Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Gefängnisse, a. im Alten Testamente. Als Orte der Bestrafung kommen Gefängnisse zuerst in Ägypten vor, weil Gen. 39, 20; 40, 3; 42, 17 die Gefangenhaltung als wirkliche Strafe oder Ziel der Verurtheilung voraussetzen. Auch die Philister übten ihre Rache an Samson durch Einsperrung und Zwangsarbeit aus (Richt. 16, 21). Bei den Juden gab es keine Kerker als solche, weil das mosaische Recht nur Vergeltung und Widererstattung als Strafe kannte. Indeß entstand auch bei der mosaischen Criminaljustiz durch die Natur der Dinge die Nothwendigkeit, einen Verbrecher bis zum Urtheil oder der Strafe aufzubewahren (Lev. 24, 12. Num. 15, 34). Zu diesem Zwecke nahm man anfänglich jeden passenden Raum, der das Entweichen unmöglich machte. Wasserlose Cisternen boten sich nicht bloß im Freien dazu als erwünschtes Mittel (Gen. 37, 22), sondern wurden auch in den Städten als besonders geeignete Räume gern benutzt (Jer. 38, 6. Zach. 9, 11). Später errichtete man eigene Arrestlocale entweder in den Thorgebäuden als den Gerichtsstätten (Jer. 20, 2), oder bei den Häusern der Executivbeamten (3 Kön. 22, 26. Jer. 20, 2; 29, 26; 37, 15. 20; 38, 26). Dieselben waren ausnahmslos Verließe, d. h. abgemauerte Räume ohne Zugang und ohne Bedeckung, in welchen also gewissermaßen nur erweiterte Cisternen zu sehen sind; daher auch der gewöhnliche Ausdruck ביר, lacus, für Gefängniß. In dieselben konnten die Gefangenen nur mit Stricken hinabgelassen werden; daher findet sich im A. T. für Gefangensetzung auch der sonst nur auf Cisternen passende Ausdruck mittere in lacum (Gen. 40, 15). Das Gefängniß hieß demnach בֵּית הַסֹהַר, »der Thurm«, oder ב' חַכֶּלָא, »Zellenhaus«. Aus den Trümmern der assyrischen Sargonsstadt hat Place eine Thorburg ausgegraben, welche ein solches Verließ enthält (s. den Plan bei Kaulen, Assyr. und Babyl., 3. Aufl., 62). Die Gefangenen erhielten schmale Kost (3 Kön. 22, 27). Verschärfte Haft bestand darin, daß man dem Gefangenen die Hände band (Job 36, 8) oder ihm die Füße mit Eisen fesselte (Sprichw. 7, 22), daß man ihm die Füße in einen Holzblock einschloß (Job 13, 27; vgl. Apg. 16, 24) oder auch den Hals in eine Zwinge sperrte (Jer. 29, 26); daher für Gefängniß auch Ausdrücke wie ב' הַמַהְפֶבֶת ,בְּית הָאֵסיּר. Diese Art von Einkerkerung kommt indeß im A. T. erst zur Zeit der späteren Könige vor, deren souveräner Wille das Gesetz vertrat, und durch welche auch erst Gefangenhaltung als Strafmittel in Übung kam. In dieser Zeit scheint es auch Gefängnißgebäude gegeben zu haben; sicher war dieß in der nachexilischen Zeit der Fall, in welcher die vom Perserkönig an Esdras übertragene Gerichtsbarkeit auch das Recht der Gefangenhaltung enthielt (1 Esdr. 7, 26). Die nämliche Gewalt behielt später das Synedrium und machte von derselben den Aposteln und den Christen gegenüber Gebrauch (Apg. 4, 3; 5, 18; 8, 3; 9, 2. Hebr. 10, 34).

Sonst wird b. im Neuen Testament die Gefängnißhaft nur nach römischem Recht verstanden, so daß es in demselben auch eine Schuldhaft gibt, welche früher den Juden unbekannt war (Matth. 18, 30). Die römische Haft kannte als Verschärfung die Anschmiedung an einen oder mehrere Soldaten (Apg. 12, 4. 6); doch hing die Strenge der Haft vielfach von der discretionären Gewalt der Executivbeamten ab (Apg. 24, 23; 28, 30).

c. In nachbiblischer Zeit. Bei den Römern galt als Grundsatz: Carcer ad continendos homines, non ad puniendos haberi debet (vgl. Pauly, Realencykl. v. custodia). Zur Zeit der Verfolgungen des Christenthums waren daher die Gefängnisse oft dicht gefüllt mit Christen, welche für die richterlichen Verhöre aufbewahrt wurden. Hierdurch wurden dieselben natürlich Schauplätze der entgegengesetztesten Erscheinungen: neben gemeinen Verbrechern Personen jedes Standes, Alters und Geschlechtes, welche in stillen wie in heroischen Tugenden glänzten, und es gab oft die rührendsten Auftritte, wenn die Christen die gefangenen Mitbrüder besuchten, um sie zu trösten, zu erquicken und mit ihnen zu beten (Fleury, Moeurs des chrétiens 70 73). Seit durch Constantins Übertritt zum Christenthum die Kirche ungehemmt ihre Wirksamkeit über alle Verhältnisse des gesellschaftlichen Lebens ausbreiten konnte und selbst mildernd auf den Geist der bürgerlichen Gesetzgebung einwirkte, übertrugen die Kaiser ihr eine Mitaufsicht über die Gefängnisse, um dadurch die Richter und Gefangenwärter zu controliren und eine humane und milde Behandlung der Gefangenen sicher zu stellen. Kaiser Honorius, der Sohn des Theodosius, erließ ein Gesetz, daß jeden Sonntag der Richter sich die Gefangenen vorführen lassen müsse, um sich zu überzeugen, ob sie human behandelt, ihnen die gehörige Nahrung gereicht und das für die Gesundheit nöthige Bad besorgt werde. Durch den nämlichen Kaiser ward den Bischöfen die Wachsamkeit über die Richter selbst übertragen, damit sie diese an ihre Pflichten erinnerten (Non deerit antistitum christianae religionis cura laudabilis, quae ad observationem constituti judicis hanc ingeret admonitionem. L. 9 Cod. De episc. audientia 1, 4). Kaiser Justinian erließ dann (529) ein Gesetz, daß die Bischöfe jeden Mittwoch und Freitag die Gefangenen besuchen und sich um die Ursache ihrer Einkerkerung erkundigen sollten; daß sie ferner, die Gefangenen möchten sein wer sie wollten, die städtischen Behörden an ihre Pflicht in Betreff humaner Behandlung derselben erinnern und die hierin Säumigen dem Kaiser anzeigen sollten (l. c.). Dieselbe Anordnung der Mitaufsicht bestand auch im Abendlande. Eine Synode zu Orleans (vom Jahre 549) verordnet (can. 20): ut qui pro quibuscunque culpis in carceribus deputantur, ab archidiacono seu a praeposito ecclesiae singulis diebus dominicis requirantur, ut necessitas vinctorum secundum praeceptum divinum misericorditer sublevetur, atque a pontifice instituta fideli et diligenti persona, quae necessaria provideat, competens eis victus de domo ecclesiae tribuatur (Harduin II, 1447). Diese für das leibliche und geistige Wohl der Gefangenen so segensreich wirkende Mitaufsicht der Kirche über die Gefängnisse dauerte das ganze Mittelalter hindurch und in einzelnen Ländern noch bis in neuere Zeiten herein. Der hl. Karl Borromäus hat aus zwei Synoden zu Mailand ganz vortreffliche Anweisungen für die Ausübung jener Mitaufsicht über die Gefängnisse gegeben. Die Bischöfe sollen, heißt es hier, den Inspectoren und Wärtern der Gefängnisse eine Taxe vorschreiben, über welche sie nicht hinaus von den Gefangenen für Aufenthalt und Nahrung fordern dürfen; dann sollen sie dafür sorgen, daß es den Gefangenen auf Verlangen auch gestattet sei, von auswärts sich die Kost bringen zu lassen, ohne daß sie deßwegen von den Gefangenwärtern härter behandelt und in schlechtere Zellen gesetzt werden dürfen. Sie haben zu sorgen, daß den Gefangenen alle ihre Kleider und Effecten gehörig verschlossen aufbewahrt und bei ihrer Entlassung unversehrt ausgehändigt werden. Nebstdem muß der Bischof durch geeignete Personen die Gefangenen einmal wöchentlich besuchen lassen; finden diese, daß solche zu hart behandelt werden, so ist dem Bischofe davon Anzeige zu machen, der sodann Abhilfe schaffen wird. Schließlich sollen die Bischöfe auch Männer ernennen, welche hilfsbedürftige Gefangene unentgeltlich vor Gericht vertheidigen (Harduin X. 678). Noch ausführlicher handelt darüber derselbe große Erzbischof auf der Synode vom Jahre 1579; der vom Bischof beauftragte Geistliche soll sich immerfort, selbst zweimal die Woche, im Gefängnisse erkundigen, quae illorum cura adhibeatur, cum in primis ad animae salutem, tum etiam ad corporis sustentationem; er soll die Gefangenen fragen, ob sie etwa hart behandelt werden, dann aber auch die Gefangenenwärter, um zu erfahren, ob in dem Betragen der Gefangenen selbst Sträfliches zu bessern sei, um sie zu belehren und zurechtzuweisen. – Über Gefängnisse für Cleriker s. d. Art. Correctionsanstalten.

[Marx (Kaulen).]


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