Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Gemüth nennt die deutsche Sprache das unmittelbare Prinzip jener inneren Vorgänge, welche unter allen Erscheinungen des psychischen Lebens die vornehmsten sind. Tropische Ausdrücke für denselben Begriff sind: Herz, Brust, Busen, Eingeweide, – der letztere ausschließlich poetisch. Es ist auffallend, daß allein die germanischen Sprachen nur diesen Begriff einen »eigentlichen« Ausdruck zu besitzen scheinen, während die anderen für denselben ausschließlich tropische Namen haben: die zwei classischen cor und καρδία (ἦτορ), pectus und στῆϑος, praecordia und φρένες oder φρήν, viscera und σπλάγχνα oder ἔγκατα, – die orientalischen aber außer denjenigen, die den eben angeführten entsprechen, noch jene, welche in der heiligen Schrift durch renes und νεφροί, venter und κοιλία, jecur und ἧπαρ, μήτρα (3 Kön. 3, 26 nach den LXX) wiedergegeben sind.

Eine Gemüthsbewegung ist, wie sich durch Induction beweisen läßt, eine gleichzeitige und übereinstimmende Thätigkeit beider Strebevermögen, des höhern und des niedern, gegenüber der übersinnlichen Güte oder Schlechtheit eines Dinges. Dementsprechend ist das Gemüth die gesammte strebende Kraft des Menschen, insofern sie naturgemäß der übersinnlichen Güte (oder Schlechtheit) der Dinge gegenüber in Thätigkeit treten kann. Übersinnliche Güte und Schlechtheit wird einzig durch das höhere Erkenntnißvermögen, die Vernunft, erfaßt: es muß mithin die intellectuelle Erkenntniß nicht allein auf das höhere, sondern auch auf das niedere Streben dynamisch wirken und es zur Thätigkeit anregen können. Dieser dynamische Einfluß der Vernunft auf das niedere Streben wurde von Alters her anerkannt (vgl. Arist. Ethic. Nicom. 1, c. 13; Nemes. Em. [4. Jahrhundert n. Chr.], De natura hominis c. 16; Joann. Damasc. De fide orthod. 2, c. 12). Die Frage aber, in welcher Weise sich derselbe psychologisch vollziehe, beantworten eingehend Thomas von Aquin (De verit. q. 25, a. 4; q. 26, a. 7. 10; Summa 1; q. 81, a. 3; 2, 1, q. 30, a. 1 ad 1) und Suarez (De anima l. 5, c. 6, n. 2. 7). Aus dem Wesen des Gemüths und anderseits aus der wissenschaftlichen Erklärung der Freiheit des höhern Strebevermögens (vgl. Thom. S. 1, q. 82, a. 2; q. 83, a. 1; 2, 1, q. 10, a. 2; De verit. q. 22, a. 6) ergibt sich, daß das Gemüth sowohl als freies Vermögen thätig sein kann, wie als natürliche, nach notwendigen Gesetzen sich regende Kraft. Äußerungen des Gemüths, insofern es natürliche Kraft ist (darum unfrei und nicht zurechenbar), sind alle Regungen desselben, welche sich unabhängig von der Überlegung der Vernunft erzeugen, d. h. unabhängig von dem durch die Vernunft zu bildenden Urtheile, daß das Gut, welches sich ihr augenblicklich darstellt, zu dem nothwendig gewollten letzten Ziele alles Strebens nicht in nothwendiger Beziehung stehe. Insofern dagegen dieses Urtheil von der Vernunft gebildet wird, und in dem Maße, als es das Gemüth leitend beeinflussen kann, ist die Regung des letztern frei und zurechenbar (vgl. Aul. Gell. Noct. Attic. 19, c. 1; Senec. De ira ad Novat. 2, c. 3. 4; Conc. Araus. II, can. 20 et ante fin.; Ripalda, De ente supernat. 5, disp. 112, sect. 1, n. 4). Die freien Acte des Gemüths kann man »Gemüthsthätigkeiten« nennen, die unfreien, nach natürlichen Gesetzen mit Nothwendigkeit sich erzeugenden »Gemüthsbewegungen«. Die letzteren, die unfreien Regungen des Gemüths, sind es zunächst, welche sehr gewöhnlich mit dem Namen Gefühle bezeichnet werden: wobei indeß nicht zu übersehen ist, daß das Wort Gefühl in unserer Sprache außer dieser noch elf andere Bedeutungen hat. Theils diese Vieldeutigkeit des Wortes, theils der Umstand, daß man in dem höhern Strebevermögen oder dem Willen einzig ein freies Vermögen, nicht aber zugleich eine in nicht wenigen ihrer Äußerungen nothwendig wirkende, natürliche Kraft sehen zu müssen glaubte, hat zu der in älterer Zeit vollständig unbekannten Unterscheidung von drei psychischen Vermögen den Anlaß gegeben. Johann Nicolaus Tetens in Kiel ist der erste, welcher »drei Grundvermögen der Seele zählt: das Gefühl, den Verstand und die Thätigkeitskraft oder den Willen« (Tetens, Philosoph. Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung, Leipzig 1777, I, 619 f. 625 f.). Kant adoptirte die neue Lehre (Werke, Leipzig 1839, VII, 15. 39; X, 121. 248. 276), und ihm verdankt sie ihre rasche Aufnahme und weite Verbreitung. Ihre Vertreter gingen sofort nach zwei Richtungen auseinander, die sich gegenseitig bekämpften. Sie hat in sämmtlichen Wissenschaften, welche der Psychologie bedürfen, viel Unklarheit und Verwirrung angerichtet und ist wissenschaftlich entschieden unzulässig. In der vorher gegebenen Definition erscheint als das eine der zwei Elemente, aus denen sich das Gemüth zusammensetzt, das niedere Strebevermögen. Als das Organ dieses letztern wird mit Recht derjenige Theil des Nervensystems betrachtet welcher die Physiologie eben darum das sympathische System oder den Sympathicus (πάϑος), passio, die sinnliche Strebung) nennt. Dieses nämliche System, auch das »Ganglien-System« oder das »splanchnische«, das »organische«, das »vegetative« Nervensystem genannt, bildet aber wie besonders der letzte Name andeutet, zugleich das Centralorgan des vegetativen Lebens und beherrscht in dieser Eigenschaft sämmtliche Organe des letztern, d. h. alle diejenigen, welche den Functionen der Blutbewegung, der Respiration, der Ernährung, der Ausscheidung, der Fortpflanzung dienen. Hieraus erklärt sich der bedeutende Einfluß, welchen die Beschaffenheit und der augenblickliche Zustand des gesammten Nervenapparats, namentlich aber seines vegetativen Theiles, und durch diesen der Zustand der Organe des vegetativen Lebens, sowohl auf die Bildung der einzelnen Gefühle als auf die habituelle Gestaltung des individuellen Gemüths übt; hieraus begreifen sich anderseits die nicht minder augenfälligen Wirkungen des Gemüthslebens und seiner Erscheinungen auf die Organe des vegetativen Lebens (vgl. Thom. S. 2, 1, q. 17, a. 7; q. 63, a. 1 c. et ad 3; 2, 2, q. 156, a. 1 ad 1; Bichat, Recherches physiol. sur la vie et la mort, p. 1, art. 6, § 2). In diesem thatsächlichen Zusammenhange des Gemüthslebens und seiner Erscheinungen mit dem negativen Leben und den Organen desselben liegt offenbar der Grund für das Entstehen der im Anfange angeführten tropischen Namen, mit welchen die verschiedenen Sprachen das Gemüth bezeichnen; denn diese Namen sind ausnahmslos solche, die in ihrer ersten und eigentlichen Bedeutung Organen des vegetativen Lebens angehören. Das vornehmste unter ihnen und das zu symbolischer Darstellung am leichtesten brauchbare ist das Herz: daher die Thatsache, daß der Name gerade dieses Leibesorgans als tropischer Ausdruck für das Gemüth die größte Allgemeinheit und Popularität erlangt hat. Der Gebrauch aller Sprachen faßt das Gemüth als den Träger des ethischen Lebens: »Im Herzen hat der Glaube seinen Sitz, der uns rechtfertigt«, – »du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen«, »aus dem Herzen gehen hervor die bösen Anschläge« … Dieser Sprachgebrauch steht mit der Wahrheit in vollster Übereinstimmung. Das Prinzip der Freiheit, und darum des ethischen Werthes oder Unwerthes alles menschlichen Thuns, ist freilich allein das höhere Strebevermögen, der Wille; als der Träger (subjectum) dagegen jener Erscheinungen, welche den eigentlichen Zweck des Menschen und seines Daseins bilden, und aus denen sich das »innere Leben« zusammensetzt, muß nothwendig, dem aus Geist und Stoff zu natürlicher Einheit zusammengesetzten Wesen des Menschen entsprechend, jene strebende Kraft gelten, in welcher sich, der übersinnlichen Güte gegenüber, das geistige Streben mit dem leiblichen zur Einheit verbindet, das heißt eben das Gemüth. Diese Lehre ist zwar von der Moral und der Ascetik, seit Cartesius das Menschenwesen in zwei je für sich selbständige Hälften auseinanderriß, vielfach übersehen worden, ist aber nichts weniger als neu (vgl. Tom. S. 2, 1, q. 56, a. 4. 5 ad 1. 6; q. 24, a. 3. 7 ad 2 et 7; q. 74, a. 1 sqq.; De verit. q. 26, a. 7; De malo q. 12, a. 1). Wer dieselbe unberücksichtigt läßt, der beurtheilt leicht das Thun der Menschen zu strenge; denn die Abhängigkeit des Strebens von dem materiellen Element beeinträchtigt wesentlich die ethische Freiheit. Bei alledem ist keineswegs die Apathie der späteren Stoa und Kants das Ziel, nach welchem der Mensch zu ringen hat: vielmehr »dürfen wir überzeugt sein, daß wir nicht leben wie wir sollen, wenn wir gar keine Gefühle haben« (Aug. De civ. Dei 14, 9, 3). (Vgl. J. Jungmann, Das Gemüth und das Gefühlsvermögen der neuern Psychologie, 2. Aufl., Freiburg 1885; Morgott, Theorie der Gefühle nach dem Systeme des hl. Thomas, Eichstätter Programm 1864.)

[Joseph Jungmann S. J.]


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