Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Fastenspeisen nennt man im Allgemeinen alle Nahrungsmittel, deren Genuß an gebotenen Fasttagen weder durch das Fasten- noch durch das Abstinenzgebot verboten ist; im engern Sinne heißen so die nicht in die Abstinenz einbegriffenen. Was die erstere Bedeutung angeht, so sind mit dem Fasten alle Getränke vereinbar, welche nur zur Stillung des Durstes oder zur Förderung der Verdauung dienen, wie Bier, Wein, Kaffee, Thee, Limonade, Zuckerwasser, aber nicht solche Getränke, welche nur Speisen in flüssigem Zustande sind und zur Ernährung dienen, wie Milch und Suppen. Nach gewöhnlicher Ansicht ist indeß der einmalige Genuß von einer kleinern Quantität Chocolade, welche mit Wasser gekocht ist, außer der Mahlzeit erlaubt. Die Moralisten berufen sich hierfür auf die allgemeine Gewohnheit, auf welche in Interpretation des Fastengebotes als eines positiv kirchlichen immer Rücksicht zu nehmen ist (S. Thom. 2, 2, q. 147, a. 4 ad 3; a. 8 ad 3), sowie auf Entscheidungen der Päpste Pius V., Gregor XIII. und Paul V. (S. Lig. IV, n. 1023) und der S. Poenit. d. d. 21. Nov. 1845 für Canada. Es läßt sich indessen nicht läugnen, daß eine Tasse Chocolade wohl nicht weniger Nahrungsstoff enthält als eine Tasse Milch. Das Verbot letzterer dürfte daher mehr in dem Verbote der Lacticinien, als in dem Nahrungswerthe der Milch begründet sein (vgl. Capellmann, Pastoralmedicin K. 2). Zu den Fastenspeisen im engern Sinne gehören: 1. Fische oder Thiere mit rothem kaltem Blute. Ob ein Thier dieser Kategorie beizuzählen ist oder nicht, muß nach dem hl. Alfons (iv, 1011) aus der communis aestimatio und dem judicium medicorum entnommen werden. Demnach ist der Genuß von Schnecken, Schildkröten, Fröschen, See- und Flußkrebsen, Muscheln und anderen Schal- und Weichthieren an Abstinenztagen erlaubt. Fischotter und Biber werden, obwohl sie Säugethiere sind, von manchen Moralisten auf Grund des Gewohnheitsrechtes hierzu gerechnet; deßgleichen ist es an vielen Orten Herkommen, gewisse Wasservögel, welche sich nur von Fischen nähren, als Fastenspeisen anzusehen, wie das Wasserhuhn; Wildenten und Wildgänse sind aber nie zu genießen erlaubt. Der Grund, warum die Kirche den Genuß der Fischspeisen jetzt erlaubt, während sich die Gläubigen der ersten Jahrhunderte desselben an Fasttagen enthalten zu haben scheinen (Chrys. Hom. de statuis u. A.), ist vorerst, daß dieselben weniger Nahrungsstoff enthalten als Fleisch von Landthieren, und keinesfalls den Organismus so sehr wie diese erhitzen und erregen; dann aber auch, daß eine allgemein hinreichende Nahrung aus Vegetabilien überall nur schwer, an vielen Orten gar nicht gewonnen werden kann. Manche Kirchenschriftsteller (so Durandus) berufen sich auch auf die Symbolik und sagen, der Fisch erinnere an die Reiheit, da der Fluch der göttlichen Gerechtigkeit nicht die Gewässer, sondern nur die Erde traf; er lebe im Wasser, welches zur Materie des Sacramentes der geistigen Waschung und Wiedergeburt gemacht wurde; er sei das Symbol Christi (ΙΧΘΥΣ) u. s. w. – 2. An den Fast- und Abstinenztagen, welche nicht in die vierzigtägige Fastenzeit fallen, sind auch gestattet Nahrungsmittel, welche aus Producten der Landthiere, aber nicht aus ihrem Fleische, gewonnen werden, also Milch, Käse, Butter (lacticinia), Schmalz, Eier. Während der vierzigtägigen Fasten dürfen sie nicht genossen werden, nach gemeinem, freilich vielfach dispensirtem Recht auch nicht an den Sonntagen der Fasten (S. Lig. 1007), obgleich an diesen keine Verpflichtung zu fasten besteht (Conc. Laodic. a. 367, c. 50; Trull. a. 692, c. 56, woselbst gegen dawiderhandelnde Laien Excommunication, gegen Cleriker Deposition ausgesprochen wird; Conc. Trid. Sess. XXV, contin.; Prop. 32 damn. ab Alex. VII). Der hl. Thomas (l. c. a. 8 ad 3) sagt hierüber: … inter alia jejunia solemnius est quadragesimale jejunium, tum quia observatur ad imitationem Christi, tum etiam quia per ipsum disponimur ad redemptionis nostrae mysteria devote celebranda. Et ideo in quolibet jejunio interdicitur esus carnium, in jejunio autem quadragesimali interdicuntur universaliter etiam ova et lacticinia. Durch Gewohnheit und Observanz ist indessen vielfach auch an anderen gebotenen Fasttagen während des Jahres Enthaltung von Lacticinien geboten, und daher fährt der heilige Lehrer fort: circa quorum abstinentiam in aliis jejuniis diversae consuetudines existung apud diversos; quas quisque observare debet secundum morem eorum, inter quos conversatur (vgl. S. Lig. 1009, dub. 3). Die griechische Kirche dehnte die strenge Abstinenz auf alle Fastenzeiten des Jahres aus (Goar, Euchol. 207). Die occidentalische Kirche beobachtete in vielen Diöcesen die gleiche Übung. So finden wir noch im J. 1344 Dispensen des heiligen Stuhles, welche den Diöcesen Köln und Trier, und im J. 1485 solche, welche der Landschaft Meißen Milchspeisen und Eier an allen Fasttagen außer der Quadragesima erlauben. In Deutschland sind jetzt auch in der Quadragesima Lacticinien und Eier in Kraft eines Gewohnheitsrechtes und wegen Ermangelung anderer ausreichender Nahrungsmittel gestattet (vgl. Bened. XIV. Instit. 16). Um in jeder Richtung die Gewissen zu beruhigen, ertheilt übrigens der heilige Stuhl den Bischöfen Deutschlands auch die Vollmacht, vom Verbote der Lacticinien Dispens eintreten zu lassen (Facult. quinquen. n. 19). Auf Speck und daraus gewonnenes Schmalz (wie Schweinefett) darf das von Erlaubtheit der Lecticinien Gesagte nicht Anwendung finden; deßgleichen nicht auf Fleischsuppe. Sie gelten nie als Fastenspeisen und können nur den Armen erlaubt werden, welche außerdem der nöthigen Nahrung entbehren müßten. Gewohnheitsrecht allein kann eine Ausnahme begründen (S. Lig. 1010, dub. 5). – 3. Vegetabilien und daraus gewonnene Speisen sind die allgemein zulässigen Fastenspeisen. Im Falle einer Dispens vom Abstinenzgebote oder der Nichtverpflichtung desselben sind für alle Mahlzeiten, bei welchen Fleischspeisen genossen werden, die oben (1.) genannten Speisen (Fische u. s. w.) verboten. Nur Fleischsuppe neben Fastenspeisen zu genießen, ist denjenigen Personen, welche vom Abstinenzgebote dispensirt sind, erlaubt (s. d. Art. Fasten). Die ertheilten Dispensen sind ferner nur als Erlaubniß des Fleischgenusses bei der Hauptmahlzeit zu interpretiren. Dieß geht klar hervor aus den Constitutionen Benedicts XIV. (s. d. Art. Fasten) und Clemens’ XIII. (Appetente d. d. 20. Dec. 1759). Die Gewohnheit mehrerer deutschen Diöcesen aber dehnt dieselbe auch auf die Abendrefection aus. Der hl. Alfons v. Liguori (1025) hält in diesem Punkte ausdrücklich ein Gewohnheitsrecht für zulässig.

[Pruner.]


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