Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Gehorsam (mit horchen, hören zusammenhangend), bedeutet seiner Abstammung nach Geneigtheit oder Fertigkeit, auf den Befehl eines Anderen (des Oberen) zu hören, um ihn zu befolgen. Das Wort dient als Bezeichnung einer speciellen Tugend des Willens, welche befähigt und antreibt, das Gebotene zu vollziehen, weil und inwiefern es geboten ist. Diese specielle Tugend heißt formeller Gehorsam und unterscheidet sich von dem materiellen Gehorsam, der eine allgemeine Tugend ist und die Erfüllung aller pflichtgemäßen Werke der Tugenden ausdrückt, jedoch die Intention, sie deßwegen zu üben, weil sie befohlen sind, nicht fordert. Der hl. Thomas stellt die specielle Tugend des formellen Gehorsams unter die Potentialtugenden der Cardinaltugend der Gerechtigkeit und weist ihr unter denselben nach der Religion, Pietät und Observanz die vierte Stelle an (2, 2, q. 80. 104. 105). Des genannten Gehorsams ist nur fähig, wer einen Oberen über sich hat. Deswegen kann Gott, sowie Jesus nach seiner göttlichen Natur in keiner Weise gehorchen, während letzterer nach seiner menschlichen Natur, nach welcher er in Gott seinen Obern hatte die Tugend des Gehorsams in vollkommener Weise übte (Matth. 26, 39. Phil. 2, 8. Hebr. 5, 8. Ps. 39, 7). Gehorsam ist den Oberen zu leisten, sobald sie ihren Willen den Untergebenen als Gesetz vorlegen und dieselben verpflichten wollen. Solche Obere sind Gott und diejenigen Menschen, welchen Gott eine gesetzgebende Gewalt über ihre Mitmenschen übertragen hat, sei es in positiver Anordnung, durch welche die kirchliche Obrigkeit aufgestellt wurde, sei es in Folge der natürlichen Einrichtung der Dinge, durch welche die bürgerliche und häusliche oder Familienobrigkeit mit der ihr zuständigen Gewalt von Gott versehen wurde (vgl. d. Art. Gesetz). Gehorsam ist den Oberen in dem zu leisten, was sie befehlen oder verbieten, wobei Befehl und Verbot im eigentlichen oder engern Sinne mit Ausschluß des Wunsches oder Rathes gebraucht wird. Vorauszusetzen ist, daß menschliche Obere in ihren Befehlen und Verboten nichts anordnen können, was mit dem Willen Gottes oder mit den Gesetzen der ihnen übergeordneten menschlichen Oberen im Widerspruche steht, oder wofür ihnen die nothwendige Auctorität fehlt. Gott kann den Menschen äußere und rein innere Acte befehlen oder verbieten, während der menschliche Obere nur äußere Acte und solche innere, welche mit den äußeren nothwendig zusammenhangen, zum Gegenstand seines Befehles oder Verbotes machen kann. Eine scheinbare Ausnahme bildet der Beichtvater, der dem Beichtkinde rein innere Acte auferlegen kann; allein er handelt hier nicht als menschlicher Oberer, sondern in ganz specieller Weise als Organ und unmittelbarer Stellvertreter Gottes. Der Genuß von Speise und Trank als Mittel zur Erhaltung des Lebens, sowie die Ehe als Mittel, das Menschengeschlecht auf Erden zu erhalten, können durch den menschlichen Oberen nicht untersagt werden, da hinsichtlich beider die Menschen einander gleichgestellt und menschlichen Oberen nicht untergeben sind. Die von den Oberen befohlenen oder verbotenen Acte gehören materiell Tugenden an, welche von dem formellen Gehorsam verschieden sind. Vollzieht der Untergebene die Aufträge seines Oberen, so kann er nach der Intention, die ihn leitet, in den Acten, welche er ausübt, entweder ausschließlich Acte des formellen Gehorsams oder zugleich Acte derjenigen Tugenden, denen sie angehören, vollbringen. Beabsichtigt er die aufgetragenen Acte nur deßwegen zu verwirklichen, weil sie aufgetragen wurden, so kann er lediglich das Lob formellen Gehorsams erhalten. Berücksichtigt er dagegen zugleich die Angehörigkeit der fraglichen Handlungen zu anderen Tugenden und nimmt sie in die ihn leitende Intention auf, so verleiht er seinen Acten einen neuen Tugendcharakter.

Der Grund, welcher als objectum formale den Untergebenen bei der Leistung des Gehorsams leitet, ist die specielle Ehrbarkeit und Nothwenigkeit, welche dem formellen Gehorsam zukommen und ihre Wurzeln gleichmäßig im Objecte des Auftrages und in der Auctorität des Oberen haben. Was Gegenstand eines Auftrages wird, erhält dadurch, daß es in den Auftrag aufgenommen wird, eine sittliche Güte, welche es würdig macht, vollzogen zu werden, wenn es ohne den Auftrag indifferent geblieben wäre; es drängt mit Nothwendigkeit dazu, vollzogen zu werden, da eine solche Nöthigung schon im Wesen des Auftrages liegt. Denn wie dasjenige, was Gott geoffenbart hat, dadurch, daß es zum Inhalt seiner Offenbarung gehört, glaubwürdig ist und geglaubt werden muß, so wird, was in Folge eines Auftrages zu geschehen hat, einerseits mit sittlicher Güte umkleidet und dadurch würdig, daß es geschehe, wenn anders eine solche Cohonestation überhaupt an dem Objecte möglich ist; anderseits muß es geschehen, weil die Unterlassung der Ausführung mit dem Wesen des Auftrages im Widerspruche stände und eine durch ihn begündete Pflicht unerfüllt ließe. Es ist ehrbar und Pflicht für die Untergebenen, den Oberen zu folgen, wenn sie ihnen befehlend oder verbietend gegenübertreten, gleichwie es ehrbar und nothwendig ist, daß wir Gott glauben, der sich geoffenbart hat. Aber wie es eine Sünde gegen den Glauben, eine der ersten Wahrheit zugefügte Injurie wäre, sich nach geschehener Offenbarung ungläubig zu verhalten oder dem Zweifel zu ergeben, so müßte es als sittlich schlecht bezeichnet werden, wenn Untergebene den verpflichtenden Aufträgen der Oberen gegenüber sich unfolgsam erwiesen, da dieses einer Geringschätzung, einer mindestens interpretativen Verachtung der Auctorität gleichkäme. Die Verschiedenheit der Oberen, welche von den Untergebenen Gehorsam verlangen, begründet keine Verschiedenartigkeit des Gehorsams, welchen die Untergebenen zu leisten haben; denn im Gehorsam wird nicht so fast den Oberen Ehre erwiesen, als vielmehr einer den Unterthanen auferlegten Nothwendigkeit genügt. Diese wird begründet, wenn ein Oberer in entsprechender Materie verpflichten will, wobei die Stellung, welche derselbe nach seinem Rangverhältnisse einnimmt, nur accidentell ist, abgesehen davon, daß in jeder rechtmäßigen gesetzgebenden Gewalt, die göttlich oder von Gott abgeleitet ist, die göttliche Gewalt vorhanden erscheint. – Der Untergebene muß den göttlichen Geboten und allen denjenigen menschlichen Anordnungen gehorchen, von welchen er nicht sicher weiß, daß sie den göttlichen Geboten oder den Anordnungen höherer Oberer widersprechen oder die Grenzen der Auctorität des betreffenden Oberen überschreiten (Matth. 23, 3. Col. 3, 20; dagegen Apg. 5, 29). Der von den Untergebenen zu leistende Gehorsam darf nicht bedingt und abhängig sein von ihrer Einsicht in die Gründe, welche die Oberen bei ihren Anordnungen geleitet haben (Hebr. 13, 17); persönliche Fehler und Unvollkommenheiten der Oberen dürfen ihn nicht beeinträchtigen und schwächen (Matth. 23, 3. 1 Petr. 2, 18–20); er muß um Gottes willen freudig und rasch geleistet werden. Letztere Forderung erleidet nur in den Fällen eine Ausnahme, in welchen es sich um Übernahme von schwer verantwortlichen Ehrenämtern und Dignitäten handelt. Der Gehorsam muß ferner nach dem Vorbilde des Erlösers (Phil. 2, 8) mit Tapferkeit vollzogen werden, die sich auch dann bewährt, wenn in der Ausführung des aufgegebenen Werkes Schwierigkeiten zu überwinden sind.

Die Tugend des formellen Gehorsams nimmt unter den moralischen Tugenden nach der Religion die zweite Stelle ein. Der Gegensatz des Gehorsams ist der Ungehorsam, der als materieller und formeller unterschieden wird. Der materielle Ungehorsam ist allgemein die Übertretung eines jeglichen Gebotes, welcher Tugend immer die im Gebote geforderte Leistung angehöre; er ist eine nothwendige Bedingung für alle Sünden, welche nur durch Ungehorsam begangen werden, und unterscheidet sich von denselben in keiner Weise. Der formelle Ungehorsam ist eine für sich bestehende specielle Sünde, die dadurch begangen wird, daß ein Gesetz in der Absicht, dasselbe zu verletzen, übertreten wird. Er verletzt zwei Gebote zu gleicher Zeit; er setzt sich nämlich über die Forderung des Gesetzes hinweg, das er übertritt, und er vollbringt dieses aus Verachtung gegen das Gesetz oder den Gesetzgeber, welche Verachtung untersagt ist; er bildet einen Umstand, welcher die Species der Sünde ändert, was bei schweren Sünden in der Beichte ausdrücklich zu erwähnen ist; er schließt eine doppelte Bosheit ein. Er ist ex genere suo eine schwere Sünde und kann nur wegen Unvollkommenheit des Actes oder wegen der Kleinheit der Materie läßliche Sünde werden. Ob der formelle Ungehorsam gegen höhere oder niedriger gestellte Obere begangen wird, begründet keine specifische Differenz.

Der religiöse Gehorsam (im technischen Sinne des Wortes) ist diejenige Art des Gehorsams, welche die Professen der von der Kirche approbirten religiösen Genossenschaften in Folge eines hieraus bezüglichen feierlichen oder einfachen Gelübdes ihren rechtmäßigen Oberen leisten. Dieses Gehorsams ist nur fähig, wer dem Orden in Folge der Profession als Glied angehört und der durch dessen Obern auszuübenden Leitung untersteht, nachdem er durch das Gelübde des Gehorsams, das einen wesentlichen Bestandtheil der Profession ausmacht, das Recht, die Gewalt über sich für immer dem Orden, beziehungsweise seinem Oberen, abgetreten hat. Dieser Gehorsam kann nur dem geistlichen Obern gegenüber geleistet werden, denn nur diesem ist die hierzu nothwendige geistliche Gewalt von der Kirche, insofern sie den Orden approbirt und die Gelübde der Professen zugelassen hat, verliehen worden. Wer außer dem Orden sich selbst einen Obern erwählt, kann diesem gegenüber nur einfachen, auf Grund eines Gelübdes auch gewissermaßen standesmäßigen Gehorsam leisten; doch ist dieses nicht der religiöse Gehorsam, da dem freierwählten Obern die competente geistliche Gewalt fehlt, welche von dem Einzelnen nicht verliehen und übertragen werden kann. Mehrere könnten einem von ihnen erwählten nur eine politische, nicht aber die geistliche Jurisdiction vermitteln. In religiösen Genossenschaften, welche als Orden von der Kirche auch nicht stillschweigend approbirt sind, kann der religiöse Gehorsam nicht geleistet werden. Der dem Ordensoberen zu leistende religiöse Gehorsam verpflichtet den Professen, die Vorschriften der Ordensregel zu befolgen und nie gegen sie oder gegen einen mit ihr übereinstimmenden Befehl des Ordensobern zu handeln. Ein Befehl des Obern, welcher mit den Vorschriften der Ordensregel im Widerspruch stände oder mehr oder weniger verlangte als sie, würde nicht verpflichten; im ersten und dritten Fall könnte die Pflicht des Gehorsams gegen den Willen des Obern nur dann begründet werden, wenn dieser zugleich die Gewalt besitzt, von der Ordensregel zu dispensiren, und wenn er von derselben in gültiger Weise Gebrauch macht; bezüglich des zweiten Falles ist zu bemerken, daß Leistungen, welche über die Vorschriften der Regel hinausgehen, zwar nicht als gewöhnliche Tugendmittel, wohl aber um anderer gerechter Ursachen willen, z. B. als Strafe für größere Vergehen, als Mittel, die Klostergelübde zu halten, als Buße, um öffentliche Calamitäten abzuwenden u. a., von den Obern den Untergebenen auferlegt werden können, da in solchen Fällen die Mehrforderung aufhört, gegen die Regel zu sein. Im Zweifel, ob ein Befehl des Obern mit der Regel übereinstimmt, muß der Untergebene nach den für das zweifelnde Gewissen geltenden Regeln den Zweifel zu überwinden und sich ein sicheres Gewissen zu bilden suchen. Der Obere, welcher in Übereinstimmung mit der Ordensregel befiehlt, kann nach seinem Willen die ihm Untergebenen unter schwerer oder läßlicher Sünde oder bloß unter Strafe verbinden, wobei die für den Gesetzgeber überhaupt maßgebenden Grundsätze (s. d. Art. Gesetz) ihre Geltung haben und Anwendung finden. Von Seite des Professen muss der religiöse Gehorsam dem Gelübde entsprechend lebenslänglich geleistet werden; im Falle der Ausweisung müßte in ihm mindestens der Wille, den Pflichten dieses Gehorsams nachzukommen, bewahrt bleiben, während er von der Beobachtung der nur im Kloster zu haltenden Observanzen frei ist.

Der canonische Gehorsam ist jene Art des Gehorsams, welchen in der Kirche die untergeordneten Geistlichen ihren kirchlichen Oberen als solchen zu leisten haben. Das Subject dieses Gehorsams sind die untergeordneten Geistlichen. Es müssen zwar auch die Laien der kirchlichen Obrigkeit folgen und ihrer Jurisdiction sich unterordnen; allein ihr Gehorsam beruht auf dem einfachen Subjectionsverhätnisse, das zwischen den Laien und der kirchlichen Obrigkeit besteht. Der Geistliche dagegen ist außer dem einfachen und allgemeinen Unterthanenverhältnisse auf einen besonderen Titel hin zum Gehorsam gegen die kirchlichen Oberen verpflichtet; er ist in der Ordination durch das specielle Versprechen des Gehorsams, vielfach durch eidliche Zusage, in ganz vorzüglicher Weise der Antheil des Herrn (κλήρος) geworden, der durch seine Kirche und ihre Hierarchie seine Stelle vertreten läßt. Dem heiligen Vater leisten den canonischen Gehorsam alle Geistlichen, sie mögen dem Säcular- oder Regular-Clerus angehören und irgendwelche amtliche Stellung innerhalb der Kirche einnehmen. Bischöfe haben bei ihrer Ordination, exemte Äbte bei ihrer Benediction, Metropoliten bei der Entgegennahme des Pallium eidlich den Gehorsam gegen den apostolischen Stuhl zu geloben. Dem Bischofe wird von allen Priestern der Diöcese bei ihrer Ordination dieser Gehorsam in feierlicher Weise versprochen; von den Beneficiaten wird er bei ihrer Investitur, von den nichtexemten Äbten bei Benediction eidlich gelobt. Geistliche, welche sich gegen den dem Bischof schuldigen canonischen Gehorsam verfehlten, können von ihm zum eidlichen Versprechen desselben angehalten werden. Die an den Cardinalskirchen angestellten Geistlichen leisten das Versprechen des canonischen Gehorsams dem Cardinal des Titels (c. 11, X 1, 33) Der canonische Gehorsam hat, wie sein Name nahelegt, an den Canones, den bestehenden und geltenden Kirchengesetzen, seine Regel. Damit ist nicht aus-, sondern eingeschlossen, daß Kirchenobere nach Maßgabe der ihnen zustehenden legislativen Gewalt ihren Willen als Gesetz geltend machen und zu seiner Befolgung verpflichten, selbst wenn dieser Wille noch nicht die Kraft eines eigentlichen Gesetzes erlangt hat, vorausgesetzt, daß er mit den bestehenden Kirchengesetzen nicht im Widerspruch steht. – Der canonische Gehorsam ist dem religiösen in vielfacher Hinsicht analog, unterscheidet sich aber von ihm dadurch, daß er nicht, wie dieser, nothwendig ein Gelübde voraussetzt. Durch eine höhere kirchliche Jurisdiction kann der einzelne Geistliche dem nächsten und unmittelbaren Subjectionsverhältnisse entzogen und einem höhern kirchlichen Obern unmittelbar unterstellt werden, eine Ausnahme, welche den Namen Exemtion führt (s. d. Art.). Im Interesse der guten Disciplin war es nothwendig geworden, die früher sehr häufigen Exemtionen wiederum entweder ganz zu beseitigen oder zu beschränken.

[Wirthmüller.]


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