Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Fatalismus nennt man diejenige Weltanschauung, nach welcher alle Weltbegebenheiten und insbesondere die Handlungen und Schicksale des Menschen nur Verwirklichung einer unabänderlichen Vorherbestimmung sind. Der Fatalismus führt seinen Namen von der heidnischen Vorstellung des Fatum, d. h. des unwiderruflich Ausgesprochenen, des Verhängnisses; er kennzeichnet sich also als Glaube an ein blindes Schicksal, eine unüberwindliche Macht, welche den Weltlauf und der Menschen Geschicke unabänderlich vorherbestimmt hat. Somit ist der Fatalismus Läugnung der menschlichen Willensfreiheit, welche er für eine bloße Fiction hält; der Mensch meine mit seinem Bewußtsein der freien Selbstentscheidung zwar nach seinem eigenen Willen zu handeln, führe aber in Wahrheit nur den unabänderlichen Schicksalswillen aus. Der Fatalismus ist also Determinismus (s. d. Art.), und im weitern Sinne werden wohl beide Bezeichnungen als identisch gebraucht, so daß man jeden Determinismus, auch den pantheistischen und den materialistischen, als Fatalismus bezeichnet. Im engern und eigentlichen Sinne aber bildet der Fatalismus eine Art des Determinismus, und zwar diejenige, welche den Willen durch eine höhere, persönlich oder unpersönlich gedachte, unerbittliche Macht determinirt sein läßt. Dieser Vorstellung begegnen wir zunächst beim griechischen Heidenthum in der Annahme einer unwiderstehlichen Schicksalsmacht, welche unter dem Namen Μοῖρα über Götter und Menschen waltet und jedem sein unvermeidliches Loos zugetheilt hat (εἱμαρμένη, πεπρωμένη). Allerdings nimmt die Moira bei Homer eine zweideutige Stellung ein, indem sie bald über, bald unter Zeus steht; aber vorherrschend erscheint sie doch als die allwaltende, unwiderstehliche Macht, und es gilt nur als Ausnahme, wenn der Oberste der Götter in den Gang des Schicksals wirksam eingreift. Später scheint die Vorstellung von der unabänderlichen Macht des Schicksals, »dem zu entfliehen sogar einem Gotte unmöglich ist« (Herod. 1, 91), noch stärker hervorgetreten zu sein. Als Vermittler und Vollzieher des Schicksalsspruches erscheinen die Schicksalsgöttinnen (Moiren), Untergottheiten, welche die spätere Mythe mit dem Schicksale selbst verwechselte und dem Zeus bald überordnete, bald gleichstellte. Übrigens tritt es nicht klar hervor, ob die Griechen die Moira als persönliches Wesen gefaßt haben. Die höchste persönliche Gottheit ist Zeus; die geheimnißvolle Moira, welcher selbst er unterworfen ist, hat man wohl mehr unpersönlich sich vorgestellt. Daher hatte die blind wirkende Schicksalsmacht auch keine ethische Bedeutung. Das Verhängniß, welches den Menschen trifft, steht in keiner Beziehung zu seinen Thaten. Erst bei den Tragikern Äschylus und besonders Sophokles ist der Vorstellung von dem unabänderlichen Schicksal ein ethisches Moment beigemischt. Das Tragische besteht hier in dem Kampfe des Individuums gegen das unerbittliche Schicksal. Aber das Individuum ist als Glied eines schuldbeladenen Geschlechtes nicht ohne Schuld, und das Schicksal erscheint nicht als blinde Macht, sondern als Rathschluß des Zeus, ja als identisch mit ihm. Später verflüchtigte sich der Begriff der Moira, das des unabänderlichen Verhängnisses, in den der launigen Willkürlichkeit (Τύχη) und des bloßen Zufalles. Die Römer waren, obwohl sie Schicksalsgottheiten kannten, nicht eigentlich fatalistisch. Die Stelle der Schicksalsgottheiten vertrat bei ihnen die zwar launenhafte aber nicht unerbittliche Fortuna. – Eine andere Form des Fatalismus ist der astrologische, nach welchem die Geschicke der Menschen und Völker in den Sternen vorherbestimmt sind, der Sternenhimmel gleichsam das Buch des Schicksals ist. Der gestirnte Himmel ist wohl diejenige Naturerscheinung, welche das naturvergötternde Heidenthum zuerst mit der Gottheit, dem Himmelsvater, identificirte und göttlich verehrte. Die sternkundigen Chaldäer blieben bei dieser Astrolatrie stehen und bildeten sie weiter aus. Sie betrachteten die Sterne als Gottheiten, welche die Geschicke der Individuen und der Völker bestimmen und durch ihre Stellung und Bewegung ihren Willen kundthun. Naturgemäß mußte sich bald eine Wissenschaft ausbilden, welche den göttlichen Willen aus den Sternen deuten, der Menschen Geschicke aus der Constellation derselben vorhersagten lehre; dieß ist die Sterndeuterei oder Astrologie (s. d. Art.). Die chaldäische Sterndeuterei verbreitete sich früh nach Ägypten und später in den Occident, seit dem Beginn der Kaiserzeit auch nach Rom. Die Astrologen gewannen hier einen nicht unbedeutenden Einfluß auf die Politik der Kaiser. Der heidnische Aberglaube erhielt sich auch in der christlichen Zeit bis über das Mittelalter hinaus trotz vieler kirchlicher Verbote. Am mächtigsten war der Einfluß der Astrologen im griechischen Reiche, am Hofe zu Constantinopel; aber auch in den neugebildeten germanischen Reichen erhielt sich der astrologische Wahn durch den Einfluß der Griechen und der Mauren, welch’ letztere mit Vorliebe die Astrologie pflegten, sehr lange, so daß noch Papst Sixtus V. in der Bulle Coeli et terrae die Ausübung der Astrologie mit den schwersten Strafen bedrohen mußte. – Weiterhin finden wir den Fatalismus bei den Mohammedanern als Prädestinismus, d. h. als den ewigen Rathschluß Gottes, durch welchen das ewige und zeitliche Geschick des Menschen unabänderlich vorherbestimmt erscheint. Mohammed selbst hat sich nicht in diesem Sinne ausgesprochen. Wohl finden sich im Koran Stellen von dem ewigen göttlichen Rathschlusse, um dem Menschen Vertrauen, Ergebung und Trost einzuflößen, aber nicht, um ihn für unfrei zu erklären und seine Thätigkeit zu lähmen. Im Gegentheil wird im Koran die Freiheit des Menschen wiederholt betont. Aber im Lauf der Zeit wurde doch der Prädestinismus im Islam der vorherrschende Glaube. Weil man der Erhabenheit Gottes etwas zu vergeben meinte, wenn man seinen allmächtigen Willen nicht Alles unbedingt unterordnete, so befestigte man sich in dem Glauben, daß im ewigen Rathschlusse Allahs der Menschen Schicksale bis auf die kleinsten Umstände vorherbestimmt seien. Daher die Todesverachtung, womit man in den Krieg ging, sowie die Indolenz und Trägheit in der Sorge für das Leben und den Lebensunterhalt. – Ogleich der Fatalismus, weil freiheitsläugnend, mit dem Christenthum unvereinbar ist, so hat es doch auch im Christenthum nicht an Irrlehren und Secten gefehlt, welche dem Fatalismus huldigten, und zwar dem sittlichen Fatalismus und Prädestinismus, indem sie der Ansicht waren, daß Gott von Ewigkeit die sittlichen Handlungen der Menschen und daher auch ihr ewiges Loos vorherbestimtm habe. So behaupteten der gallische Priester Lucidus im fünften Jahrhundert, der Mönch Gottschalk im neunten Jahrhundert und besonders die sogen. Reformatoren im 16. Jahrhundert. Luther sprach dem Menschen die sittliche Freiheit ab, damit auch die Möglichkeit, sich selbst die ewige Seligkeit zu verdienen, und behauptete ausdrücklich, alle Dinge geschähen durch den unabänderlichen Willen Gottes, der den freien Willen zertrümmere; Gott thue in uns das Böse wie das Gute, und gleichwie er ohne Verdienst selig mache, so verdamme er auch ohne Schuld. Noch entschiedener bekannten sich Zwingli und Calvin zum sittlichen Fatalismus. Nach Zwingli ist Gott Urheber der Sünde und vollbringt der Mensch Verrath und Mord durch göttliche Nothwendigkeit, und nach Calvin hat Gott einen Theil der Menschen zur Seligkeit, den anderen zur Verdammniß nach ewigem Rathschlusse unabänderlich vorherbestimmt. Ein Nachklang dieses sittlichen Fatalismus findet sich in der Lehre des Jansenius von der unwiderstehlichen Wirksamkeit der göttlichen Gnade.

Der Fatalismus ist in jeder Gestalt vernunftwidrig und beruht auf vollständiger Verkennung des göttlichen wie des menschlichen Wesens. Gott, der allmächtige Weltschöpfer und Welterhalter, hat offenbar der Welt ein letztes Ziel gesetzt, welches sie erreichen soll, und die Hinordnung aller Dinge zu diesem ihrem letzten Ziele ist die göttliche Vorsehung. Er hat mit der klarsten Erkenntniß den ganzen Weltlauf bis in’s Kleinste vorhergesehen und vorherbestimmt, und die Dinge führen diesen ewigen Weltplan wegen ihrer allseitigen Abhängigkeit von Gott mit größter Pünktlichkeit aus. In diesem Sinne, daß dem Weltlaufe eine ewige göttliche Vorherbestimmung und also eine Nothwendigkeit zu Grunde liege, haben auch christliche Philosophen, wie Boethius, Augustin, Thomas eine Art Fatum in dem Gange der Dinge erblickt, aber eine solche, wodurch die Freiheit des Menschen durchaus nicht geschmälert wird. Gott hat nämlich die freien Handlungen der Menschen auf eine für uns allerdings unbegreifliche Weise vorhergesehen und hat sie alle in seinen ewigen Weltplan aufgenommen, so daß der Mensch vollständig frei handelt und doch zugleich den feststehenden Weltplan Gottes verwirklichen hilft. – Literatur: Augustin, Civit. Dei 5, 1–12; Grotius, Philosophorum sententiae de fato, Paris. 1648; Werdermann, Versuch einer Geschichte der Meinungen über Schicksale und menschliche Freiheit, Leipzig 1793; Examen du fatalisme, Paris 1757; Hoffmann, Die Schicksalsidee in der alten Kunst, Berlin 1842; Preller, Artikel »Fatum« in Pauly’s Encyklopädie; Weil, Historisch-kritische Einleitung in den Koran, 2. Aufl., Bielefeld 1878.

[G. Hagemann.]


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