Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Fastenzeiten. Geschichtliches. Schon im Paradiese hatte Gott durch das Verbot, von einem bestimmten Baume zu essen, die Angemessenheit der Abstinenz selbst für den nicht gefallenen Menschen documentirt; nach dem Sündenfalle bestand ein Theil der Strafe darin, daß der Erde nur mit mühseliger Arbeit die Nahrung abgewonnen werden kann. Der in dem gefallenen Menschen so mächtige Kampf des Fleisches wider den Geist ließ die Schwächung des erstern durch Entziehung von Speise so naturgemäß erscheinen, daß das Fasten schon bei heidnischen Völkern, Ägyptern, Indern, Griechen, Römern (Eckstein, Askesis, Freiburg 1862, 142 ff. 252 ff.; Döllinger, Heidenthum u. Judenthum, Regensb. 1855, 43 f. 133. 171. 231. 239. 278. 375. 441) geübt werde, wie es auch in dem Religionswesen der Juden eine hervorragende Stelle einnahm. Um so mehr mußte dasselbe, wie Christus es vorhergesagt (Matth. 9, 14 f.), im Christenthum zur Beobachtung kommen. Den Grund und den Zweck des Fastens gibt die Kirche in der Präfation der Fastenzeit an: qui corporali jejunio vitia comprimis, mentem elevas, virtutem largiris et praemia. Unter den kirchlichen Fastenzeiten nimmt die erste Stelle ein:

I. Die vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern. Wie die Tage, wo der Bräutigam von ihnen fortgenommen, für die Jünger eine Zeit der Trauer waren, so wurden auch die jährlichen Erinnerungstage an den Tod des Erlösers für die Christen Tage der Fasten. Schon Tertullian (De jejun. c. 2) stellt in seiner montanistischen Streitschrift gegen die Katholiken als Ansicht der letzteren auf, nach der Übung der Apostel seien die Tage, in quibus ablatus est sponsus, zum Fasten bestimmt, und derselbe bezeugt in einer frühern Schrift (De oratione c. 18): in die Paschae (d. h. des πάσχα σταυρώσιμον) communis et quasi publica jejunii religio est. Auf ein Fasten der Gläubigen mit den Katechumenen vor der feierlichen Taufe, welche an der Ostervigil stattfand, weist auch Justin (Apolog. I, c. 61), sowie ein Brief des hl. Irenäus (bei Euseb. H. E. 5, 24) hin; wenn auch über dessen Interpretation verschiedene Ansichten walten, so sind doch Alle darin einverstanden, daß derselbe wenigstens von dem Fasten in der Charwoche redet. Nach einem Schreiben des Dionysius von Alexandrien an Basilides (Gallan. Bibl. Patr. III, 501–509) war zu jener Zeit, d. h. in der Mitte des dritten Jahrhunderts, das Fasten in den letzten zwei Tagen der Charwoche allgemein; nicht so in den ersten vier Tagen, für welche das aus derselben Zeit stammende fünfte Buch der Apostolischen Constitutionen (c. 18; vgl. c. 13) und ebenso Canon. s. Hippolyti 22, ed. Haneberg die Verpflichtung ebenfalls als geltendes Recht ausspricht. Wie allgemein und althergebracht dieses Paschafasten war, ergibt sich auch aus Eusebius (H. E. 5, 23), welcher es zu den ursprünglich von den Aposteln überlieferten Gebräuchen zählt. Ein Paschafasten, welches an die Worte Christi (Matth. 9, 15) anknüpfte, wurde also schon in den ersten Jahrhunderten als herkömmlich und selbstverständlich betrachtet und kann nur auf das apostolische Zeitalter zurückgeführt werden. Nach der Stelle bei Tertullian (De jejunio, c. 2) fand es ursprünglich wohl nur an den Tagen, in quibus ablatus est sponsus, statt, erweiterte sich dann bald auf den Mittwoch der Charwoche, als den Tag, an welchem Judas sich zum Verrath anbot und der Tod des Herrn beschlossen wurde, auf den Donenrstag, an welchem er gefangen genommen wurde, und dann auf die ganze Charwoche, welche so ein Gegenstück zu der Osteroctav wurde, die durch die Nachfeier der Taufe sich schon früh ausbildete (Tert. De coron. c. 3; Probst, Die kirchl. Disciplin 292). Eine Ausnahme bildete in einzelnen Kirchen der Gründonnerstag, wohl wegen der Einsetzung des heiligen Abendmahles und weil die Katechumenen wegen der an diesem Tage vorzunehmenden Waschung eine Refection nehmen durften, was einzelne Gläubigen nachahmen mochten (S. August. Ep. ad Januar. 54; Canon. s. Hippolyt. 19, n. 5); ferner wurde in den Kirchen der Quartodecimaner, weil am 14. Nisan sowohl das πάσχα σταυρώσιμον als das πάσχα ἀναστάσιμον gefeiert wurde, nach der Messe dieses Tages das Fasten geschlossen und am Charsamstage also nicht mehr gefastet. In allen anderen Kirchen wurde auch am Charsamstage, dem Tage der Grabesruhe, gefastet und in den drei ersten Jahrhunderten regelmäßig am Abend des Charfreitages das Fasten nicht abgebrochen, sondern bis nach der Auferstehungsfeier fortgesetzt (Irenaeus l. c.; Dionysius l. c.; Constit. Apost. 5, 18). Außer diesem Fasten in der Charwoche finden wir schon frühe ein längeres Fasten vor Ostern bezeugt. Schon Tertullian (De jejunio c. 13) sagt, daß die Katholiken praeter Pascha … citra illos dies, quibus ablatus est sponsus, fasteten, und Origenes bezeugt die Quadragesima als allgemein gebräuchliche Fastenzeit: Habemus enim quadragesimae dies jejuniis consecratos (Hom. X in Levit.). Aus der Hälfte desselben dritten Jahrhunderts haben wir für die νηστεία τῆς τεσσαρακοστῆς in Constit. Apost. 5, 13 und in Canon. s. Hippol. 20 ein Zeugniß. Das erste Concil von Nicäa setzt die vierzigtägige Fastenzeit als etwas Althergebrachtes und Allbekanntes voraus, indem es in can. 5 vorschreibt, daß eine der beiden jährlichen Provinzialsynoden πρὼ τῆς τεσσαρακοστῆς gehalten werden solle. Von dem Zeugnisse des hl. Irenäus (bei Eus. H. E. 5, 24, n. 4) sehen wir hier ab, weil die Interpunction und damit die Deutung der Stelle bestritten ist (vgl. Probst, Disciplin 273 ff.; Linsenmayr, Entwickl. der kirchl. Fastendisciplin bis zum Concil von Nicäa, München 1877, 26 ff. Weitere Zeugnisse der nachnicänischen Väter des vierten Jahrhunderts s. bei Linsenmayr a. a. O. und Binterim, Denkwürdigkeiten V, 2, 29 ff.). In allen diesen Zeugnissen begegnet uns die Quadragesima als etwas Hergebrachtes; von einer Einführung durch die kirchliche Gesetzgebung wird nichts erwähnt (über die vorgebliche Einführung durch Papst Telesphorus vgl. Linsenmayr a. a. O. 46, Note 31), so daß wir auf einen apostolischen Ursprung dieser Fastenzeit hingewiesen sind, für welchen sich auch Hieronymus (Epist. 41, al. 27 ad Marcellam) ausspricht. Die Übung eines vierzigtägigen Fastens war auch nahegelegt durch das Beispiel Christi, welches durch das Fasten des Moses und des Elias war vorgebildet worden (August. Epist. ad Januar. 55, n. 28; Tert. De jejun. c. 6; Ambros. De Elia et jejun. c. 2, 6). Die Beobachtung dieser Fastenzeit ist eine Gedächtnißfeier τῆς τοῦ Κυρίου πολιτείας (Const. Apost. 5, 13), und der Herr ist es, welcher uns lehrt, uns durch Fasten zu salben (Basil. Hom. I de jejun. c. 9). Weitere Belegstellen für diese Auffassung der Väter s. bei Linsenmayr a. a. O. 49 f. – Die Bedeutung des heiligen Osterfestes mußte es um so mehr angemessen erscheinen lassen, diesem Fasten vor demselben seine Stelle anzuweisen, als das Fasten des Erlösers, dessen Taufe am Epiphaniafeste gefeiert wird, auch annähernd in diese Jahreszeit gefallen war. Dazu kommt, daß schon nach Justin (Apol. I, c. 61; vgl. Cyrill. Catech. I) die Katechumenen sich auf die heilige Taufe, deren feierlichster Spendetag die Osternacht war, durch Fasten vorbereiten mußten. Wie der Causalnexus des Fastens der Gläubigen und der Katechumenen war, ob dasjenige der Gläubigen von dem Tauffasten der Katechumenen seinen Ausgang genommen, wie Probst (Disciplin 277) annimmt, oder ob das Umgekehrte der Fall gewesen, was wohl wahrscheinlicher ist (vgl. Linsenmayr a. a. O. 51), läßt sich mit Bestimmtheit nicht feststellen. Wahrscheinlich bildete sich als fromme Übung in der apostolischen Zeit unter den eifrigen Gläubigen dieses Fasten, welches durch die allgemeine Gewohnheit für Alle verpflichtend, für die Katechumenen und bei Ausbildung der Bußdisciplin für die Büßer noch ausdrücklich vorgeschrieben wurde.

Der Beginn dieser vierzigtägigen Fasten war verschieden (gegen Dallaeus, De jejun. et quadrag. l. 3, c. 9 sqq. u. A., daß die Quadragesima im vierten Jahrhundert nur ein vierzigstündiges Fasten bezeichnet habe, s. Beveridge, Cod. can. vindicat. l. 3, c. 4; Binterim a. a. O. 33 ff.; Linsenmayr a. a. O. 55 ff.). Im Abendlande, in der alexandrinischen Kirche und in der von Jerusalem dauerten die großen Fasten sechs Wochen vor Ostern, in einem großen Theile der morgenländischen Kirchen dagegen sieben Wochen. Nach den Apostolischen Constitutionen 5, 13 schloß das Fasten der Charwoche sich an diese Quadragesima an; ob dieß durch die Kirche der Quartodecimaner veranlaßt war, bei welchen Ostern schon auf den Montag dieser Woche fallen konnte, und ob auch im Abendlande zuerst die sechs Wochen der Quadragesima vor die Paschafasten der Charwoche fielen, ist nicht ganz klar (vgl. Probst, Disciplin 270 und Linsenmayr a. a. O. 60). Da am Sonntag (im Morgenlande, früher auch in der mailändischen Kirche, auch am Samstag, mit Ausnahme des Charsamstags) nur die Abstinenz gehalten, nicht aber gefastet wurde, so war die Zahl der eigentlichen Fasttage hier wie dort nur 36. Daher auch die Deutung der Quadragesima als eines Gott darzubringenden Bußzehntens des ganzen Jahres (Cassian. Collat. 21, 24–28; Gregor. M., Hom. 16 in Evangel.). Bezüglich der vereinzelten Behauptungen von Socrates (H. E. 5, 22) und Sozomenus (H. E. 7, 19) über die großen Verschiedenheiten in der Dauer der Quadragesima vgl. Linsenmayr a. a. O. 61 f. In der lateinischen Kirche begann man vereinzelt schon im fünften Jahrhundert (Maxim. Taur. Hom. in dies Cin. bei Migne, PP. lat. LVII, 201 sq.), um die durch das Fasten des Erlösers geheiligten 40 Tage voll zu machen, das Fasten bereits am Mittwoch vor dem ersten Fastensonntage, eine Übung, welche, mit Ausnahme von Mailand, in der lateinischen Kirche allmälig allgemeine Gewohnheit und durch Urban II. auf dem Concil von Benevent 1091 c. 4 ausdrücklich zum Gesetz erhoben wurde (Bened. XIV., De syn. dioec. 11, 1, 3). Die liturgischen Besonderheiten der Quadragesima wurden dadurch nicht geändert. In Mailand beginnt das Fasten noch jetzt am Montag nach dem ersten Fastensonntag (S. Carol. Borrom. Conc. Mediol. I, p. 2, c. 7; Harduin. X, 655). Für den Clerus begann früher das Fasten schon mit dem Sonntag Quinquagesima, welcher deßhalb auch unter dem Namen dominica carnis privii oder privicarnii sacerdotum, Herrenfasten (vgl. Gratian. c. 4. 5, Dist. IV) vorkommt und im mozarabischen Missale dominica ad tollendas carnes genannt wird. Der Ordensclerus begann die Fastenzeit mit dem Sonntag Septuagesima (Petr. Bles. Serm. 13). In der morgenländischen Kirche beginnt das strenge Fasten noch jetzt sieben Wochen vor Ostern; sie schickt demselben, nach dem Triodium in Folge eines Gelübdes des Kaisers Heraclius im Kriege mit Chosroes, eine achte Woche mit leichterer, Käse und Butter gestattender Abstinenz als Vorbereitung voraus (Nilles, Kalendarium II, 6 sq.; Martène, De ant. eccles. discipl. in celebr. off. c. 18, n. 8). Die Fleischspeisen sind bei ihnen schon vom Sonntag Septuagesima an verboten (Guéranger, Année liturg., temps de Carême 23). In Polen begann bis zu den Zeiten Innocenz’ IV. das Fasten in aller Strenge am Sonntag Septuagesima (Rainald. ad an. 1248, n. 49).

Die Enthaltung in der vierzigtägigen Fastenzeit hatte, so weit wir dieselbe verfolgen können, stets einen doppelten Charakter: sie bezog sich auf die Qualität und die Quantität der Nahrung. In ersterer Beziehung waren als weniger nothwendig die Nahrungsmittel untersagt, welche Gott nach der Sintflut der Menschheit gestattet hatte: Fleisch und Wein (Cyril. Catech. 4, 27; Basil. Hom. 1 de jejun.; Hieron. Comment. in Daniel. c. 10, v. 3). Zu ersterem scheint man schon damals Eier und alle Lacticinien, zu letzterem alle Spirituosen gerechnet zu haben, denn die Väter führen als erlaubte Fastenspeisen Brod, Früchte, Kräuter und Gemüse an (S. Aster. Amas. In princ. jejunii bei Migne, PP. gr. XL, 380). Das Concil von Laodicäa schreibt (c. 50) für die ganze Quadragesima die Xerophagie vor, welche auch den Gebrauch von Öl und mit Öl zubereiteter Speisen ausschloß (vgl. Tertull. De jejun. c. 1) und nur trockene Speisen, Brod, Salz, Früchte und Kräuter, ohne weitere Zubereitung gestattete. Wie es mit der Tragweite der Vorschrift dieses Concils sich verhalten mag (vgl. Linsenmayr 123) – sicher ist, daß in dieser Strenge dieselbe auch im Orient nicht zur Ausführung gekommen ist, indem dort die Xerophagie erst mit dem Passionssonntage beginnt, bis dahin aber der Gebrauch von Öl, Honig und der Genuß von Muscheln, nicht aber von Fischen, gestattet ist; letztere sind nur am Feste Mariä Verkündigung und am Palmsonntage erlaubt. In der lateinischen Kirche ist gemeinrechtlich noch jetzt der Genuß von Fleisch, Eiern und Lacticinien selbst an den Sonntagen der Fastenzeit verboten (can. 6, Dist. IV). Das Verbot des Weines und des Bades ist allmälig in Abgang gekommen, zuerst im Abendlande. In den Gegenden, welche kein Olivenöl produciren, war die Untersagung der Lacticinien doppelt hart, und so sehen wir im siebenten Jahrhundert in England (Beda, Hist. Angl. 3, 23) und seit dem neunten Jahrhundert in manchen Diöcesen Deutschlands den Genuß von Lacticinien und Eiern als erlaubt gelten (Aeneas Paris. Adv. Graec. c. 184 bei Migne, PP. lat. CXXI, 741). Allgemein war dieser Gebrauch in Deutschland wohl noch nicht, denn das Concil von Quedlinburg 1085 erklärte (c. 10) das Essen von Käse und Eiern während der Quadragesima noch als unerlaubt, und noch im J. 1485 hielten die Nuntien Castellunus und Tifernas in ihren Nuntiaturbezirken es für zweckdienlich, mit päpstlicher Vollmacht bezüglich der Lacticinien zu dispensiren. Seit der Zeit des Concils von Trient wird in den Quinquennalfacultäten (N. 19) den deutschen Bischöfen die facultas dispensandi super esu carnium, ovorum et lacticiniorum tempore jejuniorum et praesertim Quadragesimae ertheilt (Binterim, Denkwürdigkeiten V, 2, 80 ff.). In Frankreich begann die Milderung bezüglich der Lacticinien im 16. Jahrhundert; bezüglich der Eier hat die alte Strenge wenigstens in einem Theile der Fastenzeit, namentlich in der Charwoche, dort bis jetzt sich erhalten (Guéranger l. c. 11 s.). Neu eingeschärft ist durch Benedict XIV. (Constitution Non ambigimus vom 10. Juni 1745) das allgemeine Verbot, an den Fasttagen, auch wenn der Fleischgenuß gestattet ist, mit diesem den Genuß von Fischspeisen bei derselben Mahlzeit zu verbinden.

Neben der Enthaltung von bestimmten Speisen gehört zum Wesen des Fastengebotes die einmalige Mahlzeit. Bei den Römern und Griechen fand die Hauptmahlzeit (coena, δεῖπνον) gegen 3 Uhr Nachmittags statt; am Morgen wurde ein leichter Imbiß (jentaculum, ἀκράτισμα), um Mittag ein bescheidenes Frühstück (prandium, ἄριστον, meist nur Brod und Käse) genommen (Rich, Illustr. Wörterbuch der röm. Alterth. s. v.). Durch das kirchliche Fastengebot waren nun, anschließend an die Vorschrift des A. T. für den Versöhnungstag (Lev. 23, 32), jentaculum und prandium verboten und nur die coena, welche bis zum Abend verschoben wurde, gestattet (Tertull. De jejun. c. 10; Basil. Hom. 1 de jejun. c. 10; Ambros. Serm. 8 in Ps. 118, c. 48); die Apostolischen Constitutionen 5, 18 erklärten es außer der Charwoche als zulässig, um die neunte Stunde, also gegen 3 Uhr, das Fasten zu unterbrechen. Besonders abgetödtete Christen, namentlich Anachoreten und Cönobiten, setzten das Fasten nach den im A. T. (Jon. 3, 7. Dan. 10, 2. Esth. 4, 16) vorkommenden Beispielen und nach dem Vorbilde Christi länger als einen Tag ohne Speise und Trank fort (Concil. Illiberit. c. 23. 26; Epiphan. Exp. fid. c. 22; Hieron. Epitaph. Paulae c. 1. 17), manchmal drei und mehr Tage (August. De mor. eccles. 1, 33); namentlich geschah dieß von vielen Gläubigen an den beiden letzten Tagen der Charwoche (Const. Apost. 5, 18). Es hat sich sogar ein technischer Name, superpositio (vgl. Ducange s. v.), ὑπέρϑεσις, für dieses verlängerte Fasten gebildet, welches seit dem vierten Jahrhundert seltener wurde. Das Fasten bis zum Abend erhielt sich als die Regel bis in’s zehnte Jahrhundert. Spuren einer Vorausschiebung der Mahlzeit bis zur Non (3 Uhr) finden sich schon im fünften Jahrhundert, werden aber noch getadelt (Socr. H. E. 5, 22), wie dieß auch noch von Theodulf von Orleans (Capit. 39) im neunten Jahrhundert geschieht. Im zehnten Jahrhundert erklärt aber Ratherius von Verona (Serm. I de Quadrag. in D’Achery, Spicil. I, 384) diese Erleichterung für erlaubt. Bis dahin war die Mahlzeit erst nach der Vesper gehalten worden, welche sich an die nach der Non beginnende Messe anschloß. Die liturgische Anordnung ist durch diese Milderung nicht beeinflußt worden; auch jetzt wird in der Quadragesima die Vesper an den Wochentagen ante comestionem gehalten. Am Ende des 13. Jahrhunderts, in dessen Mitte der hl. Thomas (2, 2, q. 147, a. 7) noch die Mahlzeit zur Zeit der Non bezeugt, erklärte Richard von Middleton (In IV, d. 15, q. 9, a. 7) es auf Grund der Gewohnheit vieler Orte als zulässig, die Mahlzeit zur Zeit der Sext (Mittags 12 Uhr) zu nehmen, und Durand a S. Portiano bezeugt im 14. Jahrhundert, daß dieß der Gebrauch des Papstes, der Cardinäle und der Ordensleute war. Seitdem aber die Mahlzeit so früh genommen wurde, machte sich das Bedürfniß geltend, am Abend nochmals Speise zu sich zu nehmen, aber so mäßig, daß man sich nicht zum zweiten Male sättigte; der hl. Thomas (In IV, q. 147, a. 6), welcher nur einen Trunk am Abend gestattete, erklärte diese Milderung noch als unerlaubt. Bei den Fasten im Sommer und Herbst war schon auf Grund der Regel des hl. Benedict den Ordensleuten wegen der schweren Feldarbeiten am Abend ein Trunk Wein gereicht worden, was das Concil von Aachen 817 (c. 12) auch auf die Quadragesima ausdehnte wegen der Ermüdung durch das längere Chorgebet; im 14. und 15. Jahrhundert wurde, ne noceat potus, zu dem Trunk ein Stück Brod durch die Gewohnheit gestattet. Diese Refection wurde gemeinsam bei der frommen Lesung des Abends genommen, welche, weil häufig aus den Collationen Cassians genommen, Collation hieß und ihren Namen zuerst in den Klöstern, dann auch in der Welt der kleinen Abenderquickung mittheilte.

Der Ernst der Fastenzeit sprach sich aber nicht nur in der Enthaltung von Speisen aus, sondern auch in dem Verbot von Lustbarkeiten, Verlobungen, Eheschließungen, Gebrauch der Ehe (August. Serm. 205 210; Theodulf. Aurel., Capit. 43; Nicol. I. ad Bulgar. c. 50), der Jagd (Pseudo-August. Serm. 146 in appendice; Nicol. I. ad Bulg. c. 44), der Prozesse (Nicol. I. l. c. c. 45; Theodulf. l. c. c. 42; L. 4, Cod. Theod. 9, 35), der Schauspiele (nach einem Gesetze Justinians bei Phot. Nomocan. tit. 7, c. 1), des Krieges (Conv. Compendien. a. 835; Nicol. I. ad Bulg. c. 46). Auch nach Aufhebung der vita communis in den Stiftern hielt man mehrfach darauf, daß dieselbe in der vierzigtägigen Fastenzeit beobachtet wurde (Martène l. c. n. 22). Für diese Zeit wurde auch die häufige Communion vorgeschrieben (Theodulf. l. c. 41 für alle Sonntage) oder empfohlen, ebenso die Beiwohnung der heiligen Messe auch an den Wochentagen (Martène l. c. n. 15). Häufige Processionen wurden gehalten, wahrscheinlich in Nachahmung der in der Fastenzeit täglich üblichen Stationen zu Rom, welche viele Jahrhunderte hindurch mit einer Procession zu der Stationskirche begannen. Dem Officium wurden längere Gebete beigefügt (Martène n. 18. 19), wovon sich viele noch im heutigen Brevier erhalten haben. Um der Zeit ihren Ernst um so ausdrucksvoller zu erhalten, war die Kirche lange sehr zurückhaltend in der Zulassung von Festen, weil diese stets einen freudigen Charakter haben. Das Concil von Laodicäa erklärte sie (c. 51) nur an den Samstagen und Sonntagen, wo in der griechischen Kirche nicht gefastet wird, zulässig. Man hielt dort jene Strenge fest und gestattete erst mehrere Jahrhunderte später am 25. März das Fest Mariä Verkündigung, hob aber auch für diesen Tag das Fasten auf. Die lateinische Kirche, welche das Fasten nicht für unverträglich mit den Heiligenfesten hält, nahm schon früh das Fest Mariä Verkündigung, dann das des heiligen Apostels Matthias (24. Febr.) auf, später auch andere Feste, aber stets mit Zurückhaltung. Aus derselben Rücksicht entsprang die Bestimmung des Concils von Laodicäa c. 49, wiederholt im Trullanum c. 52, daß in dieser Zeit nur an den Sonntagen und Samstagen das heilige Opfer dargebracht werden solle, was jetzt auch am 25. März geschieht; an den anderen Wochentagen wird dort nach der Vesper die Missa praesanctificatorum, bei welcher nur der Priester communicirt, gehalten. Die lateinische Kirche kennt diese Missa praesanctificatorum nur am Charfreitag (s. d. Art.); bloß in dem ambrosianischen Ritus ist dieselbe vom Charfreitag auf alle Freitage der Fastenzeit übergegangen. Aber auch in der lateinischen Kirche spricht sich der Charakter der Zeit in den Messen de tempore durch das Fortfallen des Alleluja, des Gloria, des Ite missa est und das Beifügen der Oratio super populum aus. Über das Fastentuch s. d. Art. – Eine Beschränkung der Verpflichtung auf ein bestimmtes Alter findet sich in den ersten Jahrhunderten nicht ausgesprochen, vielmehr wird das Fasten auch als angemessen für Greise und Kinder erklärt (Basil. Hom. 2 de jejun.; Can. arab. Nic. 19 bei Harduin I, 516; Binterim a. a. O. 88). Wenn aber am Charsamstage auch die kleinen Kinder fasteten (Greg. M. Dialog. 3, 33), so war dieß Ausfluß besondern Eifers, wie er auch jetzt noch am Charfreitag wohl vorkommt; in den gesetzlichen Vorschriften sind unter Kindern die Jünglinge zu verstehen (Chrysost. Hom. 2 in Genes.), denn die kleinern Kinder fielen unter den allgemeinen Entschuldigungsgrund der ἀσϑένεια σωματική, infirmitas corporis (Can. Apost. 69, al. 68), welcher auch die Kranken (Leo M. De jejun. VII. mens. serm. 1) entschuldigte; bezüglich der Abstinenz hält die griechische Kirche das Gebot auch für die Kranken aufrecht (Balsamon, Can. Apost. interpret. bei Bened. XIV., Instit. 15), während in der lateinischen Kirche schon vom hl. Augustinus (Serm. 209) eine mildere Ansicht bezeugt ist. Nach den Apostolischen Constitutionen 8, 33 sollten in der Charwoche die Knechte von der Arbeit freigelassen werden, um fasten zu können. Diese und ähnliche Bestimmungen des Mittelalters für andere Fastenzeiten (Binterim a. a. O. 89 f.) beweisen, daß schwere Arbeit auch als Entschuldigungsgrund galt. Bezüglich des Alters, mit welchem die Verpflichtung zur unica refectio eintritt, hat nach einigem Schwanken (Binterim a. a. O. 89) seit den Zeiten des hl. Thomas von Aquin (2, 2, q. 147, a. 4) das allgemeine Gewohnheitsgesetz dieses Alter auf das vollendete 21. Lebensjahr fixirt. – Schon seit den ersten Jahrhunderten der Kirche (Hermae Pastor lib. 3, sim. 5; Origen. In Levit. hom. 10; Chrysost. Hom. 10 in Genes.) wird zur Fastenzeit reicheres Almosengeben empfohlen, sowohl den Fastenden, weil sie weniger Ausgaben haben, als denjenigen, welche nicht fasten können, als Ersatz. Wir sehen auch aus Tertullian (De jej. c. 13), daß die kirchlichen Collecten besonders in den Fastenzeiten vorgenommen wurden.

Außer der Quadragesima vor Ostern gab es früher im Abendlande noch eine Quadragesima S. Martini und eine Quadragesima vor dem Feste des hl. Johannes des Täufers; erstere begann am Feste des hl. Martin oder in die octava des Allerheiligenfestes und dauerte bis Weihnachten, auf welches Fest sie vorbereitete, weil früher, wie noch jetzt zu Mailand, der Advent sechs Sonntage vor diesem Feste begann. Die ersten Spuren dieser Fastenzeit finden sich im fünften Jahrhundert in Frankreich, von wo sie sich über England, Italien, Deutschland, Spanien u. s. w. verbreitete. Die besonders fröhliche Feier des Festes des hl. Martin hing damit zusammen. Das Fasten war weniger streng als vor Ostern. Im 13. Jahrhundert bestand es noch in Italien, milderte sich allmälig bis zur bloßen Abstinenz, und zuletzt kam auch diese ab. Jetzt besteht das Martinsfasten nur noch in einzelnen Orden. In neueren Fastenreductionen wurde mehrfach zum Ersatz ein Fasten an den Mittwochen und Freitagen des Advents auferlegt. (Näheres s. bei Ducange s. v. Quadragesima S. Martini; Martène, De ant. eccl. rit. in div. cel. offic. c. 10, n. 3–6; Bened. XIV. Instit. 11) Die Quadragesima S. Joannis begann nach Pfingsten und dauerte bis zum Feste dieses Heiligen. Schon zur Zeit des Durandus (Rat. div. off. 1, 9, 8; 7, 14, 9) war vielfach aus diesen beiden Quadragesimen eine gemacht, indem man die des Advents auf drei, die vor dem Feste des hl. Johannes auf zwei Wochen beschränkte. In Deutschland dauerte dieses letztere Fasten schon im elften Jahrhundert nur 14 Tage (Concil von Seligenstadt, 1022, c. 1; Binterim a. a. O. 159 f.; Geschichte der deutschen Concilien III, 489; vgl. Nilles, Kalend. utr. eccles. II, 82 sq.). Zu Rom bestand auch zeitweilig noch eine Quadragesima vor Mariä Himmelfahrt (Nicol. I. Respons. ad Bulgaros; Martène l. c. n. 5). Die griechische Kirche hat noch jetzt außer der Quadragesima vor Ostern drei große Fastenzeiten: die νηστεία τῆς Θεοτόκου vom 1.–14. August; die vor Weihnachten (15. Nov. bis 24. Dec.) und die der Apostel (vom 1. Sonntag nach Pfingsten bis 28. Juni). In diesen Fastenzeiten ist der Genuß von Öl, Wein und Fischen nur an den Mittwochen und Freitagen verboten und selbst an diesen bei bestimmten Festen gestattet (Nilles, Kalend. I, 82 sq.; II, 230 sq.; vgl. die Decrete der Reformsynode für die unirte ruthenische Kirche vom J. 1710 in der Coll. Lac. II, 63). Die Armenier und die Kopten haben noch eine vierte, die sehr strengen Ninivitenfasten in der Woche vor dem Beginn der Quadragesima vor Ostern (Nilles II, 8–10. 571 sq. 641).

II. Die Quatemberfasten. Das erste sichere Zeugniß über diese Fasten gibt uns Leo d. Gr. (Sermo 1. 5. 8 de jej. decim. mens.), welcher sie als eine auf göttlicher Eingebung beruhende Anordnung der Apostel erklärt. Jedenfalls beweist diese Ausdrucksweise, daß es sich um eine seit langen Zeiten gebräuchliche Einrichtung, deren anderweitiger Ursprung nicht nachgewiesen war, handelte. Da gerade zur Zeit des Papstes Callistus (219–223) die Fastenfrage gegenüber den Montanisten eine brennende war, so ist die Ansicht, die Angabe des Liber pontificalis (in Callisto), wonach dieser Papst eine Anordnung über das jejunium Sabbati ter in anno getroffen habe, entbehre jeder historischen Grundlage (Linsenmayr a. a. O. 64), wohl zu weitgehend (De Rossi, Bull. d’Archeol. crist. 1866, 21). Aber auch zur Zeit Leo’s d. Gr. waren die Quatemberfasten keine allgemeine Übung der ganzen, sondern eine besondere der römischen Kirche (Muratori, Anecdot. I, 246–266 De quat. temp. jejun., gegen Bellarmin, De bon. oper. 4, 19 und Natal. Alexand. Saec. II, Diss. 4, a. 4). Die griechische Kirche hat dieselben noch jetzt nicht: die Apostolischen Constitutionen (5, 20) kennen ein Fasten nach der Pfingstwoche (Athanas. De fuga sua c. 6), aber dieses hat sich nicht zu Quatemberfasten entwickelt, wahrscheinlich weil dort die Mittwoche und Freitage, von besonderen Festen abgesehen, das ganze Jahr hindurch Fasttage geblieben sind (s. u.). – Zu Rom war zur Zeit Leo’s d. Gr. in dem ersten Monat eines jeden Vierteljahres das Fasten an einem Mittwoch, Freitag und Samstag nicht bloß fromme Übung, sondern Pflicht. Ob der hl. Augustin (Epist. 36 ad Casul.) von diesem Fasten rede, ist wegen des frequenter (quod frequenter plebs Romana fecit) zweifelhaft (vgl. De Rossi, Bullet. 1869, 93); es liegt näher, an das Stationsfasten (s. u.) zu denken. Die Vertheilung auf die vier Jahreszeiten zeigt, daß dadurch nach dem Vorbild des A. T. (Zach. 8, 19) jedes Vierteljahr als ein durch Fasten geheiligtes Opfer dargebracht und zugleich der Segen Gottes auf die Feldfrüchte herabgerufen und für dieselben Gott gedankt werden soll (S. Leon. Sermo 8 de jej. dec. mens.; Sermo 2 de jej. sept. mensis). Seit Gelasius (Ep. 14 ad episcop. Lucan. c. 11) die Ordinationen auf die Quatemberwochen verlegte, trat noch die neue Beziehung hinzu, durch Fasten und Gebet würdige Arbeiter im Weinberge des Herrn zu erlangen (c. 1–7, Dist. LXXVI). Ob das jejunium vernum in Quadragesima (S. Leon. Sermo 8 der jej. dec. mens.) schon damals Quatemberfasten dreier Tage der ersten Fastenwoche gewesen ist, oder ob die vierzigtägige Fastenzeit zugleich die Aufgabe hatte, das Frühjahr zu heiligen, läßt sich nicht klarstellen. Für letzteres spricht die spätere Verschiedenheit in der Fixirung dieser Frühjahrsquatemberwoche (s. u.). Von Rom aus verbreiteten sich diese Fasten auf die anderen Theile der abendländischen Kirche. Nach England soll das Quatemberfasten, wie spätere Angaben lauten (Conc. Aenhamense von 1009 c. 16 bei Harduin VI, 782, welches beifügt: quamvis aliae gentes aliter exercuerunt), durch den hl. Augustin, den Schüler Gregors d. Gr., gekommen sein. In Deutschland war der hl. Bonifatius für die Einführung thätig (S. Bonif. Stat. 30 bei Hartzheim, Conc. Germ. I, 74), die Durchführung gelang aber erst dem deutschen Nationalconcil von Mainz a. 823, c. 34. In Deutschland werden diese Fasten auch Weihefasten wegen der Ordination, Frohnfasten, weil sie ein pflichtmäßiger Dienst für jedes Vierteljahr sind, nach Mabillon (Iter German. an. 1685, in Vet. Annal., Par. 1723, 14) in derselben Bedeutung angariae (Engern = Nothwerke [Fresen-Grimm, Deutsches Wörterbuch s. v. Engern]) genannt. In Böhmen heißen sie suché dni, in Polen suchedni (= trockene Tage, wegen des Fastens), in England emberdays (über dessen Bedeutung s. Smith, Dict. of christ. antiquit. s. v.); in den anderen Sprachen ist der lateinische Name in Umbildung oder Übersetzung (z. B. schwedisch fyra fastetider) beibehalten. Die Zeit der Quatemberfasten bestimmen die alten Verse:

Vult Crux, Lucia, cineres, charismata data,
Ut det vota pia quarta sequens feria.

Hiernach fallen die ersten Quatemberfasten in die Woche nach Aschermittwoch, also in die erste Fastenwoche. Bis zum elften Jahrhundert herrschte hierin Verschiedenheit (Gerbert, Vet. lit. Allem. 981 sqq.); Einige hielten sie vor der Quadragesima, Andere in der ersten vollen Woche des März, Andere in der Woche des 1. März (Binterim, Denkwürdigk. V, 2, 146 ff.; Ders., Gesch. der deutschen Concilien II, 275. III, 517 ff.). Eine übereinstimmende Feier in der ersten Fastenwoche findet sich erst seit dem Ende des elften Jahrhunderts; Micrologus, ein Zeitgenosse Gregors VII., schreibt dieß einer Anordnung dieses Papstes zu. Die Weise des Fastens wurde dadurch in dieser Woche nicht verschärft, sondern dieses nur durch ein doppeltes Gebot zur Pflicht gemacht; der Unterschied bestand damals aber noch in längeren Gebeten des Officiums (Gerbert, Monum. ad Liturg. Alleman. spectant. II, 171) und vielfach in besonderen Bittzügen (S. Carol. Borrom. Concil. Mediol. IV, c. 6, bei Harduin X, 815). Hierauf deutet auch der walisische Name Wythnos y Cydgorian, Woche der Processionen (Smith, Diction. of christ. antiquit. s. v. Emberdays). Gegenwärtig unterscheidet sich der Mittwoch und Samstag dieser Fastenquatember durch die größere Zahl der Lectionen in der Messe von den anderen Tagen dieser Woche.

III. Stationsfasten. Weil am Freitag der Erlöser für uns gekreuzigt, am Mittwoch sein Tod von seinen Feinden beschlossen und das Angebot des Verräthers Judas angenommen wurde, beging sowohl die abendländische als die morgenländische Kirche beide Tage seit den frühesten Zeiten als Tage der Trauer und Buße mit Gottesdienst und mit Fasten. Schon die Διδαχὴ τῶν δώδεκα ἀποστόλων c. 8 schreibt: Ihr sollt am vierten Tage (Mittwoch) und am Rüsttage (παρασκευή = Freitag) fasten. Auch Clemens von Alexandrien (Stromat. 7, 12) und Origenes (Hom. 10 in Levit. und Contra Celsum 8, 21) reden davon als einer allgemeinen Übung, ebenso Tertullian (De jejun. c. 2. 10. 13. 14; Ad uxor. 2, 4; De orat c. 19. 23; De fuga in persec. c. 1; De cor. mil. c. 11), so daß wir darin eine apostolische Tradition erkennen müssen. Die Apostolischen Constitutionen (5, 15. 20; 7, 23) und Canones (69, al. 68) verordnen dieses Fasten. Die Martyrer versagten sich in den Gefängnissen an diesen Tagen einen Trunk Wein (Prudent. Peristeph. 6, 52 sq.). (Weitere Zeugnisse s. bei Linsenmayr a. a. O. 78 f.) – In der lateinischen Kirche hieß diese Feier Statio; der Ausdruck war nach Tertullian (De orat. c. 19), weil wir militia Dei sumus, aus der Militärsprache entlehnt, wo es Wache, Wachposten bedeutete: es waren also Tage, wo die Christen auf ihrem Posten beim Gottesdienste bleiben, in Erinnerung an das Leiden und den Tod Christi besonders wachen und beten sollten, Tage des Dankes, aber auch der Abbitte, Genugthuung und Buße. (Über andere Erklärungen der Annahme der Bezeichnung Statio s. Binterim, Denkwürdigk. a. a. O. 118 ff.; Gerbert, Vet. lit. Allem. 920; Linsenmayr a. a. O. 75 f.) Die griechische Kirche hat für Statio keinen technischen Ausdruck; im Pastor Hermae (3, Sim. 5, n. 1) findet es sich durch ein sonst nicht vorkommendes στατίων bezeichnet; man nennt dort, je nachdem die gottesdienstliche Seite oder aber das Fasten betont werden soll, die Statio σύναξις oder νηστεία. Der Gottesdienst bestand in der Feier der Liturgie mit Communion der Gläubigen (Tertull. De orat. c. 19); das Fasten endete mit dem Gottesdienste Nachmitags um 3 Uhr, weßhalb Tertullian es semijejunium nennt (De jejun. c. 13; Epiphan. Expos. fid. c. 22). Dieses Fasten unterblieb in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, weil diese wegen ihres freudigen Charakters kein Fasten zuließ (Tertull. De coron. c. 3; S. August. Epist. 55 ad Januar. n. 28), und ebenso am Weihnachtsfeste, wenn dieses auf den Mittwoch oder Freitag fiel (Epiph. Exp. fid. c. 22). Das Stationsfasten verlor sich mit dem sechsten Jahrhundert. Die Stationen im Sinne von Bittgängen zu einer Kirche, in welcher feierlicher Gottesdienst gehalten wurde, wurden von Gregor d. Gr. näher geordnet (Paul. Diac., Vita S. Gregorii 2, 18), wie sie sich wesentlich noch jetzt im römischen Missale verzeichnet finden (s. d. Art. Stationen).

IV. Das Samstagsfasten. Der Samstag ist einerseits der Tag, an welchem Gott von der Schöpfung ruhte, der Tag der Vollendung der Welt und des Gesetzesstudiums, an welchem man den Gottesdienst fleißig besuchen soll, weil Gott durch Christus Alles erschaffen hat (Constit. Apost. 2, 59; 5, 15; 7, 36); andererseits als Tag der Grabesruhe des Erlösers ein Tag der Trauer und der Buße. Erstere Rücksicht trat in den meisten morgenländischen Kirchen in den Vordergrund, welche deßhalb mit Ausnahme des Charsamstags an keinem Samstage fasten und bei dem Schisma die gegentheilige Praxis der lateinischen Kirche zum Vorwurfe machten. In letzterer wurde die dem christlichen Dogma mehr entsprechende Auffassung des Samstags als Trauertages auch im Leben durchgeführt, und an diesem Tage ward deßhalb gefastet. Für Rom bezeugt dieß Tertullian (De jej. c. 14), und der hl. Augustin (Epist. 36 ad Casul. n. 21; vgl. Cassian, De instit. coenob. 3, 10) redet von einer Überlieferung, daß dieses Fasten auf einer Anordnung des hl. Petrus beruhe. Außer zu Rom war dieses Fasten auch schon früh in der spanischen (Conc. Illiberit. a. 306, c. 26) und zur Zeit des hl. Athanasius (6. Festbrief und Socrat. H. E. 5, 22) in der alexandrinischen, seit dem sechsten Jahrhundert wenigstens auch in der gallischen Kirche (Conc. Aurel. a. 541, c. 2) gebräuchlich, während in Afrika die Praxis in den verschiedenen Kirchen zur Zeit des hl. Augustin (Epist. 36 ad Casul.) eine verschiedene war, und die mailändische Kirche selbst in der Quadragesima an den Samstagen nicht fastete (Ambros. De Elia et jej. c. 10; S. August. l. c. n. 32). Bei dieser Verschiedenheit der Übung begreift es sich, wenn auch in der lateinischen Kirche das Samstagsfasten allmälig abkam. Nicolaus I., welcher in seinem Schreiben an die gallischen Bischöfe dieses Fasten gegen die Angriffe der Griechen vertheidigte, legte es den Bulgaren nicht auf (Respons. ad consult. Bulgar. c. 4); in Spanien war es im elften Jahrhundert ebenfalls abgekommen (Conc. Coyac. 1050, c. 11, bei Harduin VI, 1028). Gregor VII. (Conc. Rom. 1078, c. 8; c. 31 De Consecr. Dist. V) schreibt nur die Abstinenz von Fleischspeisen vor, und Innocenz III. (c. 2, X 3, 46) entschied, man solle sich nach der Ortsgewohnheit richten. In den Statuten des Erzbischofs Heinrich von Köln von 1307, c. 3 heißt es: Jejunium vero Sabbati locorum consuetudinibus duximus committendum, so daß also innerhalb der Diöcese verschiedene Gewohnheiten darüber bestanden. In Frankreich ist in den Kirchenprovinzen, deren Metropolitankirchen der allerseligsten Jungfrau geweiht sind, die Abstinenz an den Samstagen zwischen Weihnachten und Maria Lichtmeß durch Gewohnheit aufgehoben (Guéranger, L’Année liturg., Le temps de Noël I, 5). In Spanien sind in einzelnen Diöcesen durch alte Gewohnheit bestimmte Fleischspeisen gestattet (Bened. XIV. De syn. dioec. 11, 5, 9). In Rom besteht die Abstinenz an den Samstagen noch jetzt, in Belgien und Holland wurde erst in der letzten Zeit Dispens darin ertheilt.

V. Das Vigilfasten wird vor Ostern (Constit. Apost. 5, 15. 18), Weihnachten (Theophil. Alex. bei Linsenmayr a. a. O. 107, Note 26), Epiphania (Chrysost. Hom. de bapt. Christi) und Pfingsten (Sacram. Leon.) schon früh erwähnt. Bei den anderen Vigilien, an welchen zu fasten ist, wird wohl mit Durandus (Ration. div. offic. 6, 7), Honorius von Autun (Gemma anim. 3, 6), Beleth (De div. offic. c. 137) u. A. anzunehmen sein, daß dieses Fasten eingeführt wurde, seitdem die nächtliche Feier der Vigilien wegen der hervortretenden Mißbräuche abgestellt wurde (s. d. Art. Vigilien).

VI. Das Tauffasten. Schon Justin (Apol. I, c. 61) und Tertullian (De bapt. c. 20), sowie die Apostolischen Constitutionen (7, 22) bezeugen, daß die Katechumenen auch durch Fasten sich auf die heilige Taufe vorbereiten mußten. Da der feierlichen Taufe in der Osternacht eine vierzigtägige ascetische Vorbereitung vorherging (Cyrill. Hier. Catech. 1, n. 5) und das Fasten der Katechumenen häufig mit dem Fasten des Herrn nach der Taufe verglichen wird, so hat vermuthlich dieses Fasten vierzig Tage gedauert, was von denen, die zu Ostern getauft wurden, der hl. Augustin (Epist. 54 ad Januar.) ausdrücklich bezeugt; derselbe berichtet ebendaselbst zugleich, daß sie am Gründonnerstag das Fasten unterbrachen, um als körperliche Vorbereitung auf die Taufe ein Bad zu nehmen. Als Vorbereitung am Tauftage selbst wird die Nüchternheit noch jetzt für die erwachsenen Katechumenen empfohlen: Pro hujus autem veneratione sacramenti tam sacerdotem, qui adultos baptizabit, quam ipsos adultos, qui sani sunt, convenit esse jejunos (Rit. Rom. tit. de bapt. adultorum). Aus derselben Rücksicht enspringt die Bestimmung des römischen Pontificale (tit. de Confirmandis): Confirmandi deberent esse jejuni.

VII. Das Bußfasten, s. d. Art. Bußdisciplin.

VIII. Das Fasten vor der heiligen Communion, s. d. Art. Altarssacrament VI und Communion I.

IX. Das Fasten in der Bittwoche, s. d. Art. Bittage.

X. Das Ordinationsfasten wird schon bei der Weihe von Saulus und Barnabas (Apg. 13, 3) erwähnt; dasselbe entspricht auch so sehr der Wichtigkeit der Handlung und dem Ernste der dazu erforderlichen Vorbereitung, daß anzunehmen ist, das von den Aposteln hierin beobachtete Verfahren sei in der Kirche allgemein befolgt worden. Das erste bestimmte Zeugniß findet sich bei Leo d. Gr. (Epist. ad Dioscur. Alex.), welcher dabei sich auf die auctoritas consuetudinis und die heilige Schrift beruft. Seitdem die Quatember die regelmäßigen Ordinationszeiten wurden, betheiligten sich auch die Gläubigen an diesem Fasten. Da die Ordinationen am Samstag Abend begannen und erst am Sonntag Morgen vollendet wurden, so war das Fasten des Samstags bis dahin fortzusetzen (S. Leon. M. l. c.). Im elften Jahrhundert bahnte sich allmälig der Übergang an, da es als zulässig galt, die Weihen am Samstag Abend zu vollenden (C. Rothomag. 1072, c. 8); jetzt ist die Weihezeit Samstag Morgen. So weit die Weihen in der heiligen Messe ertheilt werden und mit der heiligen Communion verbunden sind, was schon sehr früh geschah (Krüll, Archäol. I, 79), folgt die Pflicht des Nüchternseins schon hieraus. Wohl weil die regelmäßigen Weihezeiten jetzt mit Fasttagen verbunden sind, besteht mit Ausnahme der Bischofsweihe ein besonderes Gebot des Fastens gegenwärtig weder für den weihenden Bischof, noch für die Ordinanden. Bei den Jacobiten wird den Priestern auferlegt, nach der Weihe vierzig Tage zu fasten (Martène, De ant. Eccles. rit. l. 1, c. 8, a. 9, n. 22). Vor der Bischofsweihe wurde wohl früher den Diöcesanen ein dreitägiges Fasten auferlegt, um von Gott den geeigneten Hirten zu erlangen (Conc. Barcinon. 599, c. 3; viele Beispiele bei Martène l. c. a. 10, n. 3). Dieß geschieht jetzt nicht mehr, allein da die Weihe eines Bischofs nicht wie die übrigen Ordinantionen an Fastenzeiten geknüpft ist, so hat für sie das römische Pontificale (tit. de consecrat. electi in episcopum) die alte Vorschrift beibehalten: et tam Consecrator, quam Electus, conveniens est, ut praecedenti die jejunent.

XI. Das Fasten bei der Consecration einer Kirche ist nach dem römischen Pontificale (tit. de eccles. dedic.; vgl. S. C. R. 19. Jul. 1780 in Mechlin.) strenge Pflicht des weihenden Bischofs und derjenigen, welche die Kirche weihen lassen (Catalani, Pontific. Romanum commentar. instruct. in h. tit.).

XII. Das Krönungsfasten. In der Woche vor dem Sonntage der Krönung hat der König Mittwochs, Freitags und Samstags zu fasten (Pontif. Roman. tit. de bened. et coron. Regis). Dieses Fasten wird zuerst im 14. Jahrhundert erwähnt (Catalani l. c. I, 372).

XIII. Fasten bei außergewöhnlichen Veranlassungen. Wie schon im A. T. bei großen Heimsuchungen das Volk Israel fastete, um den Zorn Gottes abzuwenden (Joel 1, 14), so geschah es auch in der Kirche, sowohl bei kirchlichen Nothständen (Tertull. De jejun. c. 13), namentlich in den Zeiten der Verfolgungen (Tertull. De fuga in persec. c. 1; Cyprian. Epist. 11, al. 7), als auch bei allgemeinen Bedrängnissen, welche Christen und Heiden gemeinsam trafen (Tertull. Apolog. c. 40). Manchmal ging dieses Fasten im engern Kreise der einzelnen Kirchengemeinde aus deren eigenen Initiative hervor (Irenaeus, Adv. haeres. 2, 31); vielfach wurde es auch von den Bischöfen oder den Concilien vorgeschrieben, so z. B. vor Beginn von Synoden (Tertull. De jejun. c. 13). Zu der letztern Klasse gehörte auch das jejunium bannitum, welches mit strengstem Fasten, feierlichen Bittgängen, reichlichen Almosen und harten Bußwerken gehalten wurde (Conc. Seligenstad. 1022, c. 15). Erzbischof Egbert von Trier verordnete ein solches wegen großer Dürre (Gest. Trevir. c. 44). Lambert von Aschaffenburg beschreibt zum Jahre 1075 ein in Sachsen und Thüringen gehaltenes (vgl. Binterim, Gesch. der deutschen Conc. III, 520 ff.). Den Namen hat es von dem bannum = edictum poenale, wodurch es verkündigt wurde, und ist so wohl synonym mit jejunium indictum (Conc. Mogunt. 813, c. 35; Raban. De inst. cler. 2, 25). In Mainz erhielt sich ein zweimaliges Bannfasten (s. d. Art. Bannum) bis in’s vorige Jahrhundert; die jährlichen Termine wurden durch den Vers: Post Salus et Miseri tibi erunt jejunia banni (Gerbert, Vet. lit. Allem. 969) angegeben. Es fand statt am Montag, Mittwoch und früher auch am Freitag nach dem Sonntag Salus populi (19. nach Pfingsten) und Misericordia (2. nach Ostern). (Veranlassung und Weise der Abhaltung s. bei Ducange s. v. Jejunium bannitum.)

Literatur. Außer den im Text angeführten Werken s. Thomassin, Traité des jeûnes de l’église, Paris 1680; Laur. Cozza, De jej. eccles., Romae 1724; Launojus, De vet. cib. delectu in jej. christian. Opp. II, 657; Alph. Ciaconius, De jejun., Romae 1599; weitere Literaturangaben s. bei Binterim a. a. O. 7; Augusti, Denkwürdigk. X, 311 f.

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