Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Fasten bei den Israeliten ging aus der natürlichen Erwägung hervor, daß der gefallene Mensch die Annäherung an Gott vorzüglich durch Entsagung suchen müsse. Alles, was an das Mißfallen Gottes erinnerte, konnte auch eine Aufforderung zum Fasten werden. Die mächtigste Aufforderung zu allgemeinen Fasten fand bei Landesübeln statt, denn in ihnen erschien die lebhafteste Warnung wegen einer Trennung von Gott. Es scheint bei großen Calamitäten früh Gebrauch gewesen zu sein, daß das Volk sich versammelte und einen oder mehrere Bußtage hielt (vgl. das öfter erwähnte Schreien des Volkes zu Gott im Buche der Richter). Eine lebhafte Schilderung eines allgemeinen Buß- und Fasttages haben wir beim Propheten Joel (1, 14; 2, 12. 15) und im 1. Buche der Machabäer (2, 46 ff.). Solche Buß- und Fasttage mußten begreiflicherweise von der geistlichen Obrigkeit angesagt werden; beim zweiten Tempel geschah dieß durch das Synedrium (Mischna, Taanith K. 1, § 5 ff.). Auf solche Fasten bezieht sich ohne Zweifel Isaias K. 58 (s. besonders Vers 3). Außer diesen mit unberechenbaren Unfällen zusammenhangenden Fasten gab es nach dem mosaischen Gesetze jedes Jahr nur Einen Fasttag, nämlich am zehnten Tage des siebenten Monats (Lev. 16, 29 ff.; 23, 27 ff.; das Fasten wird hier genannt »die Seele schwächen«, עִנָּה נֶפֶשׁ, woher das spätere תַּעֲנִית; der einfachere Ausdruck für das bloß körperliche Fasten ist צוּם). Das Fasten bestand nicht etwa bloß in einigem Abbruch, sondern in gänzlicher Enthaltsamkeit von Speise und Trank, Salbung, Bad und ehelichem Umgang (Mischna, Joma K. 8, § 1). Später kamen zur Erinnerung an große Unglücksfälle der ganzen Nation mehrere andere Fasttage auf. Der Prophet Zacharias nimmt auf folgende Rücksicht, ohne jedoch die Veranlassung zu nennen: a. im vierten Monat (17. Thammuz) Andenken an die Eroberung Jerusalems (Zach. 8, 19); b. im fünften Monat (am 9. Ab) Erinnerung an die Zerstörung des Tempels (Zach. 7, 3); c. im siebenten Monat (4. Tischri) wegen der Ermordung des Godolias (Zach. 8, 19); d. im zehnten Monat (12. Tebet) Andenken an dei beginnende Belagerung Jerusalems (Zach. 8, 19). Manche Fasttage erhielten sich nur eine Zeitlang, z. B. der im Tebet eingeführte zur Trauer über die Entstehung der griechischen Bibelübersetzung. Fromme Israeliten beobachteten jede Woche zwei Fasttage, Montag und Donnerstag (Mischna, Taanith 2, 9), worauf sich die Pharisäer viel einbildeten (Luc. 18, 12). Das Evangelium zusammen genommen mit den Tractaten Joma und Taanith der Mischna zeigt hinlänglich, welch’ großer Werth seit der Entstehung des Pharisäertums auf das Fasten gelegt wurde, wie sehr es aber auch in Äußerlichkeit und Gleißnerei ausartete. Die Observanz des modernen Judenthums schließt sich innig an die Grundsätze der Pharisäer an; die Zahl der Fasttage ist um so größer, weil nicht nur das Andenken irgend welcher traurigen Ereignisse aus der alten Zeit, sondern auch unglückliche Begebenheiten der Neuzeit Veranlassungen dazu geworden sind. So wird z. B. im Kalender für die deutschen Juden am 29. Adar ein תענית ווינץ »ein Vinzfasten« aufgeführt zum Andenken an die Gefahr, in welche die Juden Frankfurts durch einen Aufruhr des Israeliten Vinz Hans im J. 1626 kamen (s. J. J. Schudt, Jüdische Merkw. III, 9). Freiwillige Fasttage werden nach dem Antriebe und den religiösen Bedürfnissen einzelner Personen noch ebenso wie früher im Alterthume gehalten. Beispiele aus der biblischen Zeit sind: Ex. 34, 28; vgl. Deut. 9, 9. Richt. 20, 26. 1 Sam. 1, 7; 7, 6; 20, 34; 31, 13. 2 Sam. 1, 12; 12, 16. 3 Kön. 21, 27. 2 Par. 20, 3. 1 Esdr. 8, 21; 10, 6. 2 Esdr. 1, 4. Tob. 3, 10. Judith 4, 8; 8, 6. Esther 4, 16.

[v. Haneberg.]


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