Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Gebote der Kirche nennt man einige besondere durch die kirchliche Auctorität allen Christgläubigen auferlegte Verpflichtungen. Die Fassung und Zählung der Kirchengebote ist eine verschiedene. Nach den weitverbreiteten Katechismen von Schuster und P. Deharbe lauten sie folgendermaßen: 1. Du sollst die gebotenen Feiertage halten; 2. du sollst an allen Sonn- und Feiertagen die heilige Messe mit Andacht hören; 3. du sollst die gebotenen Fasttage, sowie den Unterschied der Speisen halten; 4. du sollst wenigstens einmal im Jahre einem verordneten Priester deine Sünden beichten und um die österliche Zeit das heilige Sacrament des Altars in deiner Pfarrkirche empfangen; 5. du sollst zu verbotenen Zeiten keine Hochzeit halten. Im Katechismus für die Diöcesen der Vereinigten Staaten wird diesen fünf Geboten als sechstes hinzugefügt: Du sollst nach Vermögen für den Unterhalt der Kirche und der Priester beitragen. Letzteres enthält auch der Katechismus für England, der außerdem auf die Verpflichtung hinweist, die Ehe vor Zeugen und mit dem Segen der Kirche zu schließen. In ähnlicher Weise werden in den Katechismen von Fleury und Pouget sechs Kirchengebote aufgezählt. Dem Inhalt nach sind übrigens keine wesentlichen Unterschiede vorhanden. Die Kirchengebote sind ihrem Gegenstande nach nur nähere Bestimmungen des natürlichen oder positiv göttlichen Gesetzes. Solum sunt determinationes quaedam juris divini moraliter necessariae hominibus (Suarez, De leg. l. 4, c. 1. n. 10). Die sittlich-religiösen Übungen, die das christgläubige Volk von den apostolischen Zeiten her beobachtet hat, gaben diesen Geboten den Ursprung; was sie vorschreiben, ist nicht etwa eine Mehrbelastung des Gläubigen, sondern nur eine genauere Fixirung und Begrenzung einer allgemeinen Verbindlichkeit. Obwohl das Concil von Trient (Sess. XXV) die Ermahnung der Gläubigen zur genauen Beobachtung dieser Gebote betont, so hat dennoch der römische Katechismus dieselben noch nicht besonders hervorgehoben. Dem seligen P. Canisius gebührt das Verdienst, diese Verpflichtungen in seinem Katechismus in kurzen Sätzen formulirt zu haben; nach diesem Anstoß fanden die Kirchengebote allmälig Aufnahme in die Katechismen (vgl. Krawutschke, Bellarmins kleiner Katechismus, Breslau 1873). Die Kirchengebote verpflichten an sich unter einer schweren Sünde, so daß die Übertretung derselben nicht nur dann eine schwere Sünde ist, wenn sie aus Gewohnheit, aus Verachtung der kirchlichen Auctorität oder zum schweren Ärgerniß anderer geschieht, sondern überhaupt jedesmal, wenn sie, ohne rechtmäßige Entschuldigung, auch nur aus Nachlässigkeit und Trägheit freiwillig in einem bedeutenden Punkte stattfindet. Die Kirche kann und will eine schwere Verpflichtung auferlegen. Das Erstere ergibt sich aus der gesetzgebenden Gewalt der Kirche, die sie besitzt sowohl als allseitig vollkommene Gesellschaft, als auch insofern sie mit der Schlüsselgewalt eine gesetzgebende Auctorität von ihrem göttlichen Stifter empfangen hat (Matth. 18, 17–18. Luc. 10, 16. Joh. 17, 18). Daß ferner die Kirche den Willen hat, eine stricte Verpflichtung aufzulegen, erkennt jeder, der die Wichtigkeit der Materie, die schweren canonischen Strafen, die allgemeine Lehre der Theologen, die Gewohnheit des gläubigen Volkes und endlich die ausdrücklichen Entscheidungen der Kirche selbst näher ins Auge faßt (vgl. Alex. VII. Prop. damn. 23; Conc. Trid. Sess. VI, can. 20). Die im Laufe der Zeiten wachsende Lauheit der Christen war die Veranlassung zu diesen Geboten. Würden alle Christen als Kinder Gottes vom heiligen Geiste getrieben, so würde dieser sie nicht bloß zu den inneren Acten der Liebe und aller Tugenden anregen und unterstützen, sondern auch, wie es in den ersten Christengemeinden der Fall war, völlig geneigt machen, die um der äußern Ordnung des christlichen Lebens willen getroffenen Einrichtung willig und freudigst zu beobachten. Da er mit der größern Verbreitung des Christenthums nicht in gleichem Maße die Liebe zu Gott zugenommen hatte, und da um der menschlichen Schwäche willen bei Vielen der christliche Geist des Gebets und der Danksagung, der Selbstverläugnung und der Barmherzigkeit, der Buße und Liebe, sowie des brennenden Verlangens nach der Vereinigung mit Gott allmälig zu schwinden drohte, mußte die Kirche in mütterlicher Fürsorge für ihre Kinder wenigstens einige ausdrückliche Gebote erlassen, zu ihrer Beobachtung alle Christen im Gewissen verpflichten und in dieser Weise den Willen derselben zu thatsächlichen Übungen des christlichen Lebens und damit zur Umgestaltung ihrer Sitten und Gewohnheiten bestimmen. Die Kirchengebote thun dem lauen und schwachen Christen eine heilsame Gewalt an; die von ihnen vorgeschriebenen Leistungen, im rechten Geiste erfüllt, sind für das sittlich gute und religiöse Leben des Einzelnen wie der Gesammtheit von der größten Bedeutung. Selbst wenn die Feier der Festtage sich nur auf die Unterlassung der knechtlichen Arbeiten beschränkte, ist dann nicht diese um religiöser Erinnerungen willen eintretende regelmäßige Unterbrechung des gewöhnlichen irdischen Verkehrs sehr ersprießlich, eine kräftige, populäre Predigt, daß es einen Gott gibt und wir Menschen Gott dienen müssen? Ist sie nicht heilsam besonders für unsere gottvergessene, in die Materie versunkene Zeit? Wenn ferner jemand während der ganzen heiligen Messe nur den geringsten Grad innerer Aufmerksamkeit hat oder dieser heiligsten Handlung nur äußerlich (physisch und moralisch) beiwohnt (Liguori, De praec. dec. n. 313), ist dieses Beiwohnen nichts, und kann es nicht die Gelegenheit zu vielen guten Gedanken, die Veranlassung zu vielen nachhaltigen heilsamen Eindrücken werden? Stimmen nicht ferner alle Ärzte des Leibes und der Seele darin überein, daß das Fasten heilsam ist für die Heilung der Leiber und der Seelen? Welchen Gnadenreichthum bringt nicht die wenn auch nur einmal im Jahre vorgenommene würdige Beichte und Communion? Die Beobachtung der kirchlichen Gebote ist ein äußeres Lebenszeichen und wahres Bekenntniß des Glaubens, eine Ermunterung für Alle, eine Stärkung der religiösen Gesinnung für Viele. Die Nichtbeachtung der Kirchengebote verräth gewöhnlich in einem höhern Grade als die Übertretung der Gebote Gottes eine innere schlechte Gesinnung; es ist gewöhnlich nicht die Hitze oder die Gewalt einer Leidenschaft, sondern die der Kirche entfremdete Gesinnung, der verkehrte Wille, der zum Ungehorsam gegen die Kirche treibt. Wo aber diese Gesinnung der gänzlichen Unterwürfigkeit fehlt, wo man auch nicht einmal äußerlich der Kirche Gehorsam erweisen will, da ist die Rebe vom Weinstock abgeschnitten und der Grund zu allen möglichen Verkehrtheiten gelegt.

[Schepers C. SS. R]


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