Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Flagellanten oder Geißler (Flagellantes, Verberantes, nach ihren Abzeichen und ihrer Kleidung auch Crucifratres, Cruciferi, Albi, Fratres in albis, Bianchi genannt) waren spontan sich sammelnde Bruderschaften, welche im 13. und 14. Jahrhundert, oft zu mehreren Tausenden anwachsend, unter Gebet und Absingen von Liedern processionsweise durch Städte und Ortschaften zogen und sich öffentlich strengen Bußwerken, namentlich der Selbstgeißelung unterzogen. Die Geißel (flagellum) spielte in der kirchlichen Disciplin eine nicht unbedeutende Rolle. Zuerst findet sie sich in den Klosterregeln als Züchtigungsmittel für die Mönche; in dieser Form geschieht ihrer z. B. Erwähnung bei Palladius (420) in der Hist. Lausiac. c. 6, und von da an ist sie fast in allen Mönchsregeln des Morgen- und Abendlandes zu finden; auch auf Concilien wird diese Correctionsweise sanctionirt (Hefele, Conc.-Gesch. II, 594 und 656). Anfänglich galt als Regel, daß vor Allem die jüngeren Mönche wegen schwerer Vergehen statt mit der Excommunication mit dem flagellum gezüchtigt werden sollten (vgl. Socr. H. E. 4, 23). In Bälde fand dieses Strafverfahren auch für den Clerus Anwendung, und es wurden dießbezügliche Bestimmungen bereits auf den Concilien von Vannes (465), Agde 506), Epaon (517) u. A. (Hefele II, 595. 657. 683) gegeben. Ähnliche Strafbestimmungen finden sich dann in den Capitularien der fränktischen Könige (Thomassin. Vet. et Nov. Discipl. II, 3, 107; vgl. Kober, Körperliche Züchtigung als kirchliches Strafmittel gegen Cleriker und Mönche in Tüb. Quartalschr. 1875). Im Laufe der Zeit wurde sodann die Geißelung aus einem kirchlichen Strafmittel zu einer Bußübung und fand als freiwillige körperliche Kasteiung Anwendung, wohl in ernster Nachahmung des paulinischen Satzes: »ich züchtige meinen Leib, um ihn in Dienstbarkeit zu bringen« (1 Cor. 9, 27). Auch in dieser Form erscheint die Geißelung zuerst in den Klöstern, und zwar im 11. Jahrhundert im Kloster Fontavellano, dem von 1044 an der hl. Petrus Damiani (gest. 1072) als Prior vorstand. Dieser war einer der eifrigsten Förderer dieser Art von Buße gegenüber der großen Entartung und den vielen Lastern seiner Zeit. Fast Unglaubliches in dieser Selbstzüchtigung leistete Damians Schüler Dominicus Loricatus (s. d. Art.), Mönch von Fontavellano, der Psalmegebet und Selbstgeißelung in eine Art System brachte, indem er jeden Psalm mit hundert Geißelstreichen begleitete und in dieser Weise einmal in sechst Tagen zwanzig Psalter persolvirte. Von den Klöstern verpflanzte sich diese Art von Buße auch unter den Clerus und die Laienwelt, und bald wurde die Selbstgeißelung unter allen Geschlechtern und Ständen eifrig geübt; von fürstlichen Personen mag hier nur Ludwig IX. von Frankreich und die hl. Elisabeth von Thüringen erwähnt werden. War so die Geißelung als besonders wirksamer Buß- und Sühneact erkannt und als wesentliches Förderungsmittel auf dem Wege der Vollkommenheit in hoher Achtung, so konnte es leicht geschehen, daß selbst bei einem unbedeutenderen äußern Anstoß, vor Allem aber durch erschütternde Bußpredigten, das Schuldbewußtsein in einer Weise wachgerufen wurde, daß ernster Bußgeist die weitesten Kreise ergriff und allgewaltig mit sich fortriß. Solches findet sich denn auch im 13. Jahrhundert. In der Lebensbeschreibung des hl. Antonius von Padua (gest. 1231) heißt es (Boll. Jun. II, 705): »Seine Predigten waren Feuerströme, denen niemand widerstehen konnte; sie entflammten viele Sünder und Verbrecher zur Reue und Buße. Damals fingen die Menschen zuerst an, unter Geißelschlägen und Absingen frommer Lieder processionsweise einherzuziehen.«

Diese ersten Geißleraufzüge scheinen jedoch ganz local beschränkt und auch nicht zahlreich gewesen zu sein; wenigstens finden sich keine weiteren Nachrichten darüber. Großartiger und umfangreicher gestalteten sie sich dagegen einige Decennien später, im J. 1260. Ihren Ausgang nahm die Bewegung von der Stadt Perugia und verbreitete sich von da rasch durch ganz Italien bis über die Alpern hinüber. Ein Zeitgenosse berichtet davon Folgendes: »Als ganz Italien von Lastern und Verbrechen angesteckt war, ergriff plötzlich eine seit Jahrhunderten unerhörte Gottesfurcht zuerst die Einwohner von Perugia, dann die Römer und zuletzt fast alle Völker Italiens. Der Tag des Herrn, das jüngste Gericht schien hereinbrechen zu wollen. Der Schrecken bemächtigte sich der Gemüther dergestalt, daß Hohe und Niedere, Jung und Alt, ja selbst Kinder von fünf Jahren, ganz nackt, nur die Schamtheile bedeckt, in feierlicher Procession paarweise durch die Straßen der Stadt zogen. Jeder hielt eine Geißel von ledernen Riemen in der Hand, womit er sich die Schultern blutig schlug. Sie jammerten und seufzten und vergossen Ströme von Thränen, daß man hätte glauben können, sie sähen das Leiden des Heilandes mit eigenen Augen. Sie riefen zu Gott um Erbarmen, zur Gottes-Mutter um Beistand; sie flehten inbrünstig, er, der zahllosen reuigen Sündern vergeben, möge auch ihnen Verzeihung schenken. Diesen Aufzug machten sie bei Tag und bei Nacht, ja im rauhesten Winter. Mit brennenen Kerzen, Kreuzen und Fahnen, unter Vorantritt von Priestern zogen sie zu hunderten, tausenden, ja zehntausenden durch die Städte, umwallten die Kirchen und warfen sich vor den Altären zur Erde nieder. Das Gleiche thaten sie auch in den Flecken und Dörfern, so daß Berge und Thäler von ihrem Klaggeschrei wiederhallten. Da schwiegen alle Freudengesänge und Liebeslieder, nur die Klagetöne der Büßenden erfüllten Stadt und Land. Diese wehmuthsvollen Trauerklagen erweichten die härtesten Herzen und entlockten den Verstocktesten Thränen. Auch Frauen nahmen Theil an dieser außergewöhnlichen Bußübung, und zwar nicht nur solche aus dem Volk, sondern auch vornehme; ja selbst zarte Jungfrauen schlossen sich in ihre Kammern ein und übten die Geißelung. Es versöhnte sich, wer in Feindschaft lebte; die Wucherer und Diebe erstatteten das ungerechte Gut zurück, und wer sich irgend eines Vergehens schuldig gemacht, beichtete und bekehrte sich aufrichtig. Die Gefängnisse wurden geöffnet, die Gefangenen freigelassen, die Verbannten zurückgerufen« (Monach. Pad. ap. Murat. SS. VIII, 712). Während kirchlicherseits diese ersten Geißlerzüge unbehelligt bleiben, ja selbst von Priestern und Bischöfen begleitet wurden, traten ihnen die Ghibellinen von Anfang an feindlich entgegen, und König Manfred hielt sie mit Gewalt von seinen Reichen Sicilien und Apulien fern, sei es aus religiös-politischen Gründen, sei es, weil er gefährliche Unruhen, vielleicht eine Art Kreuzzug von ihnen befürchtete. Nachdem die Bewegung alle größeren Städte und Ordschaften Ober- und Mittelitaliens ergriffen, verschwand sie allmälig wieder, und Anfang des Jahres 1261 findet sich in Italien kaum mehr eine Spur von ihr. Dagegen drang sie nun über die Alpen und durchzog Krain, Kärnthen, Steiermark, Österreich, Ungarn, Polen, Böhmen, Bayern bis an den Rhein. Im Frühjahr 1261 trat zu Straßburg eine Geißlerschaar von zwölfhundert Gliedern auf. Nach den Berichten verschiedener Chroniken war die Organisation dieser Züge diesseits der Alpen im Ganzen die nämliche wie in Italien. Die Geißler zogen paarweise mit entblößtem Oberkörper und verhülltem Angesicht (wohl um nicht erkannt zu werden) hinter Fahnen und Kreuzen und geißelten sich blutig unter Absingen frommer, eigens hierzu gedichteter Lieder, von denen eines der gebräuchlisten anfing:

Ir slaget euch sêre
in Cristes êre!
durch got sô lât die sünde mêre.

Bald aber scheint hier die Bewegung in Schwärmerei ausgeartet zu sein, und es verlauteten ernste Klagen gegen die Geißler, daß sie sich gegen die Kirche auflehnten, die Priester verachteten, die Schlüsselgewalt sich anmaßten und Beicht hörten, und ihre Geißelung überschätzten, als wenn sie die Seligkeit ihrer verstorbenen Angehörigen vermehre und selbst den Verdammten Trost und Hilfe bringe. Es wurde nun eifrig gegen die Geißler gepredigt; man belegte sie mit dem Banne, und es wurde auch die weltliche Obrigkeit zu ihrer Unterdrückung aufgefordert. So verschwanden sie bald diesseits der Alpen wieder, zum Theil noch während des Jahres 1261 (vgl. über diese Geißlerzüge auch Hermanni Altah. Annales Mon. Germ. SS. XVII, 402). Von da an erschienen nur mehr sporadisch einzelne Geißlerschaaren, so 1296 zu Straßburg, 1334 zu Bergamo und 1340 zu Cremona.

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts erwachte unter dem Drucke eines göttlichen Strafgerichtes, wie es in gleicher Entsetzlichkeit kaum je über Europa hereingebrochen, wieder das allgemeine Schuldbewußtsein mit Allgewalt und äußerte sich in den großartigsten Geißleraufzügen. Vom östlichen Asien ausgehend, war eine verheerende Pest gegen 1347 an den Küsten Kleinasiens und Nordafrika’s angelangt, von wo sie durch Handelsschiffe nach den Häfen Italiens und Südfrankreichs verschleppt wurde. Im J. 1348 durchzog sie Frankreich und Deutschland, im folgenden Jahre Polen, Skandinavien und England und verschwand endlich über Island und Grönland. Zu Tausenden starben die Menschen dahin; in Deutschland allein sollen weit über 2000 Ortschaften ganz ausgestorben sein. Nach einer Wahrscheinlichkeitsberechnung fielen der entsetzlichen Seuche in Asien über 36 Millionen, in Europa aber 25 Millionen Menschen zum Opfer (vgl. Hecker, Der schwarze Tod im 14. Jahrhundert, Berlin 1832). Die Epidemie, gewöhnlich »großes Sterben« oder »schwarzer Tod« genannt, war zugleich von erschrecklichen Elementarereignissen begleitet: Erdbeben, Orkanen, Überschwemmungen, ungewöhnlichen Lufterscheinungen und namentlich von einer höchst ungesunden Beschaffenheit der Luft. Es ist religiös-psychologisch wohl verständlich, daß bei solch erschrecklicher Zuchtruthe tiefernster Bußgeist unter den Menschen erwachte. Unter dem schauerlichen Todeswüthen, das ringsum herrschte, schien sich das Jenseits in fühlbarer Weise auf die Erde niederzusenken, und man glaubte sich wirklich bereits dem Ende der Welt nahe. So griff man zu dem nach dem damaligen religösen Bewußtsein wirksamsten Bußmittel, um einerseits die Tage der Heimsuchung zu kürzen, andererseits auf das nahende Gericht sich bereit zu halten; wieder erstanden die Geißlerzüge, und zwar dießmal mit noch unwiderstehlicherer Gewalt als vor hundert Jahren. Schon im Früjahr 1349 war die erste Geißlerschaar, von Pirna kommend, vor Magdeburg angelang, um daselbst ihre Buße zu verrichten. Seitdem zeigten sich ähnliche Vereinigungen in Würzburg, Speier, Straßburg, ja im Laufe des Jahres 1349 sah man durch ganz Deutschland, von den Alpen bis zum Meere, ja selbst über dieses hinaus bis nach Dänemark und England hinüber hin- und herflutende Schaaren wandernder Geißler, unter denen selbst Haufen von Frauen und unmündigen Kindern sich befanden. Die ausführlichste Nachricht über diese Geißlerbruderschaften hat uns der Straßburger Domherr Friedrich Closener (gest. 1384) in seiner 1362 vollendeten Chronik hinterlassen, in der auch die Lieder der Geißler, soweit sie ihm bekannt wurden, verzeichnet sind. Auf Grund dieser Berichte, sowie der Angaben des Ägidius Mucidus, Abt von St. Martin in Tournay (gest. 1352), über die Geißler in Tournay und Flandern (ed. de Smedt, Recueil des chroniques de Flandre, II, Bruxelles 1841, 95. 297) kann man sich ein ziemlich anschauliches Bild von den Geißlerfahrten jener Zeit, sowie von ihrer Organisation entwerfen.

Wer in die Bruderschaft der Geißler eintreten wollte, mußte zuvor eine Generalbeicht ablegen, seinen Feinden verzeihen, sich zu einem frommen Lebenswandel verpflichten und von seiner Frau, sowie vom Beichtvater die Erlaubniß zum Eintritt erhalten haben. Sodann mußte er im Besitz von 11 Schilling und 4 Pf. sein, um 33 oder 34 Tage hindurch (so lange nämlich dauerte die Fahrt zur Erinnerung an die Lebensjahre Jesu auf Erden) täglich wenigstens 4 Pf. für seinen Unterhalt aufwenden zu können; die Geißler durften nämlich wohl Almosen und Einladungen annehmen, aber nicht selbst um milde Gaben bitten. Endlich mußte jeder versprechen, dem Meister der jeweiligen Bruderschaft pünktlich zu gehorchen und genau nach der Weise der Geißler zu leben. Beim Eintritt in die Herberge und beim Verlassen derselben wurden 5 Vater unser und Ave Maria gebetet, dann 5 während der Nacht, 15 am Morgen, 5 vor und 5 nach dem Essen. Bei Tisch durfte nicht gesprochen werden, wie überhaupt jedes unnütze und vor Allem jedes freventliche Wort verboten war. Während des Freitags wurde vollständig gefastet; an den übrigen Tagen genoß man nur Fastenspeisen. Am Charfreitag erfolgte dreimalige Selbstgeißelung bei Tag und ebenso bei Nacht. Starb einer der Brüder, so mußte sich jedes Mitglied 15 Vater unser und Ave Maria lang geißeln; übertriebene Selbstgeißelung dagegen war verboten, da sie Siechthum oder Tod zur Folge haben konnte. Jeder fleischliche Verkehr mit Frauen blieb während der Fahrt streng untersagt. Der Anzug bestand in einem Mantel, mit vorn und hinten aufgeheftetem rothem Kreuz, einer Kapuze und darauf einem Hut, der ebenfalls vorn und hinten mit einem rothen Kreuz versehen war. Nahte sich die Schaar einer Stadt oder einem Dorf, so ordnete sich der Zug: voran das Kreuz, die Kerzen und die oft kostbaren seidenen und sammtnen Fahnen, dann die Büßer paarweise. Zwei bis vier Vorsänger stimmten nun einen Gesang an, Leis genannt (wohl Kürzung aus Kyrie eleison), den die ganze Schaar chorweise wiederholte. So zog man unter dem Geläute aller Glocken zur Kirche. Dort angekommen sang man knieend: Jhesus der wart gelabet mit Gallen; des sullen wir an ein Kriuze vallen; bei diesen Worten warfen sich alle kreuzweise zur Erde und bleiben in dieser Lage, bis der Vorsänger anhub: Nu hebent ûf die iuwern hende, daz got diz groze sterben wende. Dieß wiederholte sich dreimal, worauf die Geißler die Kirche verließen und von den bereits ihrere harrenden Einwohnern des Ortes zu Gast geladen wurden. Ging es zur Geißelung, die täglich zweimal, Morgens und Abends, vorgenommen wurde, so zog man in ganz gleicher Weise wie beim Einzug auf einen geräumigen Platz, Markt, Klosterhof oder auf eine Wiese vor der Stadt. Daselbst angekommen, schloß die ganze Geißlerschaar einen weiten Kreis, in dessen Mitte sie ihre Kleider niederlegten; dann warfen sie sich mit entblößtem Oberkörper auf die Erde und zwar so, daß jeder durch eine bestimmte Lage die Hauptsünde andeutete, für die er büßen wollte. Dann erhob sich der Meister und schritt über einen der Brüder hinweg, indem er ihn mit der Geißel schlug und sprach:

Stant ûf durch der reinen martel êre
und huete dich vor der sünden mêre;

so that er beim zweiten, dritten u. s. w. bis zum letzten. Jeder, der also berührt worden, erhob sich gleichfalls und schritt mit gleicher Rede und Handlung dem Meister nach über die noch daliegenden Brüder. Waren alle aufgestanden, so schloß man wieder einen Kreis, der vorsänger trat in die Mitte und begann den eigentlichen Geißlerleis, den alle übrigen nachsangen:

Nu tretent herzuo swer bueßen welle!
fliehen wir die heiße helle!
Lucifer ist ein boese geselle etc.;

während des Gesanges gingen die Brüder um den Kreis herum, sich mit Geißeln den Rücken blutig schlagend. War ein Drittel des Leis gesungen, so knieten alle nieder und sangen: Jesus ward gelabet mit Gallen etc., warfen sich dann kreuzweis zur Erde und verharrten 5 Vater unser lang in dieser Lage, bis der vorsänger anfing: Nû hebent ûf die iuwern hende etc. Jetzt erhoben sie sich auf die Kniee mit kreuzweise ausgebreiteten Armen und schlugen sich an die Brust mit den Worten:

Nû slânt euch sêre
durch Cristes êre,
durch got, so lânt die suenden mêre.

Hierauf stand man auf und es begann der zweite Umgang der Geißelung, während dessen das zweite Drittel des Leis gesungen wurde, an dessen Schluß die genaue Wiederholung der ersten Zwischenhandlung folgte. Dann kam der dritte und letzte Umgang unter Absingen des letzten Drittels des Leis. Mit der letzten Strophe endigte auch die eigentliche Geißelung, und es kam noch die Zwischenhandlung wie nach dem ersten Umgang und zum Schluß die Wiederholung des Eingangs, so daß die ganze Bußhandlung schloß, wie sie begonnen, mit dem Hinwegschreiten über einander. Während dann die Geißler inmitten des Kreises ihre Kleider wieder anlegten, sammelten die Angeseheneren unter den Zuschauern eine Beisteuer zu Kerzen und Fahnen der Bruderschaft. Zum Schluß trat einer aus der Geißlerschaar, der Laie sein mußte, auf eine Erhöhung und verlas einen angeblich von Christus selbst geschriebenen Brief, den ein Engel auf die Erde gebracht und auf den Petrusaltar zu Jerusalem niedergelegt habe. Derselbe besagt: Gott habe, erzürnt über die große Sündhaftigkeit, Ungerechtigkeit, Liebelosigkeit und den Unglauben der Christen, sowie über die Entheiligung des Sonntags, des Freitags und anderer Festtage, seit einigen Jahren viel Ungemacht über die Menschheit gesandt: Erdbeben, Feuer, Heuschrecken, Hungersnoth, Reif, Frost, Gewitter, Hagel, Dürre, Überschwemmung und viel des Krieges durch die Saracenen. Ja Christus habe die Christen durch Saracenen und wilde Thiere von der Erde vertilgen wollen, und nur auf Fürbitte Maria’s und seiner Engel habe er dieses Strafgericht noch aufgeschoben. Wer sich nun bekehre, Gottes Gebote halte und seine Feste feiere, werde Gottes Erbarmen erfahren. Wer nicht an den Brief glaube, verfalle Gottes Acht; wer ihn aber glaube und verbreite, über den komme des Himmels Segen. Auf Befragen, wie der göttliche Zorn zu versöhnen sei, ertheilte der Engel den Befehl zur Veranstaltung einer Geißelfahrt. Hierauf folgten kurze Angaben über Entstehung und Fortpflanzung der Geißlerzüge, ein Gebet um den göttlichen Segen für die Fahrt und zuletzt einige Angaben über Verbreitung, Erscheinungsweise und Abwehr des schwarzen Todes. Nach Verlesen des Briefes zog man in gleicher Weise, wie man gekommen, zur Kirche zurück und von da in die Herberge. Nach strenger Vorschrift durfte eine Geißlerschaar nicht über einen Tag und eine Nacht in einem Orte bleiben.

Das Ansehen, das diese Büßer anfangs beim Volke genossen, war fast unbegrenzt und auch ihre Erfolge nicht unbedeutend. Ganze Ortschaften wurden durch den Ernst dieser schweren Bußübungen mächtig ergriffen, eine Menge von Mißbräuchen wurden abgestellt, leichtfertige Kleidertrachten verschwanden, Spiel und Tanz, sowie alle Ausgelassenheiten des Lebens hörten auf. Bald aber scheinen sich diesen ernsten Genossenschaften auch verkommene Elemente angeschlossen zu haben, die unter dem Scheine der Buße ihr Lasterleben forttrieben und nach und nach das ganze Geißlerwesen in Mißcredit brachten. Es verlauteten wieder ähnliche Klagen, wie 1261, über Unbotmäßigkeit, Unordnung und selbst Ausschweifung, über Anmaßung kirchlicher Gerechtsame und Mißachtung der Hierarchie. Im October 1349 erschien ein päpstliches Breve, das die Geißelrzüge verbot und die Bischöfe zu ihrer Unterdrückung aufforderte. Der Mißachtung des Volkes, dem Verbot der Kirche und der Verfolgung der weltlichen Gewalt vermochten die Genossenschaften nicht in die Länge zu widerstehen, und so verschwanden sie wieder in kurzer Zeit. Von 1350 zeigten sich nur noch sporadisch kleinere Geißlerschaaren öffentlich; dagegen erhielten sich noch mancherorts Privatvereine, welche die Selbstgeißelung heimlich übten.

Nachdem letztere gewaltsam in die Verborgenheit getrieben und der öffentlichen Controle entzogen waren, scheinen sich bei den Geißlern förmliche Irrlehren eingeschlichen zu haben, so daß sie sich zu einer wirklichen antikirchlichen Secte fortentwickelten, mit der sich dann das Concil von Konstanz zu beschäftigen hatte. Nach den Acten dieses Concils (von der Hardt, Conc. Const. I, 1, 86. 127) hätte die Secte den ganzen kirchlichen Cult und die ganze kirchliche Hierarchie verworfen. Alles dieses ersetze die Geißelung, die mit Gebet und Fasten verbunden alle Vergehen tilge und demnach jede andere Buße und alle Sacramente überflüssig mache. An die Stelle der Wassertaufe trete die sog. Bluttaufe; ebenso würden alle anderen kirchlichen Gnadenmittel und Einrichtungen durch die Eine Geißelung verdrängt. Wie der Alte Bund sich gelöst habe, als Christus mit der Geißel den Tempel reinigte, so höre auch das Priesterthum des Neuen Bundes mit der Geißelung auf. Aus den 50 Artikeln, welche von der Hardt (l. c.) aufführt, ergibt sich mit Bestimmtheit, daß die Secte sich von den Geißlern des Jahres 1349 herleitete. Dieselbe scheint namentlich in Mitteldeutschland, in Thüringen größere Verbreitung gefunden zu haben. Anfang des 15. Jahrhunderts, namentlich 1414, wurden durch die Inquisition zu Sangershausen, Erfurt und an anderen thüringischen Orten Glaubensgerichte gehalten und viele dieser Geißler verurtheilt. Zu Sangershausen sollen durch den Dominicaner Heinrich Schönfeld 91 Geißler, in anderen Städten quamplurimi verbrannt worden sein. Auch nach der Konstanzer Synode dauerte die Secte noch mehrere Decennien fort, und es werden weitere Glaubensgerichte zu Nordhausen 1446 und zu Sangershausen 1454 erwähnt; bei letzterem endeten 22 Geißler auf dem Scheiterhaufen. Von da ab aber verschwindet die Secte.

Verschieden von diesen schwärmerischen Conventikeln waren die Geißlervereine, welche gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Spanien, Südfrankreich und Norditalien auftraten und namentlich zahlreich in Begleitung des Bußpredigers Vincenz Ferrerius sich zeigten. Sie waren in lange weiße Gewänder gekleidet, welche ihnen Haupt und Gesicht verhüllten, weßhalb sie Albi, Bianchi hießen. Sie zogen oft zu mehreren Tausenden unter Gebet, Gesang und Geißelstreichen durch die Städte, und Vincenz hielt unter den Schaaren strenge Ordnung. Die ungünstige Stimmung, welche wegen der Thüringer Vorgänge über dergleichen Vereine überhaupt herrschte, mag auch für diese südlichen Geißler nicht ohne Wirkung gewesen sein. Gerson, der eine eigene Schrift contra sectam flagellantium schrieb, warnte Vincenz vor diesen Genossenschaften. Wenn dieser auch der Einladung des Concils, nach Konstanz zu kommen, keine Folge leistete, so scheint er doch Gersons Mahnung gefolgt zu sein und sich von den Geißlern zurückgezogen zu haben. So verschwanden nach und nach auch diese Vereine, und die Geißel zog sich als Bußmittel wieder in die Stille der Klöster zurück, woher sie gekommen war. Erwähnenswerth ist, daß Lied und Predigt der spanischen Geißler fast immer auf die Ankunft des Antichrists und des bevorstehenden Weltendes Bezug nehmen. Gersons Urtheil über die Geißler lautet: »die Secte der Geißler habe die Kirche mit Recht verworfen, denn durch sie sei nicht nur die bürgerliche und kirchliche Ordnung gestört, sondern auch Anlaß zu Häresie, Verachtung der Sacramente und der Priester, listiger Erpressung von Geld, stetem Müßiggang, Diebstahl, Ehebruch und anderen Verbrechen gegeben worden. Man solle nicht bloß mit kirchlichen und bürgerlichen Strafen gegen die Geißler einschreiten, sondern vor Allem das Volk über den hohen Werth der christlichen Geduld in allen Drangsalen belehren, da ein von Gott auferlegtes Leiden ohne Murren, ohne Haß gegen Obere oder diejenigen, die uns mit Recht oder Unrecht drücken, gelassen ertragen, die Seele mehr läutere, als wenn man sich geißelnd in Stücke zerreiße, dabei aber ungeduldig bleibe.«

Bei Beurtheilung solcher abnormen religiösen Erscheinungen wird man den Geist der Zeit, sowie die Ursachen, aus denen sie hervorgegangen, zu berücksichtigen haben. Im Allgemeinen wird man vom kirchlichen Standpunkt einem Versuch, solche drastische Bußübung zu generalisiren, nie das Wort reden dürfen. Die Gefahr der Ausartung und Verirrung liegt zu nahe, vor Allem dann, wenn sich dergleichen Erscheinungen von der kirchlichen Auctorität loszumachen suchen. Andererseits aber sollte man, ehe das Verdict so leichthin gesprochen wird, bedenken, daß außerordentliche Zeiten stets auch außergewöhnliche Erscheinungen zu Tage fördern. Es ist Sache der legitimen Auctorität, dergleichen Erscheinungen in die richtigen Bahnen zu lenken und in den rechten Grenzen zu halten. Was sodann die Entstehung der Geißlerzüge selbst anlangt, so liegt ihre erste und Hauptursache so klar zu Tage, und sie stehen mit den jeweiligen Zeitereignissen in so organischem Zusammenhang, daß es nicht recht verständlich erscheint, wenn man schlechthin die Kirche und ihre Lehre hierfür verantwortlich machen möchte. Daß die Geißlerzüge des Jahres 1260 und 1261 durch den Joachimitismus, d. h. durch die Prophezeiungen des Calabreser Mönchs veranlaßt waren, zeigt die Chronik Salimbene’s unbestreitbar. Der Glaube, mit dem Jahre 1260 trete das dritte, das sog. Zeitalter des heiligen Geistes ein, hatte in weiten Kreisen Eingang gefunden, daher suchte man sich auf diesen Zeitpunkt durch außerordentliche Buße vorzubereiten. Für die Geißler des Jahres 1349 aber könnte man die Kirche erst dann verantwortlich machen, wenn es sich zeigen ließe, daß die Pest jenes Jahres eine Folge der kirchlichen Lehre oder der kirchlichen Entartung gewesen. Daß nämlich jene Geißlerfahrten nur durch die Pest hervorgerufen wurden, ergibt sich aus dem Inhalt der Geißlerlieder selbst auf’s Bestimmteste. Endlich zeigen Lied und Predigt der spanischen Geißler aus dem Ende des 14. Jahrhunderts, daß auch sie in der Erwartung des nahen Weltendes ihren Entstehungsgrund hatten. Inwieweit dieser Volksgalube durch das unglückliche Schisma beeinflußt war, mag erst noch untersucht werden. Daß man nun aber bei diesen außergewöhnlichen Bußacten, zu denen man sich durch die erschütternden Zeitereignisse angespornt fühlte, zur Geißel griff, lag eben im Geiste jener Zeit, die in dieser Art von Buße die kräftigste Sühne erblickte, und wie es so gekommen, haben wir bereits im Anfang dieser Erörterung gezeigt.

Eine beklagenswerthe Begleiterin der Geißlerzüge des Jahres 1349 waren die schrecklichen Judenverfolgungen, bei denen es übrigens noch fraglich sein dürfte, ob sie durch die Geißler direct veranlaßt wurden, oder ob sie nur eine Folge der durch jene Aufzüge wachgerufenen religiösen Erregung waren. – Literatur. Außer den in der Abhandlung bereits genannten Werken: Zacher, in Ersch und Gruber, Encyklopädie LVI, 242 ff.; Schneegans, Die große Geißelfahrt nach Straßburg im J. 1349, deutsch von Const. Tischendorf, Leipzig 1840; Döllinger, Der Weissagungsglaube in der christl. Zeit, in Raumers Histor. Taschenbuch 1871, 319 ff.; Closeners Chronik im Stuttgarter literarischen Verein I, 83 ff.; Röhricht, Bibliographische Beiträge zur Geschichte der Geißler in Briegers Zeitschrift für Kirchengeschichte I, 313.

[Knöpfler.]


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