Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Feuer- und Wolkensäule, eine Wundererscheinung beim Auszuge der Israeliten aus Ägypten. Nach dem Berichte der heiligen Schrift ging nämlich der Herr bei Tag in einer Wolkensäule (בּֽעַמיּד עָנָן), bei Nacht in einer Feuersäule (בּֽעַמיּד אַשׂ) vor den Israeliten her, um ihnen den Weg zu zeigen (Ex. 13, 21 f.). Nachdem die Stiftshütte errichtet war, verweilte die Säule über ihr, so lange das israelitische Lager an seinem Platze zu bleiben hatte, entfernte sich aber von derselben, wenn das Lager weiter ziehen sollte. Dieß geschah während der ganzen Zeit der Wanderung Israels durch die Wüste (Ex. 40, 34–37); die Säule gab durch ihr Stehenbleiben das Signal zum kürzern oder längern Verweilen an einem Orte und durch ihre Fortbewegung zum Weiterzuge und diente bei diesem zugleich als Wegweiser (Num. 9, 15–23; 14, 14. Ps. 77, 14. 2 Esdr. 9, 12. 19). Außerdem diente sie auch noch zu anderweitigem Schutze. Schon beim Durchgang durchs rothe Meer stellte sie sich zwischen das ägyptische und israelitische Lager und hinderte das Zusammentreffen beider, war nach den Israeliten hin leuchend, nach den Ägyptern hin aber dunkel (Ex. 14, 20), und der Herr schaute nach dem ägyptischen Lager aus der Feuer- und Wolkensäule und verwirrte es (Ex. 14, 24; vgl. Ps. 76, 18 f.). Ähnliche Vorfälle werden zwar nicht weiter berichtet, aber gelegentlich wird doch gesagt, daß die Feuer- und Wolkensäule nicht bloß den Weg gewiesen und das Bleiben und Weiterziehen bestimmt, sondern auch noch sonst zum Schutze gedient habe. Eine dießfällige Andeutung liegt schon in den Worten: »die Wolke Jehovas war über ihnen am Tage, wenn sie aufbrachen vom Lager«(Num. 10, 34); förmlich ausgesprochen wird es aber Ps. 104, 39: »er breitete eine Wolke aus zum Schirm«; ebenso Weish. 10, 17: »sie (die Weisheit) führte sie auf wunderbarem Wege und diente ihnen zum Schirm am Tage und zum Sternenlichte bei Nacht«; in Betreff jenes Schirmes aber heißt es, die Wolke habe das Lager beschattet (19, 7) und die Sonne gefahrlos gemacht (18, 3). Daß es sich diesen Bibelstellen zufolge um eine wunderbare Erscheinung handelt, bedarf kaum der Bemerkung, und die natürlichen Erklärungsversuche haben sämmtlich die Textworte gegen sich. Dieß gilt namentlich auch von der in neuerer Zeit ziemlich herrschend gewordenen Meinung, die Feuer- und Wolkensäule sei nichts anderes als ein Feuer, »das dem Heere vorausgetragen worden sei und am Tage durch den gerade aufsteigenden Rauch, in der Nacht durch ein Leuchten als Wegweiser und Signal gedient habe« (vgl. Rosenmüller, Das alte und neue Morgenland II, 4 ff.; Winer, Realw. II, 806). Mag immerhin schon im Alterthum »bei (orientalischen) Kriegsheeren, die besonders unbekannte, unwegsame Gegenden durchziehen«, so etwas üblich gewesen sein: der Bibeltext redet nicht von einem solchen Feuer. Auch die Prodigien, womit Thrasybul (Clem. Alex. Strom. 1, 24) und Timoleon (Diod. Sico. Biblioth. 16, 66) erfreut wurden, haben, wenn sie je auf Wahrheit beruhen, mit der mosaischen Feuer- und Wolkensäule höchstens eine geringe äußerliche Ähnlichkeit, ohne in Absicht auf Zweck und Bedeutsamkeit mit ihr irgend verglichen werden zu können. In letzterer manifestirt sich nach Ex. 14, 24 und Num. 9, 15 ff. Jehova selbst, so daß sie als äußerlich wahrnehmbare symbolische Erscheinung seiner Herrlichkeit (als Symbol der בְּבוד יְחוה) sich ausweist, worin er dem Volke als dessen Leiter und Beschützer gegenwärtig sein und als gegenwärtig erkannt werden wollte. Die Beschaffenheit des Symbols (Gewölk und leuchtendes Feuer) hat ihren Grund in der Art und Weise, wie der Herr bei der Gesetzgebung auf Sinai in blitzenden Gewitterwolken erschienen war, und deutet insofern die beständige Nähe und Gegenwart des dort erschienenen Gesetzgebers und Herrn der Theokratie an. Die Beantwortung der Frage, ob der heilige Text von zwei Säulen oder nur von einer rede, scheint keine große Schwierigkeit zu haben. Denn Ex. 14, 19 und Num. 9, 21 wird nur eine Säule genannt, und Ex. 14, 24 ist die Säule eine Säule von Feuer und Wolke zugleich (עַמּוּד אַם וְעָגָר), leuchtend gegen die Israeliten, dunkel gegen die Ägypter. Demnach erschien eine und dieselbe Säule bei Tag als Wolke und bei Nacht als Feuer. Auffallend hat man es gefunden, daß Moses (Num. 10, 29–32) Hoba ersuchte, ihn und das Volk aus den Wanderungen durch die Wüste als Wegweiser zu begleiten, da doch die Feuer- und Wolkensäule ein viel zuverlässigerer Wegweiser als Hobab sein mußte. Es hilft nichts, wenn man mit einigen Auslegern eine Metathesis annimmt und die betreffende Stelle hinter Ex. 18, 26 einschiebt; denn auch damals war die Feuer- und Wolkensäule schon lange vorhanden. Ohne Zweifel hat man die Worte: »sei unser Auge« (Num. 10, 31) mit Cornelius a Lapide, Rosenmüller u. A. nicht von eigentlicher Wegweisung, sondern nur so zu verstehen, daß Hobab vermöge seiner genauen Localkenntnisse in der dortigen Gegend angeben konnte, wo gute Weideplätze, Wasserquellen, Gehölze etc. zur Benutzung der Israeliten zu finden seien. (Vgl. Münden, De columna nubis et ignis, Goslar. 1712; Förster, Über die Feuer- und Wolkensäule, in Eichhorns Repertorium X, 132 ff.; Rosenmüller, Scholien zu Ex. 13, 21.)

[Welte.]


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