Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Girard, Johannes Baptista, Jesuit, hat für die Geschichte dadurch eine gewisse Bedeutung erlangt, daß er in einen traurigen Prozeß verwickelt wurde, den die Gegner der Jesuiten im 18. Jahrhundert gegen den Orden auszunutzen nicht unterließen. Er war geboren zu Dôle in der Franche-Comté um 1680, trat früh in die Gesellschaft Jesu ein, bekleidete nach Vollendung seiner Studien Stellen in verschiedenen Collegien und war später in der Seelsorge thätig. Von 1718–1728 wirkte er in der Stadt Aix in Südfrankreich, wo er als tüchtiger Prediger und Gewissensführer sich einen Namen erwarb. Im April des Jahres 1728 wurde er nach Toulon versetzt als Rector des Seminars zur Ausbildung der für die Marine bestimmten Geistlichen. Da der Ruf einer tüchtigen Beichtvaters ihm vorausging, so sammelten sich bald viele um seinen Beichtstuhl, insbesondere eine Gruppe von Frauenspersonen, die dem dritten Orden der Carmeliten angehörten und nach höherer Vollkommenheit strebten. Unter diesen war ein neunzehnjähriges Mädchen, Maria Katharina Cadière, aus einer Kaufmannsfamilie der Stadt. Ihre Mutter war Wittwe, und siie hatte drei Brüder, von denen der älteste verheiratet und der zweite Dominicaner war; der jüngste hatte sich ebenfalls dem geistlichen Stande gewidmet, war im genannten Seminar zu Toulon und empfing um jene Zeit die höheren Weihen. Katharina stand im Rufe besonderer Frömmigkeit und außerordentlicher Gnaden; es hieß, sie habe in hohem Grade die Gabe des Gebets. Auch zu P. Girard sprach sie bald von Visionen und Offenbarungen, was derselbe ruhig, wenngleich wohl zu leichtgläubig hinnahm; auch er sah sie als eine Person von vorzüglicher Frömmigkeit an. Ein Jahr verging, ohne daß sich etwas Besonderes ereignete. Im Juni 1729 indeß schien die Cadière, nachdem sie die Leben der hll. Teresia, Angela von Foligno und anderer in der Mystik berühmter Heiligen gelesen hatte, ihren Eifer noch zu verdoppeln. Sie ging nun sehr oft zu den heiligen Sacramenten und hatte vielfach Visionen und übernatürliche Erleuchtungen. Im November 1729 folgte dann bei ihr ein Zustand der Trockenheit und geistigen Dürre; bald beklagte sie sich über vielfache Anfechtungen des bösen Geistes, und diese Anfechtungen offenbarten sich auch durch die heftigsten Convulsionen und sonderbare krankhafte Zustände. Im Februar 1730 wurde sie hiervon befreit, wie sie sagte auf Fürbitte einer zu Marseille im Rufe der Heiligkeit gestorbenen Nonne, mit deren Gewissensleitung P. Girard sich brieflich beschäftigt hatte. Darauf erhielt sie dann in der Fastenzeit die Wundmale, sichtbar an den Füßen und in der Seite, unsichtbar, auf ihr Gebet, an den Händen; auch behauptete sie, in dieser Zeit nichts genossen zu haben, und hatte häufig Visionen und ekstatische Zustände.

P. Girard, der noch immer von der Frömmigkeit seines Beichtkindes überzeugt war, und der, obwohl Manches bei ihm hätte Verdacht erwecken müssen, noch glaubte, daß Gott in Cadière vielfache Wunder wirke, bewog sie, sich dem Ordensleben zu widmen, und im Juli 1730 trat sie in das Clarissenkloster zu Ollioules, einem von Toulon etwa eine Stunde entfernten Flicken. Auch dort hatten die wundersamen Erscheinungen ihren Fortgang; es kamen indeß auch sonderbare Sachen vor, die mit diesem vorgeblichen Gnadenleben wenig in Einklang standen. P. Girard, welcher mit ihr in Verbindung geblieben war, kamen allmälig immer mehr Zweifel, zumal die Person nach kurzer Zeit erklärte, daß sie im Kloster nicht bleiben wolle. Bald wurde es ihm klar, daß bei ihr vielfacher Betrug im Spiele sei. Er erklärte ihr also im Spetember 1730 brieflich, daß er sich von ihrer Leitung zurückziehe; sie verließ dann im selben Monat das Kloster und begab sich auf den Meierhof eines ihrer Verwandten in der Nähe von Toulon. Nachdem sie sich mit ihren Brüdern berathen hatte, wählte sie zu ihrem Beichtvater P. Nicolaus, den Prior des Carmelitenklosters zu Toulon. Anfangs dauerte der Glaube an die Heiligkeit der Cadière noch fort, aber bald wurde es klar, daß die Sache nicht richtig sei. Nach der Ansicht ihres neuen Beichtvaters war sie seit Langem unter einem Zauberbann und unter der Herrschaft des bösen Feindes gewesen; durch Exorcismen suchte er sie davon zu befreien. Nun wechselte die Cadière vollständig ihre Rolle. Unterstützt von dem Prior der Carmeliten und von ihren beiden Brüdern, dem Dominicaner und dem jungen Geistlichen, brachte sie gegen P. Girard eine Anklage ein, in welcher dieser der ärgsten Verbrechen beshculdigt wurde. Er habe durch magische Künste sein Beichtkind in seine Gewalt gebracht und durch Zaubermittel jene außergewöhnlichen Erscheinungen hervorgerufen, habe sie dann, während sie der Sinne beraubt war oder in halb bewußtlosem Zustande sich befand, oft in unkeuscher Weise mißbraucht und, da sie schwanger geworden, durch ein ihr eingegebenes Mittel den Abortus bewirkt. Wie sie selber, so seien auch andere Frauenspersonen vom P. Girard durch magische Künste bethört worden. Die bischöfliche Behörde wies nach angestellter Untersuchung die Anklage zurück und entzog dem Prior der Carmeliten sowie dem Dominicaner Cadière die Approbation. Allein Katharina brachte in Verbindung mit dem königlichen Procurator die Klage vor das weltliche Gericht, und der ärgerliche Prozeß wurde mehrere Monate lang vor dem Parlamente zu Aix verhandelt. Derselbe machte in Frankreich wie außerhalb des Landes ungeheures Aufsehen; die Actenstücke wurden in mehreren Bänden gedruckt und dienten den Gegnern der Gesellschaft Jesu zu Angriffen gegen den Orden. P. Girard wurde indeß im October 1731 freigesprochen, jedoch nur mit der Mehrheit einer Stimme, da zwölf von den fünfundzwanzig Richtern ihn als Zauberer und Verbrecher erklärten. Er ging von Toulon nach Dôle, seiner Geburtsstadt, und starb dort schon nach kurzer Zeit, am 4. Juli 1733, nachdem er noch vor seinem Tode in feierlicher Weise vor seinen Ordensgenossen betheuert hatte, daß er der ihm zur Last gelegten Vergehen nicht schuldig sei.

Aus dem Verlaufe der Sache und aus den Acten des Prozesses selber geht genugsam hervor, daß die fraglichen Beschuldigungen nicht gegründet waren. Man kann Girard nichts Anderes vorwerfen, als daß er zu leichtgläubig war und durch einige unvorsichtige Handlungen, welche aber bei der Lage der Dinge leicht zu entschuldigen waren, einigen Anhalt für so ungeheuerliche Beschuldigungen gab. Daß Cadière, nachdem sie ihr Bestreben, als eine Heilige sich geltend zu machen, vereitelt sah, aus reiner Bosheit und Rachsucht handelte, wäre wohl zu viel behauptet. Sie war, wie es scheint, eine hysterische Person, und dieser krankhafte Zustand, die Illusionen, der Hang zur Verstellung und zur Beschuldigung Anderer, der sich in solchen Personen in einer Weise findet, daß es schwer ist, den Grad der Verantwortlichkeit zu bestimmen, sind hinsichtlich ihrer in Betracht zu ziehen. Bei den Priestern, ihren Brüdern und dem Prior der Carmeliten, welche ihre Partei gegen P. Girard ergriffen, scheinen Täuschung, Eifersucht und Abneigung gegen die Jesuiten zusammengewirkt zu haben. Der traurige Prozeß war ein Vorspiel zu den heftigeren Angriffen, welche nach einigen Jahrzehnten den Sturz der Gesellschaft Jesu herbeiführten. (Vgl. Recueil général des pièces concernant le procèz entre la demoiselle Cadière de la ville de Toulon et le père Girard jésuite, 2 vols., Aix 1731; Prozeß zwischen dem P. Girard und der J. Cadière, 4 Bde., Köln 1731–1732; Mémoire instructif pour le père J. B. Girard contre M. C. Cadière, à la Haye 1731; Görres, Mystik III, Regensb. 1840, 684 ff.)

[B. Jungmann.]


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