Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Fasten im weitern Sinne bezeichnet Enthaltung von sinnlichen Genüssen überhaupt und jede Abtödtung und Einschränkung des sinnlichen Begehrens aus sittlichen Motiven; im engern Sinne aber, in welchem es hier zu besprechen ist, die Abtödtung des natürlichen Triebes nach Speise und Trank zum Zwecke der sittlichen Vervollkommnung oder treuer Pflichterfüllung.

I. Fasten als Tugendact. Seiner Natur nach gehört das Fasten zum Tugendgebiete der Mäßigkeit (temperantia). Diese ist die sittliche und von der Gnade gewirkte Befähigung der Seele, den natürlichen Trieb nach sinnlicher Befriedigung in allen Beziehungen der Leitung der Vernunft und den seitens der höheren geistigen Interessen gestellten Anforderungen zu unterwerfen (vgl. S. Th. 2, 2, q. 141, a. 1). Diese Unterwerfung ist aber nicht möglich ohne vielfache freiwillig aus Tugend geübte Enthaltung von sinnlichem Genusse und Einschränkung desselben, sei es in der Richtung auf Fortpflanzung und Erhaltung des menschlichen Geschlechtes oder auf Nahrung und Erhaltung des leiblichen Lebens der Person. In letzter Beziehung unterscheidet man als Arten der Mäßigkeit die Abstinenz und die Nüchternheit oder Sobrietät, je nachdem die Übung der Tugend auf die wahre Ordnung im Genusse der Speise oder auf die Getränke abzielt (vgl. S. Thom. 2, 2, q. 146, a. 2). Beiden Tugenden eignen zwei Acte. Der eine besteht darin, daß man den Genuß der Nahrung nur als Mittel zu einem höhern pflichtgemäßen Zwecke, zur Erhaltung des leiblichen Lebens und der zur berufsgemäßen Thätigkeit nöthigen Kraft will und im Gebrauche desselben weder per defectum noch per excessum die rechte Ordnung verletzt (vgl. Prop. 9 damn. ab Innoc. XI.); der andere steht höher und ist die freiwillige Enthaltung von erlaubtem Nahrungsgenusse zur Förderung höherer geistiger Thätigkeit und vollkommenerer Tugendübung, das eigentliche Fasten (jejunium; s. S. Th. 2, 2, q. 147, a. 1 et 2). Dieselbe erweist sich als Stärkung der Seele zum Kampfe gegen die ungeordnete Concupiscenz (1 Cor. 9, 27. 2 Cor. 6, 5; S. August. Serm. 65 de temp.); als Erleichterung des Geistes, sich zur Betrachtung der göttlichen Wahrheiten zu erheben und dem göttlichen Gnadenwirken zu folgen (Dan. 10, 12; S. Leon. M. Serm. 6 de jej. sept. mens.; S. Aug. Serm. de orat. et jej.); als Befreiung der bußfertigen Seele von der durch die Sünden verschuldeten Strafe (Joel 2, 12. 2 Esdr. 9, 1; S. Basil. Orat. 1 de jej.; S. Bern. Serm. 4 de jej.); als Theilnahme an dem Bußwerke des Heilandes (Gal. 5, 24). Die Tugend der Mäßigkeit, und somit auch das Fasten als eine der Bethätigungen derselben, entwickelt sich zur Vollendung unter beständiger Übung der Selbstbeherrschung (continentia), d. i. des festen und beharrlichen Willens, sich gegen jeden Andrang von Leidenschaft zu behaupten (S. Th. 2, 2, q. 155). Im Verhältnisse zur Liebe, der Königin und Form aller Tugend, betrachtet, steht die Mäßigkeit und mit ihr das Fasten in nächster Verbindung mit der wahren Selbstliebe (Röm. 6, 13), gleichwie das Gebet mit der Gottesliebe, das Almosen mit der Nächstenliebe; somit gehört das Fasten zu den drei Werken (Tob. 12, 8), auf welche sich alles Gutesthun zurückführen läßt, weil sie das Geschöpf in die nächste Beziehung zur dreifach gegliederten Tugend der Liebe bringen. Es trägt demnach einen wahren Tugencharakter in sich. Dieser Charakter wird nur vom Protestantismus geläugnet, welcher alle guten Werke und alle Möglichkeit einer wirklichen Buße und Genugthuung seitens des Menschen überhaupt verwirft. Wenn man die Worte des Herrn Matth. 6, 16 und Luc. 10, 7 f. oder die Stelle 1 Cor. 10, 25 entgegenhalten will, so wird kein ernst und wissenschaftlich Denkender solche Einwände einer Widerlegung werth halten.

II. Das Fasten als Object eines Gesetzes oder das Fastengebot. 1. Der im Obigen erklärte Act des Fastens im stricten Sinne des Wortes ist in vielfacher Beziehung auch geboten. Vor Allem verpflichtet das Naturgesetz, zu fasten, insoweit man es als nothwendige Bedingung erkennt, das sinnliche Begehren in der rechten Ordnung zu erhalten und für moralische Verschuldung Buße zu thun (S. Th. 2, 2, q. 147, a. 3). Der Mensch hatte in der ersten Sünde durch verbotenen Genuß der Natur Gott die Anerkennung seiner absoluten Herrschaft verweigert und war damit dem Tode verfallen. Auch in dem erlösten Menschen blieb das Widerstreben der Natur gegen den Geist und gegen Gottes Gebot; dieses Widerstreben hat seine Wurzel in demselben Verhältnisse, in welchem die erste Empörung sich vollzogen hat, im Verhältnisse nämlich zur Natur, insoweit sie durch den Genuß vom Menschen aufzunehmen ist zur Erhaltung seines leiblichen Lebens. Von der Unordnung in diesem Gebiete aus hat sich die Ansteckung den übrigen darauf basirten Beziehungen der Sinnennatur mitgetheilt (S. August. Serm. 65 de temp.). Auf demselben Gebiete muß deßhalb auch die Sühne geschehen, und Beherrschung des Nahrungstriebes ist wesentliches Moment der geistigen Reparation der sündigen Menschheit (Id. Serm. 12 et 77 de temp.). Dieß findet sich auch darin bestätigt, daß bei allen Völkern jederzeit sich in irgend einer Weise das Bewußtsein von der Nothwendigkeit kundgibt a. des Opfers zur Sühnung der den Tod beursachenden Sündenschuld, b. des Genusses vom Geopferten (Communion), um aus dem Tode zum Leben zurückgeführt zu werden, c. der Enthaltung von sinnlichem Genusse (Fasten), nachdem durch solchen der Tod über den Menschen Gewalt erhalten hat, um würdig an Opfer und Communion theilnehmen zu können (Hieron. Adv. Jov. l. 2; Leon. I. Serm. 77 de jej. Pentec. c. 2; Cyrill. Alex. C. Jul. 6, 19; Gerbet, Betrachtungen über das Dogma der Eucharistie, Kap. 2; Nicolas, Philosoph. Studien über das Christenthum III, Kap. 17.). Die im Naturgesetze ausgesprochene Verpflichtung, Enthaltung zu üben oder zu fasten, ist auch im neunten und zehnten Gebote des Decalogs ausgesprochen, insofern es ohne irgendwelche Schwächung des dem Geiste widerstreitenden sinnlichen Triebes (Lev. 16, 29 ff.; 23, 27 ff.) unmöglich ist, das Begehren in die rechte Ordnung einzuweisen und darin zu erhalten (Cat. Rom., P. 3, c. 10, q. 21). Dem schon oben Gesagten zufolge galt aber allerwärts das Fasten nicht nur als sittliche Pflicht, sondern auch als religiöse, insofern es ein Moment der zur Theilnahme am göttlichen Culte, am Opfer, unbedingt nöthigen Reinigung und Läuterung der Seele und des Leibes ist. Unter dem doppelten Gesichtspunkte einer sittlichen und einer religiösen Pflicht sollte die Übung des Fastens nicht bloß Sache des Einzelnen auf Grundlage des Naturgesetzes sein, sondern auch der Gesammtheit der Gesellschaft. Wie das ganze Geschlecht mit dem Gifte der Sünde des ersten Adam inficirt ist, so soll es auch in gemeinsamer Buße aller seiner Glieder Antheil nehmen am großen Bußwerke seines Erlösers, des zweiten Adam. Und wie der göttliche Cult in der Theilnahme am fortgesetzten Opfer des Erlösers zur Vermittlung seiner Früchte ein gemeinsamer ist, so soll auch die darauf vorbereitende Läuterung und Büßung Werk des ganzen mystischen Leibes des Erlösers, seiner Kirche, sein. Eine derartige gemeinsame Übung kann aber nur geregelt werden durch ein positives, für die Religionsgesellschaft erlassenes Gebot. Das A. T. läßt eine das ganze Volk bindende Fastendisciplin erkennen (Lev. 16, 29; 23, 27–29. Num. 29, 7. 1 Sam. 14, 24. Jon. 3, 5. Esth. 4, 16. 2 Esdr. 9, 1. Joel 2, 12). Moses und Elias übten vierzigtägiges Fasten, worin das von Christus selbst geübte Fasten vorgebildet wurde, dessen Nachahmung seine Kirche in ihrer Fastendisciplin anstrebt. So lange die Kirche Christi besteht, verpflichtet sie auch ihre Glieder durch strenge Gebote zur Übung des Fastens. Schon die apostolischen Canones und die ältesten Concilien reden von einem streng gebotenen Fasten, statuiren aber nicht selbst erst das Gesetz, sondern setzen es als etwas von jeher Bestehendes voraus. Die heiligen Väter (z. B. Irenäus, Tertullian, Epiphanius, Hieronymus, Basilius, Ambrosius, Augustinus) bezeichnen gleichfalls das Fasten als eine pflichtmäßig Übung, die sich in der Kirche von ihrem ersten Anfange an findet. War es nicht auch ein Fastengebot, wenn die in Jerusalem versammelten Apostel den Gläubigen gewisse Speisen verboten (Apg. 15, 28. 29) und der hl. Paulus die Beobachtung dieses Verbotes fordert (Apg. 16, 4)? Allerdings kann die Kirche die Übung des Fastens nicht an allen Orten und zu allen Zeiten in gleicher Weise anordnen; es sind durch die verschiedenen Verhältnisse, in welchen sich die Gläubigen befinden, Modificationen der Fastendisciplin nothwendig; aber nach seinem Wesen und in seinen allgemeinen Grundzügen bleibt das Fasten Pflicht der Braut bis zu ihrer ewigen Vereinigung mit dem Bräutigam in der Glorie (Marc. 2, 20).

2. Beim kirchlichen Fastengebote ist zu unterscheiden a. natürliches Fasten (jejunium naturale oder totale), das vollkommene Nüchternsein ohne irgendwelchen Genuß von Nahrung; dasselbe ist beim Empfange der heiligen Communion, falls sie nicht als Wegzehrung des Sterbenden gereicht wird, vorgeschrieben (s. d. Artt. Altarssacrament VI und Communion I); b. kirchliche Fasten (jejunium ecclesiasticum) im eigentlichen Sinne, auch zum Unterschiede vom natürlichen Fasten partielles Fasten genannt. Dieses theilt sich wiederum in volles Fasten (Jejunium plenum), nämlich Enthaltung von jeder Fleischspeise, Einschränkung des Nahrungsgenusses auf eine einzige Mahlzeit im Tage, Einhaltung einer bestimmten Tageszeit für dieselbe, dann in Abstinenz (jejunium semiplenum) oder Enthaltung vom Fleischgenusse. Die eine oder die andere Form dieses kirchlichen Fastens ist vorgeschrieben theils an bestimmten Wochentagen (Freitag, früher auch Samstag), theils zu gewissen jährlich wiederkehrenden Zeiten (Vierzigtägige Fasten, Quatemberfasten, Vigilfasten u. s. w.; s. d. Art. Fastenzeiten); beiden gemeinschaftlich ist die Enthaltung vom Fleische warmblütiger Thiere (delectus ciborum, Trid. Sess. XXV, Varia decreta). Den Fleischspeisen sind auch die Producte von solchen Thieren, deren Fleisch nicht gegessen werden darf, beizuzählen, wie Eier, Milch, Butter, Käse (Lacticinien). Doch kam für die Länder das Verbot der Lacticinien theils durch Dispens, theils durch Gewohnheit außer Kraft (s. d. Art. Fastenspeisen). Die Häretiker der letzten Jahrhunderte warfen mit ihren alten Vorgängern, den Nicolaiten und Valentinianern, der Kirche Aberglauben vor, gleich als hielte sie die von ihr verbotenen Speisen für an sich böse und unrein. Allein sie selbst hat eine solche Lehre gegenüber den Ebioniten, Enkratiten, Eustathianern und Manichäern verworfen (Bellarm. Controv. tertia, 2, 3). Auf derartige Irrlehren bezieht sich auch 1 Tim. 4, 3, und nicht auf das von der Kirche gebotene und geübte Fasten. Das Motiv, welches dem Gebote der Abstinenz zu Grunde liegt, ist Kräftigung des Willens gegen das ungeordnete Begehren durch Enthaltung von an sich erlaubten Genüssen (S. Aug. Serm. 64 de temp.) und Schwächung dieses Begehrens durch Entziehung jener Nahrung, welche mehr als jede andere die sinnliche Natur üppig und lüstern macht (S. Th. 2, 2, q. 147, a. 8). Verband doch Gott selbst mit der Gewährung des Fleischgenusses das Gebot der Enthaltung vom Blute (Gen. 9, 4). Keiner Widerlegung werth ist die Bekämpfung des kirchlichen Abstinenzgebotes durch die Stelle Matth. 15, 11 ff. Das volle Fasten (jejunium plenum) erfordert außer dem delectus ciborum noch die Enthaltung von öfterem Speisegenusse während des Tages oder die Beschränkung auf eine einzige Mahlzeit, welche im Allgemeinen für ausreichend zur Erhaltung der nöthigen körperlichen Kräfte zu erachten ist (vgl. Prop. 29 damn. ab Alex. VII.). Das Gebot verlangt nicht etwa nur, daß man sich mit dem zu einer Mahlzeit hinreichenden Quantum von Speisen begnüge, sondern auch, daß man nur einmal am Tage Speise zu sich nehme, erlaubt aber die Fortsetzung der Mahlzeit, welche man aus irgend einem Grunde unterbrechen mußte. Getränke zu nehmen, welche keinen oder nur geringen Nahrungsstoff enthalten, wie Thee, Kaffee, Bier, Wein, verstößt nicht gegen das kirchliche Fastengebot (liquidum non frangit jejunium), selbst wenn man sie unter Tags öfter genießt (S. Th. 2, 2, q. 147, a. 6 ad 2). In den ältesten Zeiten war es allerdings üblich, sich geistiger Getränke zu enthalten (Bened. XIV., Institutio 15, n. 3). Auch unbedeutend nahrhafte Confecte oder Medicamente dürfen genossen werden, aber nicht in großer Quantität (S. Th. l. c. ad 3). Die heiligen Lehrer, wie Augustin (Serm. 1 in Dom. I Quadr.), Thomas (l. c. ad 2; IV Sent. d. 15, q. 3, a. 4, q. 3 ad 2), bemerken, unmäßiger Genuß erlaubter Speisen und Getränke widerstreite selbstverständlich dem Fastengebote; ist er ja schon dem natürlichen und göttlichen Gesetze der Mäßigkeit entgegen. Mit der Zeit wurde es üblich, mit dem Getränke, namentlich am Abend, etwas Speise zu verbinden (ne noceat haustus); daraus entstand eine kleine Abendcollation, welche jetzt allgemein gestattet ist (s. Ferraris s. v. Jejunium art. 1, n. 14). Sie darf aber die Hälfte der sonst gewöhnlichen Abendmahlzeit nicht übersteigen. Aus guten Gründen darf auch die Hauptmahlzeit am Abend gehalten und zu der sonst für sie üblichen Zeit eine Collation genommen werden (S. Poenitent. d. d. 10. Jan. 1834). Das jejunium plenum verlangte endlich nach der alten kirchlichen Disciplin auch, daß die eine Mahlzeit erst nach vollendeter Non (3 Uhr Nachmittags) gehalten wurde; während der Quadragesima nahm man sie in den frühesten Zeiten sogar erst nach der Vesper, d. h. nach Sonnenuntergang ein (c. 50, D. I De consecr.). Es sollte damit einestheils der Zweck der Abtödtung sicherer erreicht werden, anderntheils erscheint auch darin die Beziehung des Fastens zum Opfer Christi (Matth. 27, 46), mit welchem die Christen ihr Opfer vereinen (S. Th. l. c. a. 7). Gegenwärtig ist die Zeit der Mahlzeit auch an Fasttagen die Mittagsstunde. Viele Auctoren sind der Meinung, wer ohne genügenden Grund früher als eine Stunde vor Mittag die Mahlzeit halte, breche das Fasten in einem wesentlichen Punkte (in re gravi; vgl. S. Th. in IV Sent. d. 15, q. 3, a. 4). Der hl Alfons nannte (IV, 1016) die entgegengesetzte mildere Ansicht eine probablere, retractirte dieß aber später (Qu. ref. 13 und Homo ap. tr. 12, n. 21) und sprach sich entschieden für die strengere Meinung aus. Die mildere ist sicher nicht unhaltbar, da sich doch sehr viele und gewichtige Theologen dafür entscheiden, wie z. B. die Salmanticenser, Lessius, Layman, Sporer, Tolet u. s. w. Um dem Geiste und den Absichten des kirchlichen Gebotes zu entsprechen und dasselbe in verdienstlicherer Weise zu erfüllen, ist über den Wortlaut des Gesetzes hinaus gerathen, auch im Genusse der erlaubten Speisen den Gaumen abzutödten, nicht mehr Getränke zu genießen, als zur Erhaltung der Gesundheit und Arbeitskraft nöthig ist, und mit dem leiblichen Fasten das geistige, d. h. Verdemüthigung, Bußfertigkeit, Zurückgezogenheit, Stillschweigen, Entsagung weltlicher Vergnügungen zu verbinden, endlich dem Fasten auch Almosen (Hermae, Pastor l. 3; August. Serm. in Q. I et III: Jejunium sine misericordia nihil est ei, qui jejunat) und Gebet (Idem, Serm. in Q. II) beizugesellen.

3. Während das Fasten im Allgemeinen durch natürliches und göttliches Gesetz vorgeschrieben ist (August. Ep. 36: Ego evangelicis et apostolicis literis totoque instrumento, quod appellatur T. N., anima id revolvens video praeceptum esse jejunium), bestimmt das positive kirchliche Gesetz, wann und wie es zu üben sei (Bellarmin. l. c. c. 7). Hierfür gelten folgende Grundsätze: a. Die Wirkung des Fastengebotes ist obligatio in genere suo gravis; es entnimmt die Größe seiner Verpflichtung dem göttlichen Gebote, dessen nähere, von der Kirche auf Grund göttlich übertragener Auctorität gegebene Determination es ist. Nach dem Concil von Trient (Sess. VI, can. 20) ist es Dogma, daß die Kirchengebote zugleich mit den Geboten Gottes jeden Christen verpflichten, mag er auch noch so hohe Vollkommenheit schon erreicht haben (vgl. Decreta Martini c. Huss, art. 15; Epiphan. Haer. 75). Alexander VII. verwarf 1665 den Satz (Prop. 23): Frangens jejunium Ecclesiae, ad quod tenetur, non peccat mortaliter, nisi ex contemtu vel inobedientia hoc faciat; puta, quia non vult se subjicere praecepto. b. Weil das Gebot sich unmittelbar als kirchlich positives darstellt, kommen in seiner Interpretation und praktischen Durchführung auch die für positive Gesetze maßgebenden Normen zur Anwendung. Es obligirt also nur die des Vernunftgebrauches mächtigen Getauften von dem Lebensalter an, welches die Fähigkeit für seine Erfüllung voraussetzen läßt, d. i. zur Abstinenz vom siebenten, zum Jejunium vom 21. Lebensjahre an. Es kommen ferner in Beurtheilung seiner Verpflichtung die Particulargesetze, rechtliche Gewohnheiten, Observanzen und Dispensen des Territoriums in Betracht, in welchem man sich eben aufhält. Gewohnheiten aber, mit welchen das Jejunium ganz unvereinbar ist, können selbstverständlich keine Rechtskraft gewinnen, z. B. die Abendrefection zu einer Abendmahlzeit auszudehnen. Die am Domicilorte geltenden Dispensen vom allgemeinen Kirchengebote dürfen nur benutzt werden, so lange man sich auch daselbst aufhält. Ist an dem Aufenthaltsorte dispensirt, aber nicht am Domicilorte einer Person, so darf sie die Dispens auch für sich in Anspruch nehmen, wenn sie sich nur nicht bloß in der Absicht dorthin begeben hat, um das Gesetz zu umgehen (in fraudem legis). Es hört endlich die Verpflichtung des Gesetzes im Falle physischer oder moralischer Unmöglichkeit der Erfüllung auf. Gegen das Abstinenzgebot als ein praeceptum negativum wird durch jeden neuen Genuß verbotener Speisen, selbst an einem und demselben Tage, eine numerisch neue Sünde begangen. Sie ist läßliche, wenn nur sehr Weniges genossen wird; wird aber das Gebot nicht bloß in unbedeutender Weise übertreten, so ist der Act, mit welchem die materia gravis erreicht wird, schwere Sünde, gleichviel, ob die Speise ohne Unterbrechung oder in mehreren Acten zu verschiedenen Zeiten des Tages genossen wird. Gegen das Gebot des Jejunium wird läßlich gesündigt, wenn außer der erlaubten einmaligen Mahlzeit und Abendrefection und der geringen zu Getränken gestatteten Zuspeise noch etwas ganz Weniges genommen wird, aber schwer, wenn ein als materia gravis anzusehendes Quantum genossen wird, gleichviel, ob in einem oder in wiederholten Acten. Alexander VII. verwarf den Satz (Prop. 29): In die jejunii, qui saepius quid comedit, etsi notabilem quantitatem in fine comederit, non frangit jejunium. Uneinig sind die Theologen darüber, ob jeder Genuß in materia gravi außer der einmaligen Mahlzeit schwere Sünde sei, oder nur der erste, da ja durch diesen das Jejunium bereits ganz aufgehört habe, eine Beobachtung desselben aber gar nicht mehr möglich sei, und also zwar gegen die Mäßigkeit gesündigt werden könne, aber nicht mehr gegen die Verpflichtung, »jejunus« zu sein (S. Lig. n. 1030). Formelle Verachtung der Kirche und ihres Gesetzes, welcher man mit dessen Übertretung Ausdruck geben will, sowie das durch diese gegebene Ärgerniß, bilden eine speciell von der Verletzung der Fastenpflicht verschiedene Sünde. Auch die Mitwirkung zur Gesetzesübertretung macht der Sünde selbst schuldig, wenn sie eine formelle oder nicht nach allgemeinen Grundsätzen der Moral gerechtfertigte materielle ist.

Das kirchliche Fastengebot verpflichtet nicht a. die perpetuo amentes; b. Kranke und Reconvalescenten von schwerer Krankheit, ferner mulieres praegnantes vel prolem lacte nutrientes, welche ohne Nachtheil für sich oder das Kind Abstinenz oder Jejunium nicht einhalten können und für welche es geradezu Sünde wäre, durch Fasten solchen Nachtheil zu verursachen; c. Arme, welchen es unmöglich oder nur äußerst erschwert ist, sich Fastenspeisen zu verschaffen oder die zu einer vollen Mahlzeit nöthigen Speisen zu erhalten; d. Personen, welche das schszigste Lebensjahr bereits erreicht haben; sie sind nicht mehr zum Jejunium verpflichtet, wohl aber zur Abstinenz, außer sie erweise sich als nachtheilig für sie (S. Lig. IV, n. 1036). Die Meinung einiger Auctoren, Frauen sein schon durch ein Alter von 50 Jahren entschuldigt, ist wohl nicht haltbar; dagegen darf bei Frauen mit Grund das 56. Jahr als Grenze der Verpflichtung angesehen werden; e. Soldaten, Dienstboten und überhaupt Untergebene, welche für ihren Tisch nicht selbst sorgen können (also auch Kinder unter väterlicher Gewalt), von ihren Vorgesetzten aber nur verbotene Speisen erhalten, sind wenigstens nicht zur Abstinenz verpflichtet; ob auch nicht zum Jejunium, hängt von der Arbeitslast ab, die ihnen aufgebürdet ist. f. Schwere, den Körper ermüdende geistige Anstrengung, z. B. im Lehramte, in der Seelsorge u. s. w., entbindet von der Pflicht des Jejuniums, aber nicht jede in der bürgerlichen Gesellschaft nöthige Mühe und Arbeit (Prop. 30 damn. ab Alex. VII.), und auch nicht jede Reise (Prop. damn. 31 ab Alex. VII.). Abstinenz ist zu beobachten, es müßte denn auf einer Reise unmöglich sein, Fastenspeisen zu erhalten. g. Anstrengende Werke der Nächstenliebe oder Frömmigkeit, welche aus triftigen Gründen nicht auf einen andern Tag verschoben werden können, entschuldigen gleichfalls vom Jejunium. Wer durch Übung des Fastens sich zwar körperliches Unbehagen bereitet, ohne aber an seiner Gesundheit oder Arbeitskraft geschädigt zu werden, mag einen Grund haben, um Dispens zu bitten, ist aber nicht von selbst entbunden.

4. Die Kirche hat die Macht, vom Fastengebote zu dispensieren, weil es ja auch ihr obliegt, die Fastendisciplin zu regeln; uneingeschränkt aber steht sie nur dem Papste zu für die ganze Kirche. Die Bischöfe sind potestate ordinaria nur competent für ihre Diöcesanen, und zwar nur für einzelne Personen, welche triftige Gründe hierfür haben, und für die Zeit, während welcher diese andauern (Bened. XIV., Non ambigimus d. d. 30. Maji 1741; Libentissime d. d. 10. Junii 1745; Prodiit jam 30. Jan. 1751). Die Bischöfe Deutschlands erhalten indessen unter den Quinquennalfacultäten immer auch sowohl für Einzelne als für Communitäten und für die ganze Diöcese die facultas dispensandi, quando expedire videbitur, super esu carnium, ovorum et lacticiniorum tempore jejuniorum et praesertim Quadragesimae. Pfarrer und Beichtväter haben keine Vollmacht, es müßte sich denn in einer Diöcese ein dießfallsiges Gewohnheitsrecht gebildet haben, und auch dann nur für jede einzelne Person in genügend begründeten Fällen. Die Dispens darf nie weiter ausgedehnt werden, als es die obwaltenden Gründe rechtfertigen. Als Grund kann angeführt werden jede ungewöhnliche Schwierigkeit, das Gebot zu erfüllen, welche noch nicht einer physischen oder moralischen Nothwendigkeit gleichkommt (S. Th. 2, 2, q. 147, a. 4); würde diese obwalten, so wäre keine Dispens nöthig. Motiviren die obwaltenden Gründe nur eine Dispens im Abstinenzgebote, so besteht noch die Pflicht des Jejuniums und umgekehrt. Ferner gilt die Dispens nur für die Hauptmahlzeit, so daß an Fasttagen bei der Abendcollation den Dispensirten die Enthaltung von Fleischspeisen geboten bleibt (S. Lig. IV, n. 1027; Bened. XIV. Encycl. Libentissime; S. Poenitent. d. d. 23. Julii 1756; Clem. XIII. Appetente d. d. 20. Dec. 1759). In manchen deutschen Diöcesen hat sich indessen die Gewohnheit gebildet, auch am Abende Fleisch zu genießen. Zufolge der Entscheidungen der Pönitentiarie vom 16. Januar 1834 und 16. März 1882 ist dieß denjenigen Personen überhaupt erlaubt, welche schon ohne alle Dispens von der Pflicht zu fasten frei sind (qui ratione aetatis vel laboris vel infirmae valetudinis a lege jejunii seu unicae comestionis eximuntur). Endlich ist für alle Fälle, in welchen an Tagen des Jejuniums der Genuß von Fleischspeisen gestattet wird, streng verboten, Fleischspeisen und Fische bei derselben Mahlzeit zu genießen (s. außer den schon citirten Bullen von Benedict XIV. seine Constitution In suprema universalis Eccl. d. d. 22. Aug. 1741; S. Poenit. d. d. 16. Jan. 1834). Dieses Verbot besteht nach der Encyklica Libentissime auch für die Sonntage der Quadragesima. In derselben Encyklica wird erklärt, das Gebot einmaliger Mahlzeit und das andere, im Falle einer Dispens im Fleischgenusse nicht Fleisch und Fische bei derselben Mahlzeit zu genießen, verpflichte an allen gebotenen Fasttagen während des ganzen Jahres und nicht etwa nur während der vierzigtägigen Fastenzeit, aber nicht an den Abstinenztagen außer der Quadragesima (S. Poenitent. d. d. 15. Febr. 1834). Auch diejenigen Personen, welche nicht zm Fasten verpflichtet sind, dürfen im Falle einer Dispens vom Abstinenzgebote an einem Tage gebotenen Jejuniums nicht Fleisch und Fisch zugleich essen (S. Offic. d. d. 24. Maji 1871 et 23. Junii 1875). Dagegen steht nichts im Wege, daß die von der Abstinenz dispensirten Personen Fleischsuppe nehmen und darnach Fische (S. Poenit. d. d. 8. Febr. 1828), oder mit Fett von Thieren (Schweinefett) zubereitete Fastenspeisen. – Eine Dispens vom Abstinenzgebote entbindet nicht schon ipso facto auch vom Jejunium oder von Einhaltung der für die einmalige Mahlzeit bestimmten Tagesstunde. Eben so wenig kann die Einem Familiengliede ertheilte Dispens Ausdehnung finden auf die übrigen, und eine dem Familienvater gewährte Dispens entbindet nicht schon von selbst die unter seiner Gewalt stehenden Personen. Besondere vom 16. Januar 1834 bis 20. April 1865 erlassene Entscheidungen der heiligen Pönitentiarie bestimmen, die letzterwähnten Personen seien in ihrem Gewissen nicht zu beunruhigen, wenn der dispensirte Vater, sei es auch gegen seine Pflicht, für sie keinen eigenen Tisch zubereiten läßt; nur müßten sie dabei das Gebot de unica comestione et de non permiscendis epulis erfüllen. Glaubt jemand einer Fastendispens zu bedürfen, so ist er strenge verpflichtet, neben den dafür sprechenden Gründen, insoweit sie auf unzweifelhafter Wahrheit beruhen, auch ebenso aufrichtig alle Thatsachen und Verhältnisse anzuführen, wodurch dieselben an Gewichtigkeit verlieren. Eine erschlichene Dispens (sive obreptitia sive subreptitia) ist ungültig. Ferner sind Arzt und Beichtvater zu Rathe zu ziehen (ex utriusque medici consilio) und ein Zeugniß des erstern beizubringen. Ist die Dispens ertheilt, so muß man die etwa statt des Fastens darin auferlegten anderen guten Werke gewissenhaft vollbringen und bei Benutzung der gewährten Freiheit Sorge tragen, daß nicht Ärgerniß oder Gefahr der Gesetzesübertretung für Andere daraus entstehe. Enthält die Dispens keine Verpflichtung zu anderen guten Werken an Stelle der erlassenen Fastenübung, so ist es rathsam, sich selbst solche aufzulegen oder vom Beichtvater bestimmen zu lassen. Die Erlasse des heiligen Stuhles und die Praxis der römischen Kirche geben zu erkennen, daß als bestes suppletorisches Werk der wöchentliche Besuch einer bestimmten Kirche gelten dürfte. (Vgl. Bellarmin., Controv. gen. tertia, l. 2 de jej.; Natalis Alex. H. E. Saec. II, diss. 4; Scavini, Theol. Mor. l. 1, tr. 2, Disp. 2, cap. 2; Müller, Theol. Mor. l. 2, tit. 2, § 165 sqq.; Lehmkuhl, Theol. Mor. I, n. 1210–1222; Marc, Institutiones Morales Alphonsianae, Romae 1885, n. 1218 ad 1248.)

[Pruner.]


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