appellirt, keine praktische These aufgestellt, als etwa die ganz allgemeine, sich von allem Creatürlichen ledig zu machen. Alle rhetorische Kunst, alle Leidenschaft, alle kräftigen oratorischen Mittel fallen von selbst weg. Die Vorträge sind von seltener Kürze, zwei bis drei Seiten, oft nur eine, die Form knapp, der Stil höchst einfach, die Sprache aber überaus rein, schön, reich, gemüthlich, zum Herzen redend, ein Muster schlichter, treuherziger Prosa. Ungesuchte Bilder und Vergleiche, Citate aus der Bibel, den Vätern, den Theologen und wohl auch ungläubigen Philosophen (Seneca, Avicenna u. s. w.), einfache Redefiguren, wie die der Frage, des Einwurfs, des kurzen Dialogs u. s. w., beleben in anmuthigster Weise seine Auseinandersetzungen, helfen über dunklere Stellen hinaus und rücken den bekannten Stoff wieder in neue Beleuchtung. II. Eckharts Tractate tragen wesentlich dasselbe Gepräge, wie seine Predigten, nur daß seine Lieblingsstoffe darin etwas ausführlicher, wohl auch überschwänglicher behandelt werden. Auch hier zieht er sich von der sichtbaren Welt- und Gesellschaftsordnung auf die Betrachtung Gottes und der Seele zurück. Die Seele mit ihren Fähigkeiten, Gaben und ihrer innern Thätigkeit, und Gottes immanentes Leben – das ist seine Welt. Auffassung, Stil und Sprache sind von jener der Predigten nicht verschieden. Pfeiffer hat 18 derselben zusammengebracht: 1. Von den XII nutzen unsers herren lîchames; 2. Von der edelkeit der sêle; 3. Von der sêle werdikeit und eigenschaft; 4. Von dem adel der sêle; 5. Daz buoch der götlîchen troestunge; 6. Daz ist schwester Katrei, meister Ekehartes tohter von Strâzburc (nach Denifle nicht ächt, sondern eine beghardische Tendenzschrift); 7. Die zeichen eines wârhaften grundes; 8. Von der geburt des êwigen wortes in der sêle; 9. Von der abgeschiedenheit; 10. Von armuot des geistes; 11. Von der übervart der gotheit; 12. Von dem uberschalle; 13. Von dem anefluzze des Vater; 14. (Vom innern Leben Gottes und der Seele in ihm); 15. (Über die heilige Dreifaltigkeit); 16. Von dem zorne der sêle; 17. Die reder der underscheidunge (verschiedene ascetische Unterweisungen aus der Zeit, da Eckhart Prior in Erfurt war, seine früheste bekannte Schrift); 18. Die glôse über das êwangelium S. Johannis. III. Die Sprüche Eckharts bewegen sich um dieselben Gegenstände wie die Predigten und Tractate, und fassen seine Lieblingsideen meist sehr kurz und treffend zusammen.

Eckharts gesammte philosophische und theologische Doctrin ist in keinem seiner Tractate einheitlich entwickelt; wir besitzen sie nur bruchstückweise in seinen kleinen Schriften, und er bildet hierdurch allerdings einen Gegensatz zu den großen Meistern der Scholastik, welche auch in ihren Einzelforschungen stets auf systematische Gliederung des gesammten Wissens hinzielten und sich hierdurch vor Einseitigkeiten behüteten. Diese, von Methode und Form der Scholastik abweichende, fragmentarische und aphoristische Behandlung der Theologie und Philosophie, ihre vorwiegend theosophische und spiritualistische Richtung, die Umgehung fast aller Fragen, in welchen sich die kirchliche Lehre scharf dogmatisch gegen die Hauptirrthümer der Neuzeit abgrenzt, haben wohl am meisten dazu beigetragen, Eckhart bei allen Gegnern der Scholastik beliebt zu machen, und sie veranlaßt, ihn als den größten deutschen Denker, den Vorläufer Luthers und der neuern deutschen Philosophen zu verherrlichen. Dieses zweideutige Lob verdient er jedoch nicht. »Mit Aristoteles und der an ihn sich anschließenden Richtung der Scholastik genau vertraut, tritt er der Wissenschaft seiner Zeit keineswegs feindselig gegenüber; nur ihre Form streift er für seine Zwecke vielfach ab, und ihren wahren Sinn will er aufdecken« (Überweg, Lasson). Wie er sein reiches Wissen und seine philosophische Schulung der in seinem Orden so treu gepflegten Scholastik dankte, hat er auch, wenn gleich nicht ausnahmslos, die Psychologie, die Theodicee, die Kosmologie, die Trinitäts- und Gnadenlehre, kurz die philosophisch-theologische Doctrin der Scholastiker festgehalten, aus ihr geschöpft und sie volksthümlich darzustellen gesucht. Ihnen dankt er die meisten Begriffe, Unterscheidungen, Ansichten, den eigentlich werthvollen Gehalt seiner Predigten und Tractate, und nur vollständige Unkenntniß der Scholastik hat es Preger u. A. möglich gemacht, ihn als Gegner und speculativen Überwinder der Scholastik hinzustellen. Ein voller Einblick in das scholastische System ist aus seinen Schriften allerdings nicht zu gewinnen, weil er nur einzelne Theile desselben entwickelte, dieselben durch fremdartige Zuthaten trübte und sie schließlich mti völlig irrigen, ja häretischen Ansichten verband. Hierin liegt seine Originalität, aber auch zugleich die Schwäche und Gefahr seiner Lehre. »Er ist weder Pantheist, noch Begharde, noch Quietist; allein er hat in manchen Predigten und Tractaten pantheistische, beghardische und quietistische Sätze ausgesprochen und hat in denselben Predigten und Tractaten nicht selten kein antidotum gegen diese Sätze den Zuhörern und Lesern bereitet und gereicht« (Denifle). Von den verurtheilten Sätzen behaupten 1–3 die Ewigkeit und Nothwendigkeit der Welt und ihrer Schöpfung; 4–6 stellen Schuld und Sünde als Offenbarung und Verherrlichung Gottes hin, so zwar, daß sogar die Gotteslästerung als Lob Gottes und die Größe der Sünde als Maß der Verherrlichung Gottes bezeichnet wird; 7–9 zerstören das christliche Gebet, indem sie jedes Wollen und Begehren nach besonderen Gaben verwerfen; 10–13 identificiren den Gerechten in häretischer Weise mit Gott und mit dem eingeborenen Sohne Gottes; 14 und 15 fälschen in lästerlichster Weise den Begriff der Reue und Buße, indem sie es als vereinbar damit erklären, daß der Sünder sich mit Wohlgefallen der begangenen Sünde erinnere; 27 behauptet, daß es etwas Ungeschaffenes in der Seele gebe, nämlich den Verstand, und 28 läugnet, daß Gott gut genannt werden dürfe. Von den anderen, nicht als häretisch, aber als der Häresie verdächtig verurtheilten Sätzen läugnen 16–19 die Nothwendigkeit und Güte der äußeren Acte; 20–22 stellen die Adoptivkindschaft des Gerechten der natürlichen Sohnesschaft Christi gleich; 23 und 24 läugnen jede Distinction in Gott; 25 verwirrt den Begriff der theologischen Liebe; 26 endlich ist eine Lieblingsübertreibung Eckharts: Omnes creaturae sunt purum nihil, die er wohl fromm gemeint haben mag, die aber im Zusammenhang mit anderen pantheistischen Sätzen die Verurtheilung nur allzu wohl begründete (Haffner, Gesch. der Philosophie 645; Bach, Meister Eckhard, Wien 1864, 75).

Durch solche schreiende Irrthümer entstellt, hat die ascetische Speculation Eckharts nicht jenen Nutzen stiften können, der wohl in der Absicht ihres hochbegabten, wohlmeinenden Urhebers lag. Die solide Theologie der Scholastiker mit neuplatonischen Träumereien vermengend, unfruchtbaren Subtilitäten nachhaschend und sich mit gefühlvoller Überschwänglichkeit darin versenkend, langte seine Lehre von der Abgeschiedenheit bei einer beghardischen Indifferenz für die äußeren Werke, die praktische Übung der Liebe und Andacht, Reue und Buße an; seine Wiedereinbildung in Gott verwischte allen Unterschied zwischen Christus und dem Gerechten; seine Vorstellung von dem hohen Adel der Seele läuft in eine »Vergottung« der Menschen aus, welche dem Wesen der Creatur widerspricht und ohne pantheistische Auffassung nicht denkbar ist; die »Lauterkeit göttlicher Natur« versinkt nicht im Dunkel ihrer eingenen Unbegreiflichkeit, sondern in den Wiedersprüchen pantheistischer Ideen. »Es unterliegt keinem Zweifel: der Mensch ist in diesem System zu einer schwindelnden Höhe emporgehoben; sein inneres Leben ist fast ganz in das Leben Gottes hineingezogen; die Endlichkeit und Creatürlichkeit des vergotteten Menschen schwindet auf das engste Maß zusammen. Aber diese übermäßige Erhebung des Menschen ist doch andererseits nur wieder möglich dadurch, daß die Selbständigkeit und der selbständige Werth der Menschennatur in gleichem Grade verringert wird« (Stöckl, Philosophie des Mittelalters II, 1095–1120). Der Grundirrthum Eckharts liegt in pantheistischer Auffassung, deren letzte Consequenzen er zwar nicht zieht, deren Äußerungen sich im Zusammenhang seiner Reden häufig mildern, auf die er aber bei Betrachtung Gottes und der Menschenseele immer wieder zurückkommt. Von den Begharden und anderen Sectirern seiner Zeit als geistesverwandt angesehen und tendenziös ausgebeutet, mögen seine Schriften Manchem zum Anstoß gereicht haben; in Kreisen dagegen, wo eine gründliche scholastische Bildung ihre Irrthümer beseitigte und unschädlich machte, haben sie durch das in ihnen enthaltene Gute anregend und fördernd gewirkt. Die fromme Innigkeit, Gemüthstiefe, ächtdeutsche Herzlichkeit seiner Betrachtungsweise, die schlichte, ungesuchte Einfachheit und Klarheit seines Stiles, die Reinheit und ungeschminkte Schönheit seiner Sprache haben sich auf Tauler und Seuse vererbt und sind auf die übrige geistliche Litteratur des ausgehenden Mittelalters nicht ohne Einfluß geblieben. Leider haben auch Eckharts Irrthümer, seine Abweichungen von der Scholastik und seine Überschwänglichkeit auf die weitere »deutsche Mystik« eingewirkt und den verhängnißvollen Kampf vorbereiten helfen, der sich später aus dem Lager der Mystik gegen die Scholastik erhob.

(Vgl. Quétif et Echard, Script. O. P. I, 507; Alex. Nat. Saec. XIV, c. 3, a. 12; Schmidt in Studien und Kritiken 1839, 663; Staudenmaier, Philos. des Christenthums I, 641; Greith, Die deutsche Mystik, Freiburg 1861, 60 ff.; Denzinger, Relig. Erkenntniß I, 328 ff.; Tübinger Quartalschrift 1865, 167; Martensen, Meister Eckhart, Hamburg 1842; Böhmer, Meister Eckhart, in Giesebrechts Damaris 1865; Lasson, Meister Eckhart, Berlin 1868; Neander II, 884 ff.; Schmidt, Mémoires de l’Acad. de sciences mor. et pol., Paris 1847; Gross, De E. philosopho, Bonn. 1858; Steffensen, Über Meister Eckhart, in Geltzers Protest. Monatsbl. 1858, 267 ff.; Heidrich, Das theol. System Meister Eckharts, Posen 1864; Wahl, Die Sittenlehre Meister Eckharts, in Studien und Kritiken 1868, 273 ff.; Preger, Meister Eckhart und die Inquisition, Abh. der Münchener Akad. XI, 2, 1 ff.; Ders. Gesch. der deutschen Mystik I, Leipzig 1874; Denifle, Das geistl. Leben, Graz 1873; Linsenmann, Der ethische Charakter der Lehre Eckards, Tübingen 1873; A. Lütolf, Über den Proceß und die Unterwerfung Meister Eckharts, in Theol. Quartalschrift. 1875, 578 ff.; Überweg, Grundriß der Gesch. der Philos. 6. Aufl., II, 251–276; Denifle, H. Seuse’s deutsche Schriften, Graz 1879; Kramm, Meister Eckharts Terminologie, Zeitschr. für deutsche Philologie 1884, XVI, 1–47; R. Eucken, Geschichte der phil. Terminologie, Leipzig 1879, 118 ff.; Rottmanner O. S. B., Die neuere Literatur der Geschichte der deutschen Mystik, in der Literarischen Rundschau 1884, Nr. 11.) Vollständigste Literatur-Angaben bei Gödeke, Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung, 2. Aufl., Dresden 1884, 209

[A. Baumgartner S. J.]


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